Sonntag, 1. Februar 2026

Julian Nagelsmann: Leidenschaftliches Plädoyer mit Chuzpe

Bei meiner Besprechung der "11Freunde"-Ausgabe Nr. 283 (mit Julian-Nagelsmann-Aufmacher) war es bereits angeklungen: Ein allzu großer Fan des Bundestrainers bin ich (noch) nicht. Was aber nicht bedeutet, dass ich ihn nicht für eine der interessantesten Personalien im deutschen Fußball halte und nur zu gern in eine Biographie über ihn schaue. Auf Justin Krafts vor wenigen Wochen erschienenes Buch "Julian Nagelsmann: Kopf trifft Herz" (Verlag Die Werkstatt) hatte ich mich dementsprechend sehr gefreut. Aber Moment mal - eine Biographie? Diesen Zahn zieht mir Autor Kraft gleich auf den ersten Seiten. Eine klassische Biographie dürfe der Leser nicht erwarten, auch kein besonderes Insiderwissen. Hmmm. Übersetzt heißt das wohl in etwa: "Ich habe eigentlich keinerlei Legitimation, ein Buch über Julian Nagelsmann zu schreiben. Tue es aber trotzdem." Weil, so Kraft im Buch "ich glaube, dass das öffentliche Bild von Nagelsmann zumindest in Teilen falsch ist – und selbst die oft in den Mittelpunkt gestellte analytische Ebene allenfalls oberflächlich thematisiert wird." Soviel Chuzpe ist dann schon wieder erfrischend. Beim Lesen merkte ich schnell: Ich will dieses Buch mögen. Vor allem deshalb, weil ich finde, dass derartige Projekte möglich sein müssen. Da setzt sich einer hin und schreibt mit Herzblut und dem Mut, sich zu positionieren, ein Buch über Deutschlands ersten Fußballtrainer. Und es ist ja nicht so, dass Justin Kraft so gar keine Berührung mit der Thematik hätte. Als Sportjournalist berichtet er über den FC Bayern, er hat mehrere Bücher über den Rekordmeister geschrieben - und er nimmt für sich in Anspruch, inmitten der alltäglichen Informationsflut seitens tatsächlicher und vermeintlicher Insider eine prägnante, auf den Punkt gebrachte Einordnung vornehmen zu können: "Dieses Buch soll erklären, warum Nagelsmann so einen kometenhaften Aufstieg hinlegen konnte, wie seine Idee von Fußball aussieht und welche Methoden aus welchen Gründen dahinterstehen."

Gelingt das? Schauen wir es uns an.

Der Autor beschreibt erwartungsgemäß den Weg des heutigen Bundestrainers von seinen Anfängen als Jugendcoach in Augsburg, bei TSV 1860 München und in Hoffenheim über die ersten Stationen im Männerbereich (Hoffenheim, Leipzig) bis hin zum Engagement in München, der dortigen Entlassung - der erste größere Bruch in Nagelsmanns Karriere - und seiner Übernahme des DFB-Teams. Wer die bisherige Karriere von Julian Nagelsmann einigermaßen erfolgt hat, wird hier nur wenig Neues erfahren. Aber Kraft hatte ja auch in erster Linie eine Analyse versprochen. In seinen Ausführungen geht es zu einem beträchtlichen Teil um Trainingslehre, Spielformationen und Taktik - alles Themen, die mich leider so gar nicht interessieren (wofür Kraft natürlich nichts kann), aber wer in diesem Bereich Einordnung wünscht, bekommt sie in hinreichendem Maße. Und obwohl Kraft nie einen Zweifel lässt, dass er Nagelsmann mit Sympathie und Wertschätzung betrachtet, schreckt er nicht davor zurück, sein Sujet zu kritisieren, sei es beispielsweise für dessen Tendenz zum "Overthinking" in seiner letzten Hoffenheim-Saison oder seine unnötig harsche öffentliche Kritik am erst 19-jährigen Tanguy Nianzou beim FC Bayern. In erster Linie allerdings ist das Buch ein (naturgemäß vorläufiges) leidenschaftliches Plädoyer für einen modernen, hochtalentierten, sozial weit überdurchschnittlich kompetenten Trainer und gegen etliche Angriffe und Vorurteile, denen sich dieser in der Vergangenheit ausgesetzt sah. Und auch ein Plädoyer gegen die Behandlung, die Nagelsmann beim FC Bayern erfahren hat. Kraft zeichnet das Bild eines chaotisch geführten Klubs mit einer bei weitem nicht an die Qualität des heutigen Kaders heranreichenden Mannschaft und einem überforderten Vorstand, der, als Thomas Tuchel plötzlich auf dem Markt war, ohne jede Not in Aktionismus verfiel und Nagelsmann unter höchst fragwürdigen Umständen entließ. Mit Verve und ausführlicher Begründung wehrt sich Kraft gegen das Urteil, dass Nagelsmann in München gescheitert sei. Das lässt sich alles gut hören und vertreten. Ich persönlich vermisste indes an genau dieser Stelle einen weiteren Zahn, den mir der Autor im Vorwort gezogen hatte: "Boulevardthemen", so Kraft, "interessieren mich nicht. Mich interessieren Hintergründe und mich interessieren Ebenen, auf denen eine fundierte Argumentation im Vordergrund steht." Schön und gut, aber kann man die Geschichte der Entlassung Nagelsmanns beim FC Bayern erzählen, ohne den Namen Lena Wurzenberger auch nur einmal in den Mund zu nehmen? Selbst wenn Kraft meinen sollte, das eine habe mit dem anderen rein gar nichts zu tun, hätte ich zumindest das gern gelesen und erläutert bekommen. Auch um die Affäre Nagelsmann - Tapalović - Neuer schleicht Kraft meines Erachtens ein wenig zu behutsam herum. Und, ja, mich hätte schon brennend interessiert, welchen Blick Nagelsmann auf seinen FCB-Nachfolger Thomas Tuchel hat und welche Auswirkungen diese "Ich muss gehen und er übernimmt meinen Traumjob"-Konstellation auf ihr Verhältnis insgesamt hatte. Aber das wiederum sind Innenansichten - und die hatte Justin Kraft ja gerade nicht versprochen.

Unter dem Strich bleibt eine zwar aus der Ferne geschriebene, aber dennoch sehr informative erste Bilanz des noch immer sehr jungen Trainers Julian Nagelsmann.

Justin Kraft: "Julian Nagelsmann: Kopf trifft Herz", Verlag Die Werkstatt