Fußballbücher
Im Fußballbücher-Magazin geht es um genau das: Lesestoff rund um den Profifußball. Hier werden v.a. Biographien, "Enthüllungen", Erinnerungen und sonstige Bücher besprochen, die die Protagonisten des Geschäfts in ihrem Alltag zeigen. Neben Werken (ehemaliger) Spieler und Trainer widmen wir uns auch Büchern von Journalisten, Fernsehreportern und anderen Insidern.
Freitag, 6. März 2026
"kicker" und "Sport-Bild" mit ansteigender Formkurve
Freitag, 27. Februar 2026
Legionäre im Interview: Wofür ich transfermarkt.de liebe
Auf transfermarkt.de erschien kurz nach seinem Amtsantritt ein ausführliches Interview, in dem der 38jährige über die Umstände seines Wechsels in die J-League und seine Arbeitsbedingungen in Hiroshima spricht. Und da musste ich wieder mal konstatieren: Das leistet in dieser Form und Aktualität kein "kicker" und keine "Sport-Bild" und letztlich auch "11Freunde" nicht. Solche hochspannenden und vertieften Gespräche mit Trainern und Spielern der zweiten, dritten oder gar vierten Reihe, die im Ausland ihr Geld verdienen, finde ich nur bei transfermarkt.de. Argirios Giannikis sprach dort über seine Arbeit beim griechischen Zweitligisten PAS Giannina, Joe Zinnbauer über seine Tätigkeit für den algerischen Klub JS Kabylie und Michael Boris über den Alltag bei MTK Budapest. Für genau diese Art von Beiträgen liebe ich die Seite.
Und, nein, ich habe dabei keineswegs eine rosarote Brille auf. Mir sind die Schwächen von transfermarkt.de nur zu bewusst. Das Portalformat nervt mich, die Art, wie ich als Leser mit übergriffiger Werbung geflutet werde, die ich ständig wegklicken muss, auch - und nach meinem Eindruck werden Leser vorrangig als Klickmasse angesehen. Sie sollen eine werbeträchtige "Community" bilden, jedoch bitte möglichst keine lästigen Fragen zu Newslettern u.ä. stellen. Aber ich kann mir die wirklich guten Beiträge ja auf ganz altmodische Art und Weise ausdrucken und dann lesen, wo immer ich will. Ohne Werbeeinblendungen.
Trainer-Legionär in Hiroshima: Gaul im Interview über überraschendes Angebot aus Japan: „Als Europäer muss man offen sein“, transfermarkt.de
Mittwoch, 18. Februar 2026
Rangnick: Wiener Blick auf den Professor aus Backnang
Freitag, 6. Februar 2026
Holperfahrt ins Morgen: Der Fußball in den Wendejahren
Oder eben, und das führt uns zu Jan Mohnhaupts Buch "Der geteilte Rasen" (Verlag Die Werkstatt), auch die hochspannenden Jahre unmittelbar vor und nach der Wende 1989. Die Idee, das Geschehen in Bundes- und Oberliga sowie bei den beiden deutschen Nationalmannschaften im Zeitraum 1989 bis 1992 anhand ausgewählter Spiele und begleitender Ereignisse zu beleuchten, ist so genial, dass man sich fragt, wieso erst rund 35 Jahre später einer auf die Idee kommt. Zwar erreicht das Buch nicht die atmosphärische Dichte von etwa "Marseille 1940", aber das mag daran liegen, dass Fußballer weitaus seltener als Schriftsteller (veröffentlichte) Tagebücher schreiben und ihr Alltag jenseits der Spiele jedenfalls damals auch weniger eng medial begleitet wurde. Soll heißen: Die Quellenlage ist eine andere. Aber gleichwohl gibt es genügend Rohmaterial für eine hochspannende Reise vom Frühjahr 1989 - nichts deutete auf ein baldiges Ende der DDR hin, Dynamo Dresden traf im Halbfinale des Uefa-Cups auf den VfB Stuttgart - über die Zeit des Umbruchs, etwa das legendäre 0:3 der DDR-Nationalelf in Österreich wenige Tage nach dem Mauerfall, bis hin zur Wiedervereinigung und der letzten Saison der DDR-Oberliga 1991/92. Es ist eine mitunter komische, mal traurige, in jedem Fall irrsinnige Holperfahrt aus dem Gestern der DDR ins Morgen des wiedervereinigten Deutschlands. Wir sind dabei, wenn sich eine Magdeburger Kellnerin im April 1989 über die Spieler der türkischen Nationalmannschaft, die am nächsten Tag auf die DDR-Elf treffen wird, lustig macht - ohne zu ahnen, dass einige von ihnen hervorragend Deutsch sprechen. Wir sind dabei, wenn Axel Kruse bei einem Intertoto-Spiel von Hansa Rostock in Kopenhagen im Sommer 1989 während eines Stadtbummels blitzschnell in ein Taxi springt und kurz darauf die Fähre gen Bundesrepublik besteigt. Und wir sind auch dabei, wenn nur ein Dreivierteljahr später DFV-Präsident Hans-Georg Moldenhauer auf Malta mit dem aalglatten DFB-Strippenzieher Hermann Neuberger über die Zukunft des DDR-Fußballs verhandelt. Das ist großes Lesevergnügen. Allerdings fällt die Lektüre über weite Strecken auch schmerzhaft und ernüchternd aus - denn Mohnhaupt erspart uns nicht die dunklen Momente jener Jahre, die unfassbare allgegenwärtige Gewalt in den Stadien, den Hooligan-Tourismus, den nun sichtbarer werdenden und erstarkenden Rechtsradikalismus, die Ausländerfeindlichkeit, den ganzen Dreck und Unrat, der durch die Wende 1989 eben auch nach oben gespült wurde. Ich hätte diese Aspekte vermutlich völlig ignoriert und mich allein auf die hochspannenden Transformationsprozesse rund um Klubs und Trainer und Spieler konzentriert, aber, zugegeben, das hätte selbst für meine Verhältnisse ein wenig viel Romantik und Verklärung bedeutet.
Nicht so ganz verstanden habe ich, wieso Mohnhaupt - jedenfalls für meinen Geschmack - allzu sperrig in die Thematik ein- und aussteigt. Das Buch beginnt mit einer persönlichen Erinnerung des aus dem Ruhrgebiet stammenden Autors an seine Zeit als Torwart bei einem brandenburgischen Amateurverein. Das Ganze klingt völlig skurril und nach tiefstem 1991, hat sich laut Mohnhaupt aber erst 2008 zugetragen. Die Geschichte mag plausibel machen sollen, wieso er sich überhaupt für den ostdeutschen Fußball interessiert, ist in meinen Augen aber ebenso überflüssig wie das Schlusskapitel, in dem Mohnhaupt in die Jahre 2024 und 2025 springt und - auch noch unter ausdrücklichem Verweis auf Nick Hornby - über seine Besuche von Spielen des 1. FC Magdeburg berichtet. Das alles hat mit dem eigentlichen Thema des Buches wenig zu tun und kann ohnehin nicht verbergen, dass Mohnhaupt auf Ostdeutsche ähnlich blickt wie der "Spiegel", für den der Journalist mitunter schreibt. Zitate von Fans werden vorzugsweise umgangssprachlich wiedergegeben ("Wenn wir jetzt nicht uffsteigen..."), diese sind häufig entweder betrunken oder übergriffig oder rechtsradikal oder alles zusammen, alles, was "fremd" ist, wird von ihnen ausnahmslos argwöhnisch bis feindlich betrachtet ("Schlitzaugen") und, wenn sie in Hochform sind, glänzen sie mit Aussagen wie "Ich will ’n deutsches Schnitzel, ’ne deutsche Bulette, ’n deutsches Gulasch!". Vereinsfunktionäre kommen nicht unbedingt besser weg. Nachdem ein Vorstand des Chemnitzer FC einen nigerianischen Spieler seines Klubs 1990 begeistert "schwarze Perle" genannt hat, urteilt Mohnhaupt streng: "Solche Ausdrücke sind damals noch üblich, spiegeln aber auch die Unerfahrenheit und womöglich Ignoranz im öffentlichen Umgang mit nicht-weißen Menschen wider." Mag ja sein. Aber anderenorts war man seinerzeit noch wesentlich ignoranter. In der Bundesliga konnte man damals einen senegalesischen Spieler ungestraft "Nigger" nennen - und trotzdem kurz darauf als Nationalspieler mit zur WM 1990 fahren und Weltmeister werden (!).
Aber genug der Galligkeit und der Nörgelei - dieses gesamte Buchprojekt, die Idee, die Umsetzung, übrigens auch das Cover, sind unter dem Strich einfach großartig. Klare Empfehlung!
Jan Mohnhaupt: "Der geteilte Rasen: Fußball in den Wendejahren 1989–1992", Verlag Die Werkstatt
Sonntag, 1. Februar 2026
Julian Nagelsmann: Leidenschaftliches Plädoyer mit Chuzpe
Gelingt das? Schauen wir es uns an.
Der Autor beschreibt erwartungsgemäß den Weg des heutigen Bundestrainers von seinen Anfängen als Jugendcoach in Augsburg, bei TSV 1860 München und in Hoffenheim über die ersten Stationen im Männerbereich (Hoffenheim, Leipzig) bis hin zum Engagement in München, der dortigen Entlassung - der erste größere Bruch in Nagelsmanns Karriere - und seiner Übernahme des DFB-Teams. Wer die bisherige Karriere von Julian Nagelsmann einigermaßen erfolgt hat, wird hier nur wenig Neues erfahren. Aber Kraft hatte ja auch in erster Linie eine Analyse versprochen. In seinen Ausführungen geht es zu einem beträchtlichen Teil um Trainingslehre, Spielformationen und Taktik - alles Themen, die mich leider so gar nicht interessieren (wofür Kraft natürlich nichts kann), aber wer in diesem Bereich Einordnung wünscht, bekommt sie in hinreichendem Maße. Und obwohl Kraft nie einen Zweifel lässt, dass er Nagelsmann mit Sympathie und Wertschätzung betrachtet, schreckt er nicht davor zurück, sein Sujet zu kritisieren, sei es beispielsweise für dessen Tendenz zum "Overthinking" in seiner letzten Hoffenheim-Saison oder seine unnötig harsche öffentliche Kritik am erst 19-jährigen Tanguy Nianzou beim FC Bayern. In erster Linie allerdings ist das Buch ein (naturgemäß vorläufiges) leidenschaftliches Plädoyer für einen modernen, hochtalentierten, sozial weit überdurchschnittlich kompetenten Trainer und gegen etliche Angriffe und Vorurteile, denen sich dieser in der Vergangenheit ausgesetzt sah. Und auch ein Plädoyer gegen die Behandlung, die Nagelsmann beim FC Bayern erfahren hat. Kraft zeichnet das Bild eines chaotisch geführten Klubs mit einer bei weitem nicht an die Qualität des heutigen Kaders heranreichenden Mannschaft und einem überforderten Vorstand, der, als Thomas Tuchel plötzlich auf dem Markt war, ohne jede Not in Aktionismus verfiel und Nagelsmann unter höchst fragwürdigen Umständen entließ. Mit Verve und ausführlicher Begründung wehrt sich Kraft gegen das Urteil, dass Nagelsmann in München gescheitert sei. Das lässt sich alles gut hören und vertreten. Ich persönlich vermisste indes an genau dieser Stelle einen weiteren Zahn, den mir der Autor im Vorwort gezogen hatte: "Boulevardthemen", so Kraft, "interessieren mich nicht. Mich interessieren Hintergründe und mich interessieren Ebenen, auf denen eine fundierte Argumentation im Vordergrund steht." Schön und gut, aber kann man die Geschichte der Entlassung Nagelsmanns beim FC Bayern erzählen, ohne den Namen Lena Wurzenberger auch nur einmal in den Mund zu nehmen? Selbst wenn Kraft meinen sollte, das eine habe mit dem anderen rein gar nichts zu tun, hätte ich zumindest das gern gelesen und erläutert bekommen. Auch um die Affäre Nagelsmann - Tapalović - Neuer schleicht Kraft meines Erachtens ein wenig zu behutsam herum. Und, ja, mich hätte schon brennend interessiert, welchen Blick Nagelsmann auf seinen FCB-Nachfolger Thomas Tuchel hat und welche Auswirkungen diese "Ich muss gehen und er übernimmt meinen Traumjob"-Konstellation auf ihr Verhältnis insgesamt hatte. Aber das wiederum sind Innenansichten - und die hatte Justin Kraft ja gerade nicht versprochen.
Unter dem Strich bleibt eine zwar aus der Ferne geschriebene, aber dennoch sehr informative erste Bilanz des noch immer sehr jungen Trainers Julian Nagelsmann.
Justin Kraft: "Julian Nagelsmann: Kopf trifft Herz", Verlag Die Werkstatt
Donnerstag, 15. Januar 2026
Von Singapur bis Vancouver: Der Welttorhüter
Für mich besteht der eigentliche Vorzug des Buches darin, dass es einen faszinierenden Einblick in den Alltag eines deutschen Fußballprofis zweiter oder gar dritter Kategorie im Ausland gewährt. Pfannenstiel erzählt freimütig, wie viel er bei verschiedenen Vereinen verdient hat, wie sein Tagesablauf aussah, wie er den Kontakt zum jeweils nächsten Verein knüpfte und so weiter. Man wird darüber streiten dürfen, ob er nicht an der einen oder anderen Stelle seiner Karriere eine falsche Weichenstellung vorgenommen und sich so eine größere Karriere selbst verbaut hat. Etwa, als er mit 20 Jahren ein Angebot der Amateurmannschaft des FC Bayern München ausschlug oder als er 2007 aus einem offenbar lukrativen Vertrag bei den Vancouver Whitecaps ausstieg, nur um durch ein Engagement bei einem recht armseligen brasilianischen Verein den Status als "Welttorhüter" zu erringen. Aber auch über diese Entscheidungen spricht er offen und durchaus nachdenklich. Es mag ein wenig nerven, wenn er ausgiebig (und stolz) über seine "Scherze" berichtet, mit denen er diverse Teamkollegen überzog, von mit Butter eingeschmierten Fußballschuhen bis hin zu einem mit Rasierschaum verzierten Hotelbett oder einem an den Hals des Kollegen gedrückten heißen Teelöffel (um einen "Knutschfleck" zu imitieren). Aber wer das übergehen kann, bekommt einen erstklassigen Einblick in den Alltag eines Profis in den kleineren, unbedeutenderen Ligen der Welt.
Fazit: Eine absolut lohnende Lektüre für alle, deren Interesse dem Alltag deutscher Profis im Ausland gilt.
Montag, 12. Januar 2026
Atmosphärisches Mosaik: Ein Blick auf die DDR-Oberliga
Frank Willmann: "Fußball-Land DDR: Anstoß, Abpfiff, Aus", Eulenspiegel-Verlag
Montag, 5. Januar 2026
Wunderbar zu lesen: Der FC Bayern im Zeitraffer
(KL) Auch heute greifen wir mal wieder zu einem schon etwas älteren Buch, das jedoch nichts von seinem Esprit und seiner Kurzweiligkeit verloren hat. Der frühere "Spiegel"-Autor Thomas Hüetlin zeigt in "Gute Freunde: Die wahre Geschichte des FC Bayern" höchst eindrucksvoll, wie spannend die Geschichte eines Vereins erzählt werden kann, über den bereits unendlich viel geschrieben wurde. Gestützt auf gründliche Recherchen und intime Einblicke zeichnet der Autor die Entwicklung des FC Bayern anhand des komplizierten Beziehungsgeflechts seiner Hauptprotagonisten nach. Zu den größten Vorzügen des Buches gehört dabei Hüetlins Schreibstil. Auf lockerleichte Weise jongliert er mit Worten und Wortspielen, und mehr als einmal habe ich beim Lesen laut lachen müssen.
Hüetlin beginnt mit Tschik Cajkovski und dem mühsamen Beginn Anfang der 60er Jahre, wobei er schildert, wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller ihren Weg zum FC Bayern fanden, widmet sich dann den beiden "Kronprinzen" Uli Hoeneß und Paul Breitner und den Erfolgen in den 70er Jahren bis hin zum beginnenden Niedergang und dem 1979er Putsch der Mannschaft gegen Präsident Wilhelm Neudecker, der Max Merkel installieren wollte. Dann folgen die 80er Jahre mit Kalle Rummenigges Aufstieg, dem Bruch der Freundschaft zwischen Hoeneß und Breitner, Udo Latteks Comeback, dem packenden Meisterschaftsduell mit Werder Bremen 1985/86, den verlorenen Europapokalendspielen gegen Aston Villa und den FC Porto und der Ablösung Latteks durch Jupp Heynckes. Im letzten Teil des Buches geht es, allerdings schon deutlich geraffter, um die 1990er und 2000er Jahre mit den missglückten Trainer-Versuchen Lerby, Ribbeck und Rehhagel, der Rückkehr von Beckenbauer und Rummenigge und schließlich der Ära Hitzfeld, wobei hier insbesondere die in buchstäblich letzter Sekunde gewonnene Meisterschaft 2001, die 1999er Tragödie von Barcelona und der Gewinn der Champions League 2001 beleuchtet werden. Ergänzt werden diese Ausführungen um ein paar sehr schöne und durchaus seltene Fotos.
Was gibt es zu kritisieren an diesem überaus lesenswerten Buch? Da wäre zum einen der missglückte Epilog, der etwas uninspiriert wirkt und etliche Wiederholungen enthält. Ferner springt Hüetlin auf das eine oder andere Klischee oder wiederholt sattsam bekannte und ausgewalzte Dinge wie Beckenbauers einsamen Rasenspaziergang nach dem 1990er WM-Finale oder Mehmets Scholls "Witz" von den Grünen, die man hängen sollte, solange es noch Bäume gibt. Mitunter springt der Autor auch zeitlich ein wenig hin und her, ohne dass dafür Gründe ersichtlich sind (so wird im Kapitel über die 1990er ohne Not noch einmal die Geschichte erzählt, wie Beckenbauer 1984 DFB-Teamchef wurde, oder im Kapitel über die 1980er nach dem Abschnitt über Kutzops verschossenen Elfmeter im April 1986 und der kurzen Behandlung des Themas "Ablösesummen" noch einmal die Geschichte vom "Turban-Dieter" Hoeneß und dem Pokalfinale gegen Nürnberg 1982 aufgewärmt). Am meisten aber irritierte mich, dass etliche Spieler im Buch überhaupt nicht vorkommen. Der Autor bedankt sich unter "Danksagung" zwar ausdrücklich bei Manni Schwabl, im Text findet der ehemalige Mittelfeldspieler allerdings kein einziges Mal Erwähnung. Kann man die Geschichte der 1980er Jahre des FC Bayern erzählen, ohne Hans Dorfner, Manni Schwabl, Michael Rummenigge oder Jürgen Wegmann auch nur einmal anzusprechen? Muss nicht der Umstand, dass die Torwartlegende Toni Schumacher auf seine alten Tage noch einmal das Trikot des FC Bayern überstreifte, Erwähnung finden? Aber das sind letztlich kleine Nörgeleien, die die Qualität des Buches nicht ernsthaft beeinträchtigen.
Fazit: Dieses heute im Antiquariat für kleines Geld erhältliche Werk gehört ins Bücherregal eines jeden Bayern-Fans, ist aber auch für jene eine wunderbare Lektüre, die sich über die Bundesliga oder das Geschäft "Profifußball" informieren wollen.
Montag, 8. Dezember 2025
Tapie vs. Bez: Sex, Geld, Lügen und Video
Sonntag, 7. Dezember 2025
Die Canellas-Tapes: Fundament einer Aufarbeitung
Zweifellos: Das Material ist beeindruckend. Was Horst-Gregorio Canellas damals heimlich auf Band festhielt – Gespräche über Schmiergelder, Spielabsprachen, konspirative Treffen – gehört zu den wunderbarsten Zeitdokumenten, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat. Dass diese Mitschnitte einmal vollständig, sauber editiert und lesbar publiziert werden, ist ein echter Gewinn für jeden, der sich mit der Aufarbeitung des Bundesligaskandals oder auch nur der Bundesliga ganz allgemein beschäftigt. Das Buch führt durch Canellas' knapp 60 Gespräche mit Spielern, Funktionären und später auch Journalisten in weitgehender protokollarischer Nüchternheit, die genau die beabsichtigte Wirkung entfaltet: Da wird nichts weichgezeichnet, nichts geglättet – man hört die Stimmen zwar nicht, aber man spürt das Knistern und wachsende Donnergrollen, spürt, wie das Ganze nach und nach zu einem Alptraum für alle Beteiligten wird. Aber genau dort liegt auch das Problem. Denn Lampert beschränkt sich weitgehend darauf, die historischen Dokumente aneinanderzureihen. Die Einordnung bleibt sparsam. Manchmal hätte man sich gewünscht, der Autor würde nicht nur die Quelle zur Verfügung stellen, sondern auch kurz erklären, warum sie ausgerechnet an dieser oder jenen Stelle so explosiv ist. Insbesondere Leser, die den Skandal nicht näher kennen, hätten vermutlich ein bisschen mehr roten Faden vertragen: Wer war eigentlich dieser eine Spieler, der zwielichtig argumentiert? Welche Rolle spielte jener Verein im größeren Gefüge der Liga? Warum war genau dieses Telefonat ein Mosaikstein – und jenes der Zündfunke? Die Informationen sind alle da, aber sie stehen wie Fußballschuhe ungeordnet im Kabinengang: Man findet alles, aber nicht immer sofort und intuitiv. Und: Die Mitschnitte besitzen zwar eine ungeheure historische Wucht. Aber das Buch verzichtet darauf, sie mit Kontextstellen aus Presse, DFB-Protokollen oder Gerichtsakten zu spiegeln. Es bleibt bei den titelgebenden Bändern Canellas'. Hier wäre mehr ausnahmsweise einmal mehr gewesen.
Positiv sticht das abschließende Interview mit Canellas heraus, weil es andeutet, was das Buch zusätzlich alles noch hätte sein und werden können: Ein bisschen Analyse, ein wenig Rückschau, ein paar Sätze, in denen der Mann hinter den Bändern sichtbar wird. Dieses Kapitel ist atmosphärischer, dichter, persönlicher – genau davon hätte ich mir mehr gewünscht. Aber auch beschränkt auf die Bänder ist das Buch ungeheuer wichtig. Es ist das unverzichtbare Fundament einer historischen Aufarbeitung des Bundesligaskandals. Wer sich ernsthaft mit 1970/71 beschäftigt, wird an diesem Band nicht vorbeikommen. Für Forscher, Journalisten, Nerds und Liebhaber der Fußballgeschichte ist es insoweit ein Glücksfall. Nur eines darf man eben nicht erwarten - ein Enthüllungsbuch im eigentlichen Sinne. Lamperts Werk ist eine Art Schaukasten, ein faszinierendes, manchmal etwas trockenes und an anderer Stelle wiederum Gänsehaut verursachendes unverzichtbares Archiv. Ich freue mich sehr, dass es existiert.
Samstag, 29. November 2025
Grandios: Michael Harforth im "11Freunde"-Interview
Samstag, 15. November 2025
Basler, Babbel und das Leben: Nicht nur Kalendersprüche
Und das, obwohl sich meine Befürchtungen durchaus bestätigten. Das Buch ist durchzogen von Sätzen, die man auch auf Tassen oder vor einem Yogastudio erwarten würde. „Wenn du die richtigen Schlüsse aus deinen vermeintlich besten Jahren ziehst, werden die Jahre danach noch besser“ – das klingt nach jener Kategorie Lebenshilfe, die man besser überblättert. Oder: „Sprich mehr darüber, was du morgen tun willst, als über das, was du gestern getan hast.“ Ein Satz, der gleichzeitig wahr, banal und vollkommen austauschbar ist. Aber - und das führt uns zu den guten Nachrichten: Es bleibt nicht dabei.
Denn zwischen all den Allgemeinplätzen stehen Geschichten, die tatsächlich etwas erzählen. Etwa Mario Baslers Erinnerung an seine Zeit in Katar. Der Ex-Profi beschreibt dort sehr offen, wie er in einer völlig anderen Kultur landete, wie er den Fußball, die Hitze, die Regeln und das gesamte Umfeld gründlich unterschätzt hatte. Es ist eine Mischung aus staunender Selbstüberschätzung und rückblickender Klarheit, die die Szene überraschend gut trägt. Auch Babbel hat seine starken Momente, etwa wenn er von der Leere nach dem Karriereende spricht. Die Passagen über seine Heimkehr nach Deutschland, über Trainerwechsel, Verletzungen und Selbstzweifel sind viel näher an der Tiefe seines Solo-Buchs als an der Esoterik der Motivationsliteratur. Und weil Babbel präziser formuliert als Basler, wirkt dieser Teil oft wie der ruhigere, glaubwürdigere Gegenpol zum lauten Mario.
Spannend ist auch die Dynamik zwischen beiden. Da sitzen der lässige Instinktspieler und der ernsthafte "Abwehr ist mein Beruf"-Profi nebeneinander und reflektieren ein Leben, das sich nach dem Höhepunkt neu sortieren muss. Dabei gelingt dem Buch immer wieder, was man nicht unbedingt erwarten würde: Es zeigt zwei Männer, die ihre Karrieren nicht verklären, sondern tatsächlich bereit sind, über Schwächen zu sprechen. Natürlich, vieles bleibt vorhersehbar: die großen Themen Selbstfindung, Zukunftsorientierung, der obligatorische Appell, die „beste Zeit“ im Jetzt zu sehen. Und ja, es hätte dem Text gutgetan, die Klischees stärker zu reduzieren und die wirklich spannenden Episoden weiter auszubauen. Aber unterm Strich ist "Das Leben nach den besten Jahren" dann doch weitaus besser, als es der Titel und die ersten Kapitel vermuten lassen. Wer Basler nur als Sprücheklopfer und Babbel als analytischen Ex-Profi kennt, erkennt beide hier wieder – aber mehrdimensionaler, verletzlicher und überraschend offen. Ein lesenswertes Buch!
Mario Basler und Markus Babbel: "Das Leben nach den besten Jahren", edition a
Freitag, 24. Oktober 2025
Wilde Achterbahn-Fahrt mit Thomas Schaaf
Doch mit einem Mal geht es auf der Achterbahn wieder steil bergauf: Denn nun kommen die Jahre Schaafs als Nachwuchs- und Cheftrainer, und es ist, als hätte man einen Schalter umgelegt. Plötzlich geht wieder alles: Einblicke, Analysen, Atmosphäre vom Feinsten. Schaafs Erinnerungen bringen - jedenfalls für mich - die erste differenzierende Betrachtung der Amtszeit von Aad de Mos in Bremen und dazu herrliche Anekdoten, etwa wenn de Moos am Montag zum Familienvater Schaaf meint: "Pass auf, du musst am Donnerstag zu einer Spielerbeobachtung nach Brasilien fliegen." Es gibt hochspannende Schilderungen, wie Schaafs Samstag nach einem Spiel (zumal nach einem verlorenen) und der anschließende Sonntag aussehen. Wir kehren zurück in eine Zeit, in der Jounalisten den Bremer Chefcoach unter seiner Privatnummer anriefen, öfter mal seine Frau dran war ("Der Thomas saugt gerade sein Auto aus. Er ruft Sie zurück.") und Schaafs Äußerungen später ohne jegliche Autorisierung in Druck gingen. Heute ist so etwas undenkbar. Wir erfahren, wie Schaafs Spieler Torsten Frings ob eines vermeintlich perfekten Transfers nach Italien schon einen Mietvertrag für ein Haus in Turin unterschrieb, um dann doch nicht zu wechseln, und wie die Medien nach Schaafs Ende in Bremen dem Coach eine Flucht in sein "Ferienhaus in Salzburg" unterstellten, obwohl es ein solches Domizil nie gab. Auch Schaafs eher unglückliche Auswärtsspiele, die beiden Trainerstationen in Frankfurt und Hannover, werden zwar kurz, aber in meinen Augen hervorragend beschrieben.
Am Ende dieser Achterbahnfahrt war ich vollumfänglich versöhnt und hochzufrieden mit einer Biographie, die meine Sammlung von Büchern über Werder Bremen und seine Protagonisten (Rehhagel, Lemke, Fischer, Ailton, Borowka, Legat, Klose) wahrhaft bereichert. Klare Kaufempfehlung!
Daniel Cottäus: "Thomas Schaaf: Die Biographie", Verlag Die Werkstatt












