Normalerweie kann ich mit Büchern von Fans wenig bis nichts anfangen. Denn mir geht es um Innenansichten, Insiderberichte, um den Blick hinter die Kulissen. Fans hingegen sind im Regelfall Outsider. Sie wissen nicht, was in der Kabine passiert, wie und warum Managemententscheidungen getroffen werden, wie Trainer und Spieler denken, fühlen und außerhalb der Öffentlichkeit handeln. Außerdem ist mir die Denkweise vieler Fans immer fremd geblieben. Deshalb habe ich auch mit dem Magazin 11Freunde mitunter so meine Probleme, das ja in seinen Ursprüngen ein Fanzine ist. Selten, aber doch immer mal wieder blitzten in der Vergangenheit dort die Freude an Alkohol-Exzessen ("Im Bus zur Auswärtspartie spielten wir erstmal Bier-Stille-Post, höhö.") und klammheimliche Sympathie für Fangewalt ("Auf dem Weg ins Stadion haben wir die Innenstadt umgestaltet, höhö.") auf. Und Pyrotechnik ist ja sowieso das Größte. Wieso mein Sohn eine Silvesterrakete ins Gesicht kriegen muss, nur weil er ein Fußballspiel anschauen wollte, konnte noch keiner der 11Freunde-Kollegen erklären. Aber ich schweife ab. Kurz und gut: Fanbücher sind jedenfalls im Normalfall für mich uninteressant.
Dennoch habe ich mir "Heja Blau-Weiß! Der einzigartige Verein aus Berlin-Mariendorf" von Andreas Thome zu Gemüte geführt. Das hatte mehrerlei Gründe. Zum einen beschäftigt es sich mit der wohl spannendensten Epoche des längst in der Versenkung verschwundenen Berliner Fußballklubs Blau-Weiß, nämlich der Zeit rund um den Bundesligaaufstieg 1986, der Ära von Bernd Hoss, Leo Bunk, Dirk Schlegel und anderen Helden jener Jahre. Zum anderen habe ich mich über das Buchprojekt als solches irrsinnig gefreut. Nach allem, was man im Buch über den Autor erfährt, ist Andreas Thome keiner, der sein Geld im schreibenden Gewerbe - oder auch nur mit einem Bürojob - verdient. Da setzt sich einer (im Zweifel über Jahre) in seiner Freizeit hin, schreibt ein sehr persönliches Buch über seine Jahre als Fan der Blau-Weißen Mitte der 80er, schafft es dabei, jene Ära der gedruckten Stadionmagazine mit McDonalds-Gutscheinen, der Transitfahrten durch die DDR und des Telefax als schnellstem Kommunikationsmittel nebem dem Festnetztelefon in bunten Bildern zu beschreiben, und dann setzt er das Ganze in ein schönes BoD-Projekt um, so dass man genau dieses Buch jetzt im Laden kaufen kann. "Chapeau!", kann ich da nur sagen.
Natürlich, "Heja Blau-Weiß! Der einzigartige Verein aus Berlin-Mariendorf" leidet ebenfalls an den typischen Schwächen - Schwächen im meinen Augen - aller Fanbücher. Es geht viel um feuchtfröhliche Auswärtsfahrten, geplünderte Fanklubkassen und Begegnungen mit gewaltbereiten Fans anderer Vereine, die nur mit Glück glimpflich ausgingen. Das Spielgeschehen wird meist in der Form von Kicker-Berichten - Blau-Weiß spielte gegen Y, die Tore schossen X und Z - wiedergegeben. Aber Thome hat wie gesagt ein gutes Gefühl für das Drumherum, für die Zeit, für die Veränderungen seither, weshalb sich die Lektüre dennoch absolut lohnt.
Andreas Thome: "Heja Blau-Weiß! Der einzigartige Verein aus Berlin-Mariendorf", Books on Demand