(KL) "Na endlich!" Das war mein erster Gedanke, als ich die Verlagsankündigung der Biographie von Karl-Heinz Granitza ("King Bomber Karl", Edel Sports) las. Und als der Chef in der Redaktionskonferenz fragte, wer sich dem Buch widmen wolle, habe ich ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich mir diese Besprechung bestimmt nicht nehmen lassen würde. Schon vor 15 (in Worten: fünfzehn) Jahren hatte ich mit einem Lektor des Verlages Die Werkstatt mal über ein Buchprojekt über die Deutschen in der North American Soccer League (NASL) gesprochen: Franz Beckenbauer bei Cosmos New York, Gerd Müller bei den Fort Lauderdale Strikers - und, ja, selbstverständlich auch Karl-Heinz Granitza bei den Chicago Stings. Bereits damals schien mir die Zeit überreif für ein solches Vorhaben. Über sechzig Bundesliga-Kicker spielten Ende der 1970er / Anfang der 1980er in Amerika, unter ihnen Weltmeister, Europapokalsieger, Nationalspieler, allein eine halbe Mannschaft des FC Bayern München. Und außerdem natürlich Pele, Johan Cruyff, George Best, Eusebio, Carlos Alberto, Gordon Banks, Bobby Moore, Rodney Marsh und Teófilo Cubillas. Die NASL war nicht weniger als die größte Ansammlung von Superstars in der Geschichte des Fußball, eine wilde Rock-'n'-Roll-Liga, die einen steilen Aufstieg und ein chaotisches Ende erlebte.
Karl-Heinz Granitza mochte unter den "goldsuchenden Desperados", wie der "Spiegel" die Legionäre in der NASL verächtlich nannte, nicht den klangvollsten Namen haben. Aber mit Sicherheit hat kein anderer Deutscher mehr Herzblut und Leidenschaft investiert, um den Fußball in Amerika groß zu machen. Der von Hertha BSC gekommene Stürmer war mit 141 Toren nach dem legendären Giorgio Chinaglia (Cosmos New York, 193) und dem Briten Alan Willey (Minnesota Kicks, 142) der dritterfolgreichste Torjäger in der Geschichte der Liga, dazu ein König des Indoor-Fußballs (über 400 Tore in knapp 300 Spielen) und vor allem ein grandioser Botschafter seines Sports. Die Stings-Franchise in Chicago ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Bis heute gibt es in der Stadt einen "Karl-Heinz-Granitza-Day" (16. April). 2003 wurde er in die National Soccer Hall of Fame der USA aufgenommen. Dafür gibt es Gründe - und deshalb war auch ein Buch nur über ihn genauso überfällig wie eines über die deutschen Legionäre in der NASL insgesamt.
Ich hatte vor fünfzehn Jahren nicht nur mit besagtem Lektor, sondern auch mit etlichen jener Legionäre gesprochen, mit Volkmar Groß (San Diego Sockers) etwa, von dem im Buch mehrfach die Rede ist und der seinerzeit in Berlin eine Kneipe betrieb, mit Hubert Birkenmeier (Cosmos New York), der in New Jersey ein Sportgeschäft hatte, mit Bernd Hölzenbein (Fort Lauderdale Strikers) und Klaus Toppmöller (Dallas Tornado). Mit Karl-Heinz Granitza aus unerfindlichen Gründen nicht, obwohl er - wenn mich meine Erinnerung nicht völlig täuscht - damals sogar im Telefonbuch stand oder ich seine Nummer von irgendjemandem bekommen hatte. Aber ein einziges Gespräch hätte sowieso nicht gereicht - Autor Stefan Hermanns hat über 20 mit seinem Sujet geführt -, um die Karrierere des gebürtigen Lüneners in jener wunderbaren Detailfülle nachzuzeichen, wie es nun in "King Bomber Karl" geschehen ist.
Granitza war kein Superstar, als er in die NASL wechselte, sondern ein solider Bundesliga-Stürmer bei einem nicht allzu erfolgreichen Verein (Hertha BSC), einer sehr soliden Vergangenheit in der Zweiten Liga (DJK Gütersloh, SV Röchling Völklingen, Torschützenkönig 1975/76), einer Berufung in die B-Nationalmannschaft und einer sehr, sehr vagen Hoffnung, es vielleicht in den Kader für die WM 1978 in Argentinien zu schaffen. Und allein die hiermit verbundenen Einblicke, die "King Bomber Karl" gewährt - wie lebte ein Zweitligaspieler in den 1970er Jahren, was verdiente er, wie lief eine Berufung ins DFB-B-Team ab usw. - machen das Buch jedenfalls für mich zu einem Schatz. Und da sind wir ja noch gar nicht beim eigentlichen Thema, das dann aber sehr schnell kommt: In traumhafter Ausführlichkeit beschreibt Hermanns, wie der erste Abstecher Granitzas in die NASL - noch auf Leihbasis - zustande kam, die Gespräche mit Willy Roy, dem (nach heutigem Sprachgebrauch) Kaderplaner und späterem Trainer der Chicago Stings, und Herthas Präsident Ottomar Domrich. Roy hatte Granitza, den Hertha-Stürmer ohne besondere Eigenschaften (nicht zu schnell, nicht zu groß, nicht zu kopfballstark, nicht zu schussgewaltig), aber mit einem ausgeprägten Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, im US-Fernsehen gesehen - in einer Art "Die besten Szenen aus der Bundesliga"-Wochenshow. Er wollte ihn in seinem Team haben, und Hertha brauchte die 100.000 Mark, die Roy für eine dreimonatige Leihe bot, ziemlich dringend. Deshalb redeten Domrich und Roy gemeinsam auf den zunächst wenig begeisterten Stürmer ein. Granitza ließ sich letztlich breitschlagen - und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
In Kapiteln, die jeweils nur relativ kurze Zeitanbschnitte betrachten, beschreibt Hermanns ausführlich, wie der Stürmer ins Team des mächtigen Stings-Eigentümer Lee Stern, eines millionenschweren Rohstoffmaklers, rutschte und recht schnell dessen Aushängeschild und Signature-Player wurde. Und wenn dieses ohnehin superstarke Buch besondere Höhepunkte hat, dann kommen sie hier: Hermanns schafft es, dem Leser Granitzas besondere Rolle in der Chicagoer Franchise und in der NASL insgesamt in ihrer ganzen Komplexität auf traumhaft atmosphärische Weise vor Augen zu führen. Denn hier ist nichts simpel. Einerseits war der mit bestechender Regelmäßigkeit (keine Saison unter 15 Toren) treffende und von Ehrgeiz zerrissene Musterprofi Granitza zeitweise der König von Chicago, der beliebteste Sportler, "obwohl er das Spiel spielt, das die Sportfans der Stadt am wenigsten interessiert“", wie eine Zeitung schrieb. Aber das hieß nicht, dass das Publikum den zum Jähzorn neigenden Deutschen nicht auch mal wütend ausbuhte, wenn er auf dem Spielfeld Teamkameraden wegen schlechter Leistungen öffentlich in den Senkel stellte. Auch etliche Mitspieler waren von seiner Art "nicht restlos begeistert", wie es einer diplomatisch ausdrückte. Aber sie akzeptierten es, weil er in seinem Siegeswillen ein Vorbild war. In all den Jahren in Amerika lernte Granitza nie wirklich gutes Englisch - seine Töchter achteten sorgfältig darauf, dass nicht er die Familien-Bestellung bei McDonalds aufgab. Aber, und jetzt kommt es: Dennoch gab es keinen Stings-Spieler, der bereitwilliger und öfter zu PR-Terminen, in Schulen und Krankenhäuser ging, der ein derart gern gesehener Gast in Talkshows war, der beinahe täglich Anrufe von irgendwelchen Journalisten bekam. Granitza war authentisch, auch in seinem Deutsch-Englisch-Mischmasch, und er hatte diese eine Mission: Den Fußball nach Amerika zu bringen.
Natürlich geht es - und das nicht zu knapp - im Buch auch um Sport selbst: Hermanns beschreibt die ein wenig an Dirk Nowitzkis Zeit in Dallas erinnernden unzähligen Anläufe des titelhungrigen Granitza, mit seinem Team über die kräftezehrende Regular Season und die Play-offs ins Endspiel, den Soccer-Bowl, zu kommen und die ersehnte NASL-Trophy zu gewinnen. Dabei geht es auch um die packenden Duelle der Stings mit den San Diego Sockers, in deren Tor der Deutsche Volkmar Groß stand, die noch packenderen Duelle mit Cosmos New York und dessen legendären Torjäger Giorgio Chinaglia (eine Art großer Bruder Granitzas im Geiste) und die - hier in Amerika auf Augenhöhe stattfindenden - Begegnungen Granitzas mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller.
Der Aufstieg der Stings verlief mehr oder weniger parallel mit dem der NASL: 1981 klappte es endlich mit der Meisterschaft (2:1 in einem dramatischen Finale gegen Cosmos New York), aber Mannschaft und Liga hatten ihren Zenit erreicht. Danach ging es abwärts, die Zuschauer wurden weniger, immer mehr Teams mussten sich aus finanziellen Gründen vom Spielbetrieb zurückziehen, die großen Spielerpersönlichkeiten verschwanden. Die zweite Meisterschaft der Stings 1984 (2:1 und 3:2 gegen Toronto Blizzard) war dann gleichzeitig der Totengesang auf die NASL, die danach ihre Pforten schloss. Viele Teams, auch Chicago, flohen in die Halle und absolvierten mehrere Saisons in einer der Indoor-Ligen, die zeitweise erstaunliche Popularität genossen: In ihrem besten Jahr konnten die Stings im Schnitt 10.290 Zuschauer zu ihren Spielen begrüßen. Team-Eigentümer Stern klammerte sich an die Hoffnung, dass Indoor Soccer "der wahre amerikanische Sport" sei. Granitza, an dessen Halleneignung Trainer Roy zuvor öffentlich gezweifelt hatte, bewies auch hier seine Treffsicherheit. Mit den Stings feierte er 1982 - einige Jahre trug die NASL bereits sowohl eine Outdoor- als auch eine Indoor-Saison aus - die Hallen-Meisterschaft, im Jahr zuvor wurde er Torschützenkönig. Nach endgültiger Auflösung der NASL wechselten die Chicao Stings mit anderen Teams in die Major Indoor Soccer League. Aber es war ein letztes Aufbäumen: Auch die Halle konnte den Profifußball in den Amerika damals letztlich nicht retten.
Zu den traurigeren Kapiteln des Buches gehören jene über Granitzas Karriereende und die Zeit danach. Er verkrachte sich mit Stings-Eigentümer Stern, der ihn sogar verklagte, und setzte - eine deprimierende Parallele zu Gerd Müller - seine Ersparnisse mit einem von windigen Partnern betriebenen Restaurant in den Sand. Überspitzt gesagt verließ er Amerika so arm, wie er gekommen war - und das nach einer Karriere als einer der besten Stürmer in der Geschichte der NASL. Aber der heutige Potsdamer scheint zu akzeptieren, das auch das Teil seiner Biographie ist, und er wirkt mit sich und der Welt im Reinen. Dazu passt auch, dass er sich die Zeit genommen hat, mit Stefan Hermanns ausführlich über seine Karriere zu sprechen und so dieses wirklich großartige Dokument der Zeitgeschichte zu ermöglichen.
Wir sind erst im April, aber nach derzeitigem Stand ist "King Bomber Karl" mein Buch des Jahres 2026. Klare Kaufempfehlung!
Karl-Heinz Granitza und Stefan Hermanns: "King Bomber Karl", Edel Sports
