Gelingt das? Schauen wir es uns an.
Der Autor beschreibt erwartungsgemäß den Weg des heutigen Bundestrainers von seinen Anfängen als Jugendcoach in Augsburg, bei TSV 1860 München und in Hoffenheim über die ersten Stationen im Männerbereich (Hoffenheim, Leipzig) bis hin zum Engagement in München, der dortigen Entlassung - der erste größere Bruch in Nagelsmanns Karriere - und seiner Übernahme des DFB-Teams. Wer die bisherige Karriere von Julian Nagelsmann einigermaßen erfolgt hat, wird hier nur wenig Neues erfahren. Aber Kraft hatte ja auch in erster Linie eine Analyse versprochen. In seinen Ausführungen geht es zu einem beträchtlichen Teil um Trainingslehre, Spielformationen und Taktik - alles Themen, die mich leider so gar nicht interessieren (wofür Kraft natürlich nichts kann), aber wer in diesem Bereich Einordnung wünscht, bekommt sie in hinreichendem Maße. Und obwohl Kraft nie einen Zweifel lässt, dass er Nagelsmann mit Sympathie und Wertschätzung betrachtet, schreckt er nicht davor zurück, sein Sujet zu kritisieren, sei es beispielsweise für dessen Tendenz zum "Overthinking" in seiner letzten Hoffenheim-Saison oder seine unnötig harsche öffentliche Kritik am erst 19-jährigen Tanguy Nianzou beim FC Bayern. In erster Linie allerdings ist das Buch ein (naturgemäß vorläufiges) leidenschaftliches Plädoyer für einen modernen, hochtalentierten, sozial weit überdurchschnittlich kompetenten Trainer und gegen etliche Angriffe und Vorurteile, denen sich dieser in der Vergangenheit ausgesetzt sah. Und auch ein Plädoyer gegen die Behandlung, die Nagelsmann beim FC Bayern erfahren hat. Kraft zeichnet das Bild eines chaotisch geführten Klubs mit einer bei weitem nicht an die Qualität des heutigen Kaders heranreichenden Mannschaft und einem überforderten Vorstand, der, als Thomas Tuchel plötzlich auf dem Markt war, ohne jede Not in Aktionismus verfiel und Nagelsmann unter höchst fragwürdigen Umständen entließ. Mit Verve und ausführlicher Begründung wehrt sich Kraft gegen das Urteil, dass Nagelsmann in München gescheitert sei. Das lässt sich alles gut hören und vertreten. Ich persönlich vermisste indes an genau dieser Stelle einen weiteren Zahn, den mir der Autor im Vorwort gezogen hatte: "Boulevardthemen", so Kraft, "interessieren mich nicht. Mich interessieren Hintergründe und mich interessieren Ebenen, auf denen eine fundierte Argumentation im Vordergrund steht." Schön und gut, aber kann man die Geschichte der Entlassung Nagelsmanns beim FC Bayern erzählen, ohne den Namen Lena Wurzenberger auch nur einmal in den Mund zu nehmen? Selbst wenn Kraft meinen sollte, das eine habe mit dem anderen rein gar nichts zu tun, hätte ich zumindest das gern gelesen und erläutert bekommen. Auch um die Affäre Nagelsmann - Tapalović - Neuer schleicht Kraft meines Erachtens ein wenig zu behutsam herum. Und, ja, mich hätte schon brennend interessiert, welchen Blick Nagelsmann auf seinen FCB-Nachfolger Thomas Tuchel hat und welche Auswirkungen diese "Ich muss gehen und er übernimmt meinen Traumjob"-Konstellation auf ihr Verhältnis insgesamt hatte. Aber das wiederum sind Innenansichten - und die hatte Justin Kraft ja gerade nicht versprochen.
Unter dem Strich bleibt eine zwar aus der Ferne geschriebene, aber dennoch sehr informative erste Bilanz des noch immer sehr jungen Trainers Julian Nagelsmann.
Justin Kraft: "Julian Nagelsmann: Kopf trifft Herz", Verlag Die Werkstatt
