Stefan Effenberg (mit Jan Mendelin): "Ich hab's allen gezeigt", Bastei Lübbe
Fußballbücher
Im Fußballbücher-Magazin geht es um genau das: Lesestoff rund um den Profifußball. Hier werden v.a. Biographien, "Enthüllungen", Erinnerungen und sonstige Bücher besprochen, die die Protagonisten des Geschäfts in ihrem Alltag zeigen. Neben Werken (ehemaliger) Spieler und Trainer widmen wir uns auch Büchern von Journalisten, Fernsehreportern und anderen Insidern.
Dienstag, 27. Oktober 2026
Trashig und großartig zugleich: Die Effenberg-Erinnerungen
Sonntag, 18. Oktober 2026
Wofür ich transfermarkt.de liebe (II): Brdaric in Saudi-Arabien
Vor ein paar Monaten veröffentlichte ich hier im Magazin eine Liebeserklärung an transfermarkt.de. Auf der Seite war nämlich ein ausführliches Interview mit Bartosch Gaul, dem deutschen Trainer des J-Ligisten Sanfrecce Hiroshima erschienen, etwas, was mir in dieser Form weder "kicker" noch "Sport-Bild" oder "11Freunde" bieten: Artikel über und Interviews mit Trainern und Spielern, die vielleicht nicht in der ersten oder zweiten Reihe stehen, aber eben trotzdem hochspannende Auslandsengagements in Japan, Tunesien oder Frankreich eingegangen sind und spannende Geschichten zu erzählen haben.
Gestern gab es wieder mal ein Paradebeispiel für diese Marktlücke, die transfermarkt.de einfach perfekt besetzt. Thomas Brdaric, der schon auf eine ganze Reihe schillernder Auslandsstationen zurückblickt (von Weißrussland über Nordmazedonien und Kuwait bis hin zu Albanien), verlässt seinen derzeitigen Klub FC Malisheva im Kosovo, um künftig beim saudi-arabischen Zweitligisten Al-Bukiryah FC Qassim zu arbeiten. Bei transfermarkt.de bekomme ich dazu gleich einen längeren Artikel mit O-Tönen und einer ausführlichen Einordnung. Einfach nur großartig und Grund genug, ausnahmsweise auch mal ein digitales Medium (mit grauseliger Werbung) zu nutzen. Aber - wie ebenfalls hier vor ein paar Monaten angemerkt - eine Printausgabe von transfermarkt.de im Stile des Donnerstag-"kicker" wäre natürlich noch viel besser.
Freitag, 9. Oktober 2026
Erinnerungen einer unsympathischen Egozentrikerin
Es darf den geneigten Leser zugegebenermaßen nicht wirklich überraschen, wenn eine Biographie auch über Privates und Familiäres berichtet, und in Maßen ist dagegen auch überhaupt nichts einzuwenden. Aber Hope Solo widmet den gefühlt größten Teil des Buches ihrer überaus komplexen Familiensituation: Der kriminelle, später obdachlose und zu Unrecht des Mordes verdächtigte Vater, die alkoholkranke Mutter, das Verhältnis der Eltern zueinander, das unverhoffte Wiedersehen mit ihrem Vater nach jahrelanger Funkstille, sein plötzlicher Tod – all das wird in (jedenfalls mir) viel zu großer Detailfreude beschrieben. Zudem bekommt das Ganze häufig einen allzu rührseligen Touch, etwa, wenn Hope über weite Passagen aus tatsächlichen oder fiktiven Briefen ihres Vaters an sie oder umgekehrt zitiert oder ausführlich beschreibt, wie sie nach seinem Tod bei Spielen der Nationalelf Teile seiner Asche mit aufs Feld nahm, um sie zu verstreuen.
Was mich aber in erster Linie störte: Hope Solo präsentiert sich im Buch als gänzlich unsympathische Egozentrikerin, die Menschen, welche nicht in gleicher Weise an sie glauben wie sie selbst, schnell mit kalter Verachtung straft, und die sich immerzu und ständig ungerecht behandelt fühlt. Weinerlich beschwert sie sich, dass sie von einer Freundin nicht als Trauzeugin auserkoren wurde, und fordert recht dreist Verständnis dafür, dass diese Freundschaft jahrelang weitgehend eine Einbahnstraße war. Sie sei eben Profisportlerin mit einem anstrengenden Leben. Nationaltrainerin Pia Sundhage, zunächst schwärmerisch verehrt, erntet böse Worte, als sie in einem Testspiel vor der WM 2011 die Ersatzkeeperin einsetzte, um sich von deren Leistungsstand zu überzeugen, anstatt der lange verletzten Hope Solo jede nur denkbare Einsatzminute zuzubilligen. Hope fordert von anderen größtmögliche Rücksichtnahme (auf ihre persönliche Situation wie z.B. nach dem Tod ihres Vaters, auf Verletzungen usw.), scheute sich aber nicht, nach dem verlorenen WM-Halbfinale 2007, bei dem Trainer Greg Ryan überraschend ihr Konkurrentin Briana Scurry ins Tor gestellt hatte, öffentlich zu verkünden, dass das Team mit ihr – Solo – gewonnen hätte. Ausführlich beschreibt sie den daraus resultierenden Konflikt mit dem Trainer und ihren Mitspielerinnen, beschreibt – in der Tat befremdliche – Sitzungen, in denen das Team über sie zu Gericht saß. Die von ihr geschilderten Situationen sind, wenn es sie denn wirklich gab, derart absurd, dass sie an Streitereien einer Mittelschulklasse erinnern: Wenn Hope einen Fahrstuhl betrat, gingen andere Mitspielerinnen raus. Kam sie nach dem Training in den Pool, verließen ihn die anderen. Auf dem Hotelflur ging man aneinander vorbei, als würde man sich nicht kennen. Es gab angeblich Versuche, Hope um die ihr zustehenden Prämien zu prellen und von der Nach-WM-Tour der Nationalelf auszuschließen. Wieder und wieder wurden von ihr öffentliche Entschuldigungen gefordert und die Abgabe vom Verband vorformulierter Presserklärungen. Diese Passagen machen den eigentlichen Reiz des Buches aus, weil sie viel vom Innenleben der US-Frauennationalmannschaft verraten. Ebenso erfährt man einiges über das (damals noch recht amateurhafte) Gebaren der US-Profiklubs, denen zurecht kein allzu langes Leben beschieden war.
Hope Solo: "Mein Leben als Hope Solo", Edel Books
Mittwoch, 16. September 2026
ChatGPT und der Jackson-Deal
Und hier kam nun ChatGPT ins Spiel. Nachdem das Tool mich in den vergangenen Monaten mit allerlei Halluzinationen und aus sonstigen Gründen unfassbar schlechten Auskünften verärgert hatte, stehen wir gerade etwas auf Kriegsfuss. Aber eine lesbare Zusammenfassung und Einordnung des medial breit begleiteten Jackson-Wechsels sollte ja wohl hinzubekommen sein - oder? Also beauftragte ich ChatGPT, mir ein Dossier zu diesem Transfer zu erstellen. Alle, die das Ergebnis interessiert, können das PDF hier downloaden.
Freitag, 4. September 2026
Jürgen-Klopp-Biographien: Das nächste Meisterwerk
Dienstag, 1. September 2026
Giulia Gwinn: Vorläufige Biographie einer Optimistin
"Write your own story" ist ein unterhaltsamer, informativer Abriss des bisherigen Karriereweges der erst 27jährigen Spielerin des FC Bayern und auch ein sehr schöner Einblick in den Frauenfußball ganz allgemein. Die berührendsten Passagen waren für mich jene über Gwinns schwerere Verletzungen und den Umgang damit, physisch und psychisch, die Leere, die Enttäuschung, das Wiederanfangen, das insbesondere dann unfassbar frustrierend sein muss, wenn man sich zum wiederholten Male verletzt und weiß, welch langer Weg vor einem liegt. Verletzungen spielen in Fußballerbiographien ja recht oft eine Rolle, aber so eindringlich wie hier wurde die Thematik meines Erachtens nur in wenigen Büchern behandelt. Darüber hinaus wird eines sehr deutlich: Giulia Gwinn ist ein durch und durch positiver und optimistischer Mensch - was ja gar nicht so einfach ist in unserer zynischen Welt. Auch beim wohlfeilsten, anbiedernsten Politiker- und Funktionärsgeschwätz empfindet sie aufrichtig Stolz und Freude, im Buch zitiert sie immer wieder Passagen aus irgendwelchen Grußworten zu ihren Ehren. Es freut sie, wenn Bayern-Vorstandschef Oliver Kahn sie in irgendeiner Rede erwähnt, und es stört sie nicht, dass er trotzdem nicht die Zeit für ein Gespräch mit ihr findet, sie freut sich wie eine Schneekönigin, wenn sie in irgendwelchen Instagram-Posts anderer Promis erwähnt wird, sie fühlt sich zutiefst geehrt, wenn sie zu "Wetten dass" eingeladen wird und so weiter. Immerhin: Als Thomas Gottschalk sie in seiner Sendung vor einen Millionenpublikum beharrlich "Giuliana" nennt, geht ihr das dann schon gegen den Strich.
Etwas geärgert habe ich mich - ähnlich wie schon bei Kathrin Längerts Buch - über Gwinns Ausführungen zu "Equal Pay" und die ganz bekannte "Wir wollen von unserem Sport leben können."-Litanei. Wenn in der Frauenbundesliga zu einem Spiel - wie kürzlich zum Saisonauftakt des RB Leipzig - 1.204 Zuschauer kommen, werden die Spielerinnen eben nicht von ihrem Sport leben können, so wie es auch kein Männerteam könnte. Weil sie nun einmal nicht genügend Einnahmen generieren. Statt über "Equal Pay" müsste zunächst mal über "Equal Revenue" gesprochen werden. Aber auch in Giulia Gwinns Welt fällt das Geld vom Himmel und muss nicht verdient werden. Schade, hier wäre etwas mehr Reflexion wünschenswert gewesen. Ändert aber nichts daran, dass sich die Lektüre des Buches lohnt.
Giulia Gwinn: "Write your own story: Mein Weg vom Bolzplatz in die Weltspitze", Mosaik Verlag
Dienstag, 18. August 2026
Timo Heinze und Co.: Hermann Gerlands vergessene Opfer?
Freitag, 17. Juli 2026
Lena Cassel: Spiegelblicke einer "Problembärin"
"Aufstiegskampf" ist die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die praktisch nichts von dem, was sie bislang gemacht hat, gern getan hat - nicht die Schule, nicht das Studium, nicht ihre Studentenjobs bei Rewe und der Post, nicht irgendwelche Marketing-Gigs und selbst, als es dann zum Fußball ging, etwa einen Social-Media-Job bei Hertha BSC, spüre ich im Buch kaum Leidenschaft und Begeisterung. Und was mich noch mehr stört: "Aufstiegskampf" ist auch die Geschichte einer Frau, die sich permanent und überall benachteiligt und übervorteilt wähnt, die unablässig jammert und klagt, die sich immerzu als "zu bunt" in einer ansonsten grauen Welt empfindet, obwohl die einzige, die das ständig von sich behauptet, nach meinem Eindruck sie selbst ist. Kurz gesagt: Das Buch ist letztlich der Spiegelblick eines Problembärs - beziehungsweise in diesem Fall einer Problembärin, die sich immerzu fragt, wie sie wohl auf andere wirkt. An keiner einzigen Stelle des Buches geht es darum, was sie selbst getan hat, um in ihrem Job besonders gut oder gar besser als andere zu sein, um herauszuragen aus der Masse der Kandidaten und sich für die Branche an sich und später dann für höhere Aufgaben zu qualifizieren. Vom titelgebenden "Aufstiegskampf" ist mithin kaum einmal die Rede. Der Vergleich mag hinken, aber dennoch: Lothar Matthäus beschrieb in seiner Biographie "Ganz oder gar nicht", wie er sich auf seine Trainertätigkeit in Salzburg - mit Sicherheit nicht sein Traumjob schlechthin - vorbereitete: "Ich setzte mich haarklein mit dem österreichischen Fußball auseinander, bald kannte ich Red Bull in- und auswendig." Bevor Lena Cassel ihren Job bei Hertha BSC antrat, beschäftigte sie sich vor allem mit der Frage, ob ihre Socken nicht zu bunt sind und ob ihr beim Dienstantritt wohl ein Kaffee gereicht wird. Sie betont, wie wichtig es ihr sei, "über die Schablone hinaus" zu malen. Schön und gut - aber wäre es nicht sinnvoll, im ersten Schritt erstmal das Ausmalen selbst halbwegs hinzubekommen? Das Rezept einmal von Anfang bis Ende mit Erfolg durchkochen, ehe ich über Abwandlungen nachdenke?
Zutiefst traurig und verstörend sind viele der privaten Passagen des Buches, insbesondere die Schilderungen ihrer Beziehung als Kind zu ihrem alkoholkranken, von ihr getrennt lebenden Vater. Cassel beschreibt seinen Atem, der immerzu nach scharfer Mundspülung in Verbindung mit wechselnden Alkoholika roch, die gemeinsamen Auszeiten, wenn er sie pompös zum Austernessen einlud - und sie sich vor dem Moment fürchtete, wenn die Rechnung kam, weil immer unklar war, ob er sie bezahlen konnte. Wie sie gemeinsam zum Angeln gingen und sie heimlich seine Schnapsflasche auskippte - woraufhin er unter einem Vorwand verschwand, um Nachschub zu besorgen. Das sind die mit Abstand intensivsten Teile des Buches, aber die sind jedenfalls mir viel zu intim und gehören in die Kategorie "Wissen, das ich gern zurückgeben würde".
Vielleicht ist es ein Nachteil, dass ich Lena Cassel noch nie als TV-Journalistin erlebt habe, vielleicht habe ich auch einfach ein anderes Buch erwartet, nämlich eine geballte Ladung "So habe ich es geschafft und so arbeite ich heute"-Insidereinblicke einer Fußballjournalistin, also mehr über den Alltag in der Branche selbst, und vielleicht tue ich Lena Cassel deshalb unrecht. Interessanterweise ging mir das bei einem ganz anderen Buch aus einem ganz anderen Bereich schon mal ähnlich - nämlich bei der Biographie der Schauspielerin Muriel Baumeister, die recht viel über ihren Kampf gegen den Alkohol und leider recht wenig über ihre Karriere im Filmgeschäft schrieb. Sichtweisen können sich aber auch ändern: Zu einem Bestseller von Bernd M. Beyer, der mich im ersten Anlauf ebenfalls nicht gepackt hatte, im zweiten aber sehr wohl, hielt ich mal fest: Jedes Buch hat seine Zeit. Vielleicht nehme ich mir "Aufstiegskampf" in drei Jahren nochmal vor und urteile ganz anders. Aber hier und heute geht der Daumen leider nach unten. Allerdings ist an dieser Stelle zu betonen: Auch in einem Buch, das mich nicht überzeugt, steckt eine unglaubliche Menge Arbeit und Herzblut. Hier hat sich jemand - nach seinem im Zweifel fordernden und stressigen Job - abends hingesetzt und überaus persönliche, schmerzhafte Erinnerungen zu Papier gebracht, einen Verlag gesucht, ein Lektorat durchlaufen und tausend Details abgestimmt und das Ganze wirklich bis zum Ende durchgezogen. Das verdient Anerkennung, auch wenn mir - siehe oben - ein anderes Ergebnis lieber gewesen wäre.
Lena Cassel: "Aufstiegskampf: Vom Seitenrand in die Primetime", Klett-Cotta Verlag
Montag, 13. Juli 2026
Im Fahrstuhl nach unten: Nagelsmann und die Medien
(KL) Fürs Protokoll: Unsere eigenen Bedenken gegen Julian Nagelsmann hatten wir früh hinterlegt - genau genommen als erste: Vor über zwei Jahren, als alle anderen dem Bundestrainer noch weitgehend kritiklos huldigten, notierten wir: "Gewiss ist Nagelsmann ein großes Trainertalent und sicherlich hat er bei seinen vorherigen Stationen beachtliche Arbeit - wenngleich hier und da mit Abstrichen - geleistet. Aber er war und ist eben genau (noch und nur) das - ein Talent. Und der Beweis, dass die DFB-Entscheidung für ihn die richtige war, steht noch aus." Und angesichts einer sehr ärgerlichen Lobhudelei in "11Freunde" notierte Tim Bender damals: "Kein Wort davon, dass Nagelsmann - fescher roter Mantel hier, Holzfällerhemd da - mitunter mehr Show als Inhalt ist. Kein Wort davon, dass er gelegentlich auf frappierende Weise Gespür vermissen läst. Ich könnte mich heute noch totlachen über das konsternierte Gesicht von Oliver Kahn, als Nagelsmann zum Oktoberfest 2022 seine "Bild"-Reporterin-Lebensgefährtin mit an den Tisch der Bosse brachte."
Wenn wir heute, nach einer (weiteren) WM mit einem peinlichen Abschneiden der DFB-Elf, diversen Kommunikationspannen, Coachingfehlern und sonstigen harschen Vorwürfen an den nunmehrigen Ex-Bundestrainer, eine Lanze für Julian Nagelsmann brechen, tun wir das also nicht, weil wir von einer zuvor eingenommenen Kuschelposition nicht ohne arge Verrenkungen wegkommen würden. Wobei: Genau damit hatten "Sport-Bild", "kicker" und "11Freunde" nun wirklich keinerlei Probleme. Die Geschwindigkeit, in der praktisch sämtliche Medien den Daumen senkten, war atemberaubend; die Geschicklichkeit, mit der Journalisten von Nagelsmann abrückten, die zuvor quasi auf seinem Schoß saßen, ließ selbst einen Houdini vor Neid erblassen. Der Bundestrainer musste nach dem Paraquay-Spiel auf die harte Tour lernen, was zuvor schon etliche seiner Kollegen erfahren hatten und was niemand schmierig-selbstgefälliger beschrieben hat als Springer-Boss Matthias Döpfner: "Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit uns im Aufzug nach unten."
Interessant dabei ist vor allem, wie nahezu alles, was vor kurzem in den devoten Nagelsmann-Porträts noch gut und richtig war, plötzlich falsch wurde, und wie der Bundestrainer an praktisch allem, was irgendwie schief lief, die Schuld trug, während sich seine eigenen Ideen angeblich durchweg als Rohrkrepierer erwiesen. Ein schönes Beispiel hierfür ist das letzte Spiel der Deutschen bei dieser WM, das Aus gegen Paraquay: Nagelsmann hatte endlich das getan, was (vermeintlich) ganz Fußball-Deutschland gefordert hatte, nämlich den zuvor auf die Joker-Rolle reduzierten Stuttgarter Deniz Undav in die Startelf genommen. Im Spiel erwies sich Undav als Totalausfall. War das nun nicht eine nachträgliche Bestätigung der bisherigen Linie Nagelsmanns? Keineswegs, so das einhellige Medien-Echo, vielmehr trage er die Schuld an der desolaten Leistung des Stürmers, weil er ihn durch sein Verhalten zuvor nicht gestärkt habe. Gleiches gilt für Nick Woltemade. Der hatte gegen Paraquay einen Elfer verballert. Auch das, so war im "kicker"-Podcast zu hören, gehe zu Lasten Nagelsmanns, der ihm in der Vorrunde keine Minute Spielzeit gegeben und ihn so verunsichert habe, aber nun plötzlich erwartete, dass Woltemade die Kohlen aus dem Feuer holt. Wollen wir das mal überdenken? Wir haben da einen Stürmer, für den vor einem Jahr eine beinahe dreistellige Millionenablöse gezahlt wurde. Einen Torjäger, von dem jedenfalls ich wesentlich mehr Titelseiten-Fotos in seiner dämlichen Signatur-Pose gesehen habe, als Tore (siehe oben - Bildzitat/ © "kicker"). Einen Stürmer, der sich bei seiner ersten Weltmeisterschaft im WM-Quartier so schrecklich langweilte, dass er "Verstecken" spielen musse. Aber wenn genau dieser Spieler nicht in der Lage ist, in der einen Minute, in der es darauf ankommt, einen Elfer zu verwandeln, ist es die Schuld des Trainers? Ernsthaft? Und dann ist da Manuel Neuer. Man könnte meinen: Nagelsmann hat mit seiner Maßnahme genau das erreicht, was er wollte - in einem entscheidenden Moment machte der Münchner den Unterschied, hielt einen Elfer und - sagen wir mal - hypnotisierte einen zweiten übers Tor. Versagt haben dann diejenigen auf deutscher Seite, die ihre eigenen Elfer nicht verwandelten. Klare Sache, oder? Nein, auch das stimmt natürlich nicht - da Deutschland das Spiel nicht gewonnen habe, sei die Neuer-Rückkehr zwingend als Fehlschlag zu werten. Und überhaupt - die Mitnahme der Spielerfrauen sei ein Schnitzer (als Berti Vogts genau das 1992 verbot, war es allerdings auch nicht richtig), das WM-Quartier mit seiner Ruhe und Abgeschiedenheit war ein Fehler (das in gleicher Weise abgeschiedene Campo Bahia 2014 in Brasilien mit all seinen Unzulänglichkeiten hingegen selbstredend eine Top-Wahl), die Einsatzzeiten für Ersatzspieler gegen Ecuador - zuvor vehement gefordert - waren im Nachhinein auch falsch und so weiter und so weiter.
Wenn wir mal einen Schritt zurücktreten, bleibt unter dem Strich: Ja, Julian Nagelsmann hat in der Tat ein paar Fehler gemacht. Aber es waren genau solche, die ein gerade mal 38jähriger ohne ausreichende Erfahrung und mit dem Hang zur Selbstüberschätzung nun mal macht, wenn man ihm (ohne Not!) die Nationalmannschaft einer der erfolgreichsten Fußballnationen der Welt anvertraut. Ja, er wurde jetzt auf ziemlich unsanfte Weise auf den Boden der Realität zurückgeholt. Aber genau auf dieser Grundlage hätte man durchaus weitermachen können - mit der zusätztlichen Erfahrung eines weiteren Turniers, mit altmodischer harter Arbeit, mit ein paar schmerzlichen, aber notwendigen Entscheidungen, dafür aber ohne die Selbstgefälligkeit, ohne die Angebereien, ohne die Selbstdarstellung, ohne die ganze irrwitzige Show, die bei der Bekanntgabe der Nominierten teilweise abgezogen wurde, ohne das Spiel mit den Medien, das Nagelsmann - siehe oben - wesentlich schlechter beherrscht, als er selbst glaubte. Hier war durchaus noch etwas zu machen. Für einen DFB-Präsidenten, der seine Personalverantwortung ernst nimmt und nicht nur seinen eigenen Kopf retten wollte, war dieser - zumal kostspielige - Rausschmiss keineswegs ein Muss.
Ob Jürgen Klopp, dessen strahlend weiße Beißerchen mir schon nach zwei Wochen Nachfolge-Diskussion nebst entsprechenden Titelseiten gehörig auf die Nerven gehen, in diesem Moment und für diesen Posten die bessere Wahl ist, wird man sehen. Aber alle, die jetzt schon wieder zu Träumen und Höhenflügen ansetzen, seien erinnert: Klopp hatte zwar überall, wo er gearbeitet hat, Erfolg. Aber nirgendwo sofort.
Dienstag, 23. Juni 2026
Im Gespräch mit "kicker"-Director S.&D. André Kolb
Weil ...?
...ich beispielsweise nicht weiß, wie die Kostenentwicklung aussieht. Wir haben gesehen, wie die Energie- und Papierpreise explodiert sind, von den Transportkosten ganz zu schweigen, die wie ein Damoklesschwert über der ganzen Branche hängen. Das muss im Grunde halbjährlich neu kalkuliert und bewertet werden.
(Das Interview führte Tim Bender.)
Samstag, 20. Juni 2026
Herrlich: 45 steile Hamann-Thesen zum Streiten
Samstag, 13. Juni 2026
"WM 1994": Die schäbige Seite des Franz Beckenbauer
(KM) Ja, in unserem Magazin geht es in erster Linie um Bücher und Fußball- beziehungsweise Sportmagazine, und manchmal, eher selten, um Onlineportale wie transfermarkt.de. Wenn wir uns heute höchst ausnahmsweise mal mit einer TV-Fußball-Dokumentation beschäftigen, hat das einen Grund. Das gilt umso mehr, als derartige Dokus derzeit schier inflationär produziert werden. Über gefühlt jeden Verein, jeden halbwegs bekannten Spieler, jedes Großereignis gibt es schon etwas - und das meiste davon, sorry, ist einfach nur belangloser Mist. Nach dem immer gleichen Schema sitzen (ehemalige) Trainer und Spieler mit tiefsinnigen Mienen vor der Kamera und versuchen, staatstragende Sätze von sich zu geben, dann folgen Spielausschnitte und irgendwelche Füllszenen mit sonorem Hintergrundgeraune und dramatischer Musik. Und wenn die Vereine selbst an der Produktion beteiligt sind, ist das Ergebnis in aller Regel so glattpoliert und steril wie Pressemitteilungen des DFB. Aber: Es gibt Ausnahmen - und interessanterweise sind es nicht selten die öffentlich-rechtlichen Sender, die hier glänzen. "Die Nacht von Sevilla" etwa, eine ZDF-Doku über das legendäre Halbfinale Deutschland - Frankreich (5:4 n.E.), ist einfach nur großartige Unterhaltung mit jeder Menge Gänsehaut-Potential. Und pünktlich zum Start der WM 2026 hat sich die ARD in der vierteiligen Reihe "WM 1994 - Elf Helden, ein Alptraum" unter der Regie von Manfred Oldenburg mit dem ersten in den USA ausgetragenen Turnier beziehungsweise der Rolle der deutschen Elf beschäftigt. In meinen Augen ist diese Doku eine kleine Sensation - und ich empfehle wirklich dringend, da mal reinzuschauen.
Montag, 8. Juni 2026
Was Philipp Köster und C. C. Catch gemeinsam haben
Im April 2000 erschien die erste Ausgabe des Monatsmagazins "11Freunde". Inzwischen ist Mitgründer Philipp Köster, bis heute Chefredakteur des Blattes, zu einer der gewichtigsten Stimmen im deutschen Fußball-Journalismus geworden. Das hat zum einen natürlich mit der Auflage des Magazins zu tun, die von anfangs 2.000 auf aktuell über 53.000 Exemplare gestiegen ist und den "11Freunden" einen festen Platz in der hiesigen Sportmedienlandschaft verschafft hat. Zudem zeichnet Köster als Autor das aus, was Dieter Bohlen einst auch bei einer jungen Frau namens Caroline Müller sah, die ihm in irgendeiner Provinzdisco vorgestellt wurde und aus der er eine gewisse C. C. Catch machen sollte: Unverwechselbarkeit. Einen Philipp-Köster-Text erkennt man unter hundert anderen sofort. Und Unverwechselbarkeit, so Bohlen in seiner Autobiographie "Nichts als die Wahrheit", sei in seiner Branche fast noch wichtiger als eine schöne Stimme. Nun, im schreibenden Gewerbe, auch im Fußballjournalismus, ist es damit allerdings nicht ganz getan. Unverwechselbarkeit allein kann auch ganz schnell anstrengend werden, wie jeder weiß, der regelmäßig Texte von Guido Schäfer liest. Aber im Fall Köster kommt eben noch eines hinzu: Auch wenn es ihm in den vergangenen 26 Jahren immer wieder aufs Neue gelungen ist, hervorragende Schreiber in die "11Freunde"-Redaktion zu holen, blieb der Chef in dieser Disziplin stets der Beste - und er verfügt obendrein über klare Standpunkte etwa zur zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs und zur Verdrängung der "echten" Fans aus den Stadien, denen er nur zu gern Ausdruck verleiht. Ich lese Köster-Texte schon deshalb mit großem Vergnügen, weil ich seine Meinung oft genug nicht teile. Die Aussicht, gleich einmal ein ganzes Buch aus seiner Feder zu bekommen, war überaus verlockend. "Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können", heißt das vor einigen Wochen bei Ullstein erschienene Werk, und damit erst gar keine Missverständnisse entstehen, hebt einen der Verlag im Klappentext gleich aufs richtige Gleis: Eine "wortgewaltige, aufrüttelnde Streitschrift" habe der Autor hier vorgelegt, heißt es da. Na schön, dann mal her damit! Mit Streitschriften habe ich schließlich Erfahrung. Und mein nach der Lektüre von Kathrin Längerts Mehr-Kohle-für-den-Frauenfußball-Plädoyer "Wir verdienen mehr!" - unsere Besprechung siehe hier - gefährlich entgleister Blutdruck war schließlich wieder auf Normalwerte gesunken. Indes: Für ihn bestand diesmal keine Gefahr. "Holt euch das Spiel zurück!" ist nicht wirklich eine Streitschrift oder ein Manifest, eher ein anekdotenreicher, sensibilisierender Streifzug durch fünfzig Jahre Fußball-Kultur und -Kommerz.
Köster ist, das muss betont werden, bei aller Kritik an bestehenden Zuständen kein Verklärer, keiner, in dessen Augen früher alles besser war. Im Gegenteil, er sieht und benennt sämtliche Dinge, die dem gewöhnlichen Fan den Stadionbesuch etwa in den 1970er und 1980er Jahren im Vergleich zu heute sauer machten: Der Zeitlupenfußball und die ungeahndeten Hinter-dem-Rücken-des-Schiris-Brutalitäten auf dem Rasen, der allgegenwärtige Rassismus, Sexismus und Hooliganismus auf den Rängen, die Gewalt- und Alkoholexzesse, die unüberdachten, ungeheizten, baufälligen, oft genug halbleeren Stadien. Auch wenn hier und da Wehmut durchschimmert, will Köster nichts von dem zurück. Allerdings gefällt ihm der Status quo auch nicht: "Mit den modernisierten Stadien, den TV-Kameras, den neuen Wettbewerben, den flackernden Werbebanden und kreischbunten Ausweichtrikots, den Einlaufeskorten und Sonntagsspielen ist dem Fußball langsam und stetig seine Kultur, seine Seele, seine Faszination abhandengekommen. [...]".
Kapitel für Kapitel nimmt sich Köster nun all die Themen vor, die sich im weitesten Sinne in die Rubrik "Der Fußball als Gemeinschaftserlebnis ist in Gefahr" einordnen lassen - von den Medien, die Milliarden in ein Produkt stecken und einen Teufel tun werden, es schlecht zu reden, über Politiker, die das Spiel immer dreister für ihre Zwecke vereinnahmen, den unsäglichen VAR, neue Kunstprodukte wie die Klub-WM oder die europäische Super-League und die gezielte Heranzüchtung steriler, teflonbeschichteter Massen-Idole bis hin zum "gruseligen Deadline Day", dem laut Köster "sommerlichen Schmierentheater". Das alles lässt sich wie immer bei ihm hervorragend lesen, auch wenn ich persönlich beispielsweise das Transfergeschäft inklusive Deadline Day über alles liebe - und Köster dann mitunter doch zu ungewöhnlich romantisierenden Einschätzungen kommt. So heißt es etwa zum "Bosman"-Urteil: "Es war die Geburtsstunde des Fußballs, wie wir ihn heute kennen. Dass Spieler fortan nach dem Vertragsende ablösefrei wechseln konnten, veränderte auch grundlegend die Beziehung zwischen den Spielern und uns Zuschauern. [...] Dass Kicker nun [...] oft nur noch wenige Jahre beim selben Klub blieben, [...] und Wechsel sogar weit vor Vertragsende üblich wurden, war neu. Bei den Anhängern ließ es das schale Gefühl zurück, ganz allein für die Identifikation mit dem Klub zuständig zu sein." Ernsthaft? Soll das wirklich heißen, dass dieses bahnbrechende Urteil, das es den Vereinen endlich untersagte, einen Spieler nach Ende des Vertrages (!) durch irrwitzige Ablöseforderungen an der Wahl seines Arbeitsplatzes zu hindern, zu bedauern ist? Und wie echt war denn eine "Vereinsidentifikation", die dadurch erzwungen wurde, dass der Verein den Spieler rechtswidrig und willkürlich an sich kettete? Und beweisen nicht Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger oder Manuel Neuer, dass es auch seit der "Bosman"-Entscheidung sehr wohl möglich ist, den größten Teil seiner Karriere bei nur einem Klub zu verbringen?
Auch an einer anderen Stelle bin ich im Buch hängengeblieben. Köster schreibt über die Fanzine-Szene in den 1990er Jahren - er selbst startete seine Karriere als Autor einst bei einem Bielefelder Fanzine mit dem knackigen Titel "Um halb vier war die Welt noch in Ordnung" -, die er als eine Art Gegenbewegung der Fans zur aufkommenden Kommerzialisierung ausmacht. Dabei hält er fest: "Sosehr sich die Fanzines also in ihrer Machart und Redaktionsstärke unterschieden, manches wurde schnell Konsens." Etwa "eine klare Position zum massiven Rassismus in vielen Fankurven". Hm, war das wirklich so? Meine Erinnerung ist da eine ganz andere. Aber wofür hat man ein Archiv? Also mal schnell runter in den Keller und wahllos in die Kiste mit den alten Fanzines gegriffen. Was haben wir denn da? "Rülps" Nr. 19, ein Heft aus der Fanszene des TSV 1860 München. Der Herausgeber war ein gewisser "Doc Zyklon" (jegliche Assoziationen sind sicher unbeabsichtigt), der sich in einem zweiseitigen Artikel bitter beschwert, dass "immer mehr Asylanten unser Land überfluten". Okay, das war wohl nichts. Nächster Versuch: "Siegerland-Kurier" Nr. 4, ein Heft eines Bayern-Fans aus NRW, das nicht nur mit der Anrede "Tag, Kameraden!" aufwartet, sondern auf S. 16 auch mit einem Foto, auf dem drei Stadionbesucher mit dümmlichem Stolz den Hitlergruß darbieten. Unrat dieser Art war damals zwar nicht die Regel, aber auch keine Seltenheit in den Fanzines. Das wiederum wurde in auf der anderen Seite des politischen Spektrums angesiedelten Heften auch sehr wohl thematisiert und kritisiert. Aber dass die Fanzines eine Art frühe Variante der "Reclaim the Game"-Bewegung gewesen sein sollen, würde ich doch hinterfragen wollen. Denn mit Köster und seinem jahrzehntelangen Eintreten für Belange der Fans haben viele der damaligen Machwerke rein gar nichts zu tun.
Aber zurück zum Buch. Ganz konkrete, greifbare Vorschläge, was sich ändern muss, formuliert Köster unter dem Strich nicht, vielleicht auch, weil vieles von dem, was er bitter beklagt, der Preis der positiven Veränderungen war und das eine nicht ohne das andere zu haben war bzw. ist. Ja, mich nervt auch vieles am Fußball von heute, vom VAR bis zum unterträglichen Gianni Infantino. Mir wäre es als Anhänger des FC Bayern tausendmal lieber, es stünde nicht schon jedes Jahr bereits im Februar fest, dass der Klub im Mai mal wieder Deutscher Meister wird. Das macht nämlich keinerlei Spaß. Aber bisher habe ich auch noch keinen umsetzbaren Vorschlag gehört, wie man zu mehr Chancengleichheit in der Bundesliga kommt, ohne ein geschlossenes System schaffen zu müssen und ohne die Aussichten der deutschen Top-Klubs in europäischen Wettbewerben zu schmälern. Entsprechend vage fallen im Buch auch Kösters Verweise auf notwendige Regulierungen auf europäischer Ebene aus. Aber allein dafür, dass der "11Freunde"-Chef seit 26 Jahren in seinem Magazin und nun auch in "Holt euch das Spiel zurück!" immer und immer wieder die Fahne der Fans hochhält und unermüdlich daran erinnert, dass sie eben keine "Kunden" sind, sondern Teil des Spiels und der Fußball ohne sie nicht der Sport wäre, den wir lieben, allein dafür gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame des deutschen Fußballs. Und ein großes Lesevergnügen ist sein Buch obendrein. Also, ziert Euch nicht, auf zum nächsten Buchladen!
Philipp Köster: "Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können", Ullstein Buchverlage









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