(KL) Nein, man kann Brian Clough nicht vorwerfen, dass er sich bei seinem neuen Team einschmeicheln wollte, als er 1974 völlig überraschend den Posten des Cheftrainers bei Leeds United übernommen hatte. Jenem Klub also, der unter Cloughs Vorgänger und Erzfeind Don Revie nahezu alles gewonnen hatte, was es damals im britischen Fußball zu gewinnen gab. Clough empfahl seinen Spielern nämlich als erstes, all ihre Medaillen und Pokale in den "größten Mülleimer, den ihr finden könnt", zu werfen. Denn: "Nichts von dem, was ihr gewonnen habt, habt ihr fair gewonnen. Alles, was ihr erreicht habt, habt ihr durch gottverdammten Betrug erreicht."
Hierzulande ist der Name Brian Clough nicht mehr allzu vielen Fans geläufig, aber man stelle sich vor, Uli Hoeneß hätte bei Werder Bremen Mitte der 90er Jahre die Nachfolge von Willi Lemke angetreten. Clough verabscheute Don Revie, seit der ihn bei ihrem ersten Aufeinandertreffen als Trainer - Revie war mit Leeds United zu Gast bei Cloughs damaligem Klub Derby County - wie Luft behandelt hatte. Clough hasste Don Revie, weil Leeds United in seinen Augen unehrlichen Fußball spielte, mit Kickern, die überaus ruppig zu Werke gingen, die Schiedsrichter bedrängten, die theatralisch umfielen, ohne auch nur berührt worden zu sein, die protestierten, wenn es nichts zu protestieren gab, und vehement Verwarnungen für ihre Gegenspieler forderten. Und aus diesem Hass hatte Clough, dem vom lieben Gott neben einer äußerst spitzen Zunge auch eine gehörige Portion Dummheit mitgegeben worden war (ja, auch eine dicke Scheibe Genialität, die sich aber eben nur entfaltete, wenn Clough seinen Intimus Peter Taylor an seiner Seite hatte - und das war in Leeds nicht der Fall), nie einen Hehl gemacht. Über Jahre hinweg war, geschürt durch immer neue verbale Aggressionen von beiden Seiten, so eine gepflegte Feindschaft entstanden. Umso sensationeller war es, dass Leeds United, nachdem Don Revie 1974 den Posten des englischen Nationaltrainers übernahm, nicht seinen Wunschnachfolger Johnny Giles verpflichtete, sondern ausgerechnet Brian Clough. Was folgte, war eine der turbulentesten, chaotischsten und kürzesten Trainer-Regentschaften in der Geschichte des englischen Fußballs: Ganze 44 Tage hielt sich Brian Clough bei einem Verein, bei dem ihm von nahezu allen Seiten - vom Nachwuchstrainer über die Spieler bis hin zu den Sekretärinnen - teilweise hasserfüllte Ablehnung entgegenschlug.
Der britische Autor David Peace, der mit seinen Yorkshire-Ripper-Thrillern und mit seiner Tokio-Serie Weltruhm erlangte, erzählt in seinem weitgehend auf Fakten basierenden Roman "The Damn Utd", minutiös jene 44 Tage, wobei er parallel - im Buch durch Kursivschrift abgehoben - Cloughs Werdegang bis zur Verpflichtung durch Leeds United und damit natürlich auch die Entstehung der Feindschaft zwischen ihm und Revie nachvollzieht. Die Idee selbst ist faszinierend - der Zeitraum ist eng begrenzt und aufgrund zahlreicher Biographien gut beleuchtet. Peace macht aus diesem Material einen hochspannenden Fußball-Roman, der die damaligen Beteiligten - und insbesondere Brian Clough - lebendig werden und erahnen lässt, weshalb diese Ehe niemals funktionieren konnte. Das Einzige, was mir an dem Buch missfällt, sind jene Passagen, in denen Peace durch völlig unnötige stakkatoartige Wiederholungen einzelner chorartiger Zeilen so etwas wie Atmosphäre schaffen will, was in einem Film vielleicht gehen mag, in einem Buch jedoch delatziert wirkt. So wird an einer Stelle auf etwa zwei Seiten allein dreizehnmal die Zeile "Derby. Derby. Derby. Derby. Derby. Derby." wiederholt. Solche Stellen lassen das Buch völlig unnötig aufgeplustert erscheinen. Und das hat Peace, der ein großartiger Erzähler ist, überhaupt nicht nötig.
"Den" Schuldigen gibt es für das gigantische Scheitern Cloughs in Leeds nicht. Auf der einen Seite stand der neue Trainer, dem es offensichtlich nicht gelang, die Gemütslage des Vereins, in den er kam, auch nur annähernd nachzuvollziehen und sich darauf einzulassen, und der kaum einen Versuch unternahm, die bestehenden Gräben zu überwinden. Auf der anderen Seite standen in der Tat charakterlose Kicker, die mehr oder weniger unverhohlen "gegen" ihren neuen Trainer spielten, ohne dass die Klubführung einschritt und ein Exempel statuierte. Fairerweise muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass sich einige Spieler - teilweise erfolgreich vor Gericht - gegen die Darstellungen in Peaces Buch wehrten. Es ist schwer zu beurteilen, ob Clough in Leeds überhaupt eine Chance hatte. Aber nachdem alle Beteiligten von Anfang an praktisch alles falsch machten, war das Ende nur eine Frage der Zeit. Und das Ende kam schneller als erwartet, als Clough in den ersten sechs Spielen nur ein einziger Sieg gelang, was für Leeds den schlechtesten Start seit 15 Jahren bedeutete.
Peace reiht eine Fülle von lebendigen Szenen aneinander, die die faszinierende Chronologie eines Scheiterns ergeben: Es geht los mit Cloughs erstem Eintreffen bei Leeds, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen. Er begegnet dem Nachwuchstrainer und Revie-Vertrauten Syd Qwen, der gerade das Amateurteam aufs Feld führen will. Natürlich "übersieht" Owen Cloughs zum Gruß ausgestreckte Hand. Und auf dessen Frage, ob einer der Kicker nicht kurz auf seine Söhne aufpassen könne, während er - Clough - sich im Verein bekannt macht, zischt Owen: "Sie sind bei uns schon allseits bekannt, Mr. Clough. Und diese Jungs sind hier, um zu trainieren. Nicht, um Ihre Söhne zu unterhalten." Cloughs kurzes Gastspiel bei Leeds endet mit einem Gespräch beim Vorstand, bei dem es um seine Abfindung geht. "25.000 Pfund [damals immerhin ca. 150.000 DM] für 44 Tage Arbeit?", brüllte der Vorstandsvorsitzende Sam Bolton. "Das ist gottverdammter Wucher!" Sein Blutdruck stieg noch weiter, als Clough kühl außerdem die Übernahme seiner Einkommensteuer in den nächsten drei Jahren verlangte und außerdem den ihm zur Verfügung gestellten Mercedes behalten wollte. Bolton war fassungslos: "Wer zur Hölle glauben Sie eigentlich zu sein?" "Brian Clough", lautete die schlichte Antwort. "Brian Howard Clough."
Übrigens brachte der Trainerwechsel auch Cloughs Vorgänger Don Revie keine Vorteile. Er verbrachte drei erfolglose Jahre als Nationaltrainer, ehe er in die Vereinigten Arabischen Emirate und damit ins fußballerische Niemandsland abtauchte. Clough schaffte hingegen ein sensationelles Comeback. 1975 wechselte er zu Nottingham Forrest und gewann 1979 und 1980 zweimal hintereinander den Europa-Cup.
Hierzulande ist der Name Brian Clough nicht mehr allzu vielen Fans geläufig, aber man stelle sich vor, Uli Hoeneß hätte bei Werder Bremen Mitte der 90er Jahre die Nachfolge von Willi Lemke angetreten. Clough verabscheute Don Revie, seit der ihn bei ihrem ersten Aufeinandertreffen als Trainer - Revie war mit Leeds United zu Gast bei Cloughs damaligem Klub Derby County - wie Luft behandelt hatte. Clough hasste Don Revie, weil Leeds United in seinen Augen unehrlichen Fußball spielte, mit Kickern, die überaus ruppig zu Werke gingen, die Schiedsrichter bedrängten, die theatralisch umfielen, ohne auch nur berührt worden zu sein, die protestierten, wenn es nichts zu protestieren gab, und vehement Verwarnungen für ihre Gegenspieler forderten. Und aus diesem Hass hatte Clough, dem vom lieben Gott neben einer äußerst spitzen Zunge auch eine gehörige Portion Dummheit mitgegeben worden war (ja, auch eine dicke Scheibe Genialität, die sich aber eben nur entfaltete, wenn Clough seinen Intimus Peter Taylor an seiner Seite hatte - und das war in Leeds nicht der Fall), nie einen Hehl gemacht. Über Jahre hinweg war, geschürt durch immer neue verbale Aggressionen von beiden Seiten, so eine gepflegte Feindschaft entstanden. Umso sensationeller war es, dass Leeds United, nachdem Don Revie 1974 den Posten des englischen Nationaltrainers übernahm, nicht seinen Wunschnachfolger Johnny Giles verpflichtete, sondern ausgerechnet Brian Clough. Was folgte, war eine der turbulentesten, chaotischsten und kürzesten Trainer-Regentschaften in der Geschichte des englischen Fußballs: Ganze 44 Tage hielt sich Brian Clough bei einem Verein, bei dem ihm von nahezu allen Seiten - vom Nachwuchstrainer über die Spieler bis hin zu den Sekretärinnen - teilweise hasserfüllte Ablehnung entgegenschlug.
Der britische Autor David Peace, der mit seinen Yorkshire-Ripper-Thrillern und mit seiner Tokio-Serie Weltruhm erlangte, erzählt in seinem weitgehend auf Fakten basierenden Roman "The Damn Utd", minutiös jene 44 Tage, wobei er parallel - im Buch durch Kursivschrift abgehoben - Cloughs Werdegang bis zur Verpflichtung durch Leeds United und damit natürlich auch die Entstehung der Feindschaft zwischen ihm und Revie nachvollzieht. Die Idee selbst ist faszinierend - der Zeitraum ist eng begrenzt und aufgrund zahlreicher Biographien gut beleuchtet. Peace macht aus diesem Material einen hochspannenden Fußball-Roman, der die damaligen Beteiligten - und insbesondere Brian Clough - lebendig werden und erahnen lässt, weshalb diese Ehe niemals funktionieren konnte. Das Einzige, was mir an dem Buch missfällt, sind jene Passagen, in denen Peace durch völlig unnötige stakkatoartige Wiederholungen einzelner chorartiger Zeilen so etwas wie Atmosphäre schaffen will, was in einem Film vielleicht gehen mag, in einem Buch jedoch delatziert wirkt. So wird an einer Stelle auf etwa zwei Seiten allein dreizehnmal die Zeile "Derby. Derby. Derby. Derby. Derby. Derby." wiederholt. Solche Stellen lassen das Buch völlig unnötig aufgeplustert erscheinen. Und das hat Peace, der ein großartiger Erzähler ist, überhaupt nicht nötig.
"Den" Schuldigen gibt es für das gigantische Scheitern Cloughs in Leeds nicht. Auf der einen Seite stand der neue Trainer, dem es offensichtlich nicht gelang, die Gemütslage des Vereins, in den er kam, auch nur annähernd nachzuvollziehen und sich darauf einzulassen, und der kaum einen Versuch unternahm, die bestehenden Gräben zu überwinden. Auf der anderen Seite standen in der Tat charakterlose Kicker, die mehr oder weniger unverhohlen "gegen" ihren neuen Trainer spielten, ohne dass die Klubführung einschritt und ein Exempel statuierte. Fairerweise muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass sich einige Spieler - teilweise erfolgreich vor Gericht - gegen die Darstellungen in Peaces Buch wehrten. Es ist schwer zu beurteilen, ob Clough in Leeds überhaupt eine Chance hatte. Aber nachdem alle Beteiligten von Anfang an praktisch alles falsch machten, war das Ende nur eine Frage der Zeit. Und das Ende kam schneller als erwartet, als Clough in den ersten sechs Spielen nur ein einziger Sieg gelang, was für Leeds den schlechtesten Start seit 15 Jahren bedeutete.
Peace reiht eine Fülle von lebendigen Szenen aneinander, die die faszinierende Chronologie eines Scheiterns ergeben: Es geht los mit Cloughs erstem Eintreffen bei Leeds, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen. Er begegnet dem Nachwuchstrainer und Revie-Vertrauten Syd Qwen, der gerade das Amateurteam aufs Feld führen will. Natürlich "übersieht" Owen Cloughs zum Gruß ausgestreckte Hand. Und auf dessen Frage, ob einer der Kicker nicht kurz auf seine Söhne aufpassen könne, während er - Clough - sich im Verein bekannt macht, zischt Owen: "Sie sind bei uns schon allseits bekannt, Mr. Clough. Und diese Jungs sind hier, um zu trainieren. Nicht, um Ihre Söhne zu unterhalten." Cloughs kurzes Gastspiel bei Leeds endet mit einem Gespräch beim Vorstand, bei dem es um seine Abfindung geht. "25.000 Pfund [damals immerhin ca. 150.000 DM] für 44 Tage Arbeit?", brüllte der Vorstandsvorsitzende Sam Bolton. "Das ist gottverdammter Wucher!" Sein Blutdruck stieg noch weiter, als Clough kühl außerdem die Übernahme seiner Einkommensteuer in den nächsten drei Jahren verlangte und außerdem den ihm zur Verfügung gestellten Mercedes behalten wollte. Bolton war fassungslos: "Wer zur Hölle glauben Sie eigentlich zu sein?" "Brian Clough", lautete die schlichte Antwort. "Brian Howard Clough."
Übrigens brachte der Trainerwechsel auch Cloughs Vorgänger Don Revie keine Vorteile. Er verbrachte drei erfolglose Jahre als Nationaltrainer, ehe er in die Vereinigten Arabischen Emirate und damit ins fußballerische Niemandsland abtauchte. Clough schaffte hingegen ein sensationelles Comeback. 1975 wechselte er zu Nottingham Forrest und gewann 1979 und 1980 zweimal hintereinander den Europa-Cup.
David Peace: "The Damn United", Faber & Faber