Dienstag, 5. Mai 2026

1977/78: Bissiger Blick auf eine düstere Zeit

"Ganz schön selbstbewusst, der Herr Bolten!", dachte ich, als ich die Verlagsankündigung las. Wer, nachdem Bernd-M. Beyer vor einigen Jahren mit dem Bestseller"71/72: Die Saison der Träumer" das "Fußballbuch des Jahres 2021" schrieb (Besprechung hier), sein eigenes Buch "77/78: Die Saison der Arbeiter" (Verlag Die Werkstatt) nennt, setzt damit ja schon einmal ein Statement. Ja, natürlich bestimmt kein Autor allein über den Titel und schon gar nicht über das Cover. Aber dass beide, Autor und Verlag, hier das eine Buch gern als eine Art Fortsetzung des anderen sehen (und dabei idealerweise an dessen Erfolg anknüpfen) wollen, darf getrost unterstellt werden. Denn sowohl die Aufmachung des Buches als auch dessen Grundkonzept, also die parallele Betrachtung von Fußball, Politik, Gesellschaft und Musik in einem eng abgesteckten Zeitraum, lehnen sich sehr eng an "71/72" an. Und das ist ja auch weder schlimm noch verboten, im Gegenteil. Mein Interesse jedenfalls war geweckt. Und nachdem Bolten mit einem Spiel der Saison 1972/73 ins Geschehen einsteigt, hat man als Leser tatsächlich das Gefühl: "Der Autor macht genau da weiter, wo Beyer aufhörte."

Soweit es mich betrifft, hatte Bolten sogar einen kleinen Startvorteil. Denn ich finde die späten 1970er Jahre deutlich interessanter als die frühen. Nun denn: Der Autor wählt mit Berti Vogts und Kevin Keegan zwei in ihrer Gegensätzlichkeit bestens geeignete Protagonisten und folgt ihren ersten Begegnungen auf internationalem Parkett, ihren Wegen in der Bundesliga (Keegan wechselte 1977 zum Hamburger SV) und im Nationaltrikot, aber immer auch mit einem Blick auf das sonstige Geschehen im Fußball einschließlich des Frauen-Fußballs und wie erwähnt in Politik, Gesellschaft und Musik. Dabei wird schnell klar: Wie die Titanic auf den Eisberg steuert dieses Buch unaufhaltsam auf die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien zu, einem der düstersten Kapitel des Fußballs in einer Zeit, die in Deutschland auch so schon - mit der Enge der 1970er Jahre und allen Nachwehen des RAF-Terrors - eine bleierne und graue war. Im wirtschaftlich heftig gebeutelten WM-Gastgeberland hatte 1976 eine rechte Militärjunta die Herrschaft übernommen. Während sich WM-Organisationschef Hermann Neuberger über den neuen "Partner mit Durchsetzungsvermögen" freute, wurden in Argentinien politische Gegner zu Tausenden in geheime Lager verschleppt, auf brutalste Weise gefoltert und ermordet. Unter ihnen auch etliche deutsche Studenten, Gewerkschafter aus Niederlassungen deutscher Firmen, Journalisten, Regimekritiker und so weiter. Und: All das war weltweit und lange vor dem ersten WM-Spiel hinlänglich bekannt. Was also tun? Als Titelverteidiger gar nicht erst ins Land der Folter fahren? Oder vielleicht gerade - in der Hoffnung, dass der Fußball etwas zum Guten ändert, und zuvor womöglich versuchen, Druck auf das Regime auszuüben und die eigenen Staatsbürger aus den Foltergefängnissen herauszubekommen? 

Bolten fängt, und in meinen Augen sind das die stärksten Teile des Buches, in wunderbarer Weise die fragile, von Unsicherheit und Angst geprägte Stimmung jener Vor-WM-Monate ein. Alles schien in der Schwebe, es gab national und international unzählige Boykottaufrufe. Das Auswärtige Amt glänzte durch unfassbare Untätigkeit und Ignoranz, als es darum gegangen wäre, das Leben der in Argentinien inhaftierten deutschen Aktivistin Elisabeth Käsemann zu retten. Der aalglatte, vor dem Junta-Chef Videla dienernde Taktiker Neuberger versuchte, weder die WM noch die deutsche Teilnahme irgendwie zu gefährden, ohne dabei allzu offenkundig werden zu lassen, dass ihm die Gräuel des Regimes und deren Opfer herzlich gleichgültig waren. Die überforderten Spieler wurden aus verschiedensten Richtungen mit Petitionen und Forderungen bedrängt, und einige von ihnen (Vogts, Kaltz, Beer) ließen sich zu Äußerungen verleiten, die ihnen heute vermutlich hochnotpeinlich sind. Wie schon an anderer Stelle angemerkt, bin ich allerdings geneigt, hier mildere Maßstäbe anzulegen. Die sozialliberale Bundesregierung unter Kanzler Schmidt, das Auswärtige Amt, der DFB unter Führung des Karrieristen Neuberger - sie alle duckten sich weg, als es an der Zeit gewesen wäre, angesichts des Terrors der argentinischen Junta Farbe zu bekennen oder die von ihr dringend benötigte WM zumindest zu nutzen, um Forderungen durchzusetzen. Aber die teils noch sehr jungen Spieler, deutlich unbedarfter und weniger reflektiert als die heutige Generation, sollten nun sorgfältig abgewogene, kluge Statements für Menschenrechte und Demokratie und wider das Folterregime in Argentinien abgeben? Das erscheint mir etwas viel verlangt, auch wenn einem verschiedene kaltherzige Äußerungen, die jegliches Mitgefühl mit den Opfern vermissen lassen, dennoch bitter aufstoßen.

Zu sagen, dass die Lektüre jener Kapitel ein Vergnügen ist, wäre falsch - schon "71/72" war alles andere als ein unbeschwertes Buch, und "77/78" ist noch eine Spur düsterer. Aber es ist eine hochspannende, aufwühlende und wütend machende Darstellung und, nachdem Deutschland an dieser WM teilnahm, eine wichtige und leider Gottes auch mit Blick auf künftige Turniere dringend nötige Auseinandersetzung mit dieser Entscheidung und dem Weg zu ihr. Bolten, der ohnehin im gesamten Buch wenig Zweifel an seinen Sympathien lässt (für den eher linken Keegan ja, für den CDU-nahen und in "77/78" nur selten positiv konnotierten Vogts nein), schreibt in einem oft bissigen Ton, mitunter neigt er zum Eifern und zur Galligkeit, etwa wenn er aus einem "kicker"-Artikel über die deutschen Spielerfrauen zitiert und das dortige Augenzwinkern unterschlägt. Das musste in meinen Augen nicht sein, sein Buch ist so schon beklemmend und überzeugend genug. Und auch seine Bitterkeit, dass vom Finale der 1978er Frauen-Meisterrunde nur knapp - versteckt zwischen Beiträgen über Prellball und Motocross - in einem dritten Programm berichtet wurde, erscheint mir doch gewaltig übertrieben. Gemessen an der damaligen Bedeutung des Frauenfußballs, der auf völliges Desinteresse stieß (zum Finale zwischen dem SC 07 Bad Neuenahr und dem FC Hellas Marpingen kamen 1.500 Zuschauer), erscheint mir selbst das schon viel. Mit der Tendenz, Entscheidungen von damals an den Maßstäben von heute zu messen, kann ich ohnehin nicht viel anfangen. Die Ausflüge ins Musikbusiness, mit denen ich mich schon bei Beyer eher schwer getan habe, erscheinen mir bei Bolten noch eine Spur bemühter und noch weiter hergeholt, aber das mag auch daran liegen, dass ich zu den genannten Sängern und Bands keinerlei Bezug habe. Und letztlich sind das Petitessen. Die Hauptleistung des Buches besteht in der höchst kritischen Auseinandersetzung mit dem beschämenden Agieren deutscher Funktionäre, Journalisten, Politiker und - mit Abstrichen - auch Spielern vor und während einer Weltmeisterschaft, die es so nie hätte geben dürfen. Ganz klare Pflichtlektüre! 

Michael Bolten: "77/78 - Die Saison der Arbeiter", Verlag Die Werkstatt