(KM) Mit dem Fußball in den osteuropäischen Ländern haben sich zumindest englischsprachige Autoren bereits wiederholt befasst, wenngleich unter etwas anderem Blickwinkel als nun Per Ole Hein in seinem frisch erschienenen Buch "Meister des Sports: Eine kurze Geschichte des Fußballs im osteuropäischen Sozialismus" (Arete Verlag). Jonathan Wilson betrachtete in seinem bereits vor zwanzig Jahren veröffentlichten Werk "Behind the Curtain: Football in Eastern Europe" mehr oder weniger die gleichen Länder (beziehungsweise deren Nachfolgestaaten) wie Hein. Indes ging es ihm um die Entwicklung des Fußballs nach dem Umbruch Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre. Und "Tor zum Osten: Besuch in einer wilden Fußballwelt" von Olaf Sundermeyer wurde angesichts der nahenden Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine geschrieben und fokussierte sich auf diese beiden Länder. Insofern war die Idee eines Überblicks über den Fußball im gesamten (osteuropäischen) Sozialismus einschließlich der DDR reizvoll - und Hein liefert exakt das.
Er nimmt sich, im sehr sachlichen, linearen Stil einer Seminararbeit und mit klarer Struktur, Land für Land des einstigen "Warschauer Pakts" vor, die Sowjetunion, Ungarn, Rumänien, die DDR und so weiter, geht auf die vorsozialistischen Ursprünge des Fußballs ein, widmet sich dann der politischen Entwicklung und parallel hierzu jener des Sports nach dem Zweiten Weltkrieg und schließt mit einigen Ausführungen über das Geschehen nach dem Umbruch. Das Buch bietet (und verspricht) keine Insidereinblicke, keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse und mit wenigen Ausnahmen nichts, was man so oder so ähnlich nicht schon irgendwo und irgendwie mal gelesen hat. Nein, seine eigentliche Leistung besteht darin, sämtliche Länder des Ostblocks quasi nebeneinander zu legen und aus gebührend großer Flughöhe das Bild des Fußballs im osteuropäischen Sozialismus zu zeichnen.
Ein solches Buch kann zwangsläufig kein atmosphärisches Buch sein. Ich bin nicht wirklich dabei, wenn die Dörner, Puskas, Jaschin, Hagi und Co. ihre Trikots überstreifen, nur selten entstehen Bilder in meinem Kopf. Aber das dürfte Hein mit seinem Buch auch nicht beabsichtigt haben. Er spürt vielmehr - nicht zuletzt mit in Prosa gegossenen Abfolgen von Spielresultaten und Turnierergebnissen - den großen Entwicklungslinien nach, und schon das ist durchaus ein Buch wert. Gewünscht hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle eine analytischere Betrachtung der gesunkenen Bedeutung des Fußballs in diesen Ländern. Es gab Zeiten, da wurden Spiele in Moskau oder Kiew von bis zu 100.000 Menschen besucht, ebenso Belgrader Stadtderbys, und auch das Leipziger Zentralstatdion war häufig ausverkauft. Ungarn und die CSSR haben einst große Mannschaften hervorgebracht, fristen heute aber ein fußballerisches Schattendasein. In praktisch allen einstigen Ostblock-Ländern haben es die nationalen Ligen verdammt schwer. Und das ist meines Erachtens nicht allein eine Frage des fehlenden Geldes. Wer heute in Sofia oder Bukarest ein Spiel besucht, hat den Eindruck, dass der einstigen Fußballbegeisterung der Menschen - die jener in den meisten anderen Ländern der Erde glich - quasi der Stecker gezogen wurde. Aber bei einer vertieften Betrachtung dieser Sonderthematik wäre es wohl keine "kurze" Geschichte mehr geworden. So oder so - als Gesamtüberblick ist Heins Buch eine gute Informationsquelle und eine schöne Grundlage für Anschlussvorhaben.
Per Ole Hein: "Meister des Sports: Eine kurze Geschichte des Fußballs im osteuropäischen Sozialismus", Arete Verlag
