Nürnberg, irgendwann im Juli oder August 1993: Schüchtern stand ich vor dem nicht allzu freundlichen Pförtner des Kicker-Verlagsgebäudes und stammelte, dass ich in den hauseigenen Shop wolle. Nach meiner Erinnerung bekam ich sodann eine Art Passierschein und eine Wegbeschreibung, die mich in irgendeine andere Etage - vielleicht war es auch der Keller - führte. Wer sich unter dem Kicker-Shop nun eine Art Thalia-Filiale mit großer Ausstellungsfläche, Gelegenheit zum Stöbern und Sofas zum Verweilen vorstellt, wurde jedenfalls damals bitter enttäuscht. Mich erwartete am Ende eines düsteren Gangs lediglich ein Ausgabefenster mit einem missmutigen Angestellten, der sehr genau wissen wollte, wofür ich mich interessierte. Das war - und damit komme ich zum Thema - die Biographie "Mit Erfolg gegen den Strom" des Bundesliga-Trainers Klaus Schlappner. Die war zwar schon Mitte der 80er Jahre zu seiner Zeit bei Waldhof Mannheim erschienen, wurde aber auch Anfang der 90er noch im Kicker beworben. Ich habe keine Ahnung, weshalb ich das Teil nicht einfach in der nächstgelegenen Buchhandlung bestellte - vielleicht dachte ich, es sei nur beim Kicker zu bekommen. Ganz egal - mit dem frischerworbenen und nicht gerade billigen (30 DM waren für mich damals viel Geld) Buch zog ich jedenfalls wieder ab und konnte auch die Pforte unbehelligt passieren.
Gelohnt hat sich die ganz Mühe seinerzeit allerdings nicht. Jedes Buch, darauf habe ich nun schon mehrfach verwiesen, hat seine Zeit - und bei mir war damals die Zeit für dieses noch nicht gekommen. Ich las es, vergaß es - und als Ebay nach Deutschland kam, vertickte ich es wieder. Vielleicht etwas voreilig, wie ich nun - weitere 25 Jahre später - einräumen muss. Denn beim Stöbern in einem 1985er Fußball-Magazin - das im letzten Beitrag bereits erwähnt wurde, Klaus Schlappner hat bei uns gerade einen Lauf - stieß ich auf ein Interview mit dem damaligen Waldhof-Trainer.
Man mag über den viel belächelten und nur zu gern in der Schublade "Provinziell" abgelegten Handwerksmeister, der auch während seiner Mannheimer Trainerzeit seine Elektroinstallationsfirma weiterführte, denken, wie man will - viele der damaligen Aussagen Schlappners wirken in der Rückschau seiner Zeit weit voraus. So meinte Schlappner etwa über die gestiegenen Ansprüche der Zuschauer: "Die haben es satt, dass die Frittenbude gleich nebem den Pissoir steht. Das Stadion alter Prägung ist tot, wir müssen in Zukunft den Sportpark schaffen, nicht mehr nur grauen Beton allerorten. Einen Park mit Ladenstraßen, mit einem Zentrum für die Familien [...] Der moderne Zuschauer will bedient sein, rundum." Und er erzählte, dass er (lange, lange, bevor Jürgen Klinsmann beim FC Bayern auf die Idee kam - d.A.) eine chillige Spieler-Lounge eingeführt habe: "Viele [...] wohnen weit entfernt vom Trainingsplatz, die müssten also dauernd durch die Gegend fahren. Ich wollte das nicht. Also wird sich bei uns häuslich eingerichtet. Die Räume dafür zu schaffen, war eines. Die Zeugwartsfrau bekocht uns, es gibt eine Ruhemöglichkeit zwischen den Trainingseinheiten. Einrichtungen zur Zerstreuung wie Video, Flipper, Billard, sogar einen Geldspielautomaten habe ich aufgetrieben."
Dieses Interview sorgte dafür, dass mir der Name Schlappner im Kopf herumspukte. Der nächste Schritt war dann nur noch eine Frage der Zeit: Ich zog los und kaufte "Mit Erfolg gegen den Strom" ein zweites Mal. Gebraucht allerdings, denn mittlerweile ist es nur noch im Antiquariat erhältlich. Es wäre eine schöne Ironie des Schicksals, wenn es sich bei meinem nunmehrigen Exemplar um genau jenes handeln sollte, das ich damals, 1993, in Nürnberg erworben hatte, aber das werde ich wohl nie erfahren.
Der Spiegel hat übrigens kein gutes Haar an "Mit Erfolg gegen den Strom" gelassen. Ein "Gruselbuch" sei es, "im Stile des Banale Grande". Mag ja sein, dass sich darin ein paar Binsenweisheiten a la "Lieber einmal 0:6 verlieren als sechsmal 0:1." zu viel finden. Aber das ist nicht das Entscheidende. Denn das Buch vermittelt einen nachhaltigen Eindruck, wie ein Trainer eines kleinen Bundesligaklubs, der zudem "nebenbei" noch einen Handwerksbetrieb führte, Mitte der 80er Jahre dachte, arbeitete, lebte. In diesem Zusammenhang ist auch daran zu erinnern, dass Waldhof Mannheim unter Schlappner eine feste Größe in der Bundesliga war und sogar am UEFA-Cup kratzte (1984/85), während es nach seinem Abgang schnell zum Abstiegskandidaten wurde und 1990 tatsächlich den Gang ins Unterhaus antreten sollte (um nie wieder zurückzukehren). Zudem hat der Verein etliche namhafte Spieler hervorgebracht, etwa die Förster-Brüder, Jürgen Kohler, Uwe Rahn, Manfred Bockenfeld, Maurizio Gaudino und viele mehr. Viele von ihnen schafften unter Klaus Schlappner oder zumindest doch kurz nach seinem Weggang den Sprung zu großen Klubs. So ganz falsch kann der Mann mit dem Pepita-Hut also nicht gearbeitet haben.
Klaus Schlappner: "Mit Erfolg gegen den Strom", Econ Verlag