"Wie ein Glas Rotwein am Abend nach einem harten, langen Tag" sei Nils Sulings 2024 erschienenes Buch über den deutschen WM-Sieg 1990, schrieb ich damals in meiner Besprechung. Es ist ein Wohlfühlbuch über ein Wohlfühl-Turnier, ein Buch, das man auch fünf-, zehn-, fünfzehn Mal in die Hand nehmen und sich immer wieder aufs Neue freuen kann. Kein Wunder also, dass ich keine Zeit verschwendete, als ich hörte, dass er sich nun - nur konsequent - dem chronologisch nächsten deutschen Turniersieg gewidmet hat: "Wir Helden von Wembley: Die Europameister von 1996 erzählen die wahre Geschichte ihres Triumphs" (Edel Sports). Ich hatte mehrere Gründe, mich auf die Lektüre zu freuen. Zum einen ist die EM 1996 in meiner Erinnerung ungleich weniger präsent als die WM in Italien. Die Spiele, die Akteure, der Weg zu dieser EM, die ganze Grundstimmung des Turniers - für mich ist das alles merkwürdig verschwommen, gerade im Vergleich zur WM 1990, von der ich noch unendlich viele konkrete Bilder im Kopf habe. Soll heißen: Hier bestand, soweit es mich betrifft, echter Informationsbedarf. Also kein "Ah, ja, genauso war das damals!" wie beim WM-1990-Buch. Zudem war der EM-Sieg 1996 (leider) der einzige Titel von Berti Vogts, der in meinen Augen bis heute der - gemessen an seinen Fähigkeiten und Leistungen - am wenigsten gewürdigte Bundestrainer überhaupt ist. Bislang wurde dieses Turnier in Büchern kaum bis gar nicht beleuchtet, wenn man einmal von den üblichen "Ereigniswerken" absieht. Nur zu gern wollte ich etwas über Vogts' Führungsstil, über seine Methoden, ein Team über mehrere Wochen bei Laune zu halten, seinen Umgang mit Konflikten, die Stimmung im Quartier etc. erfahren.
Und - soviel sei vorweggenommen - Nils Suling liefert auch diesmal. Er bleibt bei dem bewährten Rezept aus "Wir Helden von Rom", indem er die damaligen Beteiligten befragt hat und ihre Äußerungen zu einem sehr atmosphärischen Gesamtbild des Turniers zusammenfügt. Suling geht von Spiel zu Spiel, dazwischen gibt es immer mal wieder Sonderblöcke etwa zum Quartier oder zu den damaligen Schlagzeilen. Aber auch spannende Randaspekte wie die ungewöhnliche Nachnominierung von Jens Todt vor dem Finale werden ausführlich beleuchtet. Neben den Zitaten von Sammer, Babbel, Köpke, Bierhoff und Co. finden sich immer mal wieder kurze einführende oder erläuternde Textblöcke - und das alles liest sich erneut wunderbar. Das Buch leidet auch an denselben (kleineren) Schwächen wie das 1990er WM-Buch, etwa der durch allzu inhaltsgleiche Zitate erzeugten Redundanz, aber das ist nicht wirklich schlimm. Hier und da hätte ich mir noch mehr Tiefe gewünscht - und habe mich gleichzeitig gefragt, ob das in dieser Art von Wohlfühlbuch überhaupt geht. So widmet sich Suling beispielsweise der Nichtnominierung von Lothar Matthäus, einem in meinen Augen hochspannenden Thema. Wiederholt ist die Rede davon, dass diese eine mutige Entscheidung des Bundestrainers war. Hier hätte es meines Erachtens nahegelegen, näher darauf einzugehen, warum sie tatsächlich viel Mut erforderte. Denn Berti Vogts ließ ja nicht nur einen verdienten, wichtigen und einflussreichen, zuletzt aber eben verletzten Spieler zu Hause, sondern forderte damit die Matthäus-Unterstützer Bild und Sport-Bild - die ihm ohnehin nicht wohlgesonnen waren - zusätzlich heraus. Oder: An anderer Stelle erzählt Matthias Sammer detailliert, wieso er beim Elfmeterschießen im Halbfinale gegen England nicht antreten wollte. Hier erscheint dies als verantwortungsvolle Zurückhaltung eines insoweit unsicheren Leistungsträgers. Als Lothar Matthäus im WM-Finale 1990 wegen eines zerbrochenen Schuhs Andreas Brehme den Vortritt ließ, wurde ihm dies vielfach als Feigheit und Flucht vor der Verantwortung angekreidet. Hier zeigt sich wieder mal: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Auch zur Rolle des verletzten Mario Basler und zur Frage, ob sein früher Ausfall dem Team nicht unter dem Strich gut getan und den Turniersieg erst ermöglicht hat, hätte ich gern etwas gelesen, aber da Basler auch selbst zu den von Suling Befragten gehörte, war dies vielleicht ein klein wenig zu viel verlangt.
Nach anfänglichem Stöhnen hatte ich auch schnell meinen Frieden damit gemacht, dass der notorische Boris Becker im Buch eine gewichtige Rolle spielt und nicht nur das Vorwort beisteuern durfte, sondern auch zwischendurch immer mal wieder erwähnt wird oder selbst zu Wort kommt. Das ist in Ordnung, er war seinerzeit aufgrund des parallel stattfindenden Wimbledon-Turniers ja wirklich vor Ort und mittendrin. Und wer will, kann aus den Äußerungen einiger Kicker herauslesen, dass trotz aller gegenseitigen Sympathie und Wertschätzung ("Unter Sportlern geht man unkompliziert miteinander um. ... Da sind echte Freundschaften entstanden...") nicht immer nur eitel Sonnenschein herrschte. Denn Becker schien trotz seines verletzungsbedingten Ausscheidens in Wimbledon bei der Behandlung durch Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt - der den Tennisstar ebenso wie die deutsche Nationalelf betreute - gern mal zu drängeln. So heißt es bei Thomas Helmer etwa: "Boris, der ebenfalls im Raum lag, schrie immer von hinten: 'Mull, wann bin ich endlich dran?' Und ich schrie zurück: 'Boris, Mensch! Halt die Fresse! Du bist doch ausgeschieden!'." Klar, das sind bestenfalls Nuancen am Rande, aber die interessieren mich nun einmal in besonderer Weise.
Erfreulich viel, und damit komme ich zu meiner anfänglichen Erwartung zurück, erfährt man über die Rolle und das Wirken von Bundestrainer Berti Vogts, über den übrigens auch Fredi Bobic im Buch sagt: "Man hat immer das Gefühl, dass Berti Vogts der am wenigsten gewürdigte Bundestrainer aller Zeiten ist – und das völlig zu Unrecht. Er war immer erfolgreich, auch schon im Jugendbereich beim DFB. Aber Berti war auch jemand, der die Wahrheit sagte, ohne drum herumzureden." Genauso sehe ich das auch - und allein für die mit diesem Buch verbundene überfällige Würdigung eines großen Trainers gebührt dem Autor Dank. Klare Kaufempfehlung!
Nils Suling: "Wir Helden von Wembley: Die Europameister von 1996 erzählen die wahre Geschichte ihres Triumphs", Edel Sports
