Samstag, 22. März 2025

Leichte Aufwärtstendenz: "11Freunde" feiert Jubiläum


Philipp Köster hat es weit gebracht. Vom jugendlichen "Kicker"-Leserbriefschreiber in den 80er Jahren über den idealistischen Fanzine-Macher in den 90ern (damals lief das noch mit Schere, Pritt-Stift und Kopierer) zum Gründer, Miteigentümer und Chefredakteur des mit Abstand besten Fußball-Magazins des Landes. "11Freunde" feiert inzwischen seinen 25. Geburtstag. Und nach so langer Zeit im Geschäft kann man Köster natürlich nichts mehr vormachen. In der anlässlich des Jubiläums vor einigen Tagen erschienenen Spezial-Ausgabe nimmt er sich eines seiner Lieblingsthemen vor, die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs und die immer größer werdende Kluft zwischen den ganz großen und den kleineren Klubs. "Der VfL Bochum", analysiert Köster bitter, "hat anders als früher in München keine Chance mehr auf einen Sieg." Wie das Leben so spielt: Während dieses Spezial-Heft in der Druckerei gerade auf LKWs verladen wurde, gastierte der  VfL Bochum mal wieder beim FC Bayern und *hust* gewann mit 3:2

Ich gebe es zu: Das ist ein billiger Punkt, denn nichts von dem, was Köster in seiner Analyse schreibt, wird dadurch falsch. Und eigentlich will ich hier ja das Jubiläumsheft vorstellen. Nachdem ich mit dem dicken "11Freunde"-Buch zum 20. Geburtstag nicht so ganz glücklich wurde (siehe hier), schafft das Heft eine etwas höhere Punktzahl, wenngleich ich mir auch hier beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis mehr versprochen hatte. Immerhin: Die Rubrik "Alles mal Paroli laufen lassen" bietet in fünf Teilen "Schnurren, Anekdoten und Redaktionsinterna", also Geschichten aus dem Alltag der "11Freunde"-Macher. Und auch wenn man die eine oder andere Story schon mal irgendwo gelesen hat, zeichnet dieses Serie ein schönes Bild vom durchaus steinigen Weg, den das Magazin in den 25 Jahren absolvieren musste, ehe es im Fußball-Geschäft akzeptiert wurde. Christoph Daum etwa, immerhin späterer Kolumnist des Heftes, drohte 2008 gleich bei der ersten (völlig harmlosen) Frage des Redakteurs aggressiv mit einem sofortigen Abbruch des Interviews. In so einer Situation seinen Stolz zu schlucken und nicht einfach aufzustehen und "Okay, Herr Daum, dann lassen wir das eben. Schönen Tag noch!" zu sagen, ist vermutlich gar nicht so einfach. Jedenfalls sind allein diese Seiten den Kauf des Heftes wert.

Sehr viel erwartet hatte ich vom Interview mit Ex-Bayern-Pressesprecher Markus Hörwick. Und obwohl es hier und da wirklich interessante Einblicke gibt, etwa zur Nike-Shirt-Posse Mario Götzes, war ich nach dem Lesen unzufrieden, weil mir vieles zu vage, zu allgemein blieb. Was auch deshalb schade ist, weil ich insgeheim immer gehofft habe, dass es von Hörwick mal ein dickes Buch über seine Bayern-Zeit geben wird. Hans Meyer kehrt für die Jubiläumsausgabe als Kolumnist mit "Gehen Sie davon aus" zurück, kann aber an seine frühere Form so gar nicht anknüpfen. Vielleicht ist seine Zeit einfach genauso vorbei wie die von Günter Hetzer. Nicht vorwerfen kann man den Magazin-Machern, dass sie Fan-Themen eine Menge Platz einräumen, etwa den "Wir gründen einen eigenen Verein"-Projekten in Wimbledon, Salzburg und Manchester oder Projekten gegen Rassismus und Sexismus im Stadion. Zwar wurden all diese Themen in der Vergangenheit schon hinreichend gemolken, sind aber nun mal Teil der "11Freunde"-DNA. Da muss man dann als Leser durch. Interessanter für mich sind da schon die Texte über Abramowitsch, Infantino und Neu-Bulle Jürgen Klopp. Unter dem Strich bleibt ein kaufens- und lesenswertes Heft, besser als das Buch vor fünf Jahren, aber auch keine 10 Punkte. Die werden es dann ja vielleicht zum 30. Geburtstag in fünf Jahren.

11Freunde Spezial: 2000 - 2025. 25 Jahre Fußball-Kultur, 25 Jahre 11Freunde

Montag, 17. März 2025

Erinnerungen mit erstaunlichen Schwächen

(KM) Johan Cruyffs Biographie "Mein Spiel", heißt es im Vorwort des Verlags bescheiden, sei "eines der klügsten Bücher, das in den letzten Jahrzehnten über den Fußball geschrieben wurde". Wer so forsch einsteigt, sollte besser halten, was er verspricht. "Mein Spiel" schafft das allerdings nur stellenweise. Aber der Reihe nach. Die Erinnerungen Johan Cruyffs lungerten schon etliche Jahre in meinem Bücherregal herum. Warum sie es bisher nicht auf meinen "Demnächst mal lesen"-Stapel geschafft hatten, kann ich gar nicht sagen. Aber vor kurzem bin ich über Andy Bollens Buch "Fierce Genius: Cruyff's Year at Feyenoord" gestolpert - Besprechung demnächst - und dachte dann: Wenn schon Cruyff, dann erstmal seine Autobiographie.
 
Die Karriere des leider schon verstorbenen Weltstars würde selbst dann genügend Stoff für ein Buch liefern, wenn man sich für den ganzen fußballtheoretischen Teil und den Einfluss des Holländers auf Taktik und Entwicklung des Spiels seit 1990 weniger interessiert: Spieler in Amsterdam und Barcelona, Vizeweltmeister 1974, einige Jahre in der NASL, Karriereausklang in Rotterdam, dann spektakuläre Trainerstationen wiederum in Amsterdam und Barcelona - da sollte so einiges zu erzählen sein.

Und Cruyff liefert durchaus, aber wenn das Buch ein Aktienkurs wäre, würden wir eine extreme Zickzack-Kurve sehen. Es gibt hochspannende, hochinformative Passagen und Inneneinsichten, etwa zur Spätphase von Cruyffs erster Amsterdam-Station und der erodierenden Beziehung zu Trainer und Mitspielern oder zu seiner zweiten Zeit bei Ajax (1981 - 1983) oder auch zu seinen Trainerjahren in Barcelona und der schwierigen, stets von (absolut berechtigtem) Misstrauen geprägten Zusammenarbeit mit dem erratischen Präsidenten Josep Lluís Núñez. Und dann gibt es aber immer wieder Passagen, die seltsam blutarm, steril, allgemein und/oder verschwurbelt daherkommen, etwa zur WM 1974 oder zu Ajax' System der "limitierten Ablösesummen". Da heißt es über den Transfer van Bastens zum AC Mailand: "Denn schon bald zeigten sich die Probleme, die sich aus dieser Regelung ergaben. Sie offenbarten sich, als der AC Mailand von dem italienischen Milliardär Silvio Berlusconi übernommen wurde und sich mit viel Geld ausgestattet auf den Transfermarkt begab. Durch die Politik der limitierten Transfersummen blieb es Ajax leider verwehrt, davon zu profitieren – im Gegensatz zum großen Konkurrenten PSV Eindhoven. Dieser erzielte für Ruud Gullit die zehnfache Summe dessen, was Ajax für Marco van Basten vom AC Mailand bekommen hatte." Was genau das bedeutet und wieso Ajax bei einem Transfer eines Superstars ins Ausland - wohlgemerkt vor dem Bosman-Urteil, d.h. Ablöse gab es selbst bei ausgelaufenen Verträgen - nicht in der Lage war, einen regulären Marktpreis zu erzielen, bleibt völlig unklar.

Zu diesen Schwurbeleien kommt dann noch eine allzu blauäugige Beweihräucherung des Profiports in Amerika, Halbwissen über den Baseball-Manager Billy Beane von den Oakland Athletics und (in meinen Augen) blanker Unsinn über das NASL-Vertrags- und Transfersystem: Es stimmt schlichtweg nicht, dass Spieler seinerzeit - wie Cruyff zur Begründung seines Wechsels von den Los Angeles Aztecs zu den Washington Diplomats ausführt - Verträge mit der NASL und nicht den Vereinen schlossen und "es einem als Spieler passieren [konnte], dass man kurzfristig darüber informiert wurde, an einen anderen Club verkauft worden zu sein und sich innerhalb von achtundvierzig Stunden Tausende Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Vereinigten Staaten einzufinden [hatte]. Man musste das nächste Flugzeug nehmen – ganz gleich, wer man war." Franz Beckenbauer hat seinen Vertrag mit Cosmos New York gemacht und dafür mit dessen Generalmanager Clive Toye verhandelt, Gerd Müller schloss seinen Vertrag mit den Fort Lauderdale Strikers und verhandelte mit deren Eigentümer(gattin) Elizabeth Robbie - und die Vorstellung, dass einer der beiden alternen Superstars von heute auf morgen ins staubige Tulsa oder ins bitterkalte Minnesota hätte wechseln müssen, wenn es dem Verband und den Vereinen so gepasst hätte, ist aberwitzig. Zudem galt es gerade als eine der großen Schwächen der NASL, die die in den 90er Jahren neu gegründete MLS unbedingt vermeiden wollte, keine zentralen Steuerungsmöglichkeien zu haben. Und dass, wie Cruyff wiederholt nahelegt, die NASL-Klubs Musterbeispiele für professionelle Vereinsführung waren, darf angesichts der chaotischen Zeit dieser Rock'n-Roll-Liga und der zahlreichen kurzlebigen Franchises ebenfalls getrost bestritten werden. Im Übrigen: Hier wird Cruyffs Wechsel von Kalifornien nach Washington ebenfalls gänzlich anders dargestellt als von ihm selbst.
 
Der gelungenen Kapitel sind es alles in allem zwar trotzdem genug, um das Buch zu einer lohnenden Lektüre zu machen. Am spannendsten für mich war der Teil über Cruyffs spätere Funktionärszeit bei Ajax Amsterdam und die fast schon thrillerartige Beschreibung der dortigen Ränkespiele und Intrigen. Und auch Cruyffs Gedanken über Sinn und Zukunft des Fußballs sind lesenswert. Eines "der klügsten Fußballbücher" ist es in meinen Augen jedoch trotzdem nicht.

Johan Cruyff: "Mein Spiel", Droemer Verlag

Mittwoch, 12. März 2025

Faszinierende Chronologie eines Scheiterns

(KL) Nein, man kann Brian Clough nicht vorwerfen, dass er sich bei seinem neuen Team einschmeicheln wollte, als er 1974 völlig überraschend den Posten des Cheftrainers bei Leeds United übernommen hatte. Jenem Klub also, der unter Cloughs Vorgänger und Erzfeind Don Revie nahezu alles gewonnen hatte, was es damals im britischen Fußball zu gewinnen gab. Clough empfahl seinen Spielern nämlich als erstes, all ihre Medaillen und Pokale in den "größten Mülleimer, den ihr finden könnt", zu werfen. Denn: "Nichts von dem, was ihr gewonnen habt, habt ihr fair gewonnen. Alles, was ihr erreicht habt, habt ihr durch gottverdammten Betrug erreicht."

Hierzulande ist der Name Brian Clough nicht mehr allzu vielen Fans geläufig, aber man stelle sich vor, Uli Hoeneß hätte bei Werder Bremen Mitte der 90er Jahre die Nachfolge von Willi Lemke angetreten. Clough verabscheute Don Revie, seit der ihn bei ihrem ersten Aufeinandertreffen als Trainer - Revie war mit Leeds United zu Gast bei Cloughs damaligem Klub Derby County - wie Luft behandelt hatte. Clough hasste Don Revie, weil Leeds United in seinen Augen unehrlichen Fußball spielte, mit Kickern, die überaus ruppig zu Werke gingen, die Schiedsrichter bedrängten, die theatralisch umfielen, ohne auch nur berührt worden zu sein, die protestierten, wenn es nichts zu protestieren gab, und vehement Verwarnungen für ihre Gegenspieler forderten. Und aus diesem Hass hatte Clough, dem vom lieben Gott neben einer äußerst spitzen Zunge auch eine gehörige Portion Dummheit mitgegeben worden war (ja, auch eine dicke Scheibe Genialität, die sich aber eben nur entfaltete, wenn Clough seinen Intimus Peter Taylor an seiner Seite hatte - und das war in Leeds nicht der Fall), nie einen Hehl gemacht. Über Jahre hinweg war, geschürt durch immer neue verbale Aggressionen von beiden Seiten, so eine gepflegte Feindschaft entstanden. Umso sensationeller war es, dass Leeds United, nachdem Don Revie 1974 den Posten des englischen Nationaltrainers übernahm, nicht seinen Wunschnachfolger Johnny Giles verpflichtete, sondern ausgerechnet Brian Clough. Was folgte, war eine der turbulentesten, chaotischsten und kürzesten Trainer-Regentschaften in der Geschichte des englischen Fußballs: Ganze 44 Tage hielt sich Brian Clough bei einem Verein, bei dem ihm von nahezu allen Seiten - vom Nachwuchstrainer über die Spieler bis hin zu den Sekretärinnen - teilweise hasserfüllte Ablehnung entgegenschlug.

Der britische Autor David Peace, der mit seinen Yorkshire-Ripper-Thrillern und mit seiner Tokio-Serie Weltruhm erlangte, erzählt in seinem weitgehend auf Fakten basierenden Roman "The Damn Utd", minutiös jene 44 Tage, wobei er parallel - im Buch durch Kursivschrift abgehoben - Cloughs Werdegang bis zur Verpflichtung durch Leeds United und damit natürlich auch die Entstehung der Feindschaft zwischen ihm und Revie nachvollzieht. Die Idee selbst ist faszinierend - der Zeitraum ist eng begrenzt und aufgrund zahlreicher Biographien gut beleuchtet. Peace macht aus diesem Material einen hochspannenden Fußball-Roman, der die damaligen Beteiligten - und insbesondere Brian Clough - lebendig werden und erahnen lässt, weshalb diese Ehe niemals funktionieren konnte. Das Einzige, was mir an dem Buch missfällt, sind jene Passagen, in denen Peace durch völlig unnötige stakkatoartige Wiederholungen einzelner chorartiger Zeilen so etwas wie Atmosphäre schaffen will, was in einem Film vielleicht gehen mag, in einem Buch jedoch delatziert wirkt. So wird an einer Stelle auf etwa zwei Seiten allein dreizehnmal die Zeile "Derby. Derby. Derby. Derby. Derby. Derby." wiederholt. Solche Stellen lassen das Buch völlig unnötig aufgeplustert erscheinen. Und das hat Peace, der ein großartiger Erzähler ist, überhaupt nicht nötig.

"Den" Schuldigen gibt es für das gigantische Scheitern Cloughs in Leeds nicht. Auf der einen Seite stand der neue Trainer, dem es offensichtlich nicht gelang, die Gemütslage des Vereins, in den er kam, auch nur annähernd nachzuvollziehen und sich darauf einzulassen, und der kaum einen Versuch unternahm, die bestehenden Gräben zu überwinden. Auf der anderen Seite standen in der Tat charakterlose Kicker, die mehr oder weniger unverhohlen "gegen" ihren neuen Trainer spielten, ohne dass die Klubführung einschritt und ein Exempel statuierte. Fairerweise muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass sich einige Spieler - teilweise erfolgreich vor Gericht - gegen die Darstellungen in Peaces Buch wehrten. Es ist schwer zu beurteilen, ob Clough in Leeds überhaupt eine Chance hatte. Aber nachdem alle Beteiligten von Anfang an praktisch alles falsch machten, war das Ende nur eine Frage der Zeit. Und das Ende kam schneller als erwartet, als Clough in den ersten sechs Spielen nur ein einziger Sieg gelang, was für Leeds den schlechtesten Start seit 15 Jahren bedeutete.

Peace reiht eine Fülle von lebendigen Szenen aneinander, die die faszinierende Chronologie eines Scheiterns ergeben: Es geht los mit Cloughs erstem Eintreffen bei Leeds, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen. Er begegnet dem Nachwuchstrainer und Revie-Vertrauten Syd Qwen, der gerade das Amateurteam aufs Feld führen will. Natürlich "übersieht" Owen Cloughs zum Gruß ausgestreckte Hand. Und auf dessen Frage, ob einer der Kicker nicht kurz auf seine Söhne aufpassen könne, während er - Clough - sich im Verein bekannt macht, zischt Owen: "Sie sind bei uns schon allseits bekannt, Mr. Clough. Und diese Jungs sind hier, um zu trainieren. Nicht, um Ihre Söhne zu unterhalten." Cloughs kurzes Gastspiel bei Leeds endet mit einem Gespräch beim Vorstand, bei dem es um seine Abfindung geht. "25.000 Pfund [damals immerhin ca. 150.000 DM] für 44 Tage Arbeit?", brüllte der Vorstandsvorsitzende Sam Bolton. "Das ist gottverdammter Wucher!" Sein Blutdruck stieg noch weiter, als Clough kühl außerdem die Übernahme seiner Einkommensteuer in den nächsten drei Jahren verlangte und außerdem den ihm zur Verfügung gestellten Mercedes behalten wollte. Bolton war fassungslos: "Wer zur Hölle glauben Sie eigentlich zu sein?" "Brian Clough", lautete die schlichte Antwort. "Brian Howard Clough."

Übrigens brachte der Trainerwechsel auch Cloughs Vorgänger Don Revie keine Vorteile. Er verbrachte drei erfolglose Jahre als Nationaltrainer, ehe er in die Vereinigten Arabischen Emirate und damit ins fußballerische Niemandsland abtauchte. Clough schaffte hingegen ein sensationelles Comeback. 1975 wechselte er zu Nottingham Forrest und gewann 1979 und 1980 zweimal hintereinander den Europa-Cup.

David Peace: "The Damn United", Faber & Faber

Freitag, 28. Februar 2025

Unterhaltsame Rückschau auf 50 Jahre Fußball-Bücher

Es ist einigermaßen peinlich für ein Fußballbücher-Magazin, aber ich kannte Ben Redelings Werk "Der Ball ist eine Kugel. Das große Buch der Fußballbücher" bislang tatsächlich nicht. Dabei ist es schon fast zwanzig Jahre alt. Ein Leser hat mich - nochmals ganz herzlichen Dank an dieser Stelle! - darauf aufmerksam gemacht. Von Redelings selbst hatte ich zuvor schon einiges gelesen, etwa "Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben – es ist das Einzige" oder "Bundesliga-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos & Anekdoten", wobei allerdings gerade letzteres sehr an eine riesige Tüte Popcorn erinnert. Man fängt damit an, kann dann nicht mehr aufhören und hinterher ärgert man sich. Letztlich gilt für Redelings wohl Ähnliches wie für den hier zuletzt besprochenen Andreas Thome, wenn auch auf andere Art und Weise und auf deutlich höherem Niveau. Er ist ein Chronist dessen, was bekannt ist, ein Outsider, kein Insider. Aber für eine Betrachtung des Fußballbücher-Marktes ist das kein Nachteil, jedenfalls kein wesentlicher.

Der Autor beginnt im Jahr 1942 und stellt bis 2006 pro Jahr im Regelfall ein Buch vor, manchmal mehrere, mitunter werden auch einige Jahre übersprungen. Alles in allem kommt Redelings so auf 150 Werke. Zur Auflockerung zwischendurch hat er zudem einige Promis versammelt - von Manuel Andrack bis And Zeigler -, die jeweils ihre fünf Lieblingsfußballbücher auflisten. Dass Redelings Auswahl höchst subjektiv ausfallen würde, war klar - andererseits durfte man bei 150 Büchern schon auf ein vertieftes und belastbares Bild des Fußballbüchermarktes und seiner Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten hoffen, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass der Autor auf Jahr-, WM- und EM-Bücher sowie auf Vereinschroniken von vornherein verzichtet hat und das Angebot an Fußballbüchern vor 1990 deutlich überschaubarer war. Und tatsächlich wurde die Lektüre des Buches zu einem höchst unterhaltsamen Mix aus "Sieh mal an, das kennt der Redelings auch!" und "Wo ist eigentlich...?" und gleichzeitig einer hochinformativen Reise durch 50 Jahre Fußballbuchveröffentlichungen.

Es konnte kaum überraschen, dass sich Redelings etlichen Meilensteinen - Meilensteinen im Guten wie im Schlechten - der Fußballbuch-Geschichte widmet. Von Toni Schumachers "Anpfiff" über Lothar Matthäus´ "Mein Tagebuch" bis hin zu Stefan Effenbergs "Ich habe es allen gezeigt" ist nahezu alles dabei. Angenehm überrascht war ich über etliche Vorstellungen, die eher in die Kategorie "Geheimtipp" fallen, etwa Dieter Adlers WM-1982-Tagebuch "WM intim" oder Per Wahlöös Roman "Foul Play", der hierzulange wirklich nur Insidern ein Begriff ist. Interessanterweise hat Redelings zwar Max Merkels Erstlingswerk "Geheuert, gefeiert, gefeuert" aus dem Jahr 1980 aufgenommen, nicht jedoch die Anfang der 90er erschienenen Bücher "Das Runde ist der Ball" und "Man muss auch verlieren können". Obwohl Lästermaul Merkel in "Das Runde ist der Ball" etliche Stories aus seinem Erstlinswerk frech nach- und zweitverwertet hat, war dieses Buch für mich interessanterweise trotzdem das prägendere, weil es deutlich ausführlicher und scharfzüngiger ausfällt und seinerzeit über etliche Wochen und Monate die Auslagen in den Buchhandlungen prägte. Sehr nett war das Wiedersehen mit diversen Schmökern aus der zweiten Reihe, etwa Jupp Derwalls Biographie - hier hätte ich mir ob der allzu großen Zurückhaltung, die sich der Bundestrainer a.D. auferlegt hatte, allerdings eine kritsche Einordnung gewünscht -, Pierre Littbarskis Erinnerungen "Litti", Klaus Schlappners "Mit Erfolg gegen den Strom" oder Jörg Wontorras "Halbzeit mit Helden". Dass Redelings natürlich auch die üblichen Verdächtigen - "Fever Pitch", "Eine Saion mit Verona" oder "Der Traumhüter" - aufnimmt und über Gebühr bejubelt, war erwartbar und sei ihm verziehen. Weniger Verständnis habe ich für den Umstand, dass sich Anfang der 80er Jahre zwar pseudo-intellektuelle Schlaumeier-Bücher wie Dieter Hildebrandts "Die verkaufte Haut" finden, aber kein Eintrag zu Hans Blickensdörfers "Pallmann", der für Fußball-Romane ein unfassbar hohes Niveau statuierte, das meines Erachtens bis heute nicht mehr ereicht wurde. Aber - wie gesagt - die Auswahl musste Geschmackssache sein.

Dass der - offenbar inzwischen auch wieder von der Bildfläche verschwundene - Bombus-Verlag beim Lektorat gespart hat und im Buch aus Reiner Calmund "Reiner Callmund" wird, und Redelings mitunter allzu großzügig aus dem Klappentext der vorgestellten Bücher zitiert - geschenkt! Auch die Rankings der Promis sind weitgehend erwartbar, oft beifallheischend und wenig spannend. Aber das ist auch schon alles, was ich an dem Buch zu meckern habe. Heißt: Unter dem Strich bleibt ein beträchtliches Lesevergnügen. Auch rund zwanzig Jahre nach Erscheinen ist "Der Ball ist eine Kugel" einen Kauf wert.

Ben Redelings: "Der Ball ist eine Kugel. Das große Buch der Fußballbücher", Bombus Verlag

Mittwoch, 19. Februar 2025

Die beste Zeit von BW 90 Berlin aus Fansicht

Normalerweie kann ich mit Büchern von Fans wenig bis nichts anfangen. Denn mir geht es um Innenansichten, Insiderberichte, um den Blick hinter die Kulissen. Fans hingegen sind im Regelfall Outsider. Sie wissen nicht, was in der Kabine passiert, wie und warum Managemententscheidungen getroffen werden, wie Trainer und Spieler denken, fühlen und außerhalb der Öffentlichkeit handeln. Außerdem ist mir die Denkweise vieler Fans immer fremd geblieben. Deshalb habe ich auch mit dem Magazin 11Freunde mitunter so meine Probleme, das ja in seinen Ursprüngen ein Fanzine ist. Selten, aber doch immer mal wieder blitzten in der Vergangenheit dort die Freude an Alkohol-Exzessen ("Im Bus zur Auswärtspartie spielten wir erstmal Bier-Stille-Post, höhö.") und klammheimliche Sympathie für Fangewalt ("Auf dem Weg ins Stadion haben wir die Innenstadt umgestaltet, höhö.") auf. Und Pyrotechnik ist ja sowieso das Größte. Wieso mein Sohn eine Silvesterrakete ins Gesicht kriegen muss, nur weil er ein Fußballspiel anschauen wollte, konnte noch keiner der 11Freunde-Kollegen erklären. Aber ich schweife ab. Kurz und gut: Fanbücher sind jedenfalls im Normalfall für mich uninteressant.

Dennoch habe ich mir "Heja Blau-Weiß! Der einzigartige Verein aus Berlin-Mariendorf" von Andreas Thome zu Gemüte geführt. Das hatte mehrerlei Gründe. Zum einen beschäftigt es sich mit der wohl spannendensten Epoche des längst in der Versenkung verschwundenen Berliner Fußballklubs Blau-Weiß, nämlich der Zeit rund um den Bundesligaaufstieg 1986, der Ära von Bernd Hoss, Leo Bunk, Dirk Schlegel und anderen Helden jener Jahre. Zum anderen habe ich mich über das Buchprojekt als solches irrsinnig gefreut. Nach allem, was man im Buch über den Autor erfährt, ist Andreas Thome keiner, der sein Geld im schreibenden Gewerbe - oder auch nur mit einem Bürojob - verdient. Da setzt sich einer (im Zweifel über Jahre) in seiner Freizeit hin, schreibt ein sehr persönliches Buch über seine Jahre als Fan der Blau-Weißen Mitte der 80er, schafft es dabei, jene Ära der gedruckten Stadionmagazine mit McDonalds-Gutscheinen, der Transitfahrten durch die DDR und des Telefax als schnellstem Kommunikationsmittel nebem dem Festnetztelefon in bunten Bildern zu beschreiben, und dann setzt er das Ganze in ein schönes BoD-Projekt um, so dass man genau dieses Buch jetzt im Laden kaufen kann. "Chapeau!", kann ich da nur sagen.

Natürlich, "Heja Blau-Weiß! Der einzigartige Verein aus Berlin-Mariendorf" leidet ebenfalls an den typischen Schwächen - Schwächen im meinen Augen - aller Fanbücher. Es geht viel um feuchtfröhliche Auswärtsfahrten, geplünderte Fanklubkassen und Begegnungen mit gewaltbereiten Fans anderer Vereine, die nur mit Glück glimpflich ausgingen. Das Spielgeschehen wird meist in der Form von Kicker-Berichten - Blau-Weiß spielte gegen Y, die Tore schossen X und Z - wiedergegeben. Aber Thome hat wie gesagt ein gutes Gefühl für das Drumherum, für die Zeit, für die Veränderungen seither, weshalb sich die Lektüre dennoch absolut lohnt.

Andreas Thome: "Heja Blau-Weiß! Der einzigartige Verein aus Berlin-Mariendorf", Books on Demand

Montag, 17. Februar 2025

Hochinteressante, teilweise zu knappe Einblicke

(KL) Entgegen dem vor allem in den Medien (jedenfalls bis zu seiner späteren Karriere als TV-Experte) beharrlich gezeichneten Bild halte ich Lothar Matthäus nicht für eine Witzfigur, sondern für einen der ganz großen deutschen Fußballer der achtziger/neunziger Jahre. Zudem war er in meinen Augen auch ein talentierter, entwicklungsfähiger Trainer, der eine Chance in der Bundesliga verdient gehabt hätte. Ich konnte mich nie jenen anschließen, die Lothars Trainerstationen belächelt haben: Wien, Belgrad, Salzburg, dazu die Nationalmannschaften Ungarns und Bulgariens - für einen jungen Trainer waren sind das hochinteressante Stationen.

Deshalb hatte ich mich sehr gefreut, als 2012 eine neue Lothar-Matthäus-Biographie erschien, war sie doch die erste Gelegenheit, über die Medienberichte hinaus etwas über seine Trainerzeit zu erfahren. Leider hat mich das Buch unter dem Strich nicht hundertprozentig überzeugt, weil es letztlich zu sehr an der Oberfläche, zu seicht bleibt, also genau das, was man Lothar mitunter vorwirft. Vielleicht war der Versuch, die Karriere eines Mannes, der in Deutschland und Italien Meistertitel errungen hat, der Weltmeister, Vizeweltmeister, Europameister und Weltfußballer des Jahres war, um dann als Trainer an exotischen Orten zu arbeiten, auf 224 Seiten zu erzählen, ein wenig zu ehrgeizig. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sich das Buch zum Beispiel auf die letzten zehn, fünzehn Jahre konzentriert hätte, denn mit Lothars Engagement in New York und seinen späteren Trainerstationen hätte es wahrlich genug zu beleuchten gegeben. So aber hechelt das Buch auf besagten 224 Seiten von der Kindheit in Franken bis zum aktuellen Warten auf neue Trainer-Angebote, was leider bedeutet: Für die einzelnen Stationen, etwa Lothars Zeit bei Partizan Belgrad, bleiben gerade einmal fünf, sechs Seiten.Dennoch ist das Buch empfehlenswert, weil es Lothars öffentliches Bild ein wenig geraderückt und vor allem zeigt: Er ist ungeachtet aller peinlichen Doku-Soaps und allzu öffentlich geführter Ehen vor allem und in erster Linie ein (ganz sympathischer) Fußballbesessener.

Wenn Matthäus beispielsweise berichtet, wie er sich voller Enthusiasmus in seinen neuen Trainer-Job bei Red Bull Salzburg stürzte ("Ich setzte mich haarklein mit dem österreichischen Fußball auseinander, bald kannte ich Red Bull in- und auswenig."), um dann unvermittelt Giovanni Trapattoni vor die Nase gesetzt zu bekommen, wenn er erzählt, wie er Trainer beim brasilianischen Clube Atlético Paranaense wurde, kurz vor einem Engagement bei Besiktas Istanbul stand und später bei Maccabi Netanya in Israel arbeitete, ist das hochspannend. Auch die Zeit als Spieler bei den New York/New Jersey Metro Stars erscheint hier als durchaus wichtiges Puzzleteil für die Entwicklung von Matthäus, nicht - wie es in den Medien vielfach wider besseren Wissens dargestellt wurde - als das jämmerliche Karriereende in einer sportlich bedeutungslosen Operettenliga. Natürlich wäre es - und damit kommen wir zu den Schwachpunkten des Buches - mir lieber gewesen, ich hätte über die New York / New Jersey Metro Stars (heute: Red Bull New York) nicht den Satz lesen müssen: "Seit Beckenbauers Aufenthalten dort Anfang der Achtziger konnte der Club keinen Meistertitel mehr erringen." Das ist grober Unfug. Die Metro Stars haben mit dem legendären Beckenbauer-Club New York Cosmos genauso viel zu tun wie der FC Bayern mit 1860 München. Dann gibt es mehr oder wenige flüchtige Kapitel wie "Sex, Skat und zwei Einwechslungen", in denen auf zwei Seiten die WM 1982 abgehandelt wird, ein Seitenhieb auf jene "erfahrenen Spieler", die eine Modenschau im Hotel nutzen, sich "einige Models auf ihren Zimmern ohne die teure Mode am Leib anzuschauen", inklusive. 

Kurz und gut: Das Buch lässt Lothars Spieler- und (bisherige) Trainer-Karriere im Zeitraffer passieren, vielfach interessant, wenngleich nicht durchgehend so tiefgründig, wie Matthäus es eigentlich verdient hätte. Unter dem Strich ist das Buch gleichwohl sein Geld wert.

Lothar Matthäus (mit Martin Häusler): "Ganz oder gar nicht", Lübbe Verlag

Sonntag, 9. Februar 2025

Hochspannendes Zeitdokument eines Trainer-Originals

Nürnberg, irgendwann im Juli oder August 1993: Schüchtern stand ich vor dem nicht allzu freundlichen Pförtner des Kicker-Verlagsgebäudes und stammelte, dass ich in den hauseigenen Shop wolle. Nach meiner Erinnerung bekam ich sodann eine Art Passierschein und eine Wegbeschreibung, die mich in irgendeine andere Etage - vielleicht war es auch der Keller - führte. Wer sich unter dem Kicker-Shop nun eine Art Thalia-Filiale mit großer Ausstellungsfläche, Gelegenheit zum Stöbern und Sofas zum Verweilen vorstellt, wurde jedenfalls damals bitter enttäuscht. Mich erwartete am Ende eines düsteren Gangs lediglich ein Ausgabefenster mit einem missmutigen Angestellten, der sehr genau wissen wollte, wofür ich mich interessierte. Das war - und damit komme ich zum Thema - die Biographie "Mit Erfolg gegen den Strom" des Bundesliga-Trainers Klaus Schlappner. Die war zwar schon Mitte der 80er Jahre zu seiner Zeit bei Waldhof Mannheim erschienen, wurde aber auch Anfang der 90er noch im Kicker beworben. Ich habe keine Ahnung, weshalb ich das Teil nicht einfach in der nächstgelegenen Buchhandlung bestellte - vielleicht dachte ich, es sei nur beim Kicker zu bekommen. Ganz egal - mit dem frischerworbenen und nicht gerade billigen (30 DM waren für mich damals viel Geld) Buch zog ich jedenfalls wieder ab und konnte auch die Pforte unbehelligt passieren.

Gelohnt hat sich die ganz Mühe seinerzeit allerdings nicht. Jedes Buch, darauf habe ich nun schon mehrfach verwiesen, hat seine Zeit - und bei mir war damals die Zeit für dieses noch nicht gekommen. Ich las es, vergaß es - und als Ebay nach Deutschland kam, vertickte ich es wieder. Vielleicht etwas voreilig, wie ich nun - weitere 25 Jahre später - einräumen muss. Denn beim Stöbern in einem 1985er Fußball-Magazin - das im letzten Beitrag bereits erwähnt wurde, Klaus Schlappner hat bei uns gerade einen Lauf - stieß ich auf ein Interview mit dem damaligen Waldhof-Trainer. 

Man mag über den viel belächelten und nur zu gern in der Schublade "Provinziell" abgelegten Handwerksmeister, der auch während seiner Mannheimer Trainerzeit seine Elektroinstallationsfirma weiterführte, denken, wie man will - viele der damaligen Aussagen Schlappners wirken in der Rückschau seiner Zeit weit voraus. So meinte Schlappner etwa über die gestiegenen Ansprüche der Zuschauer: "Die haben es satt, dass die Frittenbude gleich nebem den Pissoir steht. Das Stadion alter Prägung ist tot, wir müssen in Zukunft den Sportpark schaffen, nicht mehr nur grauen Beton allerorten. Einen Park mit Ladenstraßen, mit einem Zentrum für die Familien [...] Der moderne Zuschauer will bedient sein, rundum." Und er erzählte, dass er (lange, lange, bevor Jürgen Klinsmann beim FC Bayern auf die Idee kam - d.A.) eine chillige Spieler-Lounge eingeführt habe: "Viele [...] wohnen weit entfernt vom Trainingsplatz, die müssten also dauernd durch die Gegend fahren. Ich wollte das nicht. Also wird sich bei uns häuslich eingerichtet. Die Räume dafür zu schaffen, war eines. Die Zeugwartsfrau bekocht uns, es gibt eine Ruhemöglichkeit zwischen den Trainingseinheiten. Einrichtungen zur Zerstreuung wie Video, Flipper, Billard, sogar einen Geldspielautomaten habe ich aufgetrieben." 

Dieses Interview sorgte dafür, dass mir der Name Schlappner im Kopf herumspukte. Der nächste Schritt war dann nur noch eine Frage der Zeit: Ich zog los und kaufte "Mit Erfolg gegen den Strom" ein zweites Mal. Gebraucht allerdings, denn mittlerweile ist es nur noch im Antiquariat erhältlich. Es wäre eine schöne Ironie des Schicksals, wenn es sich bei meinem nunmehrigen Exemplar um genau jenes handeln sollte, das ich damals, 1993, in Nürnberg erworben hatte, aber das werde ich wohl nie erfahren.

Der Spiegel hat übrigens kein gutes Haar an "Mit Erfolg gegen den Strom" gelassen. Ein "Gruselbuch" sei es, "im Stile des Banale Grande". Mag ja sein, dass sich darin ein paar Binsenweisheiten a la "Lieber einmal 0:6 verlieren als sechsmal 0:1." zu viel finden. Aber das ist nicht das Entscheidende. Denn das Buch vermittelt einen nachhaltigen Eindruck, wie ein Trainer eines kleinen Bundesligaklubs, der zudem "nebenbei" noch einen Handwerksbetrieb führte, Mitte der 80er Jahre dachte, arbeitete, lebte. In diesem Zusammenhang ist auch daran zu erinnern, dass Waldhof Mannheim unter Schlappner eine feste Größe in der Bundesliga war und sogar am UEFA-Cup kratzte (1984/85), während es nach seinem Abgang schnell zum Abstiegskandidaten wurde und 1990 tatsächlich den Gang ins Unterhaus antreten sollte (um nie wieder zurückzukehren). Zudem hat der Verein etliche namhafte Spieler hervorgebracht, etwa die Förster-Brüder, Jürgen Kohler, Uwe Rahn, Manfred Bockenfeld, Maurizio Gaudino und viele mehr. Viele von ihnen schafften unter Klaus Schlappner oder zumindest doch kurz nach seinem Weggang den Sprung zu großen Klubs. So ganz falsch kann der Mann mit dem Pepita-Hut also nicht gearbeitet haben.

Klaus Schlappner: "Mit Erfolg gegen den Strom", Econ Verlag

Samstag, 1. Februar 2025

Klaus Schlappner wehrt sich gegen Nachtweih-Buch

Vor einigen Wochen hatte ich hier über Norbert Nachtweihs überaus gelungene Biographie "Zwischen zwei Welten: Meine deutsch-deutsche Fußballgeschichte" berichtet. Darin hatte der einstige DDR-Jugennationalspieler und spätere Bayern-Star seine erfolgreiche Karriere Revue passieren lassen und auch recht pointierte Einschätzungen zu früheren Trainern abgegeben, unter anderem zu Klaus Schlappner: Der, so Nachtweih, sei in seinen Augen ein Rassist.

Das allerdings will die Waldhof-Mannheim-Ikone offenkundig nicht auf sich sitzen lassen und geht nun juristisch gegen Nachtweih vor. Dem Rhein-Neckar-Fernsehen gab er dazu ein Interview und teilte mit, dass er bereits alles in die Wege geleitet habe und auch keinerlei Grund sehe, zwecks Klärung auf Norbert Nachtweih zuzugehen. Das Video mit dem Gespräch ist in der RNF-Videothek abrufbar.

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig hin- und hergerissen bin. Einerseits ist der Vorwurf natürlich verdammt hart und, wenn er nicht stimmt beziehungsweise nicht als zulässige Wertung eines beobachteten Geschehens durchgeht, verleumderisch beziehungsweise beleidigend - der Gang zu Justitia also durchaus nachvollziehbar. Andererseits war Klaus Schlappner ja einer, der früher durchaus auch selbst gern mal austeilte. Als ihn das legendäre Fußball-Magazin 1985 in einem Interview auf seine Trainerkollegen Ernst Happel und Udo Lattek ansprach, teilte Schlappner mit, er wehre sich "entschieden dagegen, mit Alkoholikern in einem Zusammenhang genannt zu werden". Das schlug damals auch gewaltige Wellen - und Schlappner bestritt, das jemals so gesagt zu haben. Jupp Heynckes damals kühl im Spiegel: "Das ist das Problem der Plaudertaschen unter uns Trainern. Die hauen die Dinger raus und erschrecken sich zu Tode, wenn sie ihre Worte dann gedruckt sehen." 

Mir wäre es unter dem Strich vermutlich lieber gewesen, Schlappner und Nachtweih hätten das Gespräch gesucht und sich zum Beispiel darauf geeinigt, dass der Vorwurf künftig nicht mehr erhoben wird, anstatt das jetzt womöglich vor Gericht zu klären. Aber mich hat ja keiner gefragt.

Freitag, 17. Januar 2025

Kein Etikettenschwindel, aber...


Mit einer Verspätung von mehr als 25 Jahren gönnte ich mir die - bereits 1998 erschienene - Biographie von Weltmeister Jürgen Kohler. Ich habe ja schon an anderer Stelle darauf hingewiesen: Jedes Buch hat seine Zeit. Und jetzt war in meinen Augen eben die Zeit für die Erinnerungen des "Koksers" gekommen. Doch ich zog ziemlich langes Gesicht, als ich das Buch auspackte und aufklappte. Ja, schon klar, es heißt "An mir kommt keiner vorbei. Meine internationale Karriere." Aber wer ahnt denn, dass dies wortwörtlich zu nehmen war und es tatsächlich nur um die Nationalmannschaftskarriere Kohlers geht? Der eisenharte Vorstopper hatte in Mannheim die Schule von Klaus Schlappner - gleichzeitig eine Art Vaterfigur - durchlaufen, erlebte dann spannende Jahre unter Christoph Daum in Köln, wechselte zum FC Bayern, bei dem er trotz des Meistertitels 1990 nicht so ganz glücklich wurde, zog weiter zu Juventus Turin und erlebte später unter Ottmar Hitzfeld bei Borussia Dortmund einen zweiten Frühling. Doch von all dem liest man im Buch ... nichts.

Nun bietet Kohlers Karriere im Nationalteam zweifellos genügend Stoff für ein Buch: Weltmeister 1990, Vizeeuropameister 1992, zumindest auf dem Papier Europameister 1996, da ist einiges zu erzählen. Aber wieso nicht beides - Vereins- und Nationalelfkkariere? Zumal - und insoweit ist es eben doch ein Stück Etikettenschwindel - Kohler ja auch über siebzig Partien in europäischen Wettbewerben absolvierte und 1997 die Champions League gewann. Auch das gehört zu seiner internationalen Karriere, bleibt im Buch aber ebenfalls unterwähnt. Diese Selbstbeschränkung ist einfach nur schade und mindert den Wert der - an sich nicht schlecht geschriebenen - Biographie doch erheblich.

Interessant ist allerdings, dass das Werk seinerzeit offenbar in einer Art Eigenverlagsprojekt erschienen ist. Einige Verkäufer schreiben es dem Verlag Rolf Angerer in Nüßloch zu, aber dafür gibt es auf dem Cover keinerlei und im Impressum nur einen kleinen Anhaltspunkt. Letzeres spricht übrigens von einer Erstauflage von 10.000 Exemplaren - mich würde mal interessieren, wieviel davon wirklich verkauft wurden. Wobei der Fußballbuchmarkt 1998 noch ein anderer war und solche Stückzahlen durchaus über die Ladentische gehen konnten. Aber zurück zum Verlag: Wenn man will, kann man dem Cover ein "DH Sports"-Logo entnehmen und im Impressum ist auch von einer Projektleitung durch Dieter Heimen die Rede, der Vetrieb wiederum lag bei einem Jürgen Strugalla aus Mannheim. Wie genau da die Zuständigkeiten verteilt waren, bleibt unklar. Wenn es mehr oder weniger eine Eigenverlagsarbeit ist, dann eine wirklich professionelle, wenn man von der bedauerlichen inhaltlichen Selbstbeschneidung mal absieht. Dummerweise gibt es bisher auch kein anderes Buch über Jürgen Kohler. Wer eine Erinnerung in Buchform möchte, muss also zu diesem Werk greifen.

Jürgen Kohler: "An mir kommt keiner vorbei. Meine internationale Karriere.", D.H. Sports / Verlag Rolf Angerer

Mittwoch, 8. Januar 2025

Ein kleines Stück vom EM-Kuchen

"Giganten: Die größten EM-Spiele aller Zeiten" heißt das im Vorfeld der letzten Europameisterschaft erschienene Buch von Altmeister Dietrich Schulze-Marmeling. Allerdings hätte man es genauso gut "Von diesem leckeren EM-Kuchen will ich auch ein Stück" nennen können. Landesweit und quer durch alle Branchen war im Vorjahr ja versucht worden, ein zweites Sommermärchen herbeizuschreiben und herbeizureden - wobei die meisten dabei wohl das Märchen von der Gans, die goldene Eier legt, vor Augen hatten. Oder das vom Goldesel Bricklebrit. "Giganten" ist da keine Ausnahme. Das Buch, so heißt es im Klappentext subtil, "ist das ideale Geschenk für alle Fußballfans, die dem Turnier heute schon entgegenfiebern!"

Nun ist es natürlich nicht verboten, Geld verdienen zu wollen, und es ist auch nicht verwerflich, Leuchttürme wie eine EM im eigenen Land in besonderer Weise nutzen zu wollen. So rosig geht es der Buchbranche nicht, als dass sie sich ihre Feste aussuchen könnte. Vermutlich bin ich nur etwas gallig, weil mir die EM 2024 von Anfang an ein Dorn im Auge war, was nicht zuletzt an ihrem Direktor lag. Philipp Lahm gehört mit Sicherheit zu den besten, beständigsten und erfolgreichsten deutschen Spielern aller Zeiten. Aber er ist in meinen Augen gleichzeitig einer der unangenehmsten Opportunisten, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat. Ein Meister des wohlkalkulierten und deshalb wohlfeilen Tabubruchs (SZ-Interview), ein König des Brown-Nosings, der für seinen jeweils gerade aktuellen Trainer stets schwärmerische Verehrung hegte und dem zu früheren allerlei Kritisches einfiel ("Der feine Unterschied"), einer, der erst dann mutig auf Teamkapitän Michael Ballack eintrat, als der - im Wortsinne - verletzt am Boden lag. Und weil dieser Mann, dessen Funktionärskarriere beim FC Bayern der ausgewiesene Menschenkenner Uli Hoeneß mit aller Kraft verhinderte,  die EM organisierte, mochte ich dieses Turnier nicht - und vermutlich habe ich deshalb auch "Giganten", das so unverhohlen von dieser EM profitieren wollte, erst einmal links liegengelassen.

Allerdings ist Dietrich Schulze-Marmeling nicht irgendwer, und es war klar, dass ich mir das Buch früher oder später mal ansehen würde. Jedoch ging es mir damit so wie mit der EM: Richtig warm sind wir miteinander nicht geworden. Dabei kann ich nicht einmal ganz genau auf den Punkt bringen, woran das liegt. Vielleicht an der Unmenge Zahlen, mit der Schulze-Marmeling gerade am Anfang hantiert - Qualifikationsbewerber, Stadien, Spiele, Tore, Zuschauer, Statistiken noch und nöcher. Vielleicht daran, dass das Buch - eher ungewöhnlich für Schulze-Marmeling - mitunter etwas reissbrettartig-sperrig geschrieben wirkt, insbesondere, wenn es darum geht, Synonyme für die jeweiligen Nationalteams zu wählen und immer und immer wieder stereotyp von der "Elftal" und der "Selección" und der "Squadra Azzurra" die Rede ist. Auch sonst ertappe ich mich immer mal wieder bei einem etwas gequälten Ausatmen, etwa wenn Netzer - natürlich - aus "der Tiefe des Raumes" kommt, wenn in der Halbzeit "Pausentee" getrunken wird und Uli Hoeneß 1976 den Ball "in den Himmel von Belgrad drischt". Hier und da hatte ich beim Lesen Rembrandt vor Augen, der missmutig einen fetten Geschäftsmann porträtiert, weil er das Geld braucht.

Interessantes, Reizvolles wird - aber das dürfte in einem Buch dieser Art nicht anders gehen - leider nur angedeutet. Meist sind das Passagen zum Innenleben der deutschen Nationalelf,  etwa zur EM 1992, bei der sich Andreas Brehme laut Schulze-Marmeling als Kapitän im Turnierverlauf zunehmend überfordert gezeigt habe, oder 1996, als der Rücktritt Bodo Illgners dem Team gut getan und auch den verletzten Mario Basler niemand vermisst habe. Hier hätte ich gern mehr Details erfahren.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Auch wenn in dem Buch unter dem Strich nicht allzu viel Neues stehen mag, ist die Idee, die Geschichte der Europameisterschaft anhand ausgewählter Spiele zu erzählen und dies mit teilweise wirklich schönen Fotos zu garnieren, nicht schlecht und hier auch handwerklich solide umgesetzt. Und vermutlich stimmt der Klappentext, am ehesten ist das Buch als Geschenk geeignet. Aber, und da gleicht es der EM, ein Sommermärchen ist es für mich nicht.

Dietrich Schulze-Marmeling: "Giganten: Die größten EM-Spiele aller Zeiten", Verlag Die Werkstatt

Freitag, 3. Januar 2025

Ein kleines, aber feines Liebhaberstück

"Elfmeterschießen kann man nicht trainieren!" Erstaunlich, wieviele - teils überaus prominente - Trainer diese Überzeugung vertreten - oder doch zumindest lange Zeit vertraten. Genaugenommen meinen sie damit sogar noch mehr, nämlich: "Ein Elfmeterschießen kann man nicht sinnvoll vorbereiten!" Dem norwegischen Sportpsychologen und Elfmeter-Experten Geir Jordet gelingt in seinem Buch "Unter Druck: Was wir aus der Psychologie des Elfmeterschießens fürs Leben lernen können" (DuMont-Verlag) eine stimmige, hochspannende, gut zu lesende und absolut überzeugende Widerlegung dieser Theorie. Und ich fürchte, nach der Lektüre des Buches muss ich dem von mir überaus geschätzten Jupp Heynckes vorwerfen, als Trainer des FC Bayern München das 2012er "Finale dahoam" höchstpersönlich verloren zu haben - durch eine ungenügende Vorereitung des entscheidenden Elfmeterschießens. Wer erinnert sich nicht an die kurzfristige und fast verzweifelte Suche nach willigen Schützen - nach mehreren Absagen musste Towart Manuel Neuer als einer der ersten Fünf antreten - und die passiv-ängstliche Mienen- und Körpersprache der Bayern, die sich deutlich von jener der Chelsea-Kicker unterschied.

Ein Buch nur über das Elfmeterschießen? Der Buchtitel verspricht zwar mehr ("Was wir aus der Psychologie des Elfmeterschießens fürs Leben lernen können"), Jordet bleibt dann aber doch erfreulich eng am eigentlichen Thema - und das tut dem Buch gut. Es ist nämlich gerade kein weiterer überflüssiger Lebens- und Karriere-Ratgeber, der nur krampfhaft einen Aufhänger beim Fußball sucht, sondern tatsächlich ein Werk, das sich kompetent und umfassend mit einem der schwierigsten und stressigsten Teile eines K.O.-Spiels beschäftigt. Dabei erliegt der Amateurfußballer Jordet nie der Versuchung, den Elitekickern dieser Welt erläutern zu wollen, wie man in einem tosenden Stadion und unter den Augen von Millionen von TV-Zuschauern in einem Champions-League- oder einem WM-Spiel einen potentiell spielentscheidenden Elfmeter am besten verwandelt. Das ist nicht sein Thema, auch wenn er gängige Herangehensweisen - torwartunabhängig oder torwartabhängig - erläutert und auch die (teils überaus schmutzigen) Tricks der Torhüter, um die gegnerischen Schützen zu verunsichern (der Argentinier Emiliano Martinez gilt hier als Meister seines Fachs), hochinformativ und im Detail vorstellt.

Seine eigentliche Stärke erreicht das Buch dann, wenn Jordet erläutert, wie man ein Elfmeterschießen psychisch und organisatorisch systematisch vorbereitet und das gesamte Team in dessen Ablauf einbezieht, wie Schützen bereits vor dem Spiel unter vier Augen angesprochen und ausgewählt werden, wie das gesamte Procedere im Spiel einem vorab festgelegten Plan folgen sollten, wie die Körpersprache des gesamten Teams und auch des Trainers den Ausgang beeinflussen können, wieviel die richtige Atmung zu einem richtigen Schuss beitragen kann und wie wichtig der richtige - aus Sicht des Schützen stimmige - Moment für den Schuß ist. Alle Darlegungen sind mit konkreten und bekannten Beispielen aus der Welt des Profifußballs anschaulich unterlegt und durch und durch substantiiert, was die Lektüre zu einem großen Vergnügen macht.

Wenn ich etwas kritisieren möchte, dann allenfalls - in Richtung der Übersetzer - die etwas stereotype Verwendung des Synonyms "Shootout" für ein Elfmeterschießen. Nein, ein Shootout ist gerade KEIN Elfmeterschießen, sondern die in der amerikanischen NASL entwickelte Alternativvariante, bei der der Schütze mit dem Ball auf den Towart zuläuft und fünf Sekunden Zeit hat, um ein Tor zu schießen. Aber das ist nun wirklich Nörgeln auf hohem Niveau.

Fazit: "Unter Druck" ist ein feines Spezialthema-Buch für Liebhaber, ein kleiner Leckerbissen zwischendurch, den ich nur wärmstens empfehlen kann.

Geir Jordet: "Unter Druck: Was wir aus der Psychologie des Elfmeterschießens fürs Leben lernen können", DuMont-Buchverlag

Freitag, 20. Dezember 2024

Der zweite Teil hätte ausführlicher ausfallen können!

Als Spieler habe ich Günter Netzer nicht mehr erlebt - und genau genommen auch in seiner zweiten Karriere als Manager beim Hamburger SV (bis 1986) nicht mehr. Netzer ist beziehungsweise war für mich (nur) der etwas zu glatte TV-Experte an der Seite von Gerhard Delling (wobei ich die beiden nie als so kultig empfunden habe, wie sie immer dargestellt wurden) und der Rechtehändler bei der Agentur Lüthi, der in Interviews irgendwie immer genau so rüberkam, wie sich der kleine Moritz einen gewieften Geschäftemacher vorstellt. Kurz und gut: So wirklich viel hatte ich mit dem einstigen Gladbacher Idol nie am Hut.

Trotzdem konnte ich, als ich seine Autobiographie "Aus der Tiefe des Raums" neulich für kleines Geld in einem Hamburger Antiquariat liegen sah, das Buch nicht einfach liegen lassen. Und die fünf Euro waren nicht schlecht investiert: Das vor nunmehr zwanzig Jahren bei Rowohlt erschiene Buch ist gut geschrieben, mit einem wunderbaren Blick für Details und Stimmungen und Atmosphäre, etwa wenn es um das Franco-Spanien Mitte der 70er Jahre und den seinerzeitigen Alltag in Madrid geht. All das lässt sich auch heute noch recht gut lesen und schlägt die allzu schnell und allzu früh auf den Markt geworfenen Biographien heutiger (vermeintlicher) Superstars mühelos. Leider ist der zweite Teil des Buches, als es um Netzers Karriereausklang in Zürich, den Wechsel ins Management, die Zeit beim HSV und vor allem die anschließenden Jahre bei Lüthi geht, etwas knapp geraten. Vermutlich hätte Netzer aus dieser Zeit ein eigenes Buch machen können - und ich wünschte, er hätte es getan. 

Im Buch schreibt Netzer, dass ihn der Handel mit Rechten schnell interessiert habe. Aber was genau er bei Lüthi gemacht hat, vor allem in der DDR nach dem Mauerfall, und vor allem was er so nebenbei noch getrieben und verdient hat, bleibt leider recht vage. So berichtete der "Kicker" Ende 1989, dass Netzer beim Wechsel von Nationalspieler Wolfgang Rolff von Bayer Leverkusen zu Racing Straßbourg 100.000 DM verdient habe. Hier hätte ich ja nun gern mehr erfahren. Stimmt das? Was verband Netzer mit Modezar Daniel Hechter, der seinerzeit die Geschicke Straßbourgs lenkte? Oder hat Netzer (nur) ältere Kontakte aus seiner Hamburger Manager-Zeit aktiviert und en passant 100 Riesen eingesackt? Rolff selbst hat später mal erzählt, dass ein Freund Netzers den Kontakt vermittelt habe. Hat der frühere Gladbacher Spielmacher also nur als Strohmann agiert und die 100K für einen Kumpel kassiert? Es wäre hochinteressant gewesen, weil es einen Einblick in die früheren Jahre des Spielervermittler-Business gewährt hatte, das von Pionieren wie Holger Klemme dominiert wurde, die noch einen schweren Stand hatten.

Deshalb: Ein unterhaltsames, lesenswertes Buch, aber der zweite Teil (besser: das letzte Drittel) hätte wesentlich ausführlicher ausfallen können.

Günter Netzer: "Aus der Tiefe des Raums. Mein Leben", Rowohlt Verlag

Dienstag, 17. Dezember 2024

Wo bleibt das Denkmal für König Otto?

(KM) Da hatte der Chef mal einfach so "Werder-Wochen im Fußballbücher-Magazin" ausgerufen (Beitrag hier) und mir anschließend eine Art Broschüre mit dem Titel "Otto ... find' ich gut" über den Tisch geschoben. Das sei alles, was es über Otto Rehhagel gäbe mit Ausnahme einer etwas älteren Biographie aus dem Werkstatt-Verlag ("Aber die taugt nichts."). Und deshalb sollte ich mir nun dieses Teil mal anschauen. Erschienen im Jahr 1998, also auch nicht mehr taufrisch, Format A4, 65 Seiten, nennt sich selbst "Fan-Buch", viele Fotos, auf der Rückseite ein Rehhagel-Bild mit einer großen Sprechblase ("Irgendwann, wenn ich aufhöre, schreibe ich mal ein Buch: "Die dümmsten Sprüche der Bundesliga.' Natürlich sind da auch welche von mir dabei.") 

 Ernsthaft jetzt?

Nun gut, immerhin stammt das Ding aus dem Sportverlag Berlin, Gott hab ihn selig, der für das eine oder andere Highlight der Fußballbücher-Historie steht, etwa das unvergessene Tagebuch von Lothar Matthäus. Und als Autoren des Heftes werden durchaus bekannte Leute wie Jochen Coenen, Raimund Hinko, Ulrich Kühne-Hellmessen und Jörg F. Hüls genannt. Letztlich ist das Heft ein kunterbuntes Sammelsurium aus (recht gut ausgewählten) Fotos, Rehhagel-Zitaten, Dritt-Zitaten, Nachdrucken früherer Artikel etwa aus der Südeutschen und ausgesprochenen Albernheiten wie "fiktiven Gesprächen" und auf den Bremer Trainer umgemünzten Goethe-Texten. Aber  seine Stationen und Erfolge in Bremen und Kaiserslautern und eben auch die eher unglücklichen Monate in München werden hier in der Tat ein ganzes Stück lebendiger und plastischer als in Norbert Kunzes steril-verkopftem Büchlein "Rehhagel: Biographie eines Meistertrainers" (1999, Verlag Die Werkstatt).  

Das ist in meinen Augen das eigentlich Schlimme: Otto Rehhagel hat das kleine Werder Bremen zum Deutschen Meiter gemacht - und ebenso den Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern, in meinen Augen bis heute die größte Leistung und Sensation in der Geschichte der Bundesliga. Außerdem führte er Griechenland ebenso sensationell zum EM-Titel. Wer all das schafft, ist keine Eintagsfliege, nicht einfach nur ein guter Trainer mit einer gehörigen Portion Glück - nein, wem derartige Meisterstücke wieder und wieder gelingen, der gehört zu den Besten der Besten. Und es gibt bis heute kein Buch, das diesen ganz Großen der Bundesliga angemessen würdigt? Klar, Otto selbst wollte nie für eine Biographie zur Verfügung stehen - beziehungsweise seine Frau Beate wollte nicht, dass er das tut. Aber Bernd Beyer hat ja mit seinem Helmut-Schön-Buch bewiesen, dass man mit dem entsprechenden Aufwand auch ohne den Protagonisten eine großartige Biographie hinbekommen kann. Vielleicht kommt das ja irgendwann. Und bis sich jemand an das ehrgeizige Unterfangen wagt, Rehhagel ein literarisches Denkmal zu setzen, werden wir wohl mit "Otto ...  find' ich gut." Vorlieb nehmen müssen.

Hans-Dieter Schütt (Hrsg.): "Otto ... find ich gut. Rehhagel für Fans", Sportverlag Berlin

Donnerstag, 5. Dezember 2024

Ailton: Lesenswerte Erinnerungen mit kleinen Schwächen

Der brasilianische Stürmer Ailton Goncalves da Silva, hierzulande nur als Ailton oder "Der Kugelblitz" bekannt (1998 bis 2004 bei Werder Bremen, danach u.a. Stationen bei Schalke 04, in Hamburg und Duisburg), hat mich nie übermäßig interessiert. Aber der Name des Co-Autors seiner vor einem Monat bei Edel Sports erschienenen Erinnerungen elektrisierte mich: Fred Sellin. Der hat einst mit "Ich bin ein Spieler: Das Leben des Boris Becker" eine der besten Sportler-Biographien vorgelegt, die ich je gelesen habe. Für mich Grund genug, dem Ailton-Buch einen zweiten Blick zu schenken. Zumal: Nachdem ich mir gerade erst die Willi-Lemke-Biographie zu Gemüte geführt hatte, passten diese Erinnerungen auch thematisch wunderbar. Werder-Bremen-Wochen im Fußballbücher-Magazin, sozusagen. Um es vorwegzunehmen: Es ist ein schönes, ein wirklich interessantes, lesenswertes Buch, aber so ganz ungetrübt war meine Freude nicht.

Das geht schon mit Fred Sellin los. Nichts, rein gar nichts deutet an "Ailton. Mein Fußballmärchen" darauf hin, dass es von dem gleichen Mann geschrieben wurde, der auch "Ich bin ein Spieler: Das Leben des Boris Becker" verfasst hat. Vielleicht vergleiche ich Äpfel mit Birnen, weil Sellin hier eher Chronist der Erinnerungen Ailtons ist, während das Becker-Buch "sein" Projekt war. Vielleicht kommen, wenn ein Autor sich ganz und gar auf sein Sujet einlässt, bei grundverschiedenen Menschen zwangsläufig eben auch grundverschiedene Bücher heraus. Vielleicht schreibt der Sellin von heute auch völlig anders als der vor zwanzig Jahren. Aber die Klarheit, Präzision und Schärfe, die das Becker-Buch auszeichnen, habe ich hier schon etwas vermisst. 

Und: Wäre das Buch ein Fußballspiel, würde man von einem holprigen Start sprechen. Die Kapitel über Ailtons fußballerische Anfänge in Brasilien sind eher mühsam zu lesen - es ist, als würde man in eine Waschküche oder in ein Dampfbad schauen. Praktisch alles bleibt schemenhaft und verschwommen, kaum einmal werden Bilder im Kopf erzeugt. Das liegt vor allem daran, dass Ailton seine Erinnerungen in fast jedem Satz relativiert. "Vielleicht" habe er dies und jenes gemacht, "möglicherweise" war es aber auch so, "kann aber auch sein", dass es ganz anders ablief, "wahrscheinlich" war es aber nochmal anders. Nur selten entsteht in diesen ersten Kapiteln so etwas wie Atmosphäre, etwa wenn Ailton schildert, wie bei einem Brasilien-Scouting-Trip des damaligen Werder-Trainers Wolfgang Sidka ein in Sao Paulo ansässiger Deutsche-Bank-Manager als Dolmetscher fungierte und ein Fernsehkorrespondent als Chauffeur. Der Fußball erzeugt solche Konstellationen.

Interessanterweise ändert sich das Buch nahezu schlagartig mit Ailtons Wechsel nach Mexiko, auch wenn sein Gedächtnis hier und da auch weiterhin Lücken aufweist. Mit einem Mal, wirklich quasi von einer Seite zur nächsten, wird es hochspannend und wunderbar atmosphärisch. Der Leser bekommt herrliche Einblicke in das Geschäft mit südamerikanischen Spielern: Da erhält Werder-Manager Willi Lemke, der sich bereits einige Male vergeblich um Ailton bemüht hatte, mitten im Urlaub - "in Kalifornien oder Florida. Es kann auch Jamaika gewesen sein..." - einen Anruf von einem Mann, der einfach mal so behauptet, einen Transfer des Spielers nach Bremen einfädeln zu können. Anstatt dem Typen ordentlich die Meinung zu geigen, fliegt Lemke tatsächlich nach Mexiko, wo der Unbekannte für ihn bereits ein Hotelzimmer reserviert hat - und wo der Deal letztlich auch zustande kommt. Lemke: "Damals liefen solche Geschäfte häufig so ab, vor allem in den südamerikanischen Ländern und in einigen osteuropäischen. Da kam jemand, und mit dem verhandelte man dann." Und für den Anrufer lohnte sich die Sache - für ihn sprang laut Ailton eine hohe fünfstellige Vermittlungsgebühr heraus. Herrlich auch die Schilderung des anschließenden gemeinsamen 20-Stunden-Fluges von Lemke und Ailton nach Deutschland, des später so betitelten "Zwei-Worte-Fluges": Da saßen sie nun einen ganzen Transatlantik-Flug lang nebeneinander, der leutselige Werder-Manager und sein frischverpflichteter Millionen-Einkauf, aber sie konnten sich nicht verständigen, weil der eine kein Portugiesisch sprach und der andere kein Deutsch oder Englisch. Da können zwanzig Stunden verdammt lang werden - und im Grunde ist es unglaublich: Wir reden hier über ein 5-Millionen-DM-Geschäft, damals für Werder verdammt viel Geld, zuzüglich der o.g. Vermittlungsgebühr und der ganzen Reisespesen für diverse Scouting-Trips - und dann gibt Lemke nicht einfach noch weitere 10.000 DM für eine Dolmetscherin aus, die ihm nicht von der Seite weicht, und nimmt stattdessen die Tortur eines endlos langen Fluges ohne echte Verständigungsmöglichkeit auf sich?

Auch nachdem Ailton in Deutschland eingetroffen ist, bleibt das Buch in bestechender Form: Bremen, Parkhotel, am See gelegen, mit Sauna und Pool. Der Brasilianer futtert drei Wochen tapfer Spaghetti Bolognese, weil es das einzige Gericht in der Speisekarte ist, das er kennt. Mit Trainer Felix Magath, Nachfolger des schon bald entlassenen Ailton-Protegés Wolfgang Sidka, kommt Ailton gar nicht zurecht. Klar und ohne falsche Zurückhaltung beschreibt der Brasilianer, wieso Magath aus seiner Sicht der falsche Mann am falschen Ort war und scheitern musste: Ein kleiner Bonus an dieser Stelle, jedenfalls für mich, ist Ailtons kritische Auseinandersetzung mit Magaths – hier ebenfalls bereits besprochener – Biographie, in der dieser laut Ailton über seine Bremer Zeit "schwadroniert". Diese Passagen sind einfach nur großes Lesevergnügen. Gleiches gilt für die folgenden Abschnitte über den umstrittenen Wechsel zum FC Schalke 04 im Jahr 2004 - nach dem Double mit Werder – und die enormen Schwierigkeiten mit Ralf Rangnick, dem alsbald nach Ailtons Ankunft auf Schalke neu verpflichteten Trainer.

Leider geht dem sympathischen Stürmer dann jedoch ebenso die Luft aus wie früher auf dem Rasen. Denn die anschließenden Stationen werden nur noch in wenigen Sätzen kurz durchgehechelt. Dabei hätten sie in meinem Augen sogar Stoff für ein eigenes Buch geboten. Ailton flüchtete nämlich vor Rangnick zu Besiktas Istanbul, wurde von dort zum HSV ausgeliehen, ging dann nach Belgrad, um von wiederum dort an Grashoppers Zürich verliehen zu werden, machte später noch in Duisburg Station, unterschrieb einen 2-Jahres-Vertrag bei Metallurg Donezk, um aber schon nach zwei Spielen ins österreichische Altach weiterzuziehen. Dem schlossen sich Stationen in seinem Heimatland und in China an. "Wie kam ich da eigentlich hin?", fragt er selbst an einer Stelle mit Blick auf Donezk. Ja, das hätte mich auch sehr interessiert. Oder wie man aus der Türkei ausgerechnet nach Serbien wechselt und wie es ihm als dunkelhäutigen Spieler im latent fremdenfeindlichen Osteuropa ergangen ist. Wieso hat es in China nicht funktioniert und wie war die Bezahlung dort? Hier haben Ailton und Sellin meines Erachtens die wunderbare Chance, ein paar großartige Geschichten aus dem Alltag eines Fußball-Weltenbummlers zu erzählen, unnötig vergeben. Zwar mögen all diese Stationen sportlich keine größere Rolle gespielt haben, aber Ailton hat eben ein halbes Jahr in Belgrad gelebt und mehrere Monate in der Ukraine und mehrere Monate in China.

Wie gesagt, hier hätte ich mir mehr gewünscht, aber allein der Mittelteil des Buches mit Ailtons Werder-Zeit ist den Kauf wert.

Ailton Goncalves da Silva und Fred Sellin: "Ailton. Mein Fußballmärchen", Edel Sports

Sonntag, 1. Dezember 2024

Überfällige Würdigung des "Alles-Machers"

Willi Lemke war Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre für mich in erster Linie der Gegenspieler von Uli Hoeneß. Und auch wenn man mit dem Wort sparsam umgehen sollte, habe ich ihn damals gehasst. Der Kontrast zwischen den beiden Alphatieren hätte kaum größer sein können: Hier der barocke Lebemann Hoeneß, als Spieler Welt- und Europameister, Europacupsieger - dort der schrille Asket Lemke mit dem Aussehen und dem Charisma eines Buchhalters, der Fußballtrikots bestenfalls aus dem Fanshop kannte. Hier der soziale Münchner Manager, der sich selbstlos um vom Leben gebeutelte Ex-Bayern-Spieler wie Helmut Winklhofer oder Lars Lunde kümmerte. Dort der allzu clevere Werder-Strippenzieher, der einen peinlichen Bordellbesuch von Bremer Kickern nutzte, um ihnen Vertragsverlängerungen zu unveränderten (= für ihn höchst günstigen) Konditionen abzunötigen. Und genau dieser Typ setzte viel zu gekonnt Nadelstich um Nadelstich in Richtung meines geliebten FC Bayern, spielte perfekt das Spiel "Wir ach so armen, bodenständigen Bremer Arbeiter gegen die abgehobenen Millionarios aus München" und schürte die allgemeine Abneigung gegen den FC Bayern. Dass Werder den Münchnern in "meinem" (und Jupp Heynckes') ersten Bayern-Jahr 1987/88 auch noch die Meisterschale wegschnappte, machte die Sache naturgemäß nicht besser. Ja, ich habe Willi Lemke damals gehasst. Und - darauf habe ich an anderer Stelle schon mal hingewiesen - es hat eine ziemlich lange Zeit gedauert, bis ich ihn als einen der wichtigsten, kompetentesten und auch sympathischsten Protagonisten der Bundesliga jener Zeit anerkennen konnte. Einer im Übrigen, der mit seiner Kritik an Hoeneß gar nicht so selten richtig lag.
 
Lemke, im Sommer leider und viel zu früh verstorben, hatte sich 1999 aus dem operativen Bundesligageschäft zurückgezogen, um einen Posten in der Bremer Landesregierung zu übernehmen. Bis heute steht er gemeinsam mit Trainer Otto Rehhagel für die mit Abstand erfolgreichste Periode der Bremer Vereinsgeschichte - 1985 bis 1995 - mit zwei Meistertiteln, diversen Vizemeisterschaften, drei Pokalsiegen und dem legendären Coup im Europapokal 1992 gegen AS Monaco. Und ich würde mich mal so weit vorwagen und behaupten: Werder wird mit seinen - damals wie heute - sehr überschaubaren finanziellen Möglichkeiten und dem im bundesweiten Vergleich auch viel geringeren wirtschaftlichen Potential nie wieder in die Situation kommen, dem Branchenprimus über zehn Jahre ernsthaft Paroli zu bieten und ihn mitunter sogar zu übertrumpfen. "Leider", sage ich heute, nachdem mir zwölf bayerische Meistertitel in Folge die Freude an der Bundesliga weitgehend verdorben haben. Nimmt man nun noch hinzu, dass Lemke als Manager in vielerlei Hinsicht Vorreiter und Taktgeber der Branche war, erscheint eine Würdigung dieses Mannes in Buchform wahrlich überfällig.
 
Genau eine solche Würdigung liegt nun mit "Herr Lemke, übernehmen Sie!" (Edition Einwurf) vor. Dass sich mit den Autoren Helmut Hafner und Ralf Lorenzen ein Duo aus Politik und Sport gefunden hat, um Lemkes Biographie zu verfassen, macht bei einem solchen Wanderer zwischen den Welten - Lemke war einst Geschäftsführer der SPD in Bremen und organisierte Wahlkämpfe, übernahm dann den Posten als Manager bei Werder und trat später als Bildungssenator in die Landesregierung ein, um seine Karriere als UN-Sonderbotschafter für Sport ausklingen zu lassen - nun wirklich Sinn. 
 
Ich bin, was bei derartigen Biographien gar nicht so selten vorkommt, eher schwer in das Buch hineingekommen. Die üblichen Anfangskapitel über Kinder- und Jugendjahre geraten häufig zäh - oder sie interessieren mich schlicht nicht genug. Doch es dauert zum Glück nicht lange, ehe wir bei Willis Werder-Jahren landen - und hier beginnt für mich ein großes Lesevergnügen. Nicht streng chronologisch, aber dramaturgisch geschickt erzählen sie die Geschichte des "Alles-Machers", der bei Werder keinen Stab, kein großes Team hatte, alle Details selbst im Blick behielt und sich nicht zu schade war, auch mal persönlich Werbebanden von A nach B zu transportieren. Den Autoren gelingt es in hervorragender Weise - in meinen Augen eine der großen Leistungen des Buches -, das komplizierte Bremer Beziehungsgeflecht mit dem Präsidenten Franz Böhmert, der den Verein seriös nach außen repräsentierte, seinem Vize Klaus-Dieter Fischer, dem heimlichen Boss des Klubs, dem sportlich allmächtigen, aber innerlich oft auch unsicheren Trainer Otto Rehhagel und dem Geldbeschaffer Willi Lemke nachzuzeichnen. Es herrschte längst nicht nur Sonnenschein im vermeintlichen Paradies an der Weser. So ging der hauptamtlich tätige und sehr gut bezahlte Lemke dem ehrenamtlichen Präsidum mit seinem Sendungsbewusstsein und seiner medialen Präsenz mitunter ziemlich auf die Nerven. Er und Rehhagel standen sich, obwohl sie Seite an Seite die erfolgreichste Epoche der Vereinsgeschichte prägten, stets mit einer gewissen Distanz gegenüber - und blieben zeitlebens beim "Sie", während Lemke sonst alles und jeden duzte. Aber indem er Rehhagel in sportlicher Hinsicht komplett das Feld überließ und sich darauf beschränkte, dessen Transferwünsche zu erfüllen, ermöglichte er genau jene Arbeitsteilung, die für den Bremer Höhenflug hauptursächlich gewesen sein dürfte. Rehhagels einzigartiges Auge für die richtigen Spieler und Lemkes Verhandlungsgeschick waren einfach eine sensationelle Kombination. Wobei wie immer im Leben hier und da auch das nötige Quäntchen Glück nicht fehlte: Eigentlich wollte Bremen 1982 den Torschützenkönig der zweiten Liga, Dieter Schatzschneider, verpflichten. Weil der sich aber für Hamburg entschied, wies Rehhagel Lemke an, sich um einen gewissen Rudi Völler zu bemühen: "Wenn wir die Nummer 1 nicht kriegen, müssen Sie mit der Nummer 2 telefonieren." Völler war sportlich (119 Tore in 174 Spielen), menschlich und - mit seinem millionenschweren Wechsel nach Rom 1987 - auch finanziell einer der Top-Transfers der Vereinsgeschichte, während Schatzschneider in Hamburg und im Grunde auch bei jeder späteren Station sportlich und menschlich Schiffbruch erlitt.

Apropos Transfers: Ich hätte mir in jenen Werder-Kapiteln manchmal noch mehr Nähe zum Geschehen gewünscht. So hätte ich zum Beispiel gern nachträglich mit am Tisch gesessen, als Lemke 1990 mit den Machern von Lazio Rom den Wechsel von Karl-Heinz Riedle für eine seinerzeit sagenhafte Ablöse von 13 Millionen DM eintütete. Wie laufen solche Gespräche? Wie souverän (oder innerlich aufgewühlt) verhandelt man als Manager eines kleinen Vereins, wenn man weiß, dass eine Summe auf dem Tisch liegt, die den eigenen Klub auf Jahre sanieren kann - und eine Verletzung Riedles im nächsten Spiel alles zunichte machen könnte? Pokert man noch um die dreizehnte Million, wenn eigentlich auch schon zwölf ein riesiges Geschäft sind (Riedle kam 1987 für schlappe 800.000 DM von Blau-Weiß Berlin)? Derartige intime Einblicke gibt es leider nur wenige - aber, um nicht ungerecht zu sein, es gibt sie. So erfährt man, wie Rehhagel die Mannschaft nach Lemkes desaströser TV-Begegnung mit dem Spielervermittler Holger Klemme - der deckte vor Millionen Zuschauern die obige Bordellgeschichte auf - unter Strafandrohung vergatterte, in der Öffentlichkeit ja kein böses Wort über den Manager zu verlieren. Lemke vergaß ihm das nie. Und man erfährt, wie Stefan Effenberg indirekt zu Rehhagels Abschied in Bremen beitrug: Der seinerzeit in Florenz unter Vertrag stehende Spielmacher war der absolute Wunschkandidat des Werder-Trainers. Lemke leitete wie üblich die Verhandlungen ein, erzielte Einigkeit mit Verein und Spieler - doch dann begann Ehefrau Martina Effenberg plötzlich nachzukobern. In Abstimmung mit Fischer nahm Lemke Abstand von dem Deal. Dummerweise war da schon die aktuelle "Sport-Bild" in Druck, in der Rehhagel exklusiv berichtete, wie er Effenberg an die Weser geholt habe. Der Coach war blamiert und wurde Bremen - der "Stadt der kleinen Wege" - nun endgültig überdrüssig. Übrigens habe ich in Erinnerung, dass Rehhagel nach Bekanntwerden seines Wechsels zum FC Bayern 1995 auch plötzlich begann, in der Öffentlichkeit etwas abfällig über Lemke zu sprechen. Leider wird die Verschlechterung ihrer Beziehung in jener Zeit im Buch allenfalls angedeutet.

Wertvoll ist "Herr Lemke, übernehmen Sie!" auch deshalb, weil es Lemkes Pionierleistungen als Manager verewigt. Die Bundesliga verdankt ihm - und nicht Uli Hoeneß  - beispielsweise die Ehrenlogen und die Einlaufjungen. Und der Werder-Manager war 1989 der erste, der ein ganzes Bundesligaspiel an einen Sponsor verkaufte - Lemke kassierte 120.000 DM Festpreis und statt der zu erwartenden mageren 17.000 Zuschauer gegen Waldhof Mannheim kamen dank vom Sponsor verbilligt abgegebener Tickets 37.000. Letztlich geriet das Ganze zu einer Art Volksfest mit Bierzelt und Feuerwerk.

Ich freue mich sehr, dass Willi Lemke mit diesem Buch eine verdiente, bleibende Würdigung erfährt. Klare Kaufempfehlung - und zwar ausdrücklich nicht nur für Werder-Fans.

Helmut Hafner und Ralf Lorenzen: "Herr Lemke, übernehmen Sie!", Edition Einwurf