So richtig warm bin ich mit Robin Gosens bis heute nicht geworden: Einerseits gilt er als sehr reflektierter Profi und schreibt schrecklich kluge Kolumnen für das Magazin "11Freunde" - andererseits findet man ihn eben doch immer wieder in irgendwelchen Verliererteams wie der Nationalelf bei der EM 2021 oder aktuell bei Union Berlin. Und sein Eingeständnis in seiner Biographie, in der Schule einst ein Bully gewesen zu sein, macht die Sache auch nicht besser - ich gehöre zu denen, die früher unter solchen Typen gelitten haben. Nimmt man dann noch die doch recht ausführlichen Berichte über ausschweifende Trinkgelage in seiner Zeit als Nachwuchskicker hinzu, hat man schnell genügend Gründe, Gosens ad acta zu legen.
Aber - und das ist ein ziemlich dickes Aber - trotzdem habe ich sein Buch jetzt schon das dritte Mal gelesen und entschieden, dass es Zeit für einen Eintrag in meinem Blog ist. Gosens hat nämlich einen recht interessanten Karriereweg hinter sich - zweite holländische Liga statt Nachwuchsleistungszentrum - und gewährt in "Träumen lohnt sich" hochspannende Einblicke in die "Werdung" eines Profis: Ein missratenes Probetraining bei Borussia Dortmund, der Wechsel in die Jugend von Vitesse Arnheim - Gosens Vater ist Holländer, die Familie im Grenzgebiet aufgewachsen -, dann, als es mit dem Sprung in die Männermannschaft nicht klappt, die Leihe zum Zweitligisten Dordrecht, dort der Aufstieg und ein eher durchwachsenes Jahr in in der höchsten Spielklasse, der nächste Schritt mit dem Wechsel zum Mittelklasseteam Heracles Almelo, erste Erfahrungen in der Europ-League und schließlich der vermeintliche Durchbruch mit dem Wechsel zu Atalanta Bergamo, wo allerdings ein überaus zäher Beginn mit viel Zeit auf der Ersatzbank auf Gosens wartete. Ansatzweise bereits im zweiten, endgültig aber im dritten Jahr mauserte sich Gosens jedoch zum Stammspieler, Leistungsträger und einem der europäischen Topspieler.
Was das Buch so interessant macht, sind weniger die vordergründigen Abhandlungen dieser sportlichen Stationen, sondern vielmehr das Drumherum: Was verdient man als Nachwuchskicker in Holland, was bei einem Durchschnittsteam in der ersten Liga? Wie läuft das mit der Wohnungssuche in Dordrecht oder Almelo oder Bergamo? Wie sieht der Alltag eines Profis in Holland oder in Italien aus? Wenn Gosens erzählt, wie er während des Urlaubes auf Mallorca zunehmend wütender mit seinem Berater telefonierte, weil der versuchte, hinter Gosens Rücken den Deal mit Bergamo allzu schnell einzutüten, wie er mehrere Anrufe aus Bergamo ignorierte, ehe er radebrechend mit dem Manager des Vereins (und dessen Frau als Dolmetscherin) einen Vor-Ort-Termin vereinbarte, wie er in Almelo eine Schein-WG mit einem Mitspieler unterhielt (weil es eine Vorgabe des Vereins gab, innerhalb eines bestimmten Radius wohnhaft zu sein, er das aber nicht wollte) oder später in Bergamo von einem Makler ausgetrickst wurde, der versuchte, bei einer Wohnungsvermittlung noch einen monatlichen Zusatz für sich abzuzweigen, dann sind das Passagen, die ich förmlich verschlinge, weil sie einen authentischen, hochspannenden Einblick in den Profialltag gewähren - und zwar nicht in den Alltag eines Superstars bei einem Superklub aus der (künftigen) Superliga, sondern eben den eines Profis aus der (damals) zweiten oder dritten Reihe in Dordrecht, Almelo oder Bergamo.
Deshalb: Klare Leseempfehlung meinerseits!
Robin Gosens: "Träumen lohnt sich", Verlag Edel Books