Donnerstag, 15. Januar 2026

Von Singapur bis Vancouver: Der Welttorhüter

(KL) In die Reihe der großen deutschen Torhüter gehört Lutz Pfannenstiel nicht. Der heutige Funktionär räumt in seiner Biographie "Unhaltbar: Meine Abenteuer als Welttorhüter" auch selbstkritisch ein, dass sein Talent für die Bundesliga wohl nicht gereicht hätte. Eine gewisse Berühmtheit erlangte er indes, weil er als erster Fußballer auf allen fünf Kontinenten und vor allem in allen sechs Kontinentalverbänden der FIFA (Nord- und Südamerika haben jeweils einen eigenen Verband) gespielt hat. Auch wenn Lutz Pfannenstiel sportlich dabei nur bedingt Meriten erworben hat, sind seine Erzählungen spannend wie ein Krimi. So hat er in Singapur drei Monate wegen des Vorwurfs der Spielmanipulation im Gefängnis gesessen, unschuldig, wie er betont, und im Iran vor einhunderttausend Zuschauern gespielt. In England wäre er während eines Spiels beinahe gestorben. Den Berichten von seinen einzelnen Stationen ist eine Aufstellung aller Vereine, für die er gespielt hat, vorangestellt, von den Sembawang Rangers (Singapur) über die Orlando Pirates (Südafrika) bis hin zu den Vancouver Whitecaps (Kanada) und Dunedin Technical (Neuseeland).

Für mich besteht der eigentliche Vorzug des Buches darin, dass es einen faszinierenden Einblick in den Alltag eines deutschen Fußballprofis zweiter oder gar dritter Kategorie im Ausland gewährt. Pfannenstiel erzählt freimütig, wie viel er bei verschiedenen Vereinen verdient hat, wie sein Tagesablauf aussah, wie er den Kontakt zum jeweils nächsten Verein knüpfte und so weiter. Man wird darüber streiten dürfen, ob er nicht an der einen oder anderen Stelle seiner Karriere eine falsche Weichenstellung vorgenommen und sich so eine größere Karriere selbst verbaut hat. Etwa, als er mit 20 Jahren ein Angebot der Amateurmannschaft des FC Bayern München ausschlug oder als er 2007 aus einem offenbar lukrativen Vertrag bei den Vancouver Whitecaps ausstieg, nur um durch ein Engagement bei einem recht armseligen brasilianischen Verein den Status als "Welttorhüter" zu erringen. Aber auch über diese Entscheidungen spricht er offen und durchaus nachdenklich. Es mag ein wenig nerven, wenn er ausgiebig (und stolz) über seine "Scherze" berichtet, mit denen er diverse Teamkollegen überzog, von mit Butter eingeschmierten Fußballschuhen bis hin zu einem mit Rasierschaum verzierten Hotelbett oder einem an den Hals des Kollegen gedrückten heißen Teelöffel (um einen "Knutschfleck" zu imitieren). Aber wer das übergehen kann, bekommt einen erstklassigen Einblick in den Alltag eines Profis in den kleineren, unbedeutenderen Ligen der Welt.

Fazit: Eine absolut lohnende Lektüre für alle, deren Interesse dem Alltag deutscher Profis im Ausland gilt.
 
Lutz Pfannenstiel: "Unhaltbar: Meine Abenteuer als Welttorhüter", Rowohlt

Montag, 12. Januar 2026

Atmosphärisches Mosaik: Ein Blick auf die DDR-Oberliga

(KL) Bücher zum Fußball-Land DDR gibt es mittlerweile etliche, von Hans Leskes "Enzyklopädie des DDR-Fußballs" über "Die Geschichte der DDR-Oberliga" von Andreas Baingo und Michael Horn bis hin zu Biographien, die sich indirekt ebenfalls mit dieser Materie beschäftigen, etwa Bernd Stanges "Trainer zwischen den Welten" und natürlich Jörg Bergers wunderbares Buch "Meine zwei Halbzeiten". Mehr durch Zufall bin ich auf Frank Willmanns bereits vor etlichen Jahren erschienene Collage (über zwanzig Autoren trugen zu dem Werk bei) "Fußball-Land DDR: Anstoß - Abpfiff - Aus" gestoßen. Das Buch hält sich mit Statistiken und Tabellen zurück und gewährt stattdessen auf knapp 200 Seiten einen hervorragend recherchierten und ungeheuer atmosphärischen Einblick in den Alltag der DDR-Oberligakicker. Vom speziellen Transfersystem ("Delegierungen") über Gehälter und Handgelder der "Nicht-Amateure" (wenige Monate vor dem Ende der DDR meldete der DFV diesen Status seiner Spieler bei der FIFA an), Lokalderbys und Auslandsspiele bis hin zu Spielerrevolten wie jener in Dresden, als die Kicker Trainer Walter Fritzsch loswerden wollten, greifen die Autoren eine Vielzahl von Themen auf, die in ihrer Gesamtheit ein faszinierendes Mosaik ergeben. Dazu gibt es etliche Fotos und Zeitungsausrisse sowie - in meinen Augen verzichtbar - Vereinslogos und Karikaturen, die das Bild vervollständigen. So erfährt der Leser beispielsweise, dass in der DDR-Oberliga bereits Ende der sechziger Jahre Handgelder von bis zu 20.000 Mark flossen und beim Fußballzwerg Stahl Brandenburg fürstliche Gehälter von bis zu 5.300 Mark gezahlt wurden. Das Buch berichtet, wie der Magdeburger Erfolgstrainer Heinz Krügel (Europapokalsieger 1974) wegen "ungenügender Entwicklung der Olympiakader" zum Hallenwart degradiert wurde und dass der aus Thüringen stammende Mittelfeldstar Reinhard Häfner eigentlich schon vor einem Wechsel zum FC Carl Zeiss Jena stand, als ihm der DFV die Pistole auf die Brust setzte: "Nach Dresden oder nach Eggesin!" Eggesin war damals ein berüchtigter Militärstützpunkt in Mecklenburg-Vorpommern. Der Umstand, dass derart viele Journalisten und Schriftsteller beteiligt waren (darunter Horst Friedemann, Edgar Külow, Annett Gröschner und Wladimir Kaminer), mag die Themenwechsel und die Reihenfolge der Beiträge mitunter etwas sprunghaft erscheinen lassen, aber das schmälert den Gesamteindruck nur unwesentlich.

Fazit: Wer sich für den Alltag der DDR-Oberliga-Fußballer interessiert, wird mit Willmanns Buch bestens bedient.

 Frank Willmann: "Fußball-Land DDR: Anstoß, Abpfiff, Aus", Eulenspiegel-Verlag

Montag, 5. Januar 2026

Wunderbar zu lesen: Der FC Bayern im Zeitraffer

(KL) Auch heute greifen wir mal wieder zu einem schon etwas älteren Buch, das jedoch nichts von seinem Esprit und seiner Kurzweiligkeit verloren hat. Der frühere "Spiegel"-Autor Thomas Hüetlin zeigt in "Gute Freunde: Die wahre Geschichte des FC Bayern" höchst eindrucksvoll, wie spannend die Geschichte eines Vereins erzählt werden kann, über den bereits unendlich viel geschrieben wurde. Gestützt auf gründliche Recherchen und intime Einblicke zeichnet der Autor die Entwicklung des FC Bayern anhand des komplizierten Beziehungsgeflechts seiner Hauptprotagonisten nach. Zu den größten Vorzügen des Buches gehört dabei Hüetlins Schreibstil. Auf lockerleichte Weise jongliert er mit Worten und Wortspielen, und mehr als einmal habe ich beim Lesen laut lachen müssen. 


Hüetlin beginnt mit Tschik Cajkovski und dem mühsamen Beginn Anfang der 60er Jahre, wobei er schildert, wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller ihren Weg zum FC Bayern fanden, widmet sich dann den beiden "Kronprinzen" Uli Hoeneß und Paul Breitner und den Erfolgen in den 70er Jahren bis hin zum beginnenden Niedergang und dem 1979er Putsch der Mannschaft gegen Präsident Wilhelm Neudecker, der Max Merkel installieren wollte. Dann folgen die 80er Jahre mit Kalle Rummenigges Aufstieg, dem Bruch der Freundschaft zwischen Hoeneß und Breitner, Udo Latteks Comeback, dem packenden Meisterschaftsduell mit Werder Bremen 1985/86, den verlorenen Europapokalendspielen gegen Aston Villa und den FC Porto und der Ablösung Latteks durch Jupp Heynckes. Im letzten Teil des Buches geht es, allerdings schon deutlich geraffter, um die 1990er und 2000er Jahre mit den missglückten Trainer-Versuchen Lerby, Ribbeck und Rehhagel, der Rückkehr von Beckenbauer und Rummenigge und schließlich der Ära Hitzfeld, wobei hier insbesondere die in buchstäblich letzter Sekunde gewonnene Meisterschaft 2001, die 1999er Tragödie von Barcelona und der Gewinn der Champions League 2001 beleuchtet werden. Ergänzt werden diese Ausführungen um ein paar sehr schöne und durchaus seltene Fotos.

Was gibt es zu kritisieren an diesem überaus lesenswerten Buch? Da wäre zum einen der missglückte Epilog, der etwas uninspiriert wirkt und etliche Wiederholungen enthält. Ferner springt Hüetlin auf das eine oder andere Klischee oder wiederholt sattsam bekannte und ausgewalzte Dinge wie Beckenbauers einsamen Rasenspaziergang nach dem 1990er WM-Finale oder Mehmets Scholls "Witz" von den Grünen, die man hängen sollte, solange es noch Bäume gibt. Mitunter springt der Autor auch zeitlich ein wenig hin und her, ohne dass dafür Gründe ersichtlich sind (so wird im Kapitel über die 1990er ohne Not noch einmal die Geschichte erzählt, wie Beckenbauer 1984 DFB-Teamchef wurde, oder im Kapitel über die 1980er nach dem Abschnitt über Kutzops verschossenen Elfmeter im April 1986 und der kurzen Behandlung des Themas "Ablösesummen" noch einmal die Geschichte vom "Turban-Dieter" Hoeneß und dem Pokalfinale gegen Nürnberg 1982 aufgewärmt). Am meisten aber irritierte mich, dass etliche Spieler im Buch überhaupt nicht vorkommen. Der Autor bedankt sich unter "Danksagung" zwar ausdrücklich bei Manni Schwabl, im Text findet der ehemalige Mittelfeldspieler allerdings kein einziges Mal Erwähnung. Kann man die Geschichte der 1980er Jahre des FC Bayern erzählen, ohne Hans Dorfner, Manni Schwabl, Michael Rummenigge oder Jürgen Wegmann auch nur einmal anzusprechen? Muss nicht der Umstand, dass die Torwartlegende Toni Schumacher auf seine alten Tage noch einmal das Trikot des FC Bayern überstreifte, Erwähnung finden? Aber das sind letztlich kleine Nörgeleien, die die Qualität des Buches nicht ernsthaft beeinträchtigen.

Fazit: Dieses heute im Antiquariat für kleines Geld erhältliche Werk gehört ins Bücherregal eines jeden Bayern-Fans, ist aber auch für jene eine wunderbare Lektüre, die sich über die Bundesliga oder das Geschäft "Profifußball" informieren wollen.
 
Thomas Hüetlin: "Gute Freunde: Die wahre Geschichte des FC Bayern München", Heyne Verlag

Montag, 8. Dezember 2025

Tapie vs. Bez: Sex, Geld, Lügen und Video

(KM) Es gab eine Zeit, in der europäische Klubs noch nicht saudischen Staatsfonds, russischen Oligarchen oder amerikanischen Investmentfirmen gehörten. An ihrer Spitze standen nicht selten harte, skrupellose Selfmade-Millionäre, die wie Sonnenkönige regierten, ohne großes Nachdenken Trainer heuerten und wieder feuerten und speziell ausländische Kicker mit horrenden Summen anlockten, um dann aber auch sehr schnell wieder das Interesse an ihnen zu verlieren. Obwohl diese Klubbosse nach damaligen Maßstäben als "reich" galten, nehmen sie sich gegenüber den heutigen Milliardärseignern zumeist nur noch wie unbedeutende Provinzkrämer aus. Unser Nachbarland Frankreich hatte hier einige besonders schillernde Figuren zu bieten: Ich denke da an den Modezaren Daniel Hechter (Racing Straßburg), den Rüstungsmagnaten Jean-Luc Lagardère (Matra Paris), den Wirtschaftsprüfer Claude Bez (Girondins Bordeaux) und den Firmensanierer Bernard Tapie (Olympique Marseille). Speziell die letzten beiden lieferten sich Ende der 1980er Jahre ein erbittertes Duell um die Vorherrschaft im französischen Fußball - ein Duell, gegen das sich "Dallas" und "Denver Clan" wie Kindergeburtstage ausnehmen.
 
Wer sich näher für die damaligen Ränkespiele und Intrigen interessiert, sollte zu "Je dis tout : les secrets de l'OM sous Tapie" (übersetzt etwa "Ich sage alles. Die Geheimnisse von Olympique Marseille unter Bernard Tapie") von Jean-Pierre Bernès aus dem Jahr 1995 greifen. Vordergründig geht es in dem Buch um - wir haben mal wieder Thementage im Fußballbücher-Magazin (siehe schon unseren gestrigen Beitrag über Horst-Gregorio Canellas) - einen Bestechungsskandal. Diesmal in der französischen  Ligue-1, und zwar im Titelrennen 1993. Damals sollen – kurz vor dem Champions-League-Finale, das Olympique Marseille (OM) gegen den AC Mailand bestreiten würde – Funktionäre des Klubs Spieler von US Valenciennes bestochen haben, damit Valenciennes im Ligaspiel gegen OM absichtlich weniger Widerstand leistet, um Marseille so einen sicheren Sieg zu ermöglichen und optimale Voraussetzungen für das anschließende Europapokalfinale zu schaffen. Marseille gewann das Ligaspiel 1:0 und wurde französischer Meister. Kurz darauf gewann die Mannschaft auch die Champions League gegen den AC Mailand.
 
Jean-Pierre Bernès, Generaldirektor von OM und Tapies rechte Hand, war je nach Betrachtungsweise der eigentliche Drahtzieher dieses Skandals, der die entscheidenden Gespräche mit den Kickern aus Valenciennes führte, oder ein von Tapie nur zu gern geopferter Sündenbock, dem plötzlich nachträglich Kompetenzen und Entscheidungsspielräume unterstellt wurden, die er bei OM als reiner Handlanger des mächtigen Klub-Bosses nie hatte. Es kann dahinstehenden, welche Version stimmt und ob Bernès, der für kurze Zeit sogar im Gefängnis saß, hier Täter oder Opfer oder beides war. Sein Buch votiert wenig überraschend für die zweite Variante. Den eigentlichen Reiz dieser Biographie machen in meinen Augen indes die Schilderungen des ganz normalen Alltags eines Klubmanagers in der Ligue-1 aus, eines Managers, dessen Chef wie gesagt eine erbitterte Fehde gegen den Girondins-Boss Claude Bez austrug. Bernes verstand sich mit Bez recht gut und musste immerzu lavieren, um nicht zwischen die Fronten eines Konflikts zu geraten, der nichts für zartbesaitete Gemüter war. "Im Krieg ist alles erlaubt", lautete Tapies Motto - etwas, das Bez vermutlich nicht anders sah. Der Klubchef aus Bordeaux mit dem markanten Walross-Schnauzer bezichtigte OM öffentlich des Betruges, wickelte Transfers selbst gern über diskrete Schweizer Konten ab und schickte den Schiedsrichtern auch mal Escort-Girls ins Hotel: "Man muss sich angemessen um seine Gäste kümmern.“ Tapie warb Bez' Mann fürs Grobe, Ljubo Barin, kurzerhand nach Marseille ab, ließ anschließend Bernés Büro verkabeln und wies seinen Angestellten an, mit Barin dort vermeintlich vertraulich und ausgiebig über alle schmutzigen Tricks von Bez zu sprechen. Dies geschah, und die von Tapie installierte Abhöranlage zeichnete jedes Wort auf. Als Bernés, in Marseille zunehmend unglücklich, seinerseits mit einem Wechsel nach Bordeaux liebäugelte, verdoppelte Tapie mal eben sein Gehalt. Einfach so, von jetzt auf gleich. Das hielt ihn allerdings später, nach Aufdeckung des Valenciennes-Skandals, nicht davon ab, den gerade aus der Haft entlassenen Bernés zwar öffentlichkeitswirksam mit einen Privatflieger nach Marseille bringen zu lassen, ihm hierfür dann aber die Rechnung zu schicken.
 
Auch im Übrigen vermittelt das Buch wunderbare Einblicke in Tapies erratisches Agieren und den Alltag im Klub. Nach einer Niederlage von OM in einem Ligaspiel etwa zitierte Tapie seinen Generaldirektor Bernés und Stürmerstar Eric Cantona in sein Pariser Büro. Die beiden bestiegen brav die nächste Maschine von Marseille in die Hauptstadt, wo Tapie Cantona auf rüdeste Weise abkanzelte. Das Ergebnis laut Bernés: "Cantona war gebrochen. Er war weg vom Fenster. Und Tapie verkündete ihm im gleichen Atemzug, dass er gefeuert sei." Mit seinen dreimaligen Trainer Raymond Goethals, einem mit allen Wassern gewaschenen Belgier, lag Tapie im Dauerclinch. Einmal forderte er ihn bei einem Ligaspiel auf, einen in seinen Augen schwachen Innenverteidiger auszuwechseln. Als Goethals das ablehnte und der Kicker im zweiten Durchgang ein großartiges Spiel machte, verkündete Tapie gegenüber den Journalisten, dass er persönlich Goethals gebeten habe, den Spieler auf der fraglichen Position aufzustellen: "Ich war mir sicher, dass das funktionieren würde. Es war zwar ein Risiko, aber im Fußball muss man manchmal Risiken eingehen. Und ich liebe Risiken!" 
 
Natürlich kommen im Buch auch Olympiques deutsche Akteure jener Jahre vor, Karlheinz Förster und Klaus Allofs und vor allem Franz Beckenbauer, aber alles in allem nur am Rande. Von Beckenbauer, dem, so Bernés, "Kaiser von Preußen", den Tapie 1990 als neuen Trainer verpflichtet hatte, hielt der Generaldirektor ohnehin nicht allzuviel: "Die Stimmung hatte sich [mit Beckenbauers Ankunft - KM] verändert. Die Freude am Spiel war nicht mehr dieselbe. Es war für alle schwierig, mit Beckenbauer und seinem Assistenten Osieck zu kommunizieren, die unsere Sprache nicht sprachen." 
 
Man muss nicht alles, was Bernés schreibt, für bare Münze nehmen (Holger Osieck spricht übrigens sehr gut Französisch). Aber seine Biographie gewährt einen Blick ins Innenleben von OM und seine ganz persönliche Sicht auf die Regentschaft Bernard Tapies und einen der größten Skandale des französischen Fußballs.
 
 Jean-Pierre Bernès: "Je dis tout : les secrets de l'OM sous Tapie", Albin Michel

Sonntag, 7. Dezember 2025

Die Canellas-Tapes: Fundament einer Aufarbeitung

(KM) Oft genug werden Skandale mit dramaturgischem Feuerwerk erzählt. "Die Canellas-Tapes", Andreas Lamperts 2021 im Verlag Die Werkstatt erschienes Buch über den Bundesliga-Bestechungsskandal Anfang der 1970er Jahre, macht genau das Gegenteil: Es stellt einfach das Tonbandgerät an und lässt die Geschichte für sich sprechen. Herausgekommen ist ein Werk, das weniger klassisches Sachbuch und mehr Dokumentensammlung ist – ein Archiv in Buchform, das man eher im DFB-Museum vermuten würde als in der eigenen Bibliothek. Und genau das ist seine größte Stärke und Schwäche zugleich.

Zweifellos: Das Material ist beeindruckend. Was Horst-Gregorio Canellas damals heimlich auf Band festhielt – Gespräche über Schmiergelder, Spielabsprachen, konspirative Treffen – gehört zu den wunderbarsten Zeitdokumenten, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat. Dass diese Mitschnitte einmal vollständig, sauber editiert und lesbar publiziert werden, ist ein echter Gewinn für jeden, der sich mit der Aufarbeitung des Bundesligaskandals oder auch nur der Bundesliga ganz allgemein beschäftigt. Das Buch führt durch Canellas' knapp 60 Gespräche mit Spielern, Funktionären und später auch Journalisten in weitgehender protokollarischer Nüchternheit, die genau die beabsichtigte Wirkung entfaltet: Da wird nichts weichgezeichnet, nichts geglättet – man hört die Stimmen zwar nicht, aber man spürt das Knistern und wachsende Donnergrollen, spürt, wie das Ganze nach und nach zu einem Alptraum für alle Beteiligten wird. Aber genau dort liegt auch das Problem. Denn Lampert beschränkt sich weitgehend darauf, die historischen Dokumente aneinanderzureihen. Die Einordnung bleibt sparsam. Manchmal hätte man sich gewünscht, der Autor würde nicht nur die Quelle zur Verfügung stellen, sondern auch kurz erklären, warum sie ausgerechnet an dieser oder jenen Stelle so explosiv ist. Insbesondere Leser, die den Skandal nicht näher kennen, hätten vermutlich ein bisschen mehr roten Faden vertragen: Wer war eigentlich dieser eine Spieler, der zwielichtig argumentiert? Welche Rolle spielte jener Verein im größeren Gefüge der Liga? Warum war genau dieses Telefonat ein Mosaikstein – und jenes der Zündfunke? Die Informationen sind alle da, aber sie stehen wie Fußballschuhe ungeordnet im Kabinengang: Man findet alles, aber nicht immer sofort und intuitiv. Und: Die Mitschnitte besitzen zwar eine ungeheure historische Wucht. Aber das Buch verzichtet darauf, sie mit Kontextstellen aus Presse, DFB-Protokollen oder Gerichtsakten zu spiegeln. Es bleibt bei den titelgebenden Bändern Canellas'. Hier wäre mehr ausnahmsweise einmal mehr gewesen. 

Positiv sticht das abschließende Interview mit Canellas heraus, weil es andeutet, was das Buch zusätzlich alles noch hätte sein und werden können: Ein bisschen Analyse, ein wenig Rückschau, ein paar Sätze, in denen der Mann hinter den Bändern sichtbar wird. Dieses Kapitel ist atmosphärischer, dichter, persönlicher – genau davon hätte ich mir mehr gewünscht. Aber auch beschränkt auf die Bänder ist das Buch ungeheuer wichtig. Es ist das unverzichtbare Fundament einer historischen Aufarbeitung des Bundesligaskandals. Wer sich ernsthaft mit 1970/71 beschäftigt, wird an diesem Band nicht vorbeikommen. Für Forscher, Journalisten, Nerds und Liebhaber der Fußballgeschichte ist es insoweit ein Glücksfall. Nur eines darf man eben nicht erwarten - ein Enthüllungsbuch im eigentlichen Sinne. Lamperts Werk ist eine Art Schaukasten, ein faszinierendes, manchmal etwas trockenes und an anderer Stelle wiederum Gänsehaut verursachendes unverzichtbares Archiv. Ich freue mich sehr, dass es existiert.
 
Andreas Lampert: "Die Canellas-Tapes: Die Tonbänder, die den Bundesligaskandal auslösten", Verlag Die Werkstatt

Samstag, 29. November 2025

Grandios: Michael Harforth im "11Freunde"-Interview

Nach einigen Ausgaben ohne ganz große Höhepunkte bietet das Dezember-Heft von "11Freunde" mal wieder einen Leckerbissen für Fußballromantiker: Michael Harforth, langjähriger Mittelfeldregissseur des Karlsruher SC und einst - zur Illustration seines vermeintlichen Übergewichts - nackt in der "Sport-Bild" abgelichtet, stellte sich dem "Der Fußball, mein Leben & ich"-Interview mit Tim Jürgens.
 
Es ist eines dieser Gespräche, die ich förmlich verschlinge, weil sie Sichtweisen von einem, der dabei und mittendrin war, bieten: Wieso er mit Rolf Schafstall und Manfred Krafft weniger gut klarkam und dafür ausgerechnet mit dem berüchtigten Schleifer Max Merkel hervorragend, wieviel er damals während eines Abstechers in die dritte Liga beim SV Wiesbaden verdiente und wie er durch Merkels Vermittlung fast bei Austria Wien gelandet wäre, wie sehnsüchtig er seinerzeit auf die neuen Panini-Alben wartete (das gab 3.000 DM extra) und wie es ihm nach dem Fußball ergangen ist - Harforth gibt ungemein spannende und wunderbar atmosphärische Antworten. Ich habe durch dieses Interview erstmals wieder ein Bild von ihm seit seiner aktiven Zeit gesehen und dachte: "Mann, ist er alt geworden!", aber im Gespräch zeigt sich ein Mittsechziger, der mit sich und der Welt ganz und gar im Reinen ist und heute im schönen Ellmau lebt. Absolut lesenswert!
 
Kontrollfrage am Rande: Hat es mein Urteil beeinflusst, dass Andreas Bock im gleichen "11Freunde"-Heft unter der Rubrik "Fanzines & Blogs" warme Worte für unser Fußballbücher-Magazin und speziell für unser Interview mit Harald Kaiser findet?  Nun ja, verschlechtert hat das meine Laune sicher nicht, aber das Harforth-Interview hätte ich so oder so gemocht. Daneben bietet die Dezember-Ausgabe mit einem Interview mit dem spielsüchtigen Ex-Alemannia-Trainer Helge Hohl und einem Beitrag über die jüngst eingestellte Berliner "Fußball-Woche" weitere Highlights. Also schnell zum Kiosk, solange es das Heft noch gibt!
 
"Wenn ich auf die Aschenbahn trabte, skandierten die Fans; 'Es gibt nur ein' Dieter Bohlen'" - Michael Harforth im "11Freunde"-Interview, Heft Nr. 289 (Dezember 2025)  

Samstag, 15. November 2025

Basler, Babbel und das Leben: Nicht nur Kalendersprüche

Das im kleinen, aber feinen Wiener Verlag edition a erschienene Büchlein "Das Leben nach den besten Jahren" von Mario Basler und Markus Babbel nahm ich mit eher gemischten Gefühlen zur Hand. Denn wenn Lebensweisheiten von Mario Basler kommen sollen, ist höchste Vorsicht geboten. In der Besprechung seiner Autobiografie beklagte ich seinerzeit die „selbstgefälligen Heldengeschichten eines nur schwer erträglichen Schlichtmichels“ – und viel sprach dafür, dass von "Kippen-Mario" keine tiefen philosophischen Einsichten zu erwarten waren. Und Markus Babbel? Dessen Biografie hatte ich ob ihrer Meinungsstärke sehr gemocht. Aber den eher ruhigen, analytischen und zurückhaltenden Babbel und den krawalligen Basler brachte ich für ein gemeinsames Buchprojekt nun gar nicht zusammen. Andererseits - warum eigentlich nicht? Zwei ehemalige Bayern-Spieler, beide mit großen Karrieren und ebenso großen Brüchen. Und beide mit Alex Raack bereits für überdurchschnittlich gute Fußballbiografien verantwortlich. Dass die beiden sich nun in Buchlänge mit dem Leben nach dem Fußball auseinandersetzen, klang doch durchaus interessant. Und, richtig, "Das Leben nach den besten Jahren" entfaltet tatsächlich einen seltsamen Reiz.

Und das, obwohl sich meine Befürchtungen durchaus bestätigten. Das Buch ist durchzogen von Sätzen, die man auch auf Tassen oder vor einem Yogastudio erwarten würde. „Wenn du die richtigen Schlüsse aus deinen vermeintlich besten Jahren ziehst, werden die Jahre danach noch besser“ – das klingt nach jener Kategorie Lebenshilfe, die man besser überblättert. Oder: „Sprich mehr darüber, was du morgen tun willst, als über das, was du gestern getan hast.“ Ein Satz, der gleichzeitig wahr, banal und vollkommen austauschbar ist. Aber - und das führt uns zu den guten Nachrichten: Es bleibt nicht dabei.

Denn zwischen all den Allgemeinplätzen stehen Geschichten, die tatsächlich etwas erzählen. Etwa Mario Baslers Erinnerung an seine Zeit in Katar. Der Ex-Profi beschreibt dort sehr offen, wie er in einer völlig anderen Kultur landete, wie er den Fußball, die Hitze, die Regeln und das gesamte Umfeld gründlich unterschätzt hatte. Es ist eine Mischung aus staunender Selbstüberschätzung und rückblickender Klarheit, die die Szene überraschend gut trägt. Auch Babbel hat seine starken Momente, etwa wenn er von der Leere nach dem Karriereende spricht. Die Passagen über seine Heimkehr nach Deutschland, über Trainerwechsel, Verletzungen und Selbstzweifel sind viel näher an der Tiefe seines Solo-Buchs als an der Esoterik der Motivationsliteratur. Und weil Babbel präziser formuliert als Basler, wirkt dieser Teil oft wie der ruhigere, glaubwürdigere Gegenpol zum lauten Mario.

Spannend ist auch die Dynamik zwischen beiden. Da sitzen der lässige Instinktspieler und der ernsthafte "Abwehr ist mein Beruf"-Profi nebeneinander und reflektieren ein Leben, das sich nach dem Höhepunkt neu sortieren muss. Dabei gelingt dem Buch immer wieder, was man nicht unbedingt erwarten würde: Es zeigt zwei Männer, die ihre Karrieren nicht verklären, sondern tatsächlich bereit sind, über Schwächen zu sprechen. Natürlich, vieles bleibt vorhersehbar: die großen Themen Selbstfindung, Zukunftsorientierung, der obligatorische Appell, die „beste Zeit“ im Jetzt zu sehen. Und ja, es hätte dem Text gutgetan, die Klischees stärker zu reduzieren und die wirklich spannenden Episoden weiter auszubauen. Aber unterm Strich ist "Das Leben nach den besten Jahren" dann doch weitaus besser, als es der Titel und die ersten Kapitel vermuten lassen. Wer Basler nur als Sprücheklopfer und Babbel als analytischen Ex-Profi kennt, erkennt beide hier wieder – aber mehrdimensionaler, verletzlicher und überraschend offen. Ein lesenswertes Buch!

Mario Basler und Markus Babbel: "Das Leben nach den besten Jahren", edition a

Freitag, 24. Oktober 2025

Wilde Achterbahn-Fahrt mit Thomas Schaaf

Den Spieler Thomas Schaaf hatte ich in der Schublade "Fußballerische Dutzendgesichter" abgelegt. Ein fleißiger, aber unauffälliger Arbeiter - und dann auch noch einer im Trikot von Werder Bremen, und zwar ausgerechnet jenem Team der Rehhagel-Ära, das meinen Bayern in meiner ersten richtigen Saison (1987/88) den Titel wegschnappte. Später, als Schaaf an gleicher Wirkungsstätte als Trainer agierte, sah ich das mit der Meisterschaft 1988 und auch vieles andere im Verhältnis der beiden Klubs längst etwas differenzierter. Aber allzu intensiv verfolgte ich seinen Weg gleichwohl nicht - und entsprechend zurückhaltend klappte ich nun seine von Daniel Cottäus verfasste Biographie (Verlag Die Werkstatt) auf. Nur um höchst angenehm überrascht zu werden. Denn Cottäus findet im Buch von Beginn an einen wunderbar atmosphärischen und gleichzeitig lockerleichten Ton, der den Leser sofort einfängt. Ich erlebe mit, wie Schaaf als C-Jugend-Spieler Wolfgang Rolff begegnet, einem späteren langjährigen Bundesliga-Kollegen und Weggefährten. Ich bin dabei, wenn beide mit A-Jugend-Nationaltrainer Dietrich Weise ins ferne Wolgograd reisen und vorher strenge Benimmregeln ("Keine Jeans!") erhalten. Schaafs Kindheit in den 1970er Jahren, die Stimmung jener Zeit - das alles wird überaus lebendig. Angesichts von noch über 300 vor mir liegenden Seiten wuchs meine Vorfreude mit jedem Umblättern. 
 
Aber dann - wie bei einer Achterbahn-Fahrt, wo man sich gerade noch auf dem Weg nach oben wähnt und unvermittelt wieder abwärts rast -  kommen die Kapitel über Schaafs Jahre in Werders Profiteam. Und die fallen in meinen Augen etwas enttäuschend aus. Ich hatte das Gefühl, dass ich zu wenig Neues erfahre, es mitunter zu durcheinander und - gemessen daran, dass Cottäus weit über dreißig Stunden mit Schaaf zusammensaß - zu wenig ins Detail geht. Beim zweiten Lesen habe ich dann gemerkt, dass es auch hier sehr wohl wunderschöne Anekdoten und Innenansichten gibt, etwa über Gastspiele des Teams in Tokio, Gehaltsverhandlungen in griechischen Restaurants oder eine 24-Stunden-Anreise nach Moskau, die Schaaf über Wilna nicht etwa in die russische Hauptstadt, sondern an den Abflugort Bremen zurückbringt. Aber in meiner Erinnerung bleibt vor allem, dass das Buch häufig genau dort, wo eine Positionierung des Insiders Schaaf nahegelegen hätte, schweigt: Wie veränderte sich das Verhältnis Otto Rehhagels zur Klubführung, zu Manager Willi Lemke und zur Mannschaft in seinen letzten Monaten in Bremen? Wie standen sich 1993 der egozentrische Neuzugang Mario Basler und der Rest des Teams gegenüber? Welche Rolle spielte Trainer-Gattin Beate Rehhagel im Klub? Hinzu kommt, dass sich Cottäus mitunter einen unnötigen Ausflug über den Spielfeldrand hinaus gönnt, etwa wenn allzu breit die sattsam bekannte Geschichte von Günter Schabowskis Mauerfall-Pressekonferenz noch einmal erzählt wird. Und manchmal wartet man auf etwas, etwa das zweite "Wunder von der Weser" - Werders legendärer 5:0-Sieg gegen den BFC Dynamo im Europapokal 1988 nach einem 0:3 im Hinspiel -, das dann erst im Jahr darauf erzählt wird. Inzwischen blätterte ich die Seiten einigermaßen missmutig um. 

Doch mit einem Mal geht es auf der Achterbahn wieder steil bergauf: Denn nun kommen die Jahre Schaafs als Nachwuchs- und Cheftrainer, und es ist, als hätte man einen Schalter umgelegt. Plötzlich geht wieder alles: Einblicke, Analysen, Atmosphäre vom Feinsten. Schaafs Erinnerungen bringen - jedenfalls für mich  - die erste differenzierende Betrachtung der Amtszeit von Aad de Mos in Bremen und dazu herrliche Anekdoten, etwa wenn de Moos am Montag zum Familienvater Schaaf meint: "Pass auf, du musst am Donnerstag zu einer Spielerbeobachtung nach Brasilien fliegen." Es gibt hochspannende Schilderungen, wie Schaafs Samstag nach einem Spiel (zumal nach einem verlorenen) und der anschließende Sonntag aussehen. Wir kehren zurück in eine Zeit, in der Jounalisten den Bremer Chefcoach unter seiner Privatnummer anriefen, öfter mal seine Frau dran war ("Der Thomas saugt gerade sein Auto aus. Er ruft Sie zurück.") und Schaafs Äußerungen später ohne jegliche Autorisierung in Druck gingen. Heute ist so etwas undenkbar. Wir erfahren, wie Schaafs Spieler Torsten Frings ob eines vermeintlich perfekten Transfers nach Italien schon einen Mietvertrag für ein Haus in Turin unterschrieb, um dann doch nicht zu wechseln, und wie die Medien nach Schaafs Ende in Bremen dem Coach eine Flucht in sein "Ferienhaus in Salzburg" unterstellten, obwohl es ein solches Domizil nie gab. Auch Schaafs eher unglückliche Auswärtsspiele, die beiden Trainerstationen in Frankfurt und Hannover, werden zwar kurz, aber in meinen Augen hervorragend beschrieben.

Am Ende dieser Achterbahnfahrt war ich vollumfänglich versöhnt und hochzufrieden mit einer Biographie, die meine Sammlung von Büchern über Werder Bremen und seine Protagonisten (Rehhagel, Lemke, Fischer, Ailton, Borowka, Legat, Klose) wahrhaft bereichert. Klare Kaufempfehlung!

Daniel Cottäus: "Thomas Schaaf: Die Biographie", Verlag Die Werkstatt

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Das "fuma": Eine kostbare Perle der Fußballromantik

Wir haben es an anderer Stelle schon wiederholt besprochen: Was Fußballzeitschriften angeht, haben wir es in Deutschland gar nicht so schlecht. Mit dem "kicker", der "Sport-Bild", "11Freunde" und dem Frauenfußballmagazin "FFußball" gibt es gefühlt für jeden Geschmack etwas. Und doch denke ich sehr oft und mit viel Wehmut an ein Heft, das in der Spätphase der Fußballromantik ab Mitte der 1980er Jahre seine Blütezeit erlebte und mehr oder weniger mit dem Bosman-Urteil vor knapp 30 Jahren wieder vom Markt verschwand. Die Rede ist vom legendären "Fußball-Magazin" (Eigenschreibweise: "fußball-magazin") aus dem Hause "kicker". In Ergänzung seines seriösen, manchmal als etwas trocken wahrgenommenen und auf das wochenaktuelle Geschehen fokussierten Flaggschiffs, seinerzeit noch mit schwarz-weißem Innenteil, brachte der Nürnberger Olympia-Verlag ab 1977 ein knallbuntes Magazin mit markigen Schlagzeilen ("Den Jüngsten beißen die Hunde") auf den Markt. Das "fuma" sollte die Menschen zeigen, die sich hinter der Fassade prominenter Fußballer und Trainer verbargen. Bundesligastars öffneten ihre Häuser und Wohnungen für Homestories, stellten ihre Autos vor, beantworteten im Rahmen der Aktion "Fragen Sie Ihren Star!" Leserfragen oder gaben ausführliche Interviews, die - ganz im Geist der damaligen Zeit - wesentlich offener und unverblümter ausfielen, als es heute auch nur ansatzweise denkbar wäre. Charakteristisch für das "fuma" war dabei stets ein wohlwollender, positiver Blick auf die Bundesliga und ihre Protagonisten - nie wurde ein Spieler bloßgestellt, nie sein Unglück ausgeschlachtet, nie ein privater Fehltritt zum Skandal aufgeblasen. Im Gegenteil, Akteure, die durch Verletzungen oder Formkrisen gebeutelt waren oder die das Leben anderweitig herumgeschubst hatte, erhielten im "fuma" die Gelegenheit, über ihr Seelenleben zu sprechen und sich für einen Neuanfang in Stellung zu bringen. Allerdings war das Magazin bei allem Wohlwollen keineswegs zahnlos oder blauäugig. Das miese Geschäft mit Bauherrenmodellen oder kommerzielle Fehlentwicklungen im Fußball wurden angeprangert und Vereine, Spieler und Trainer durchaus auch kritisiert, aber eben nie von oben herab, nie ehrverletzend. Die Macher hatten auch keine Scheu, vermeintlich heiße Eisen anzufassen. So gab es im Dezember 1987 beispielsweise eine Titelstory über Toni Schumacher und Uli Stein ("Torhüter, die in ihr Verderben stürzten"), Norbert Nachtweih wurde im März 1989 unter der Schlagzeile "So erlosch meine Liebe zu den Bayern" porträtiert und Andreas Brehme verkündete im August 1990: "Heute lache ich Hoeneß aus".

Zu den besonderen Highlights eines jeden Hefts gehörten für mich stets die auf fast schon rührende Weise bemühten Fotos und Überschriften. So saß Souleymane Sane (der Vater von Leroy und der weitaus interessantere der Sanes) im Dezember-Heft 1987 vor einem riesigen Stück Torte mit Sahne - und unter der Überschrift: "...aber bitte mit Sa(h)ne". Ex-Bayer und Neu-Hamburger Armin Eck wurde im September 1989 als "Ein Eck ohne Ecken" vorgestellt, "Kobra" Wegmann warnte im gleichen Heft "Hütet Euch vor meinem Biß!" und ein Bericht über einen eskalierten Streit zwischen Thomas von Heesen und seinem Berater Holger Klemme erhielt die Schlagzeile "Als Thommy in der Klemme steckte". Gerade die Homestories  des "fuma" machen in der Rückschau auch eines sehr schön deutlich: Die Kicker in den 1980er Jahren waren ungeachtet der schon damals verbreiteten Kritik an ihren vermeintlich zu hohen Gehältern von der heutigen Entrücktheit etlicher Profis, von Goldsteaks und Wochenendtrips zur Pariser Fashion Week so weit entfernt wie vom Mond. Beispiel gefällig?

In der Märzausgabe 1991 erschien im "fuma" ein Artikel über den Düsseldorfer Libero Ralf Loose mit mehreren Fotos aus dem privaten Bereich des Kickers. Bei der Aufnahme links (Bildzitat/ © 1991 fuma/Wende) lautete die Beschreibung: "Frühstücke wie ein König!". Nun schauen wir uns das Foto mal etwas genauer an: Loose und seine Frau sitzen in offensichtlich beengten Verhältnissen an einem kleinen Ikea-Tisch. Darauf sieht man zwei Platzdeckchen, zwei Frühstücksteller und zwei Kaffeetassen, augenscheinlich leer. Außerdem eine angefangene Packung Brot in Plastikfolie aus dem Supermarkt sowie je ein Glas Marmelade und Honig, beides ebenfalls Massenprodukte vom Discounter. Oh ja, eine wahrhaft königliche Mahlzeit...

Ein weiteres Markenzeichen des Heftes - und das habe ich ganz ohne Augenzwinkern geliebt - waren die Legionärsreportagen. Das "fuma" besuchte frühere Bundesligastars, die es ins Ausland gezogen hatte, und zeigte, wie die Kicker in ihrer neuen Heimat lebten und arbeiteten. Gerd Müller in Fort Lauderdale, Hansi Müller in Innsbruck, Harald Kohr in Zürich, Dieter Schatzschneider in Graz, Toni Schumacher in Istanbul, Dieter Müller in Bordeaux und so weiter und so fort. Das fand man damals in dieser Form in keiner anderen Zeitschrift.

Leider gab es offensichtlich nicht genug Leser (und vor allem nicht genug Anzeigenkäufer - siehe dazu das Interview mit Harald Kaiser unten), die das "fuma" in gleicher Weise  verehrten wie ich. Im Frühjahr 1991 wurde die monatliche Erscheinungsweise beendet. Künftig kam das Heft nur noch zweimal pro Jahr, wobei ein roter Faden und ein klares Konzept jedenfalls für mich nicht mehr so recht erkennbar waren. Bis 1996 dümpelte das "fuma" dann mit irgendwie halbherzigen Hin- beziehungsweise Rückrundenbilanzen vor sich hin, ehe es gänzlich aus den Regalen verschwand. Heute kann man mit etwas Glück ältere Ausgaben des Magazins bei Ebay, Kleinanzeigen oder auf einer anderen Plattform für einen fairen Preis bekommen. Um es sich anschließend mit einer Tasse Kakao auf dem Sofa bequem zu machen und in die Zeit der Fußballromantik einzutauchen. 
 
Die passende Einstimmung darauf gibt es hier:

"Wenn wir die 100.000 überschritten haben,
haben wir gefeiert!"

Interview mit dem langjährigen "fuma"-Redakteur Harald Kaiser

Harald Kaiser war ab 1980 knapp vierzig Jahre als Redakteur für den "kicker" tätig – mit einem mehrjährigen Abstecher zum "fußball-magazin". Heute arbeitet er als Autor und freier Schriftsteller und hat unter anderem die 2023 im Verlag Die Werkstatt erschienene Felix-Magath-Biographie "Gegensätzliches" sowie zuletzt ein Buch über die ewige Rivalität zwischen dem 1. FC Nürnberg und Greuther Fürth ("Das fränkische Lokalderby", ars vivendi Verlag) verfasst. Das Fußballbücher-Magazin sprach mit ihm über seine Zeit beim "fuma".

Herr Kaiser, Sie haben die Hochphase des "fußball-magazin" in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in verantwortlicher Position miterlebt und mitgestaltet. Wie war die Arbeit organisiert?

Solange das "fußball-magazin" in einem zweimonatlichen Turnus erschien, war Wolfgang Rothenburger der alleinige Redakteur des Heftes. Die Beiträge stammten von ihm, von "kicker"-Redakteuren oder freien Mitarbeitern. Nach der Umstellung auf eine monatliche Arbeitsweise war der Arbeitsaufwand von einem Redakteur allein nicht mehr zu bewältigen. Der Verlag stellte Wolfgang Rothenburger – nacheinander – zunächst zwei externe Kollegen zur Seite, mit denen er sich aber nicht so gut verstand. Schließlich wurde ich gefragt, ob ich die Aufgabe übernehmen möchte.

Mussten Sie lange über das Angebot nachdenken? 

Ja, es war durchaus eine schwere Entscheidung für mich. Als Redakteur hatte ich beim "kicker" seinerzeit den FC Bayern München betreut. Im deutschen Fußball gab es damals und gibt es auch heute keine größere Aufgabe für einen Journalisten. Der Verlag ist mir aber in den Verhandlungen sehr entgegengekommen. Ich durfte Woche für Woche ein Bundesligaspiel meiner Wahl im süddeutschen Raum besuchen, ich durfte zu sämtlichen Länderspielen in Deutschland fahren und auch zu sämtlichen großen Turnieren wie Europa- und Weltmeisterschaften. Ab 1. Juli 1986 habe ich parallel für "kicker" und "fußball-magazin" gearbeitet, ab 1988 dann ausschließlich für das "fußball-magazin", auch wenn ich noch gelegentlich Interviews für den "kicker" gemacht habe.

Wie eng waren die Redaktionen von "kicker" und "fußball-magazin" in inhaltlicher und organisatorischer Hinsicht verbunden?

Beim "fußball-magazin" gab es, wie gesagt, Wolfgang Rothenburger als Chef und mich als Redakteur, später kam dann noch ein weiterer Redakteur hinzu. Wir waren bei der Themenfindung völlig autark und im Haus auch räumlich von den Redakteuren des "kicker" getrennt. Aber natürlich gab es ganz normale kollegiale Kontakte zu den anderen Mitarbeitern. Wir sind auch samstags oft gemeinsam zu den Spielen gefahren.

Ich habe beim Lesen älterer Ausgaben mitunter den Eindruck, dass ein Spieler, der beispielsweise im "kicker" in einem größeren Artikel vorkam, wenig später gern auch im "fußball-magazin" Gegenstand eines Beitrages war. Gab es eine solche Art von gezielter "Nachnutzung"?

Nein, ich kann insbesondere ausschließen, dass ein Termin doppelt ausgeschlachtet wurde. Aber wie gesagt haben etliche "kicker"-Redakteure Artikel für das Magazin verfasst – und natürlich haben sie dafür ihre bereits bestehenden Kontakte genutzt.

Charakteristisch für das "fußball-magazin" war der stets väterlich-wohlwollende und positive Blick auf einzelne Spieler und die Vorstellung des Menschen hinter dem Fußballer. Um so mehr ist mir ein eher galliger Artikel des späteren "Sport-Bild"-Redakteurs Ulrich Kühne-Hellmessen über den 1986 geflüchteten Dresdner Stürmer Frank Lippmann im Gedächtnis geblieben. Dieser habe offenbar "keine Lust zum Sichquälen, keinen Willen zum Engagement", ihm sei "der gelbe Krankenschein lieber als die blauen Flecken am Bein". Nach seiner Flucht in den Westen habe er sich vor allem mit Luxusartikeln und Statussymbolen eingedeckt.  Wurde seinerzeit in der Redaktion über derartige Ausreißer diskutiert?

Ich habe mir den Artikel noch einmal angesehen und muss Ihnen, was Ihre Einschätzung angeht, durchaus recht geben. Allerdings kann mich an kein Gespräch mit dem Uli Kühne-Hellmessen über diesen Beitrag erinnern oder daran, dass das bei uns irgendwie ein Thema war. Frank Lippmann hat ja später gesagt, dass seine Karriere nach seiner schweren Verletzung im Grunde vorbei war. Vielleicht hat Uli das damals im Gespräch schon irgendwie gespürt und ja letztlich recht behalten.

Sie haben fast 40 Jahre beim "kicker" beziehungsweise zwischendurch für das "fußball-magazin" gearbeitet und in dieser Zeit etliche Weggefährten gehabt, die in gleicher Weise wie Sie feste Größen des deutschen Fußballjournalismus sind oder waren: Frank Lußem, Carlo Wild, der bereits erwähnte Ulrich Kühne-Hellmessen…

Frank Lußem und ich haben 1980 gemeinsam beim "kicker" begonnen – wir waren damals die ersten Volontäre, die der Verlag eingestellt hat. Er hat dann in der West-Redaktion, die damals in Remscheid angesiedelt war, gearbeitet. Natürlich haben wir uns dann jenseits der zweimal jährlich stattfindenden Ranglistenkonferenzen des "kicker", wenn alle Redakteure für zwei Tage nach Nürnberg kamen, nicht mehr so oft gesehen. Aber zum Beispiel waren wir zusammen beim für den Ausgang der Meisterschaft entscheidenden Spiel des 1. FC Köln gegen den FC Bayern im Mai 1989 (1:3). Carlo Wild hingegen hat in der Nürnberger Redaktion gearbeitet, er ist ein guter Freund von mir, auch heute noch. Mit dem Uli Kühne-Hellmessen habe ich mich damals ebenfalls sehr gut verstanden, aber wie das immer ist im Berufsleben: Wenn einer weiterzieht, verliert man sich ein Stück weit aus den Augen. Wir haben uns aber auch, als er zur "Sport-Bild" gewechselt ist, noch ab und zu gesehen, bei den großen Turnieren, bei der EM 1988 zum Beispiel oder der WM 1990.

Für mich als Leser waren die Stories über deutsche Legionäre – Schuster in Barcelona, Förster in Marseille, Klinsmann in Mailand – immer die Highlights eines Hefts. Waren die jeweiligen Auslandsdienstreisen entsprechend begehrte Aufgaben innerhalb der Redaktion mit einem Erstzugriffsrecht der Chefs?

Nein, überhaupt nicht. Das hat sich ganz klar danach gerichtet, wer zu dem ins Ausland gewechselten Spieler früher in der Bundesliga den besten Kontakt hatte. So habe ich beispielsweise Artikel über Lothar Matthäus und Andreas Brehme in Mailand gemacht, da ich sie aus ihrer Münchner Zeit kannte. Aber es macht ja gar keinen Sinn, wenn ich zum Bernd Schuster nach Barcelona fliege, obwohl ich den überhaupt nicht kenne und gar keinen Draht zu ihm habe. Und Wolfgang Rothenburger als Chef hat sich ganz sicher nicht um Auslandsdienstreisen gerissen. Er stand damals ja auch schon kurz vor der Pensionierung.

Wie intensiv haben Sie als Redakteur damals die Auflagenentwicklung des "fußball-magazin" verfolgt?

Sehr intensiv, das war ja das mit das Interessanteste. Wir haben natürlich immer geschaut, wie die Verkäufe waren. Wenn wir die 100.000-Marke mal überschritten haben, was durchaus einige Male vorkam, dann haben wir gefeiert. Es gab bestimmt drei bis vier Ausgaben pro Jahr, bei denen wir im sechsstelligen Bereich landeten. Heute sind solche Zahlen utopisch.

Weshalb wurde der Erscheinungsturnus des "fußball-magazin" ab 1991 sukzessive vergrößert, bis es schließlich 1996 ganz eingestellt wurde?

Das hatte mit der Auflage nichts zu tun, sondern allein mit den Anzeigenverkäufen. Die Leute, die die Anzeigen für das "fußball-magazin" verkauft haben, haben dies auch für den "kicker" getan. Da sie teilweise auf Provisionsbasis gearbeitet haben, war es für sie natürlich attraktiver, Anzeigen für den auflagenstärkeren "kicker" zu verkaufen. Sie haben dann oft erst am Ende eines Gesprächs erwähnt, dass es da auch noch ein monatlich erscheinendes Heft gibt. Dass wir nie jemanden hatten, der exklusiv nur für unser Heft Anzeigen verkauft hat, war in meinen Augen der größte Fehler. Ich selbst bin 1993 zurück zum "kicker" gegangen.

Einige Jahre zuvor, im Frühjahr 1989, war mit "Sport-Bild" ein Konkurrenzblatt lanciert worden. Wie war Ihr Blick auf die "Sport-Bild"?

Ulrich Kühne-Hellmessen, über den wir hier ja schon gesprochen haben, ist damals zur "Sport-Bild" gewechselt. Ich hatte seinerzeit auch ein Angebot und hätte dort weitaus mehr verdienen können, habe mich aber dafür entschieden, beim "kicker" zu bleiben. Natürlich war die "Sport-Bild" mittwochs damals für uns Pflichtlektüre. Und sicher haben wir uns manchmal bei dem Gedanken ertappt: "Diese Geschichte hätten wir eigentlich auch haben können." Weitaus öfter aber war mein Gedanke: "Gut, dass ich da nicht arbeite."

Und wie war es bei dem Magazin "11Freunde", das reichlich zehn Jahre später auf den Markt kam?

Als Monatszeitschrift bewegte sich "11Freunde" ja in einer ganz anderen Sphäre als der "kicker". Anders als bei "Sport-Bild" dachte ich damals öfters: "Super gemacht!" Aber das Heft war in keiner Weise eine Konkurrenz zum "kicker".

Herr Kaiser, herzlichen Dank für das Gespräch!

(Das Interview führte Tim Bender.)

Freitag, 3. Oktober 2025

Andy Möller: Starke Szenen, aber ein zu schnelles Ende

Auf die Biographie von Andreas Möller hatte ich mich sehr gefreut. So sehr, dass ich beim Verlag ein volles Jahr vor dem Erscheingstermin nach einem Besprechungsexemplar fragte. Über einen wie ihn musste es einfach ein Buch geben. Man findet nur wenige deutsche Fußballer mit einer ähnlichen Erfolgsbilanz: Weltmeister 1990, Europameister 1996, Champions-League-Sieger, UEFA-Pokal-Sieger, Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieger - und das sind nur die wichtigsten Titel. Möller galt Mitte der 1980er Jahre als eines der größten Talente des deutschen Fußballs und stand folgerichtig schon bald auf der berüchtigten "Schwarzen Liste" der Bundesliga. Und praktisch jeder einzelne seiner späteren Transfers innerhalb Deutschlands (zwei Stationen in Frankfurt, zwei in Dortmund, eine bei Schalke 04) sowie ins Ausland (Juventus Turin) war umstritten und Gegenstand hitziger Diskussionen. Da sollte es einiges zu erzählen geben. Tja, und da die Zeit zwar mitunter langsam, aber eben doch vergeht, war das Jahr irgendwann rum: Im September kam "Andy Möller: 15 Sekunden Wembley" (Verlag Die Werkstatt) endlich auf den Markt.

Die Kollegen vom Magazin "11Freunde" waren nach der Lektüre allerdings nur mäßig begeistert. "Etwas oberflächlich" sei das Werk, mäkelte Florian Nussdorfer im letzten Heft, "nicht viel mehr als Floskeln" habe Autor Dieter Sattler aus seinem Sujet herausgeholt. Das kann ich indes überhaupt nicht bestätigen. "15 Sekunden Wembley" ist ein unter vielerlei Aspekten lesenswertes und hochinformatives Buch. Gleichzeitig bietet es eine schöne Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, was gelungene von weniger gelungenen Biographien unterscheidet. Wer über die Karriere eines Fußballers schreibt, wird nicht umhinkommen, ein paar wikipediaartige Informationen aufzunehmen: X spielte hier und dort, schoss dieses und jenes Tor, feierte solche und solche Erfolge. Aber dafür brauchte man schon in der Vergangenheit nicht unbedingt ein Buch - und inzwischen kann ich mir diese Daten in wenigen Sekunden von einer passablen KI-Anwendung in Prosaform zusammenstellen lassen. Was also sollte eine Biographie darüber hinaus leisten? Meines Erachtens sollte sie exklusive Innenansichten bieten, persönliche Wertungen, subjektive Versionen streitiger Sachverhalte, Einschätzungen über Mitspieler und Trainer - und/oder eine wirklich tiefgehende Persönlichkeitsstudie, wie sie beispielsweise Mathias Schneider mit "Löw: Die Biographie" gelungen ist.

Und wenn ich mir jetzt mit diesem Maßstab mal das Andy-Möller-Buch vornehme, ist ohne Wenn und Aber zu konstatieren: Die Innenansichten, Versionen und Wertungen bekomme ich hier sehr wohl. So gab es beispielsweise bislang nicht allzu viele - nach meiner Kenntnis null - Plädoyers pro Klaus Gerster. Anfangs Jugendtrainer und später persönlicher Berater Möllers, teilweise aber gleichzeitig auch Manager des jeweiligen Vereins - da waren Konflikte vorprogrammiert. In der seinerzeitigen Berichterstattung kam der "Schwarze Abt" in der Regel schlecht weg, als windiger Geschäftemacher und gewissenloser Profiteur des naiven Jungstars. Für mich war es hochspannend, nun einmal Möllers deutlich wohlwollendere Version zu lesen. Auch seine Ausführungen etwa über sein Verhältnis zu Torwart Uli Stein oder über das arrogante Auftreten des Noch-Spielers und Managers in spe Wolfgang Kraus bei Eintracht Frankfurt, sein erstaunlich kühler Blick auf seinen frühen Förderer Berti Vogts, die Umstände seines "Treueschwurs" in Dortmund 1989, seine Version des obskuren Optionsvertrages mit Juventus Turin oder die Begründung, warum er bei Borussia nicht unter dem Jungtrainer Matthias Sammer spiele wollte - all das sind Informationen, die mir so keine KI liefert und die eine Biographie wertvoll machen. Das heißt wohlgemerkt nicht, dass ich alles, was ich hier lese, zwingend für unumstößlich und vollständig halte - aber es ist eben Möllers persönlicher Blick auf die Dinge, der für ein Gesamtbild unerlässlich ist. Und, ja, hier und da gibt es sicherlich Lücken. So hätte mich zum Beispiel schon interessiert, ob sich Möller - wie damals berichtet wurde - zur Erfüllung der Juventus-Optionsklausel aus dem Vertrag mit Eintracht Frankfurt "herauskaufen" musste. Seinerzeit war von fünf Millionen DM die Rede - auch für einen fürstlich entlohnten Bundesligastar  Anfang der 90er Jahre eine riesige Summe. Und es ist ein klein wenig schade, dass es im Buch zwar ein eigenes Kapitel "Die Schwalbe" zum deshalb berühmt gewordenen Spiel Dortmund - KSC (2:1) im Jahr 1995 gibt, aber Möllers preisverdächtige Wortschöpfung "Schutzschwalbe" kein einziges Mal vorkommt. Nur wenige Menschen können für sich in Anspruch nehmen, den deutschen Sprachschatz bereichert zu haben - und dann auch noch mit einem so wunderschönen Begriff, der eigentlich nur aus dem Mund eines Juristen hätte kommen können. Ich jedenfalls muss immer breit grinsen, wenn ich ihn lese oder höre - und hätte mich gefreut, wenn es im Buch dazu eine Erläuterung gegeben hätte. Aber das sind eher Feinheiten und Geschmacksfragen.

Allerdings hielt "15 Sekunden Wembley" auch für mich eine kleine echte Enttäuschung parat - und zwar ganz am Ende. Denn Andy Möller blickt ja nicht nur auf eine großartige Karriere als Spieler zurück, sondern auch auf einige Jahre als Trainer. Die waren vielleicht nicht so glamourös, aber mit Sicherheit hochinteressant, gerade aus Sicht eines Spielers, der einst zu den ganz Großen gehörte. Möller stand als Chef in der Ober- und in der Regionalliga an der Seitenlinie und war zwei Jahre Co-Trainer der ungarischen Nationalmannschaft. Und vor allem über letzteres hätte ich nur zu gern etwas gelesen. Wie kam er zu dem Job? Wie war es für den einstigen Ballzauberer, unter seinem ehemaligen Teamkameraden, dem biederen Arbeiter und "Wasserträger" Bernd Storck, zu arbeiten? Was verdient man als Co-Trainer Ungarns? Ist das ein Full-Time-Job? Wie sah sein Arbeitsalltag aus? Hat Möller in dieser Zeit in Budapest gewohnt oder ist er immer nur anlassabhängig eingeflogen? Ja, es hätte viel zu erzählen gegeben - aber Dieter Sattler handelt diese ebenso wie alle anderen Trainerstationen Möllers in insgesamt fünf dürren Sätzen im Epilog ab. Das nenne ich eine vergebene Chance.

Aber Sattler und Möller hatten zuvor so viele starke Szenen im Spiel, pardon, im Buch, dass ich "15 Sekunden Wembley" gleichwohl uneingeschränkt empfehle. Gerade im Regal jener, die mehr oder weniger mit den Weltmeistern von 1990 erwachsen und älter geworden sind, sollte es nicht fehlen.

Dieter Sattler: "Andreas Möller: 15 Sekunden Wembley", Verlag Die Werkstatt