(KL) Fürs Protokoll: Unsere Bedenken gegen Julian Nagelsmann hatten wir früh hinterlegt - genau genommen als erste: Vor über zwei Jahren, als alle anderen dem Bundestrainer noch weitgehend kritiklos huldigten, notierten wir: "Gewiss ist Nagelsmann ein großes Trainertalent und sicherlich hat er bei seinen vorherigen Stationen beachtliche Arbeit - wenngleich hier und da mit Abstrichen - geleistet. Aber er war und ist eben genau (noch und nur) das - ein Talent. Und der Beweis, dass die DFB-Entscheidung für ihn die richtige war, steht noch aus." Und angesichts einer sehr ärgerlichen Lobhudelei in "11Freunde" notierte Tim Bender damals: "Kein Wort davon, dass Nagelsmann - fescher roter Mantel hier, Holzfällerhemd da - mitunter mehr Show als Inhalt ist. Kein Wort davon, dass er gelegentlich auf frappierende Weise Gespür vermissen läst. Ich könnte mich heute noch totlachen über das konsternierte Gesicht von Oliver Kahn, als Nagelsmann zum Oktoberfest 2022 seine "Bild"-Reporterin-Lebensgefährtin mit an den Tisch der Bosse brachte."
Wenn wir nun, nach einer weiteren WM mit einem peinlichen Abschneiden der DFB-Elf, diversen Kommunikationspannen, Coachingfehlern und sonstigen harschen Vorwürfen an den nunmehrigen Bundestrainer a.D., eine Lanze für Julian Nagelsmann brechen, tun wir das also nicht, weil wir von einer zuvor eingenommenen Kuschelposition nicht ohne arge Verrenkungen wegkommen würden. Wobei: Genau damit hatten "Sport-Bild", "kicker" und "11Freunde" nun wirklich keinerlei Probleme. Die Geschwindigkeit, in der praktisch sämtliche Medien den Stab über Nagelsmann brachen, war atemberaubend; die Geschicklichkeit, mit der Journalisten von ihm abrückten, die zuvor quasi auf seinem Schoss saßen, ließ einen Houdini vor Neid erblassen. Julian Nagelsmann musste nach dem Paraquay-Spiel auf die harte Tour lernen, was zuvor schon etliche seiner Kollegen erfahren hatten und was niemand schmierig-selbstgefälliger beschrieben hat als Springer-Boss Matthias Döpfner: "Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit uns im Aufzug nach unten."
Interessant dabei ist vor allem, wie plötzlich nahezu alles, was vor kurzem noch gut und richtig war, plötzlich falsch wurde, und wie Nagelsmann an praktisch allem, was irgendwie schief lief, die Schuld trug, während sich seine eigenen Ideen angeblich durchweg als Rohrkrepierer erwiesen. Ein schönes Beispiel hierfür ist das letzte Spiel der Deutschen bei dieser WM, das Aus gegen Paraquay: Nagelsmann hatte endlich das getan, was (vermeintlich) ganz Fußball-Deutschland gefordert hatte, nämlich den zuvor auf die Joker-Rolle reduzierten Stuttgarter Deniz Undav in die Startelf genommen. Im Spiel erwies sich Undav als Totalausfall. War das nun nicht eine nachträgliche Bestätigung der bisherigen Linie Nagelsmanns? Keineswegs, so das einhellige Medien-Echo, vielmehr trage er die Schuld an der desolaten Leistung des Stürmers, weil er ihn durch sein Verhalten zuvor nicht gestärkt habe. Gleiches gilt für Nick Woltemade. Der hatte gegen Paraquay einen Elfer verballert. Auch das, so war im "kicker"-Podcast zu hören, gehe zu Lasten Nagelsmanns, der ihm in der Vorrunde keine Minute Spielzeit gegeben und ihn so verunsichert habe, aber nun plötzlich erwartete, dass Woltemade die Kohlen aus dem Feuer holt. Wollen wir das mal überdenken? Wir haben da einen Stürmer, für den vor einem Jahr eine beinahe dreistellige Millionenablöse gezahlt wurde. Einen Torjäger, von dem jedenfalls ich wesentlich mehr Fotos in seiner dämlichen Signature-Pose gesehen habe, als Tore (siehe oben - Bildzitat/ © "kicker"). Einen Stürmer, der sich bei seiner ersten Weltmeisterschaft im WM-Quartier so schrecklich langweilte, dass er "Verstecken" spielen musse. Aber wenn genau dieser Spieler nicht in der Lage ist, in der einen Minute, in der es darauf ankommt, einen Elfer zu verwandeln, ist es die Schuld des Trainers? Ernsthaft? Und dann ist da Manuel Neuer. Man könnte meinen: Nagelsmann hat mit seiner Maßnahme genau das erreicht, was er wollte - als es darauf ankam, machte der Münchner einen Unterschied, hielt einen Elfer und - sagen wir mal - hypnotisierte einen zweiten übers Tor. Versagt haben dann diejenigen auf deutscher Seite, die ihre eigenen Elfer nicht verwandelten. Klare Sache, oder? Nein, auch das stimmt natürlich nicht - da Deutschland das Spiel nicht gewonnen habe, sei die Neuer-Rückkehr zwingend als Fehlschlag zu werten. Und überhaupt - die Mitnahme der Spielerfrauen sei ein Schnitzer (als Berti Vogts genau das 1992 verbot, war es allerdings auch nicht richtig), das WM-Quartier mit seiner Ruhe und Abgeschiedenheit war ein Fehler (das in gleicher Weise abgeschiedene Campo Bahia 2014 in Brasilien mit all seinen Unzulänglichkeiten hingegen selbstredend eine Top-Wahl), die Einsatzzeiten für Ersatzspieler gegen Ecuador - zuvor vehement gefordert - waren im nachhinein auch falsch und so weiter und so weiter.
Wenn wir mal einen Schritt zurücktreten, bleibt unter dem Strich: Ja, Julian Nagelsmann hat in der Tat ein paar Fehler gemacht. Aber es waren genau solche, die ein gerade mal 36jähriger ohne ausreichende Erfahrung und mit dem Hang zur Selbstüberschätzung nun mal macht, wenn man ihm (ohne Not!) die Nationalmannschaft einer der erfolgreichsten Fußballnationen der Welt anvertraut. Ja, er wurde jetzt auf ziemlich unsanfte Weise auf den Boden der Realität zurückgeholt. Aber genau auf dieser Grundlage hätte man weitermachen können - mit der gewonnenen Erfahrung eines weiteren Turniers, mit altmodischer harter Arbeit, mit ein paar schmerzlichen, aber notwendigen Entscheidungen, dafür aber ohne die Selbstgefälligkeit, ohne die Selbstdarstellung, ohne die ganze irrwitzige Show, die bei der Bekanntgabe der Nominierten teilweise abgezogen wurde, ohne das Spiel mit den Medien, das Nagelsmann - siehe oben - wesentlich schlechter beherrscht, als er selbst glaubte. Hier war durchaus noch etwas zu machen. Für einen DFB-Präsidenten, der seine Personalverantwortung ernst nimmt und nicht nur seinen eigenen Kopf retten wollte, war dieser - zumal kostspielige - Rausschmiss keineswegs ein Muss.
Ob Jürgen Klopp, dessen strahlend weiße Beißerchen mir schon nach zwei Wochen Nachfolge-Diskussion nebst entsprechenden Titelseiten gehörig auf die Nerven gehen, in diesem Moment und für diesen Posten die bessere Wahl ist, wird man sehen. Aber alle, die jetzt schon wieder zu Träumen und Höhenflügen ansetzen, seien erinnert: Klopp hatte zwar überall, wo er gearbeitet hat, Erfolg. Aber nie sofort.

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