(KL) Der Streaming-Dienst DAZN produzierte im Jahr 2020 anlässlich des 100jährigen Jubiläums des "Kicker" eine vierteilige Serie über das Nürnberger Sportmagazin. Darin kamen neben diversen Protagonisten aus dem Fußball-Business - von Matthias Sammer über Jürgen Klopp bis Uli Hoeneß - erfreulicherweise auch die unmittelbaren Konkurrenten des Blattes zu Wort, für "Sport-Bild" der damalige Chefredakteur Matthias Brüggelmann und für "11Freunde" Gründer und Chef Philipp Köster. Letzterer hatte eine klare Meinung zur Zukunft des Papierdrucks: In zehn Jahren, so Köster, werde es "keines dieser [Fußball-]Printmagazine mehr geben", teilte er mit. Er sei überzeugt, dass "die Zukunft des 'Kicker' nur im Digitalen [liege] und nicht im Print." Vermutlich werden ihm da nur wenige seiner Mitstreiter widersprechen. In der DAZN-Serie stieß auch der damalige "Kicker"-Chef Jörg Jakob mehr oder weniger ins gleiche Horn: Der bisherige analoge Vertriebsweg, eine Information auf Papier zu drucken, dieses zu verpacken, ins Auto zu laden und durch die Landschaft zu fahren, sei zweifellos endlich. Wer sich die Auflagenentwicklung des Heftes anschaut, wer beobachtet, wie es zunehmend schwieriger wird, selbst in größeren Städten am Erscheinungstag ein Printexemplar zu bekommen - aus den meisten Supermarktregalen ist der "Kicker" längst verschwunden, an kleineren Bahnhöfen findet man montags häufig noch die Ausgabe vom letzten Donnerstag und Zeitschriftenläden haben immer öfter nur noch ein oder zwei Verlegenheitsexemplare -, der wird nicht umhinkommen, sich dieser Einschätzung anzuschließen, wenn auch schweren Herzens.
Ich hätte es allerdings bevorzugt, wenn Philipp Köster etwas weniger vergnügt gewesen wäre bei seiner Prognose. Denn er benennt zwar das Problem, das sämtliche Sportmagazine, auch sein eigenes, haben beziehungsweise über kurz oder lang haben werden. Doch leider hat keiner der Anbieter eine wirklich passende Lösung parat, um das digitale Lesen dem analogen gleichzustellen. Bis heute fehlt es hierfür insbesondere an einem geeigneten Device. Hinzu kommen ein paar andere Unzulänglichkeiten, die sich die Verlage derzeit noch leisten. Nachdem Köster den gedruckten Sportmagazinen bereits 2020 (nur) noch ein Jahrzehnt gab, bleiben also womöglich gerade mal noch fünf Jahre, um die heutigen Print-Titel in eine "Digital-only"-Welt zu überführen. Und da ist noch einiges an Hausaufgaben zu erledigen.
Hier sind meine drei zwingenden Anforderungen an die Lektüre eines der derzeitigen Printausgabe ebenbürtigen digitalen Sportmagazins:
1. Ein klassisches Magazin, kein Portal
Auch wenn es irgendwann mal keine Printausgabe von "11Freunde", "Sport-Bild" oder "Kicker" mehr geben sollte, die digital abgebildet wird, möchte ich meine Informationen zwingend in Magazinform und in einer Datei erhalten, also eine in sich geschlossene, fertige und unveränderliche Ausgabe mit einem festen Erscheinungstag, mit einer Titelseite und einem Inhaltsverzeichnis, einer festen Seitenzahl und sämtlichen Artikeln im Volltext. Ich will kein News- oder Social-Media-Portal mit bloßen Linksammlungen, die ich jeweils mühsam einzeln anklicken muss.
Transfermarkt beispielsweise ist (nur) ein solches Portal. Da gibt es früh drei, vier News, am späten Vormittag vier weitere, dann kommen nach dem Mittag wieder welche und abends vielleicht auch noch ein paar. Das ermöglicht natürlich eine weitaus aktuellere Berichterstattung, keine Frage. Aber es ist kein Ersatz für ein Sportmagazin - und ich habe weder Zeit noch Lust, permanent auf der Transfermarkt-Seite unterwegs zu sein, mich mit grauseliger Werbung zumüllen zu lassen und mir einen steifen Zeigefinger einzuhandeln, weil ich immerzu irgendwelche Links anklicken muss.
2. Uneingeschränkte Offline-Verfügbarkeit
Das digitale Magazin muss zwingend auch offline verfügbar, also downloadbar sein. "11Freunde" und "Sport-Bild" sind in digitaler Form als PDF erhältlich - das ist immerhin etwas, wenngleich mit den bekannten Nachteilen einer PDF-Datei (u.a. keine Formatanpassung an das jeweilige Device). Die digitale Ausgabe des "Kicker" hingegen ist mit einem Kicker+-Abo nur online über die Kicker-Homepage verfügbar - und das ist ein absolutes No-go!
Zum einen will ich mein Sportmagazin auch dann ungestört lesen können, wenn ich im Zug von Berlin nach Hamburg sitze und gerade durchs mecklenburgische Niemandsland ohne Mobilfunkempfang fahre. Ich möchte eine digitale Ausgabe, die ich bezahlt habe, auch "besitzen" und nicht Gefahr laufen, dass der spektakuläre Aufmacher über - sagen wir - den Woltemade-Transfer zwei Stunden nach Veröffentlichung klammheimlich zurückgezogen wird, weil das Magazin eine einstweilige Verfügung kassiert hat. Vor allem aber möchte ich mein Sportmagazin unbeobachtet lesen können. Ich will nicht, dass irgendjemand in irgendeinem Verlagshaus jeden meiner Mausklicks protokollieren und genauestens tracken kann, welche Artikel ich wann wie lange über welche IP-Adresse lese, welche Beiträge ich einfach überspringe, mittels welcher Stichwörter ich in einer Ausgabe nach bestimmten Informationen suche und so weiter. Kurz: Ich will kein gläserner Leser sein.
3. Ein geeignetes Device
Damit kommen wir schon zur dritten, der schwierigsten und derzeit technisch leider noch nicht erfüllbaren Anforderung - dem passenden Device.
Ich will das Sportmagazin meiner Wahl so wie bisher überall lesen - in der Straßenbahn, in der Badewanne, im Bett, auf dem Klo oder am Meer. Damit scheiden Laptops oder gar PCs schon mal aus. Eine Zeitschrift auf dem Smartphone zu lesen ist ein schlechter Witz. Und die derzeit erhältlichen Tablets sind entweder zu klein oder zu schwer (zum Teil 1,5 kg!), zu dick und zu unhandlich. Zudem genügt ein Tablet nicht meinen sonstigen Bedarfen, wenn ich beruflich unterwegs bin - das heißt, ich brauche so oder so ein Notebook. Dann will ich aber nicht zusätzlich noch ein großes Tablet mitschleppen müssen. Und, nein, ein Convertible ist hier auch keine Lösung, die Dinger sind zu komplex und deshalb zu anfällig. Außerdem muss das Device zum Lesen eines Sportmagazins ein Gebrauchsgegenstand sein, kein Wertgegenstand, also kein Tablet mit einem drei- oder womöglich gar vierstelligen Preis. Ich will es am Strand nutzen können, ohne ständig Angst zu haben, dass es in den Sand fällt oder nass wird, ich will es im Zug, wenn ich zur Toilette gehe, auch einfach mal liegenlassen können und so weiter. Also ein Device, das nicht permanent wie ein Schatz bewacht werden muss und jederzeit zu ersetzen ist. Last but not least: Ich verbringe sowieso zuviel Zeit am Bildschirm, hätte also gern etwas Augenschonendes. Deshalb würde ich einen E-Ink-Reader bevorzugen, natürlich einen mit Farbanzeige.
Vor einigen Jahren gab es nach meiner Erinnerung mal Experimente mit hauchdünnen, faltbaren Tablets, die Zeitungspapier nachempfunden waren. Leider scheint das in eine Sackgasse geführt zu haben, jedenfalls war zuletzt nichts mehr davon zu hören. Aber in meinen Augen ist das nach wie vor der einzig denkbare Weg in die Zukunft: Ein sehr dünnes (5 mm), sehr leichtes (250 g), faltbares E-Ink-Device mit Farbdisplay, das um die 50 Euro kostet und aufgeklappt eine reguläre "Kicker"-Seite gut darstellt (also 16 oder gar 17 Zoll). Er verfügt über eine integrierte Drahtlosverbindung wie der Kindle von Amazon, über die ich am Erscheingstag pünktlich und automatisch die neueste Ausgabe des Sportmagazins meiner Wahl bekomme. Einmal auf dem Gerät, ist das Heft "meins" und mir uneingeschränkt zugänglich, auch ohne Internetverbindung.
Wenn, ja wenn diese drei Bedingungen vollständig erfüllt werden, könnte ich mir vorstellen, Fußballmagazine (nur noch) digital zu lesen. Die auf Printausgaben gerichteten Produktions- und Vertriebsprozesse könnten dann entfallen, die Verlage erhebliche Kosten sparen und sich so fit für die Zukunft machen. Aber bis dahin ist es wie gesagt noch ein weiter Weg - und fünf Jahre gehen schnell vorbei.
Also, liebe Blattmacher in Nürnberg ("Kicker") und Berlin ("Sport-Bild", "11Freunde"): Haltet Euch ran! Und bis Ihr soweit seid, bleibe ich bei der Printausgabe.