(KL) Bücher zum Fußball-Land DDR gibt es mittlerweile etliche, von Hans Leskes "Enzyklopädie des DDR-Fußballs" über "Die Geschichte der DDR-Oberliga" von Andreas Baingo und Michael Horn bis hin zu Biographien, die sich indirekt ebenfalls mit dieser Materie beschäftigen, etwa Bernd Stanges "Trainer zwischen den Welten" und natürlich Jörg Bergers wunderbares Buch "Meine zwei Halbzeiten". Mehr durch Zufall bin ich auf Frank Willmanns bereits vor etlichen Jahren erschienene Collage (über zwanzig Autoren trugen zu dem Werk bei) "Fußball-Land DDR: Anstoß - Abpfiff - Aus" gestoßen. Das Buch hält sich mit Statistiken und Tabellen zurück und gewährt stattdessen auf knapp 200 Seiten einen hervorragend recherchierten und ungeheuer atmosphärischen Einblick in den Alltag der DDR-Oberligakicker. Vom speziellen Transfersystem ("Delegierungen") über Gehälter und Handgelder der "Nicht-Amateure" (wenige Monate vor dem Ende der DDR meldete der DFV diesen Status seiner Spieler bei der FIFA an), Lokalderbys und Auslandsspiele bis hin zu Spielerrevolten wie jener in Dresden, als die Kicker Trainer Walter Fritzsch loswerden wollten, greifen die Autoren eine Vielzahl von Themen auf, die in ihrer Gesamtheit ein faszinierendes Mosaik ergeben. Dazu gibt es etliche Fotos und Zeitungsausrisse sowie - in meinen Augen verzichtbar - Vereinslogos und Karikaturen, die das Bild vervollständigen. So erfährt der Leser beispielsweise, dass in der DDR-Oberliga bereits Ende der sechziger Jahre Handgelder von bis zu 20.000 Mark flossen und beim Fußballzwerg Stahl Brandenburg fürstliche Gehälter von bis zu 5.300 Mark gezahlt wurden. Das Buch berichtet, wie der Magdeburger Erfolgstrainer Heinz Krügel (Europapokalsieger 1974) wegen "ungenügender Entwicklung der Olympiakader" zum Hallenwart degradiert wurde und dass der aus Thüringen stammende Mittelfeldstar Reinhard Häfner eigentlich schon vor einem Wechsel zum FC Carl Zeiss Jena stand, als ihm der DFV die Pistole auf die Brust setzte: "Nach Dresden oder nach Eggesin!" Eggesin war damals ein berüchtigter Militärstützpunkt in Mecklenburg-Vorpommern. Der Umstand, dass derart viele Journalisten und Schriftsteller beteiligt waren (darunter Horst Friedemann, Edgar Külow, Annett Gröschner und Wladimir Kaminer), mag die Themenwechsel und die Reihenfolge der Beiträge mitunter etwas sprunghaft erscheinen lassen, aber das schmälert den Gesamteindruck nur unwesentlich.
Fazit: Wer sich für den Alltag der DDR-Oberliga-Fußballer interessiert, wird mit Willmanns Buch bestens bedient.
Frank Willmann: "Fußball-Land DDR: Anstoß, Abpfiff, Aus", Eulenspiegel-Verlag
