Fußballbücher
Im Fußballbücher-Magazin geht es um genau das: Lesestoff rund um den Profifußball. Hier werden v.a. Biographien, "Enthüllungen", Erinnerungen und sonstige Bücher besprochen, die die Protagonisten des Geschäfts in ihrem Alltag zeigen. Neben Werken (ehemaliger) Spieler und Trainer widmen wir uns auch Büchern von Journalisten, Fernsehreportern und anderen Insidern.
Dienstag, 26. Mai 2026
WM-Berichte zum Schmökern: Der perfekte Gaumenkitzler
Freitag, 15. Mai 2026
Einsteigerlektüre für Bayern-Newbies
Also schön, ich gebe es zu: Den Namen Markus Kavka hatte ich zuvor in meinem ganzen Leben noch nicht gehört. Aber war in meinem letzten Beitrag nicht schon angeklungen, dass ich mit Musik so gar nichts am Hut habe? Ist wirklich so, und deshalb hatte ich keinerlei Ahnung, wer Markus Kavka ist. Was das angeht, bin ich auch nach Lektüre seines Buches "FC Bayern München: Eine Liebeserklärung" (Ullstein) immer noch nicht viel schlauer, aber halten wir fürs Protokoll mal fest, dass er als Moderator von MTV und VIVA gearbeitet hat und ein DJ ist. Und offenbar ist er als solcher so bekannt, dass der Verlag davon ausging, dass sich für seine ganz persönliche Liebeserklärung an den FC Bayern genügend Leser interessieren und knapp 17 Euro dafür auf den Tisch legen. Ich drücke die Daumen, dass diese Überlegung aufgeht!
Persönlich war ich eher zufällig auf das Buch gestoßen, nicht über den Namen Kavka, sondern weil ich eigentlich alles über die Bayern lese. Allerdings dürfte ich damit nicht zur Zielgruppe dieses Buches gehören, das sich eher an Bayern-Newbies richtet. Der Autor beschreibt, wie er als Kind mit dem FCB-Virus infiziert wurde, und gibt dann, verbunden mit seinen persönlichen Stadionerlebnissen, einen groben Abriss des sportlichen Werdegangs des Klubs seit den frühen 1980er Jahren. Dabei hangelt er sich an den bekannten und erwartbaren Meilensteinen entlang, dem 1982er Europapokalfinale gegen Aston Villa (0:1), dem Auftritt von "Turban-Dieter" Hoeneß im DFB-Pokalfinale gegen den 1. FC Nürnberg (4:2), dem Kutzop-Elfmeter (1986), dem deprimierenden Spiel gegen den FC Porto 1987 (1:2), dem legendären ZDF-Sportstudio mit den Kontrahenten Hoeneß und Daum (1989) und so weiter und so fort.
Um nicht falsch verstanden zu werden: An Kavkas echter und tiefer Leidenschaft für die Münchner habe ich keinerlei Zweifel. Und er versteht es, die Geschichte dieser Leidenschaft kurzweilig und unterhaltsam zu erzählen. Aber von wenigen Ausnahmen abgesehen ist es halt Wissen aus zweiter Hand, sind es Dinge, die jeder, der sich auch nur ein wenig für Fußball und den FC Bayern interessiert, schon zig Mal gehört hat. Aber für all jene, die mit den Münchnern bisher noch gar nicht in Berührung gekommen sind, die womöglich nur wissen oder ahnen, dass sie den Klub aus der bayerischen Landeshauptstadt keinesfalls mögen können, ist es eine eine wirklich schöne, weil zugleich informative und persönliche Einsteigerlektüre.
Recht interessant waren für mich Kavkas Schilderungen seiner (nicht immer angenehmen) Erlebnisse als "Grufti" unter eher - sagen wir mal - traditionellen Bayern-Fans der 1980er Jahre und seiner persönlichen Bekanntschaft mit Mehmet Scholl. Hier hat das Buch in meinen Augen seine authentischsten und besten Momente. Wobei, eines ist ebenfalls noch hervorzuheben: Kavka schafft es, mir mit der Beschreibung des Bundesliga-Finales 2001 eine Gänsehaut zu bereiten - obwohl ich die Geschichte und ihren Ausgang in- und auswändig kenne, die entscheidenden Szenen schon Hunderte Male im Fernsehen gesehen und damals, in meiner Wohnung vor dem Radio, in exakt gleicher Weise vor überschäumender Begeisterung auf den Boden getrommelt habe wie der Autor. Es gibt eben Sachen, die man gar nicht oft genug wiederholen kann, einfach weil sie so schön waren - und diese Meisterschaft des FC Bayern war auch meine mit Abstand schönste.
Markus Kavka: "FC Bayern München: Eine Liebeserklärung", Ullstein Verlag
Dienstag, 5. Mai 2026
1977/78: Bissiger Blick auf eine düstere Zeit
Soweit es mich betrifft, hatte Bolten sogar einen kleinen Startvorteil. Denn ich finde die späten 1970er Jahre deutlich interessanter als die frühen. Nun denn: Der Autor wählt mit Berti Vogts und Kevin Keegan zwei in ihrer Gegensätzlichkeit bestens geeignete Protagonisten und folgt ihren ersten Begegnungen auf internationalem Parkett, ihren Wegen in der Bundesliga (Keegan wechselte 1977 zum Hamburger SV) und im Nationaltrikot, aber immer auch mit einem Blick auf das sonstige Geschehen im Fußball einschließlich des Frauen-Fußballs und wie erwähnt in Politik, Gesellschaft und Musik. Dabei wird schnell klar: Wie die Titanic auf den Eisberg steuert dieses Buch unaufhaltsam auf die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien zu, einem der düstersten Kapitel des Fußballs in einer Zeit, die in Deutschland auch so schon - mit der Enge der 1970er Jahre und allen Nachwehen des RAF-Terrors - eine bleierne und graue war. Im wirtschaftlich heftig gebeutelten WM-Gastgeberland hatte 1976 eine rechte Militärjunta die Herrschaft übernommen. Während sich WM-Organisationschef Hermann Neuberger über den neuen "Partner mit Durchsetzungsvermögen" freute, wurden in Argentinien politische Gegner zu Tausenden in geheime Lager verschleppt, auf brutalste Weise gefoltert und ermordet. Unter ihnen auch etliche deutsche Studenten, Gewerkschafter aus Niederlassungen deutscher Firmen, Journalisten, Regimekritiker und so weiter. Und: All das war weltweit und lange vor dem ersten WM-Spiel hinlänglich bekannt. Was also tun? Als Titelverteidiger gar nicht erst ins Land der Folter fahren? Oder vielleicht gerade - in der Hoffnung, dass der Fußball etwas zum Guten ändert, und zuvor womöglich versuchen, Druck auf das Regime auszuüben und die eigenen Staatsbürger aus den Foltergefängnissen herauszubekommen?
Bolten fängt, und in meinen Augen sind das die stärksten Teile des Buches, in wunderbarer Weise die fragile, von Unsicherheit und Angst geprägte Stimmung jener Vor-WM-Monate ein. Alles schien in der Schwebe, es gab national und international unzählige Boykottaufrufe. Das Auswärtige Amt glänzte durch unfassbare Untätigkeit und Ignoranz, als es darum gegangen wäre, das Leben der in Argentinien inhaftierten deutschen Aktivistin Elisabeth Käsemann zu retten. Der aalglatte, vor dem Junta-Chef Videla dienernde Taktiker Neuberger versuchte, weder die WM noch die deutsche Teilnahme irgendwie zu gefährden, ohne dabei allzu offenkundig werden zu lassen, dass ihm die Gräuel des Regimes und deren Opfer herzlich gleichgültig waren. Die überforderten Spieler wurden aus verschiedensten Richtungen mit Petitionen und Forderungen bedrängt, und einige von ihnen (Vogts, Kaltz, Beer) ließen sich zu Äußerungen verleiten, die ihnen heute vermutlich hochnotpeinlich sind. Wie schon an anderer Stelle angemerkt, bin ich allerdings geneigt, hier mildere Maßstäbe anzulegen. Die sozialliberale Bundesregierung unter Kanzler Schmidt, das Auswärtige Amt, der DFB unter Führung des Karrieristen Neuberger - sie alle duckten sich weg, als es an der Zeit gewesen wäre, angesichts des Terrors der argentinischen Junta Farbe zu bekennen oder die von ihr dringend benötigte WM zumindest zu nutzen, um Forderungen durchzusetzen. Aber die teils noch sehr jungen Spieler, deutlich unbedarfter und weniger reflektiert als die heutige Generation, sollten nun sorgfältig abgewogene, kluge Statements für Menschenrechte und Demokratie und wider das Folterregime in Argentinien abgeben? Das erscheint mir etwas viel verlangt, auch wenn einem verschiedene kaltherzige Äußerungen, die jegliches Mitgefühl mit den Opfern vermissen lassen, dennoch bitter aufstoßen.
Zu sagen, dass die Lektüre jener Kapitel ein Vergnügen ist, wäre falsch - schon "71/72" war alles andere als ein unbeschwertes Buch, und "77/78" ist noch eine Spur düsterer. Aber es ist eine hochspannende, aufwühlende und wütend machende Darstellung und, nachdem Deutschland an dieser WM teilnahm, eine wichtige und leider Gottes auch mit Blick auf künftige Turniere dringend nötige Auseinandersetzung mit dieser Entscheidung und dem Weg zu ihr. Bolten, der ohnehin im gesamten Buch wenig Zweifel an seinen Sympathien lässt (für den eher linken Keegan ja, für den CDU-nahen und in "77/78" nur selten positiv konnotierten Vogts nein), schreibt in einem oft bissigen Ton, mitunter neigt er zum Eifern und zur Galligkeit, etwa wenn er aus einem "kicker"-Artikel über die deutschen Spielerfrauen zitiert und das dortige Augenzwinkern unterschlägt. Das musste in meinen Augen nicht sein, sein Buch ist so schon beklemmend und überzeugend genug. Und auch seine Bitterkeit, dass vom Finale der 1978er Frauen-Meisterrunde nur knapp - versteckt zwischen Beiträgen über Prellball und Motocross - in einem dritten Programm berichtet wurde, erscheint mir doch gewaltig übertrieben. Gemessen an der damaligen Bedeutung des Frauenfußballs, der auf völliges Desinteresse stieß (zum Finale zwischen dem SC 07 Bad Neuenahr und dem FC Hellas Marpingen kamen 1.500 Zuschauer), erscheint mir selbst das schon viel. Mit der Tendenz, Entscheidungen von damals an den Maßstäben von heute zu messen, kann ich ohnehin nicht viel anfangen. Die Ausflüge ins Musikbusiness, mit denen ich mich schon bei Beyer eher schwer getan habe, erscheinen mir bei Bolten noch eine Spur bemühter und noch weiter hergeholt, aber das mag auch daran liegen, dass ich zu den genannten Sängern und Bands keinerlei Bezug habe. Und letztlich sind das Petitessen. Die Hauptleistung des Buches besteht in der höchst kritischen Auseinandersetzung mit dem beschämenden Agieren deutscher Funktionäre, Journalisten, Politiker und - mit Abstrichen - auch Spielern vor und während einer Weltmeisterschaft, die es so nie hätte geben dürfen. Ganz klare Pflichtlektüre!
Michael Bolten: "77/78 - Die Saison der Arbeiter", Verlag Die WerkstattDienstag, 28. April 2026
Enzyklopädischer Blick auf den Fußball im Sozialismus
Samstag, 18. April 2026
Längst überfällig - und großes Kino: Granitza in der NASL
Granitza war kein Superstar, als er in die NASL wechselte, sondern ein solider Bundesliga-Stürmer bei einem nicht allzu erfolgreichen Verein (Hertha BSC), mit einer sehr soliden Vergangenheit in der Zweiten Liga (DJK Gütersloh, SV Röchling Völklingen, Torschützenkönig 1975/76), einer Berufung in die B-Nationalmannschaft und einer sehr, sehr vagen Hoffnung, es vielleicht in den Kader für die WM 1978 in Argentinien zu schaffen. Und allein die hiermit verbundenen Einblicke, die "King Bomber Karl" gewährt - wie lebte ein Zweitligaspieler in den 1970er Jahren, was verdiente er, wie lief eine Berufung ins DFB-B-Team ab usw. - machen das Buch jedenfalls für mich zu einem Schatz. Und da sind wir ja noch gar nicht beim eigentlichen Thema, das dann aber sehr schnell kommt: In traumhafter Ausführlichkeit beschreibt Hermanns, wie der erste Abstecher Granitzas in die NASL - noch auf Leihbasis - zustande kam, die Gespräche mit Willy Roy, dem (nach heutigem Sprachgebrauch) Kaderplaner und späterem Trainer der Chicago Sting, und Herthas Präsident Ottomar Domrich. Roy hatte Granitza, den Hertha-Stürmer ohne besondere Eigenschaften (nicht zu schnell, nicht zu groß, nicht zu kopfballstark, nicht zu schussgewaltig), aber mit einem ausgeprägten Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, im US-Fernsehen gesehen - in einer Art "Die besten Szenen aus der Bundesliga"-Wochenshow. Er wollte ihn in seinem Team haben, und Hertha brauchte die 100.000 Mark, die Roy für eine dreimonatige Leihe bot, ziemlich dringend. Deshalb redeten Domrich und Roy gemeinsam auf den zunächst wenig begeisterten Stürmer ein. Granitza ließ sich letztlich breitschlagen - und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
In Kapiteln, die jeweils nur relativ kurze Zeitanbschnitte betrachten, beschreibt Hermanns ausführlich, wie der Stürmer ins Team des mächtigen Sting-Eigentümers Lee Stern, eines millionenschweren Rohstoffmaklers, rutschte und recht schnell dessen Aushängeschild und Signature-Player wurde. Und wenn dieses ohnehin superstarke Buch besondere Höhepunkte hat, dann kommen sie hier: Hermanns schafft es, dem Leser Granitzas besondere Rolle in der Chicagoer Franchise und in der NASL insgesamt in ihrer ganzen Komplexität auf traumhaft atmosphärische Weise vor Augen zu führen. Denn hier ist nichts simpel. Einerseits war der mit bestechender Regelmäßigkeit (keine Saison unter 15 Toren) treffende und von Ehrgeiz zerrissene Musterprofi Granitza zeitweise der König von Chicago, der beliebteste Sportler, "obwohl er das Spiel spielt, das die Sportfans der Stadt am wenigsten interessiert“", wie eine Zeitung schrieb. Aber das hieß nicht, dass das Publikum den zum Jähzorn neigenden Deutschen nicht auch mal auspfiff, wenn er auf dem Spielfeld Teamkameraden wegen schlechter Leistungen öffentlich in den Senkel stellte. Auch etliche Mitspieler waren von seiner Art "nicht restlos begeistert", wie es einer diplomatisch ausdrückte. Aber sie akzeptierten sie, weil ihr Star mit seinem absoluten Siegeswillen ein Vorbild war. In all seinen Jahren in Amerika lernte Granitza nie wirklich brauchbares Englisch - seine Töchter achteten sorgfältig darauf, dass nicht er die Familien-Bestellung bei McDonalds aufgab. Aber, und jetzt kommt es: Dennoch gab es keinen Sting-Spieler, der bereitwilliger und öfter zu PR-Terminen, in Schulen und Krankenhäuser ging, der ein derart gern gesehener Gast in Talkshows war, der beinahe täglich Anrufe von irgendwelchen Journalisten bekam. Granitza war authentisch, auch in seinem Deutsch-Englisch-Mischmasch, und er hatte diese eine Mission: Den Fußball nach Amerika zu bringen.
Natürlich geht es - und das nicht zu knapp - im Buch auch um Sport selbst: Hermanns beschreibt die ein wenig an Dirk Nowitzkis Zeit in Dallas erinnernden immer neuen Anläufe des titelhungrigen Granitza, mit seinem Team über die kräftezehrende Regular Season und die Play-offs ins Endspiel, den Soccer-Bowl, zu kommen und die ersehnte NASL-Trophy zu gewinnen. Dabei geht es auch um die packenden Duelle der Sting mit den San Diego Sockers, in deren Tor der Deutsche Volkmar Groß stand, die noch packenderen Duelle mit Cosmos New York und dessen legendären Torjäger Giorgio Chinaglia (eine Art großer Bruder Granitzas im Geiste) und die - hier in Amerika auf Augenhöhe stattfindenden - Begegnungen Granitzas mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller.
Zu den traurigeren Kapiteln des Buches gehören jene über Granitzas Karriereende und die Zeit danach. Er verkrachte sich mit Sting-Eigentümer Stern, der ihn sogar verklagte, und setzte - eine deprimierende Parallele zu Gerd Müller - seine Ersparnisse mit einem von windigen Partnern betriebenen Restaurant in den Sand. Überspitzt gesagt verließ er Amerika so arm, wie er gekommen war - und das nach einer Karriere als einer der besten Stürmer in der Geschichte der NASL. Aber der heutige Potsdamer scheint zu akzeptieren, dass auch das Teil seiner Biographie ist, und er wirkt mit sich und der Welt im Reinen. Dazu passt auch, dass er sich die Zeit genommen hat, mit Stefan Hermanns ausführlich über seine Karriere zu sprechen und so dieses wirklich großartige Dokument der Zeitgeschichte zu ermöglichen.
Karl-Heinz Granitza und Stefan Hermanns: "King Bomber Karl", Edel Sports
Montag, 30. März 2026
Fußball im Osten: Der tiefe Fall und das Leben danach
Donnerstag, 19. März 2026
"Der Tormann": Denkmal für eine rumänische Legende
Inzwischen kann ich ohne Groll einräumen, dass der Sieg der Rumänen ein großartiger Erfolg eines Underdogs gegen einen übermächtigen Konkurrenten war, der im heutigen Fußball kaum noch denkbar ist. Ein Sieg, der übrigens schon damals unerwünscht war. Die Uefa tat nicht einmal so, als wäre sie unparteiisch. Barca durfte in seinem regulären rot-blauen Heimtrikot spielen, obwohl dieses Recht eigentlich Bukarest, das die gleichen Farben hatte, zugestanden hätte. Die Ehrung der Rumänen nach dem unerwarteten Sieg wurde nur widerwillig vorgenommen - und es gab noch nicht einmal genügend Medaillen für alle Spieler und auch keine Party. Und doch hatte Steaua dieses Endspiel sensationell gewonnen und niemand - wir sind ja nicht beim Afrika-Cup - würde dem Verein diesen Triumph wieder nehmen können.
Ironie des Schicksals: Es war eine der letzten Partien Duckadams. Allerdings nicht, wie in einigen deutschen Zeitungen spekuliert wurde, weil ihm Schläger des rumänischen Diktators Ceausescu die Arme zertrümmert hatten. Sondern weil in einer Schlüsselbeinarterie ein Blutgerinnsel entdeckt wurde, das Leistungssport unmöglich machte. Hätte man es früher gefunden, hätte es Duckadam wohl nie in Steauas erste Mannschaft und mithin auch nie ins 1986er Endspiel geschafft. Das und noch viel mehr kann man in Bocks Interview in der "11Freunde"-Reihe "Der Fußball, mein Leben und ich" nachlesen. Zum Beispiel erzählt Duckadam, wieso er während einer Testspielreise nach Kreta mal zehn Mars-Riegel pro Tag verputzte, bis ihm schlecht wurde, und ein Kollege eine Fiat-Windschutzscheibe kaufte und als Handgepäck mit nach Hause nahm, nur um zu erleben, dass sie nicht passte. Großartige Anekdoten und beides, der für das Fußballbuch des Jahres 2022 nominierte Roman und das Interview, sind eine durch und durch lohnende Lektüre.
Milan Radin: "Der Tormann", Leykam Verlag
Mittwoch, 11. März 2026
Wembley '96: Das nächste Wohlfühlbuch von Nils Suling
Freitag, 6. März 2026
"kicker" und "Sport-Bild" mit ansteigender Formkurve
Freitag, 27. Februar 2026
Legionäre im Interview: Wofür ich transfermarkt.de liebe
Auf transfermarkt.de erschien kurz nach seinem Amtsantritt ein ausführliches Interview, in dem der 38jährige über die Umstände seines Wechsels in die J-League und seine Arbeitsbedingungen in Hiroshima spricht. Und da musste ich wieder mal konstatieren: Das leistet in dieser Form und Aktualität kein "kicker" und keine "Sport-Bild" und letztlich auch "11Freunde" nicht. Solche hochspannenden und vertieften Gespräche mit Trainern und Spielern der zweiten, dritten oder gar vierten Reihe, die im Ausland ihr Geld verdienen, finde ich nur bei transfermarkt.de. Argirios Giannikis sprach dort über seine Arbeit beim griechischen Zweitligisten PAS Giannina, Joe Zinnbauer über seine Tätigkeit für den algerischen Klub JS Kabylie und Michael Boris über den Alltag bei MTK Budapest. Für genau diese Art von Beiträgen liebe ich die Seite.
Und, nein, ich habe dabei keineswegs eine rosarote Brille auf. Mir sind die Schwächen von transfermarkt.de nur zu bewusst. Das Portalformat nervt mich, die Art, wie ich als Leser mit übergriffiger Werbung geflutet werde, die ich ständig wegklicken muss, auch - und nach meinem Eindruck werden Leser vorrangig als Klickmasse angesehen. Sie sollen eine werbeträchtige "Community" bilden, jedoch bitte möglichst keine lästigen Fragen zu Newslettern u.ä. stellen. Aber ich kann mir die wirklich guten Beiträge ja auf ganz altmodische Art und Weise ausdrucken und dann lesen, wo immer ich will. Ohne Werbeeinblendungen.
Trainer-Legionär in Hiroshima: Gaul im Interview über überraschendes Angebot aus Japan: „Als Europäer muss man offen sein“, transfermarkt.de
Mittwoch, 18. Februar 2026
Rangnick: Wiener Blick auf den Professor aus Backnang
Freitag, 6. Februar 2026
Holperfahrt ins Morgen: Der Fußball in den Wendejahren
Oder eben, und das führt uns zu Jan Mohnhaupts Buch "Der geteilte Rasen" (Verlag Die Werkstatt), auch die hochspannenden Jahre unmittelbar vor und nach der Wende 1989. Die Idee, das Geschehen in Bundes- und Oberliga sowie bei den beiden deutschen Nationalmannschaften im Zeitraum 1989 bis 1992 anhand ausgewählter Spiele und begleitender Ereignisse zu beleuchten, ist so genial, dass man sich fragt, wieso erst rund 35 Jahre später einer auf die Idee kommt. Zwar erreicht das Buch nicht die atmosphärische Dichte von etwa "Marseille 1940", aber das mag daran liegen, dass Fußballer weitaus seltener als Schriftsteller (veröffentlichte) Tagebücher schreiben und ihr Alltag jenseits der Spiele jedenfalls damals auch weniger eng medial begleitet wurde. Soll heißen: Die Quellenlage ist eine andere. Aber gleichwohl gibt es genügend Rohmaterial für eine hochspannende Reise vom Frühjahr 1989 - nichts deutete auf ein baldiges Ende der DDR hin, Dynamo Dresden traf im Halbfinale des Uefa-Cups auf den VfB Stuttgart - über die Zeit des Umbruchs, etwa das legendäre 0:3 der DDR-Nationalelf in Österreich wenige Tage nach dem Mauerfall, bis hin zur Wiedervereinigung und der letzten Saison der DDR-Oberliga 1991/92. Es ist eine mitunter komische, mal traurige, in jedem Fall irrsinnige Holperfahrt aus dem Gestern der DDR ins Morgen des wiedervereinigten Deutschlands. Wir sind dabei, wenn sich eine Magdeburger Kellnerin im April 1989 über die Spieler der türkischen Nationalmannschaft, die am nächsten Tag auf die DDR-Elf treffen wird, lustig macht - ohne zu ahnen, dass einige von ihnen hervorragend Deutsch sprechen. Wir sind dabei, wenn Axel Kruse bei einem Intertoto-Spiel von Hansa Rostock in Kopenhagen im Sommer 1989 während eines Stadtbummels blitzschnell in ein Taxi springt und kurz darauf die Fähre gen Bundesrepublik besteigt. Und wir sind auch dabei, wenn nur ein Dreivierteljahr später DFV-Präsident Hans-Georg Moldenhauer auf Malta mit dem aalglatten DFB-Strippenzieher Hermann Neuberger über die Zukunft des DDR-Fußballs verhandelt. Das ist großes Lesevergnügen. Allerdings fällt die Lektüre über weite Strecken auch schmerzhaft und ernüchternd aus - denn Mohnhaupt erspart uns nicht die dunklen Momente jener Jahre, die unfassbare allgegenwärtige Gewalt in den Stadien, den Hooligan-Tourismus, den nun sichtbarer werdenden und erstarkenden Rechtsradikalismus, die Ausländerfeindlichkeit, den ganzen Dreck und Unrat, der durch die Wende 1989 eben auch nach oben gespült wurde. Ich hätte diese Aspekte vermutlich völlig ignoriert und mich allein auf die hochspannenden Transformationsprozesse rund um Klubs und Trainer und Spieler konzentriert, aber, zugegeben, das hätte selbst für meine Verhältnisse ein wenig viel Romantik und Verklärung bedeutet.
Nicht so ganz verstanden habe ich, wieso Mohnhaupt - jedenfalls für meinen Geschmack - allzu sperrig in die Thematik ein- und aussteigt. Das Buch beginnt mit einer persönlichen Erinnerung des aus dem Ruhrgebiet stammenden Autors an seine Zeit als Torwart bei einem brandenburgischen Amateurverein. Das Ganze klingt völlig skurril und nach tiefstem 1991, hat sich laut Mohnhaupt aber erst 2008 zugetragen. Die Geschichte mag plausibel machen sollen, wieso er sich überhaupt für den ostdeutschen Fußball interessiert, ist in meinen Augen aber ebenso überflüssig wie das Schlusskapitel, in dem Mohnhaupt in die Jahre 2024 und 2025 springt und - auch noch unter ausdrücklichem Verweis auf Nick Hornby - über seine Besuche von Spielen des 1. FC Magdeburg berichtet. Das alles hat mit dem eigentlichen Thema des Buches wenig zu tun und kann ohnehin nicht verbergen, dass Mohnhaupt auf Ostdeutsche ähnlich blickt wie der "Spiegel", für den der Journalist mitunter schreibt. Zitate von Fans werden vorzugsweise umgangssprachlich wiedergegeben ("Wenn wir jetzt nicht uffsteigen..."), diese sind häufig entweder betrunken oder übergriffig oder rechtsradikal oder alles zusammen, alles, was "fremd" ist, wird von ihnen ausnahmslos argwöhnisch bis feindlich betrachtet ("Schlitzaugen") und, wenn sie in Hochform sind, glänzen sie mit Aussagen wie "Ich will ’n deutsches Schnitzel, ’ne deutsche Bulette, ’n deutsches Gulasch!". Vereinsfunktionäre kommen nicht unbedingt besser weg. Nachdem ein Vorstand des Chemnitzer FC einen nigerianischen Spieler seines Klubs 1990 begeistert "schwarze Perle" genannt hat, urteilt Mohnhaupt streng: "Solche Ausdrücke sind damals noch üblich, spiegeln aber auch die Unerfahrenheit und womöglich Ignoranz im öffentlichen Umgang mit nicht-weißen Menschen wider." Mag ja sein. Aber anderenorts war man seinerzeit noch wesentlich ignoranter. In der Bundesliga konnte man damals einen senegalesischen Spieler ungestraft "Nigger" nennen - und trotzdem kurz darauf als Nationalspieler mit zur WM 1990 fahren und Weltmeister werden (!).
Aber genug der Galligkeit und der Nörgelei - dieses gesamte Buchprojekt, die Idee, die Umsetzung, übrigens auch das Cover, sind unter dem Strich einfach großartig. Klare Empfehlung!
Jan Mohnhaupt: "Der geteilte Rasen: Fußball in den Wendejahren 1989–1992", Verlag Die Werkstatt











