Granitza war kein Superstar, als er in die NASL wechselte, sondern ein solider Bundesliga-Stürmer bei einem nicht allzu erfolgreichen Verein (Hertha BSC), mit einer sehr soliden Vergangenheit in der Zweiten Liga (DJK Gütersloh, SV Röchling Völklingen, Torschützenkönig 1975/76), einer Berufung in die B-Nationalmannschaft und einer sehr, sehr vagen Hoffnung, es vielleicht in den Kader für die WM 1978 in Argentinien zu schaffen. Und allein die hiermit verbundenen Einblicke, die "King Bomber Karl" gewährt - wie lebte ein Zweitligaspieler in den 1970er Jahren, was verdiente er, wie lief eine Berufung ins DFB-B-Team ab usw. - machen das Buch jedenfalls für mich zu einem Schatz. Und da sind wir ja noch gar nicht beim eigentlichen Thema, das dann aber sehr schnell kommt: In traumhafter Ausführlichkeit beschreibt Hermanns, wie der erste Abstecher Granitzas in die NASL - noch auf Leihbasis - zustande kam, die Gespräche mit Willy Roy, dem (nach heutigem Sprachgebrauch) Kaderplaner und späterem Trainer der Chicago Sting, und Herthas Präsident Ottomar Domrich. Roy hatte Granitza, den Hertha-Stürmer ohne besondere Eigenschaften (nicht zu schnell, nicht zu groß, nicht zu kopfballstark, nicht zu schussgewaltig), aber mit einem ausgeprägten Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, im US-Fernsehen gesehen - in einer Art "Die besten Szenen aus der Bundesliga"-Wochenshow. Er wollte ihn in seinem Team haben, und Hertha brauchte die 100.000 Mark, die Roy für eine dreimonatige Leihe bot, ziemlich dringend. Deshalb redeten Domrich und Roy gemeinsam auf den zunächst wenig begeisterten Stürmer ein. Granitza ließ sich letztlich breitschlagen - und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
In Kapiteln, die jeweils nur relativ kurze Zeitanbschnitte betrachten, beschreibt Hermanns ausführlich, wie der Stürmer ins Team des mächtigen Sting-Eigentümers Lee Stern, eines millionenschweren Rohstoffmaklers, rutschte und recht schnell dessen Aushängeschild und Signature-Player wurde. Und wenn dieses ohnehin superstarke Buch besondere Höhepunkte hat, dann kommen sie hier: Hermanns schafft es, dem Leser Granitzas besondere Rolle in der Chicagoer Franchise und in der NASL insgesamt in ihrer ganzen Komplexität auf traumhaft atmosphärische Weise vor Augen zu führen. Denn hier ist nichts simpel. Einerseits war der mit bestechender Regelmäßigkeit (keine Saison unter 15 Toren) treffende und von Ehrgeiz zerrissene Musterprofi Granitza zeitweise der König von Chicago, der beliebteste Sportler, "obwohl er das Spiel spielt, das die Sportfans der Stadt am wenigsten interessiert“", wie eine Zeitung schrieb. Aber das hieß nicht, dass das Publikum den zum Jähzorn neigenden Deutschen nicht auch mal auspfiff, wenn er auf dem Spielfeld Teamkameraden wegen schlechter Leistungen öffentlich in den Senkel stellte. Auch etliche Mitspieler waren von seiner Art "nicht restlos begeistert", wie es einer diplomatisch ausdrückte. Aber sie akzeptierten sie, weil ihr Star mit seinem absoluten Siegeswillen ein Vorbild war. In all seinen Jahren in Amerika lernte Granitza nie wirklich brauchbares Englisch - seine Töchter achteten sorgfältig darauf, dass nicht er die Familien-Bestellung bei McDonalds aufgab. Aber, und jetzt kommt es: Dennoch gab es keinen Sting-Spieler, der bereitwilliger und öfter zu PR-Terminen, in Schulen und Krankenhäuser ging, der ein derart gern gesehener Gast in Talkshows war, der beinahe täglich Anrufe von irgendwelchen Journalisten bekam. Granitza war authentisch, auch in seinem Deutsch-Englisch-Mischmasch, und er hatte diese eine Mission: Den Fußball nach Amerika zu bringen.
Natürlich geht es - und das nicht zu knapp - im Buch auch um Sport selbst: Hermanns beschreibt die ein wenig an Dirk Nowitzkis Zeit in Dallas erinnernden unzähligen Anläufe des titelhungrigen Granitza, mit seinem Team über die kräftezehrende Regular Season und die Play-offs ins Endspiel, den Soccer-Bowl, zu kommen und die ersehnte NASL-Trophy zu gewinnen. Dabei geht es auch um die packenden Duelle der Sting mit den San Diego Sockers, in deren Tor der Deutsche Volkmar Groß stand, die noch packenderen Duelle mit Cosmos New York und dessen legendären Torjäger Giorgio Chinaglia (eine Art großer Bruder Granitzas im Geiste) und die - hier in Amerika auf Augenhöhe stattfindenden - Begegnungen Granitzas mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller.
Zu den traurigeren Kapiteln des Buches gehören jene über Granitzas Karriereende und die Zeit danach. Er verkrachte sich mit Sting-Eigentümer Stern, der ihn sogar verklagte, und setzte - eine deprimierende Parallele zu Gerd Müller - seine Ersparnisse mit einem von windigen Partnern betriebenen Restaurant in den Sand. Überspitzt gesagt verließ er Amerika so arm, wie er gekommen war - und das nach einer Karriere als einer der besten Stürmer in der Geschichte der NASL. Aber der heutige Potsdamer scheint zu akzeptieren, dass auch das Teil seiner Biographie ist, und er wirkt mit sich und der Welt im Reinen. Dazu passt auch, dass er sich die Zeit genommen hat, mit Stefan Hermanns ausführlich über seine Karriere zu sprechen und so dieses wirklich großartige Dokument der Zeitgeschichte zu ermöglichen.
Karl-Heinz Granitza und Stefan Hermanns: "King Bomber Karl", Edel Sports











