Fußballbücher
Im Fußballbücher-Magazin geht es um genau das: Lesestoff rund um den Profifußball. Hier werden v.a. Biographien, "Enthüllungen", Erinnerungen und sonstige Bücher besprochen, die die Protagonisten des Geschäfts in ihrem Alltag zeigen. Neben Werken (ehemaliger) Spieler und Trainer widmen wir uns auch Büchern von Journalisten, Fernsehreportern und anderen Insidern.
Dienstag, 28. April 2026
Enzyklopädischer Blick auf den Fußball im Sozialismus
Samstag, 18. April 2026
Längst überfällig - und großes Kino: Granitza in der NASL
Granitza war kein Superstar, als er in die NASL wechselte, sondern ein solider Bundesliga-Stürmer bei einem nicht allzu erfolgreichen Verein (Hertha BSC), mit einer sehr soliden Vergangenheit in der Zweiten Liga (DJK Gütersloh, SV Röchling Völklingen, Torschützenkönig 1975/76), einer Berufung in die B-Nationalmannschaft und einer sehr, sehr vagen Hoffnung, es vielleicht in den Kader für die WM 1978 in Argentinien zu schaffen. Und allein die hiermit verbundenen Einblicke, die "King Bomber Karl" gewährt - wie lebte ein Zweitligaspieler in den 1970er Jahren, was verdiente er, wie lief eine Berufung ins DFB-B-Team ab usw. - machen das Buch jedenfalls für mich zu einem Schatz. Und da sind wir ja noch gar nicht beim eigentlichen Thema, das dann aber sehr schnell kommt: In traumhafter Ausführlichkeit beschreibt Hermanns, wie der erste Abstecher Granitzas in die NASL - noch auf Leihbasis - zustande kam, die Gespräche mit Willy Roy, dem (nach heutigem Sprachgebrauch) Kaderplaner und späterem Trainer der Chicago Sting, und Herthas Präsident Ottomar Domrich. Roy hatte Granitza, den Hertha-Stürmer ohne besondere Eigenschaften (nicht zu schnell, nicht zu groß, nicht zu kopfballstark, nicht zu schussgewaltig), aber mit einem ausgeprägten Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, im US-Fernsehen gesehen - in einer Art "Die besten Szenen aus der Bundesliga"-Wochenshow. Er wollte ihn in seinem Team haben, und Hertha brauchte die 100.000 Mark, die Roy für eine dreimonatige Leihe bot, ziemlich dringend. Deshalb redeten Domrich und Roy gemeinsam auf den zunächst wenig begeisterten Stürmer ein. Granitza ließ sich letztlich breitschlagen - und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
In Kapiteln, die jeweils nur relativ kurze Zeitanbschnitte betrachten, beschreibt Hermanns ausführlich, wie der Stürmer ins Team des mächtigen Sting-Eigentümers Lee Stern, eines millionenschweren Rohstoffmaklers, rutschte und recht schnell dessen Aushängeschild und Signature-Player wurde. Und wenn dieses ohnehin superstarke Buch besondere Höhepunkte hat, dann kommen sie hier: Hermanns schafft es, dem Leser Granitzas besondere Rolle in der Chicagoer Franchise und in der NASL insgesamt in ihrer ganzen Komplexität auf traumhaft atmosphärische Weise vor Augen zu führen. Denn hier ist nichts simpel. Einerseits war der mit bestechender Regelmäßigkeit (keine Saison unter 15 Toren) treffende und von Ehrgeiz zerrissene Musterprofi Granitza zeitweise der König von Chicago, der beliebteste Sportler, "obwohl er das Spiel spielt, das die Sportfans der Stadt am wenigsten interessiert“", wie eine Zeitung schrieb. Aber das hieß nicht, dass das Publikum den zum Jähzorn neigenden Deutschen nicht auch mal auspfiff, wenn er auf dem Spielfeld Teamkameraden wegen schlechter Leistungen öffentlich in den Senkel stellte. Auch etliche Mitspieler waren von seiner Art "nicht restlos begeistert", wie es einer diplomatisch ausdrückte. Aber sie akzeptierten sie, weil ihr Star mit seinem absoluten Siegeswillen ein Vorbild war. In all seinen Jahren in Amerika lernte Granitza nie wirklich brauchbares Englisch - seine Töchter achteten sorgfältig darauf, dass nicht er die Familien-Bestellung bei McDonalds aufgab. Aber, und jetzt kommt es: Dennoch gab es keinen Sting-Spieler, der bereitwilliger und öfter zu PR-Terminen, in Schulen und Krankenhäuser ging, der ein derart gern gesehener Gast in Talkshows war, der beinahe täglich Anrufe von irgendwelchen Journalisten bekam. Granitza war authentisch, auch in seinem Deutsch-Englisch-Mischmasch, und er hatte diese eine Mission: Den Fußball nach Amerika zu bringen.
Natürlich geht es - und das nicht zu knapp - im Buch auch um Sport selbst: Hermanns beschreibt die ein wenig an Dirk Nowitzkis Zeit in Dallas erinnernden immer neuen Anläufe des titelhungrigen Granitza, mit seinem Team über die kräftezehrende Regular Season und die Play-offs ins Endspiel, den Soccer-Bowl, zu kommen und die ersehnte NASL-Trophy zu gewinnen. Dabei geht es auch um die packenden Duelle der Sting mit den San Diego Sockers, in deren Tor der Deutsche Volkmar Groß stand, die noch packenderen Duelle mit Cosmos New York und dessen legendären Torjäger Giorgio Chinaglia (eine Art großer Bruder Granitzas im Geiste) und die - hier in Amerika auf Augenhöhe stattfindenden - Begegnungen Granitzas mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller.
Zu den traurigeren Kapiteln des Buches gehören jene über Granitzas Karriereende und die Zeit danach. Er verkrachte sich mit Sting-Eigentümer Stern, der ihn sogar verklagte, und setzte - eine deprimierende Parallele zu Gerd Müller - seine Ersparnisse mit einem von windigen Partnern betriebenen Restaurant in den Sand. Überspitzt gesagt verließ er Amerika so arm, wie er gekommen war - und das nach einer Karriere als einer der besten Stürmer in der Geschichte der NASL. Aber der heutige Potsdamer scheint zu akzeptieren, dass auch das Teil seiner Biographie ist, und er wirkt mit sich und der Welt im Reinen. Dazu passt auch, dass er sich die Zeit genommen hat, mit Stefan Hermanns ausführlich über seine Karriere zu sprechen und so dieses wirklich großartige Dokument der Zeitgeschichte zu ermöglichen.
Karl-Heinz Granitza und Stefan Hermanns: "King Bomber Karl", Edel Sports
Montag, 30. März 2026
Fußball im Osten: Der tiefe Fall und das Leben danach
Donnerstag, 19. März 2026
"Der Tormann": Denkmal für eine rumänische Legende
Inzwischen kann ich ohne Groll einräumen, dass der Sieg der Rumänen ein großartiger Erfolg eines Underdogs gegen einen übermächtigen Konkurrenten war, der im heutigen Fußball kaum noch denkbar ist. Ein Sieg, der übrigens schon damals unerwünscht war. Die Uefa tat nicht einmal so, als wäre sie unparteiisch. Barca durfte in seinem regulären rot-blauen Heimtrikot spielen, obwohl dieses Recht eigentlich Bukarest, das die gleichen Farben hatte, zugestanden hätte. Die Ehrung der Rumänen nach dem unerwarteten Sieg wurde nur widerwillig vorgenommen - und es gab noch nicht einmal genügend Medaillen für alle Spieler und auch keine Party. Und doch hatte Steaua dieses Endspiel sensationell gewonnen und niemand - wir sind ja nicht beim Afrika-Cup - würde dem Verein diesen Triumph wieder nehmen können.
Ironie des Schicksals: Es war eine der letzten Partien Duckadams. Allerdings nicht, wie in einigen deutschen Zeitungen spekuliert wurde, weil ihm Schläger des rumänischen Diktators Ceausescu die Arme zertrümmert hatten. Sondern weil in einer Schlüsselbeinarterie ein Blutgerinnsel entdeckt wurde, das Leistungssport unmöglich machte. Hätte man es früher gefunden, hätte es Duckadam wohl nie in Steauas erste Mannschaft und mithin auch nie ins 1986er Endspiel geschafft. Das und noch viel mehr kann man in Bocks Interview in der "11Freunde"-Reihe "Der Fußball, mein Leben und ich" nachlesen. Zum Beispiel erzählt Duckadam, wieso er während einer Testspielreise nach Kreta mal zehn Mars-Riegel pro Tag verputzte, bis ihm schlecht wurde, und ein Kollege eine Fiat-Windschutzscheibe kaufte und als Handgepäck mit nach Hause nahm, nur um zu erleben, dass sie nicht passte. Großartige Anekdoten und beides, der für das Fußballbuch des Jahres 2022 nominierte Roman und das Interview, sind eine durch und durch lohnende Lektüre.
Milan Radin: "Der Tormann", Leykam Verlag
Mittwoch, 11. März 2026
Wembley '96: Das nächste Wohlfühlbuch von Nils Suling
Freitag, 6. März 2026
"kicker" und "Sport-Bild" mit ansteigender Formkurve
Freitag, 27. Februar 2026
Legionäre im Interview: Wofür ich transfermarkt.de liebe
Auf transfermarkt.de erschien kurz nach seinem Amtsantritt ein ausführliches Interview, in dem der 38jährige über die Umstände seines Wechsels in die J-League und seine Arbeitsbedingungen in Hiroshima spricht. Und da musste ich wieder mal konstatieren: Das leistet in dieser Form und Aktualität kein "kicker" und keine "Sport-Bild" und letztlich auch "11Freunde" nicht. Solche hochspannenden und vertieften Gespräche mit Trainern und Spielern der zweiten, dritten oder gar vierten Reihe, die im Ausland ihr Geld verdienen, finde ich nur bei transfermarkt.de. Argirios Giannikis sprach dort über seine Arbeit beim griechischen Zweitligisten PAS Giannina, Joe Zinnbauer über seine Tätigkeit für den algerischen Klub JS Kabylie und Michael Boris über den Alltag bei MTK Budapest. Für genau diese Art von Beiträgen liebe ich die Seite.
Und, nein, ich habe dabei keineswegs eine rosarote Brille auf. Mir sind die Schwächen von transfermarkt.de nur zu bewusst. Das Portalformat nervt mich, die Art, wie ich als Leser mit übergriffiger Werbung geflutet werde, die ich ständig wegklicken muss, auch - und nach meinem Eindruck werden Leser vorrangig als Klickmasse angesehen. Sie sollen eine werbeträchtige "Community" bilden, jedoch bitte möglichst keine lästigen Fragen zu Newslettern u.ä. stellen. Aber ich kann mir die wirklich guten Beiträge ja auf ganz altmodische Art und Weise ausdrucken und dann lesen, wo immer ich will. Ohne Werbeeinblendungen.
Trainer-Legionär in Hiroshima: Gaul im Interview über überraschendes Angebot aus Japan: „Als Europäer muss man offen sein“, transfermarkt.de
Mittwoch, 18. Februar 2026
Rangnick: Wiener Blick auf den Professor aus Backnang
Freitag, 6. Februar 2026
Holperfahrt ins Morgen: Der Fußball in den Wendejahren
Oder eben, und das führt uns zu Jan Mohnhaupts Buch "Der geteilte Rasen" (Verlag Die Werkstatt), auch die hochspannenden Jahre unmittelbar vor und nach der Wende 1989. Die Idee, das Geschehen in Bundes- und Oberliga sowie bei den beiden deutschen Nationalmannschaften im Zeitraum 1989 bis 1992 anhand ausgewählter Spiele und begleitender Ereignisse zu beleuchten, ist so genial, dass man sich fragt, wieso erst rund 35 Jahre später einer auf die Idee kommt. Zwar erreicht das Buch nicht die atmosphärische Dichte von etwa "Marseille 1940", aber das mag daran liegen, dass Fußballer weitaus seltener als Schriftsteller (veröffentlichte) Tagebücher schreiben und ihr Alltag jenseits der Spiele jedenfalls damals auch weniger eng medial begleitet wurde. Soll heißen: Die Quellenlage ist eine andere. Aber gleichwohl gibt es genügend Rohmaterial für eine hochspannende Reise vom Frühjahr 1989 - nichts deutete auf ein baldiges Ende der DDR hin, Dynamo Dresden traf im Halbfinale des Uefa-Cups auf den VfB Stuttgart - über die Zeit des Umbruchs, etwa das legendäre 0:3 der DDR-Nationalelf in Österreich wenige Tage nach dem Mauerfall, bis hin zur Wiedervereinigung und der letzten Saison der DDR-Oberliga 1991/92. Es ist eine mitunter komische, mal traurige, in jedem Fall irrsinnige Holperfahrt aus dem Gestern der DDR ins Morgen des wiedervereinigten Deutschlands. Wir sind dabei, wenn sich eine Magdeburger Kellnerin im April 1989 über die Spieler der türkischen Nationalmannschaft, die am nächsten Tag auf die DDR-Elf treffen wird, lustig macht - ohne zu ahnen, dass einige von ihnen hervorragend Deutsch sprechen. Wir sind dabei, wenn Axel Kruse bei einem Intertoto-Spiel von Hansa Rostock in Kopenhagen im Sommer 1989 während eines Stadtbummels blitzschnell in ein Taxi springt und kurz darauf die Fähre gen Bundesrepublik besteigt. Und wir sind auch dabei, wenn nur ein Dreivierteljahr später DFV-Präsident Hans-Georg Moldenhauer auf Malta mit dem aalglatten DFB-Strippenzieher Hermann Neuberger über die Zukunft des DDR-Fußballs verhandelt. Das ist großes Lesevergnügen. Allerdings fällt die Lektüre über weite Strecken auch schmerzhaft und ernüchternd aus - denn Mohnhaupt erspart uns nicht die dunklen Momente jener Jahre, die unfassbare allgegenwärtige Gewalt in den Stadien, den Hooligan-Tourismus, den nun sichtbarer werdenden und erstarkenden Rechtsradikalismus, die Ausländerfeindlichkeit, den ganzen Dreck und Unrat, der durch die Wende 1989 eben auch nach oben gespült wurde. Ich hätte diese Aspekte vermutlich völlig ignoriert und mich allein auf die hochspannenden Transformationsprozesse rund um Klubs und Trainer und Spieler konzentriert, aber, zugegeben, das hätte selbst für meine Verhältnisse ein wenig viel Romantik und Verklärung bedeutet.
Nicht so ganz verstanden habe ich, wieso Mohnhaupt - jedenfalls für meinen Geschmack - allzu sperrig in die Thematik ein- und aussteigt. Das Buch beginnt mit einer persönlichen Erinnerung des aus dem Ruhrgebiet stammenden Autors an seine Zeit als Torwart bei einem brandenburgischen Amateurverein. Das Ganze klingt völlig skurril und nach tiefstem 1991, hat sich laut Mohnhaupt aber erst 2008 zugetragen. Die Geschichte mag plausibel machen sollen, wieso er sich überhaupt für den ostdeutschen Fußball interessiert, ist in meinen Augen aber ebenso überflüssig wie das Schlusskapitel, in dem Mohnhaupt in die Jahre 2024 und 2025 springt und - auch noch unter ausdrücklichem Verweis auf Nick Hornby - über seine Besuche von Spielen des 1. FC Magdeburg berichtet. Das alles hat mit dem eigentlichen Thema des Buches wenig zu tun und kann ohnehin nicht verbergen, dass Mohnhaupt auf Ostdeutsche ähnlich blickt wie der "Spiegel", für den der Journalist mitunter schreibt. Zitate von Fans werden vorzugsweise umgangssprachlich wiedergegeben ("Wenn wir jetzt nicht uffsteigen..."), diese sind häufig entweder betrunken oder übergriffig oder rechtsradikal oder alles zusammen, alles, was "fremd" ist, wird von ihnen ausnahmslos argwöhnisch bis feindlich betrachtet ("Schlitzaugen") und, wenn sie in Hochform sind, glänzen sie mit Aussagen wie "Ich will ’n deutsches Schnitzel, ’ne deutsche Bulette, ’n deutsches Gulasch!". Vereinsfunktionäre kommen nicht unbedingt besser weg. Nachdem ein Vorstand des Chemnitzer FC einen nigerianischen Spieler seines Klubs 1990 begeistert "schwarze Perle" genannt hat, urteilt Mohnhaupt streng: "Solche Ausdrücke sind damals noch üblich, spiegeln aber auch die Unerfahrenheit und womöglich Ignoranz im öffentlichen Umgang mit nicht-weißen Menschen wider." Mag ja sein. Aber anderenorts war man seinerzeit noch wesentlich ignoranter. In der Bundesliga konnte man damals einen senegalesischen Spieler ungestraft "Nigger" nennen - und trotzdem kurz darauf als Nationalspieler mit zur WM 1990 fahren und Weltmeister werden (!).
Aber genug der Galligkeit und der Nörgelei - dieses gesamte Buchprojekt, die Idee, die Umsetzung, übrigens auch das Cover, sind unter dem Strich einfach großartig. Klare Empfehlung!
Jan Mohnhaupt: "Der geteilte Rasen: Fußball in den Wendejahren 1989–1992", Verlag Die Werkstatt
Sonntag, 1. Februar 2026
Julian Nagelsmann: Leidenschaftliches Plädoyer mit Chuzpe
Gelingt das? Schauen wir es uns an.
Der Autor beschreibt erwartungsgemäß den Weg des heutigen Bundestrainers von seinen Anfängen als Jugendcoach in Augsburg, bei TSV 1860 München und in Hoffenheim über die ersten Stationen im Männerbereich (Hoffenheim, Leipzig) bis hin zum Engagement in München, der dortigen Entlassung - der erste größere Bruch in Nagelsmanns Karriere - und seiner Übernahme des DFB-Teams. Wer die bisherige Karriere von Julian Nagelsmann einigermaßen erfolgt hat, wird hier nur wenig Neues erfahren. Aber Kraft hatte ja auch in erster Linie eine Analyse versprochen. In seinen Ausführungen geht es zu einem beträchtlichen Teil um Trainingslehre, Spielformationen und Taktik - alles Themen, die mich leider so gar nicht interessieren (wofür Kraft natürlich nichts kann), aber wer in diesem Bereich Einordnung wünscht, bekommt sie in hinreichendem Maße. Und obwohl Kraft nie einen Zweifel lässt, dass er Nagelsmann mit Sympathie und Wertschätzung betrachtet, schreckt er nicht davor zurück, sein Sujet zu kritisieren, sei es beispielsweise für dessen Tendenz zum "Overthinking" in seiner letzten Hoffenheim-Saison oder seine unnötig harsche öffentliche Kritik am erst 19-jährigen Tanguy Nianzou beim FC Bayern. In erster Linie allerdings ist das Buch ein (naturgemäß vorläufiges) leidenschaftliches Plädoyer für einen modernen, hochtalentierten, sozial weit überdurchschnittlich kompetenten Trainer und gegen etliche Angriffe und Vorurteile, denen sich dieser in der Vergangenheit ausgesetzt sah. Und auch ein Plädoyer gegen die Behandlung, die Nagelsmann beim FC Bayern erfahren hat. Kraft zeichnet das Bild eines chaotisch geführten Klubs mit einer bei weitem nicht an die Qualität des heutigen Kaders heranreichenden Mannschaft und einem überforderten Vorstand, der, als Thomas Tuchel plötzlich auf dem Markt war, ohne jede Not in Aktionismus verfiel und Nagelsmann unter höchst fragwürdigen Umständen entließ. Mit Verve und ausführlicher Begründung wehrt sich Kraft gegen das Urteil, dass Nagelsmann in München gescheitert sei. Das lässt sich alles gut hören und vertreten. Ich persönlich vermisste indes an genau dieser Stelle einen weiteren Zahn, den mir der Autor im Vorwort gezogen hatte: "Boulevardthemen", so Kraft, "interessieren mich nicht. Mich interessieren Hintergründe und mich interessieren Ebenen, auf denen eine fundierte Argumentation im Vordergrund steht." Schön und gut, aber kann man die Geschichte der Entlassung Nagelsmanns beim FC Bayern erzählen, ohne den Namen Lena Wurzenberger auch nur einmal in den Mund zu nehmen? Selbst wenn Kraft meinen sollte, das eine habe mit dem anderen rein gar nichts zu tun, hätte ich zumindest das gern gelesen und erläutert bekommen. Auch um die Affäre Nagelsmann - Tapalović - Neuer schleicht Kraft meines Erachtens ein wenig zu behutsam herum. Und, ja, mich hätte schon brennend interessiert, welchen Blick Nagelsmann auf seinen FCB-Nachfolger Thomas Tuchel hat und welche Auswirkungen diese "Ich muss gehen und er übernimmt meinen Traumjob"-Konstellation auf ihr Verhältnis insgesamt hatte. Aber das wiederum sind Innenansichten - und die hatte Justin Kraft ja gerade nicht versprochen.
Unter dem Strich bleibt eine zwar aus der Ferne geschriebene, aber dennoch sehr informative erste Bilanz des noch immer sehr jungen Trainers Julian Nagelsmann.
Justin Kraft: "Julian Nagelsmann: Kopf trifft Herz", Verlag Die Werkstatt
Donnerstag, 15. Januar 2026
Von Singapur bis Vancouver: Der Welttorhüter
Für mich besteht der eigentliche Vorzug des Buches darin, dass es einen faszinierenden Einblick in den Alltag eines deutschen Fußballprofis zweiter oder gar dritter Kategorie im Ausland gewährt. Pfannenstiel erzählt freimütig, wie viel er bei verschiedenen Vereinen verdient hat, wie sein Tagesablauf aussah, wie er den Kontakt zum jeweils nächsten Verein knüpfte und so weiter. Man wird darüber streiten dürfen, ob er nicht an der einen oder anderen Stelle seiner Karriere eine falsche Weichenstellung vorgenommen und sich so eine größere Karriere selbst verbaut hat. Etwa, als er mit 20 Jahren ein Angebot der Amateurmannschaft des FC Bayern München ausschlug oder als er 2007 aus einem offenbar lukrativen Vertrag bei den Vancouver Whitecaps ausstieg, nur um durch ein Engagement bei einem recht armseligen brasilianischen Verein den Status als "Welttorhüter" zu erringen. Aber auch über diese Entscheidungen spricht er offen und durchaus nachdenklich. Es mag ein wenig nerven, wenn er ausgiebig (und stolz) über seine "Scherze" berichtet, mit denen er diverse Teamkollegen überzog, von mit Butter eingeschmierten Fußballschuhen bis hin zu einem mit Rasierschaum verzierten Hotelbett oder einem an den Hals des Kollegen gedrückten heißen Teelöffel (um einen "Knutschfleck" zu imitieren). Aber wer das übergehen kann, bekommt einen erstklassigen Einblick in den Alltag eines Profis in den kleineren, unbedeutenderen Ligen der Welt.
Fazit: Eine absolut lohnende Lektüre für alle, deren Interesse dem Alltag deutscher Profis im Ausland gilt.
Montag, 12. Januar 2026
Atmosphärisches Mosaik: Ein Blick auf die DDR-Oberliga
Frank Willmann: "Fußball-Land DDR: Anstoß, Abpfiff, Aus", Eulenspiegel-Verlag











