Montag, 17. März 2025

Erinnerungen mit erstaunlichen Schwächen

(KM) Johan Cruyffs Biographie "Mein Spiel", heißt es im Vorwort des Verlags bescheiden, sei "eines der klügsten Bücher, das in den letzten Jahrzehnten über den Fußball geschrieben wurde". Wer so forsch einsteigt, sollte besser halten, was er verspricht. "Mein Spiel" schafft das allerdings nur stellenweise. Aber der Reihe nach. Die Erinnerungen Johan Cruyffs lungerten schon etliche Jahre in meinem Bücherregal herum. Warum sie es bisher nicht auf meinen "Demnächst mal lesen"-Stapel geschafft hatten, kann ich gar nicht sagen. Aber vor kurzem bin ich über Andy Bollens Buch "Fierce Genius: Cruyff's Year at Feyenoord" gestolpert - Besprechung demnächst - und dachte dann: Wenn schon Cruyff, dann erstmal seine Autobiographie.
 
Die Karriere des leider schon verstorbenen Weltstars würde selbst dann genügend Stoff für ein Buch liefern, wenn man sich für den ganzen fußballtheoretischen Teil und den Einfluss des Holländers auf Taktik und Entwicklung des Spiels seit 1990 weniger interessiert: Spieler in Amsterdam und Barcelona, Vizeweltmeister 1974, einige Jahre in der NASL, Karriereausklang in Rotterdam, dann spektakuläre Trainerstationen wiederum in Amsterdam und Barcelona - da sollte so einiges zu erzählen sein.

Und Cruyff liefert durchaus, aber wenn das Buch ein Aktienkurs wäre, würden wir eine extreme Zickzack-Kurve sehen. Es gibt hochspannende, hochinformative Passagen und Inneneinsichten, etwa zur Spätphase von Cruyffs erster Amsterdam-Station und der erodierenden Beziehung zu Trainer und Mitspielern oder zu seiner zweiten Zeit bei Ajax (1981 - 1983) oder auch zu seinen Trainerjahren in Barcelona und der schwierigen, stets von (absolut berechtigtem) Misstrauen geprägten Zusammenarbeit mit dem erratischen Präsidenten Josep Lluís Núñez. Und dann gibt es aber immer wieder Passagen, die seltsam blutarm, steril, allgemein und/oder verschwurbelt daherkommen, etwa zur WM 1974 oder zu Ajax' System der "limitierten Ablösesummen". Da heißt es über den Transfer van Bastens zum AC Mailand: "Denn schon bald zeigten sich die Probleme, die sich aus dieser Regelung ergaben. Sie offenbarten sich, als der AC Mailand von dem italienischen Milliardär Silvio Berlusconi übernommen wurde und sich mit viel Geld ausgestattet auf den Transfermarkt begab. Durch die Politik der limitierten Transfersummen blieb es Ajax leider verwehrt, davon zu profitieren – im Gegensatz zum großen Konkurrenten PSV Eindhoven. Dieser erzielte für Ruud Gullit die zehnfache Summe dessen, was Ajax für Marco van Basten vom AC Mailand bekommen hatte." Was genau das bedeutet und wieso Ajax bei einem Transfer eines Superstars ins Ausland - wohlgemerkt vor dem Bosman-Urteil, d.h. Ablöse gab es selbst bei ausgelaufenen Verträgen - nicht in der Lage war, einen regulären Marktpreis zu erzielen, bleibt völlig unklar.

Zu diesen Schwurbeleien kommt dann noch eine allzu blauäugige Beweihräucherung des Profiports in Amerika, Halbwissen über den Baseball-Manager Billy Beane von den Oakland Athletics und (in meinen Augen) blanker Unsinn über das NASL-Vertrags- und Transfersystem: Es stimmt schlichtweg nicht, dass Spieler seinerzeit - wie Cruyff zur Begründung seines Wechsels von den Los Angeles Aztecs zu den Washington Diplomats ausführt - Verträge mit der NASL und nicht den Vereinen schlossen und "es einem als Spieler passieren [konnte], dass man kurzfristig darüber informiert wurde, an einen anderen Club verkauft worden zu sein und sich innerhalb von achtundvierzig Stunden Tausende Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Vereinigten Staaten einzufinden [hatte]. Man musste das nächste Flugzeug nehmen – ganz gleich, wer man war." Franz Beckenbauer hat seinen Vertrag mit Cosmos New York gemacht und dafür mit dessen Generalmanager Clive Toye verhandelt, Gerd Müller schloss seinen Vertrag mit den Fort Lauderdale Strikers und verhandelte mit deren Eigentümer(gattin) Elizabeth Robbie - und die Vorstellung, dass einer der beiden alternen Superstars von heute auf morgen ins staubige Tulsa oder ins bitterkalte Minnesota hätte wechseln müssen, wenn es dem Verband und den Vereinen so gepasst hätte, ist aberwitzig. Zudem galt es gerade als eine der großen Schwächen der NASL, die die in den 90er Jahren neu gegründete MLS unbedingt vermeiden wollte, keine zentralen Steuerungsmöglichkeien zu haben. Und dass, wie Cruyff wiederholt nahelegt, die NASL-Klubs Musterbeispiele für professionelle Vereinsführung waren, darf angesichts der chaotischen Zeit dieser Rock'n-Roll-Liga und der zahlreichen kurzlebigen Franchises ebenfalls getrost bestritten werden. Im Übrigen: Hier wird Cruyffs Wechsel von Kalifornien nach Washington ebenfalls gänzlich anders dargestellt als von ihm selbst.
 
Der gelungenen Kapitel sind es alles in allem zwar trotzdem genug, um das Buch zu einer lohnenden Lektüre zu machen. Am spannendsten für mich war der Teil über Cruyffs spätere Funktionärszeit bei Ajax Amsterdam und die fast schon thrillerartige Beschreibung der dortigen Ränkespiele und Intrigen. Und auch Cruyffs Gedanken über Sinn und Zukunft des Fußballs sind lesenswert. Eines "der klügsten Fußballbücher" ist es in meinen Augen jedoch trotzdem nicht.

Johan Cruyff: "Mein Spiel", Droemer Verlag