(KM) Themenbücher, das will ich an dieser Stelle vorausschicken, sind so etwas wie die Königsdisziplin unter den Fußballbüchern - und sie gelingen nur in den allerseltensten Fällen wirklich ganz und gar. Egal, ob es um den Fußball und das Geld geht (etwa "Der Rubel rollt" und "Der Kick des Geldes") oder um den Fußball und das organisierte Verbrechen ("Sichere Siege"), um kommerzielle Fehlentwicklungen ("Unfair Play") oder um Länder-Betrachtungen wie Fußball in der Schweiz ("Hopp Schwiiz!") - ich habe recht viele Bücher letztlich mit dem Gefühl weggelegt, einen Bic Mac gegessen zu haben. Für den Moment ganz okay, aber am Ende dann doch nicht wertig und sättigend. Woran liegt das? Wieso sind solche Bücher ungleich schwerer zu schreiben als beispielsweise Biographien? Wieso haben selbst renommierte Autoren wie Fred Sellin ("Das schmutzige Spiel") damit ihre liebe Mühe? Meines Erachtens liegt die größte Herausforderung darin, hier die richtige Flughöhe zu finden, um einerseits Substanz, Tiefe und Analyse in die Betrachtungen zu bringen und sich andererseits aber auch nicht in Details zu verrennen und das große Bild aus dem Blick zu verlieren. Viele Autoren flattern wie Schmetterlinge von einem Topic zum nächsten, bleiben an der Oberfläche, erzählen schon viel zu oft gehörte Anekdoten und Schnurren, schaffen es aber nicht, so etwas wie einen roten Faden und eine Linie in ihr Buch zu bekommen, um das Thema - und genau darum geht es ja - letztlich wirklich zu beherrschen.
Wieso ich hier so weit aushole? Weil Mathias Liebing mit "Plattgemacht: Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte" (Edel Sports) ein mit erheblichem Aufwand recherchiertes, sehr persönliches, mit viel Herzblut geschriebenes und informatives Buch über den Ausverkauf und mühsamen Neuanfang des DDR-Fußballs nach der Wende vorgelegt hat. Ein Buch, das weitaus differenzierender und subtiler auf das Geschehen schaut, als es der etwas reißerische Titel vermuten lässt. Ein Buch, das sich in genau dieser Königsdisziplin der Fußballbücher behaupten muss - und das auch schafft. Obwohl ich gleich ein wenig mäkeln werde, bin ich sehr glücklich, dass dieses Buchprojekt realisiert wurde. Denn in der weiteren Diskussion um den Fußball in den neuen Ländern seit 1989 wird man an "Plattgemacht" nicht vorbeigehen können.
Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal über den Filmemacher Werner Herzog, dass seine Filme "allemal riesige Steinbrüche [seien], aus denen er mit ungeheuerlicher Anstrengung seine Bilder schlägt." Ähnliches dachte ich bei Liebings Buch. Ich habe die Anstrengung und die Mühe gespürt, vor allem im ersten Teil. Der Autor tut sich nach meinem Eindruck anfänglich etwas schwer. Er möchte die Thematik "Der Fußball im Osten während und nach der Wende" gern mit seiner Biographie - 1980 im heutigen Sachsen-Anhalt geboren und aufgewachsen, erst nach der Wende entdeckte er seine Liebe zum FC Carl-Zeiss Jena, später ist er im Sportjournalismus tätig - verknüpfen und das Ganze "rund", manchmal vielleicht zu rund machen. So schreibt er: "Reiner Calmund war einer der ersten wichtigen Menschen, die ich im frisch wiedervereinigten Deutschland wahrgenommen habe." Ernsthaft? Als Neunjährigem, selbst als einem, der sich in besonderer Weise für Fußball interessiert, ist ihm in den aufregenden Wendetagen bzw. den Monaten danach ausgerechnet das schwergewichtige Leverkusener Unikum aufgefallen? So ganz glaube ich das nicht. Kurz vorher heißt es: "Als 1989 die Mauer fiel, wusste ich, dass meine Welt über Nacht eine andere werden würde." Auch das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis für einen Neunjährigen. Dann sind da Liebings Gesprächspartner wie Frank Engel, die er - aus nachvollziehbaren Gründen - gut präsentieren möchte. Über Engel heißt es: "Irgendwann [wenn die DDR weiterexistiert hätte - KM] wäre er wohl Nationaltrainer geworden." Wieder so ein Satz, an dem ich hängenbleibe - denn Engel war ja schon zu DDR-Zeiten (beinahe) genau das: Als Teil des berüchtigten "Triumvirats" Manfred Zapf - Heinz Werner - Frank Engel coachte er von Februar bis Mai 1989 die DDR-Nationalmannschaft - und zwar bemerkenswert erfolglos (ein Sieg in sechs Spielen).
Kleiner Exkurs an dieser Stelle, auch wenn er mit "Plattgemacht" nicht viel zu tun hat: Manfred Zapf, der sich mit seinen Sidekicks Werner und Engel gerade einmal jene drei Monate als Nationaltrainer hielt, gilt in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute als der Inbegriff des inkompetenten Apparatschiks, eines praxisfernen Verbandsfunktionärs mit SED-Parteibuch, der die Spieler mit "Genossen" anredete, aber vom Fach keine Ahnung hatte - und von den Kickern insgeheim ausgelacht und als Trainer nie akzeptiert wurde. Das Problem an dieser schönen Story ist: Sie stimmt leider nicht. Zapf war einer der erfolgreichsten Fußballer in der Geschichte der DDR: Mit dem 1. FC Magdeburg gewann er dreimal die DDR-Meisterschaft und sechsmal den FDGB-Pokal. Er war Kapitän der einzigen DDR-Klubmannschaft, die jemals den Europapokal holte (1974: 1. FC Magdeburg - AC Mailand 2:0). Er war Nationalspieler und Teil jenes Teams, das bei Olympia 1972 die Bronzemedaille gewann. Kurz: Er hatte im Zweifel mehr Ahnung vom Fußball als die meisten der Kicker, die er nun in der Nationalelf trainieren sollte. Zugegeben, als Coach hatte er kaum Erfahrung, aber die hatte ein Franz Beckenbauer 1984 auch nicht, als er das DFB-Team übernahm. Und: Zapf hatte mit Werner und Engel erfahrene Kollegen als Co-Trainer an seiner Seite. Warum seine Ära dennoch eine so kurze und erfolglose blieb, wäre an sich mal eine gesonderte Betrachtung wert. Wenn man hier die richtigen Gesprächspartner auftreibt, könnte man angesichts des überschaubaren Zeitraums ein wunderbares Buch a la "The Damned United" daraus machen.
Aber zurück zu "Plattgemacht": Nein, Engel wäre, wenn es die DDR weiter gegeben hätte, wohl kein Kandidat für die Nationalelf mehr geworden, nachdem er seine erste Chance so in den Sand gesetzt hatte. Und, nein, Peter-Michael Diestel war ungeachtet aller Verdienste als Präsident von Hansa Rostock auch nicht der "Posterboy" des ostdeutschen Fußballs der Nachwendezeit, beim besten Willen nicht. Das würde ich nicht einmal seinem ungleich präsenteren und prägenderen Vorgänger Gerd Kische zugestehen wollen, auch wenn der es damals - anders als Diestel - auf die Titelseite der "Sport-Bild" schaffte. Wie gesagt, ich verstehe Liebings Wunsch, seine Gesprächspartner in einem möglichst günstigen Licht erscheinen zu lassen. Aber das ist dann doch etwas zuviel des Guten. Auch den - von ihm geteilten - Frust, den der 1992 mit Aktenordnern voller Notizen unter dem Arm zu einem Trainerkongress nach Sylt gereiste Engel ob der Geringschätzung der Westdeutschen für die DDR-Trainer-Gilde empfand, kann ich nur bedingt nachvollziehen. Denn es ist ja nicht so, dass ostdeutsche Übungsleiter im wiedervereinigten Deutschland gar keine Chance bekommen hätten. Im Gegenteil: Jürgen Sparwasser war Trainer in Darmstadt, Joachim Streich in Braunschweig, Eberhard Vogel in Hannover, Hans-Jürgen Dörner im Bremen, Hans-Ulrich Thomale in Kassel, Bernd Stange bei Hertha usw. Aber, und das muss man fairerweise einräumen, keiner von ihnen hat sich durchsetzen und behaupten geschweige denn für höhere Aufgaben empfehlen können.
Aber noch einmal zu Liebings Gesprächspartnern: Ich habe mich anfangs auch gefragt, ob der Volleyball-Trainer Walter Toussaint, der Jenaer Mannschaftsleiter Uwe Dern, Andreas Trautmann (der FC-Carl-Zeiss-Pressesprecher, nicht der frühere Dresdner Dynamo-Spieler!) und der Ex-Hallenser Jan Michel - im Fußball-Business bestenfalls "D-Promies" - wirklich die richtigen Protagonisten sind, um das Schicksal des DDR-Fußballs während und nach der Wende zu erzählen, ergänzt durch Reiner Calmund, der gefühlt schon 1.000mal berichtet hat, wie er Andreas Thom und Ulf Kirsten verpflichtete. Aber mir wurde schnell klar, dass diese Haltung anmaßend ist. Denn der Autor muss zum einen mit den Gesprächspartnern klarkommen, die er hat. Und Liebing hat ja neben den Vorgenannten etliche weitere aufgetan. Kinowelt-Eigentümer Michael Kölmel etwa, der hier seine erste differenzierende Darstellung erfährt, Ex-Torwart Perry Bräutigam und Dynamo-Idol Ralf Minge. Hinzu kommt noch, dass nach meiner Erfahrung Protagonisten aus der zweiten oder dritten Reihe häufig die genaueren Beobachter und deshab auch die besseren Geprächspartner sind.
Ob ich mit zunehmender Seitenzahl einfach nur wärmer mit dem Buch werde oder Liebing immer besser ins Thema findet, kann dahinstehen, auf jeden Fall steigt der Lesegenuss, je weiter ich im Buch vorankomme. Die Verknüpfung des Geschehens mit der Biographie des Autors, die mir zunächst bemüht vorkam, ergibt jetzt immer mehr Sinn, die Schilderungen werden dichter und atmosphärischer. Die Umstände des berüchtigten Trainingslagers des 1. FC Markleeberg in Florida Anfang 1993 - Trainer Frank Engel ging für etliche Ausgaben in Vorleistung und blieb auf den Kosten sitzen -, die prekären Bedingungen, unter denen DDR-Trainer nach der Wende unterklassig arbeiteten, die denkwürdige Regentschaft von Rolf-Jürgen Otto in Dresden (ich kam auch einmal in den Genuss, wegen eines harmlosen Artikels von ihm angebrüllt zu werden), die klugen Analysen eines Ralf Minge oder auch nur die Schilderung, wie zwei idealistische Dynamo-Dresden-Förderer, die über Jahre hinweg Geld in den Verein steckten, einmal in die Fankurve gingen, um einen aufgeheizten Dynamo-Mob zu beruhigen und von Kopf bis Fuß mit Bier übergossen zurückkehrten, all das zeichnet ein zwar deprimierendes, aber stimmiges Bild der Situation des Fußballs in den neuen Ländern nach der Wende und ist absolut lesenswert.
Der Autor nimmt sich all die Städte vor, in denen der DDR-Fußball einst groß und spannend war, Dresden und Leipzig, Jena, Cottbus, Chemnitz und Aue, Berlin natürlich, aber auch die Stahl-Stadt Brandenburg, zu Oberliga-Zeiten eine Art gallisches Dorf. Zwischendrin gibt es immer mal wunderbare Geschichten und auch Äußerungen und Einschätzungen, die angesichts aktueller Ereignisse in neuem Licht erscheinen. Wer Liebings (höchst gelungene) Norbert-Nachtweih-Biographie gelesen hat, wird über die Passage zu Klaus Schlappner grinsen, der als Coach des FC Carl-Zeiss-Jena Anfang der 1990er zu eher unappetitlichen Motivationssprüchen gegriffen haben soll. Nachdem Schlappner schon in der Nachtweih-Biographie nicht gut wegkam, werden er und Liebing in diesem Leben wohl keine Freunde mehr werden. Später geht es um das Wirken der Leonhardt-Brüder in Aue, die den kleinen Verein FC Erzgebirge bis in die 2. Bundesliga geführt und dort etabliert hatten. 2022 kam es zum Bruch zwischen ihnen und dem Verein, vielleicht auch, weil sie im Laufe der Zeit selbst nach Maßstäben der sperrigen Erzgebirgler ein wenig zu skurril geworden waren. Liebing zitiert einen Podcaster, der das nicht allzu dramatisch sieht: "Ich denke, der Klub hat diese Veränderungen auch mal gebraucht, selbst wenn im Fußball am Ende immer auch der sportliche Erfolg her muss. Aber ich denke, die Strukturen in Aue, in der Region und im Klub sind stabil genug.“ Die Entwicklung seit Redaktionsschluss des Buches stützt diese These leider nicht: Derzeit befindet sich Erzgebirge Aue im freien Fall in Richtung Viertklassigkeit.
Unter dem Strich ist "Plattgemacht" ein ungeheuer informatives, mit interessanten Blickwinkeln aufwartendes Buch, das zwar nicht ohne kleinere Schwächen bleibt, aber dennoch das derzeit mit Abstand beste Buch zum DDR-Fußball in und nach der Wendezeit ist. Mathias Liebing beherrscht also auch die Königsdisziplin. Chapeau!
Mathias Liebing: "Plattgemacht: Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte", Edel Sports
