Nach Norbert Nachtweihs Biographie griff ich mit zwiespältigen Gefühlen. Einerseits - darauf hatte ich schon in meiner Ankündigung hingewiesen - war „Zwischen zwei Welten“ das Buch, auf das ich mich unter allen Herbst-Neuerscheinungen am meisten freute. Denn Nachtweih, dessen Werdegang ich stets mit großem Interesse verfolgt hatte, blickt mit seiner DDR-Flucht, der Zeit bei Bayern in den 80er Jahren, der Legionärserfahrung in Südfrankreich und den Waldhof-Jahren in der zweiten Liga auf eine unglaublich spannende Karriere zurück. Anderseits hatte Klaus Augenthaler mit seinen Erinnerungen „Immer nur rot-weiß gedacht“ die Latte (und damit auch meine Erwartungen) extrem hochgelegt. Nun fragte ich mich: Kann sein alter Bayern-Kumpel Nachtweih dieses Niveau halten? Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ja, er kann - genau wie das Buch von Klaus Augenthaler und Albrecht Breitschuh ist auch das Gemeinschaftswerk von Norbert Nachtweih und Mathias Liebing ein unglaublich gutes Buch geworden: hochspannend, ungeheuer atmosphärisch, sehr meinungsstark und aus der Perspektive des Insiders geschrieben, ein absolutes Muss für jeden, der mit dem FC Bayern (80er) und/oder der Frankfurter Eintracht (70er/80er) etwas am Hut hat.
Ein prägendes Thema des Buches ist naturgemäß Nachtweihs Flucht in den Westen 1976 während eines Türkeitrips der DDR-U21-Nationalelf. Damit einher geht die Auseinandersetzung mit den daraus resultierenden Folgen und Konsequenzen für den Kicker selbst, seine Familie und für Dritte. Dabei hat mich die Fluchtgeschichte selbst gar nicht übermäßig gepackt. Hier musste ich oft an das schöne Wort von Wolf Biermann denken: „Was Du erinnerst, das warst Du nicht.“ Soll heißen: Erinnerung ist immer etwas, was man sich im Laufe der Jahre Stück für Stück unbewusst zurechtgelegt hat. Und wenn man sich Norbert Nachtweih in der von ihm im Buch mehrfach erwähnten NDR-Dokumentation oder in einen recht aktuellen SWR-Interview zum Buch anschaut, merkt man: Er hat die Geschichte seiner Flucht schon tausendmal erzählt, da ist viel Routine im Spiel, und vielleicht sind ein paar Dinge - der riesige Schnurrbart eines Vernehmers, der rauchvernebelte Raum, in dem das Gespräch stattfand - in der Rückschau auch peu à peu immer prägnanter geworden. Interessanter ist da schon die Frage nach Schuld und Verantwortung. Muss oder kann ein 19jähriger, der während einer Auslandsreise eine vergleichsweise impulsive Entscheidung trifft, die Folgen dieser Entscheidung für seine Familie oder Dritte überblicken oder gar berücksichtigen? Im Buch wird deutlich, dass Nachtweihs Mutter unter der Trennung von ihrem Sohn arg zu leiden hatte. Und Burkhard Pingel, Nachtweihs Teamkollege und engster Freund beim Halleschen FC und im U21-Nationalteam ("Wir galten als die Zwillinge."), der in der Türkei die Möglichkeit gehabt hätte, Nachtweih auf seiner Flucht zu begleiten, sich aber dagegen entschied, bekam laut Nachtweih die ganze Härte der DDR-Staatsmacht zu spüren: Endlose Verhöre, vorerst keine weiteren Länderspiele, Einberufung zur NVA. Wobei man fairerweise sagen muss, dass die nackten Zahlen nicht ohne weiteres bestätigen, dass Pingel für die Flucht seines Freundes quasi mit seiner Karriere bezahlte: Er machte anchließend noch weit über 100 Oberligaspiele und kam 1978 auch in der U21-Nationalelf wieder zum Einsatz. Wie dem auch sei - Nachtweih duckt sich hier nicht weg, sondern stellt sich diesen Fragen offen und sehr reflektiert.
Spätestens mit der Ankunft des DDR-Flüchtlings in der Bundesrepublik beziehungsweise kurz darauf bei der Frankfurter Eintracht wird das Buch jedenfalls für mich zum Page-Turner. Nachtweih liefert ein wahres Feuerwerk an Insider-Infomationen, Eindrücken und Meinungen. Die ersten Monate im Westen, die Spiele mit der 2. Mannschaft der Eintracht in der hessischen Provinz (für das Profiteam war er ein Jahr lang gesperrt), der fremde Geruch der neuen Welt - ja, der Westen roch wirklich vollkommen anders als die DDR -, die Verlockungen des Nachtlebens und die weitgehende Ungestörtheit, in der er sich auch später als prominenter Bundesligakicker diesen Verlockungen hingeben konnte - hier wird durchweg jede Menge Kopfkino erzeugt. Nachtweih verrät interessante Randdetails - etwa, dass Franz Beckenbauer ab Mitte der achtziger Jahre immer mal wieder beim FC Bayern mittrainierte, ohne dass das für irgendwen inklusive der Journalisten ein besonderes Thema gewesen wäre. Hochspannend waren für mich auch die Einschätzungen zu Friedel Rausch und Jörg Berger, Pal Csernai und Lutz Eigendorf, Dragoslav Stepanović ("als Bundesligatrainer ungeeignet") und Klaus Schlappner ("ein Rassist"). Er erläutert nachvollziehbar, wieso er gemeinsam mit zahlreichen anderen Eintracht-Spielern in die Bauherrenmodell-Falle tappte und wie der FC Bayern das 1987er Europacup-Finale gegen den krassen Außenseiter FC Porto verlieren konnte. Er hält ein leidenschaftliches Plädoyer für das Gespann Uli Hoeneß/Udo Lattek, das den FC Bayern vor allem mit Empathie und Wertschätzung geführt habe und so ganz maßgeblich für die Erfolge der Münchner MItte der achtziger Jahre verantwortlich gewesen sei. Und er liefert hochinteressante Informationen über sein Gehalt (bei der Eintracht anfangs 100.000 DM, später 200.000 DM, bei den Bayern anfangs 375.000 DM, beim AS Cannes dank Hoeneß' Verhandlungsgeschick unter dem Strich siebenstellig (!) und später in Mannheim 10.000 DM netto/Monat). Apropos Cannes: In vielen Büchern werden derartige Auslandsstationen am Ende der Karriere eher schnell und lieblos abgehandelt. Hier nicht: Detaillierter als irgendwo sonst erfahre ich hier, wie es zum Wechsel an die Côte d'Azur kam, wie er dort wohnte, lebte und arbeitete - und auch hier läuft wieder jede Menge Kopfkino. Ich sehe Nachtweih in den kleinen Restaurants an der Mittelmeerküste sitzen und Wein trinken und ich sehe ihn mit Franz Beckenbauer - zu jener Zeit bei Olympique Marseille - am Rande eines Spiels unter südlicher Sonne plaudern.
Die Leichtigkeit und Beschwingtheit des Buches geht später ein wenig verloren, als es um Nachtweihs Karriere nach der Karriere geht, um die erfolglosen Versuche, im Trainergeschäft Fuß zu fassen und mit einem Schuhladen in Kaiserslautern Geld zu verdienen (ebenfalls erfolglos), aber dem stets nach vorn blickenden Sonnyboy gelingt es, übergroße Melancholie zu vermeiden. Ein klein wenig "angeklebt" und nachgeschoben wirkt das Kapitel über Nachtweihs Einblick in seine Stasi-Akte - es fügt sich nicht gänzlich organisch in den voherigen Teil, mitunter kommt es zu unnötigen Redundanzen. Aber dafür kommt nochmal Gänsehautfeeling auf, wenn Nachtweih erfahren muss, dass die Stasi offenbar in seiner Wohnung war, Fotos vom Schlafzimmer fertigte - ein in der Wohnung anwesender Hund störte dabei erstaunlicherweise nicht - und Überlegungen zur Verbringung eines "Pakets" in die DDR anstellte. Allerdings fällt gleichzeitig auf, dass die Stasi auf dem Papier weitaus agressiver war als in der Realität. Weder Nachtweih selbst noch ein Mitglied seiner Familie erlitt durch die Flucht tatsächlich größere greifbare Nachteile, Reisen Nachtweihs in den Ostblock (und dortige Familientreffen) verliefen problemlos, materielle Unterstützung aus dem Westen kam in Nachtweihs Heimat Polleben in der Regel an.
Die bei YouTube abrufbare NDR-Doku ist eine schöne Ergänzung zum Buch, gleichzeitig aber leider auch ein Beweis, dass man die Zeit eben nicht zurückdrehen kann. Uli Hoeneß, für den Nachtweih große Sympathien hegt und den er im Buch stets leidenschaftlich verteidigt, kommt in der Doku ausführlich zu Wort. Aber es ist eben nicht mehr der Uli Hoeneß vor dem Haftaufenthalt. Sicher, er lobt, wo er loben muss, er bringt hier und da eine schöne Pointe über Nachtweihs Bayern-Zeit, aber es kommt mechanisch-routiniert, nicht von Herzen, und es wirkt leider nicht authentisch. Allerdings wäre es unfair, eine Besprechung von "Zwischen zwei Welten" mit derart düsteren Gedanken zu beschließen, denn es ist ein großartiges Buch - und ich empfehle dringend, nicht zwischen Nachtweihs und Augenthalers Biographie zu wählen, sondern beide zu lesen. Es lohnt sich!
Norbert Nachtweih/Mathias Liebing: "Zwischen zwei Welten: Meine deutsch-deutsche Fußballgeschichte", Edel Sports