Nach der Lektüre von Mario Sonnebergers Biographie "Ralf Rangnick: Der Vordenker" (Verlag Die Werkstatt) war ich überrascht, wieviel ich über den "Professor" nicht wusste. Und ich mochte es sehr, dass hier mit dem Wiener "ballesterer"-Journalisten Sonneberger ein Autor aus Österreich und damit sehr wahrscheinlich jemand mit einem etwas ungetrübteren Blick als unsereiner auf den deutschen Fußball - in dem Rangnick ja einen beträchtlichen Teil seiner Karriere verbracht hat - schaut. Schon bei der Ernst-Middendorp-Biographie des südafrikanischen Journalisten Saul Kamionsky hatte mir diese Betrachtung von außen - was in diesem Fall gerade nicht bedeutet: ohne tiefere Sachkenntnis - sehr gefallen. An einer, wirklich nur einer einzigen Stelle, als Sonneberger über das perfekte Zusammenspiel der großen deutschen Spielgestalter und ihrer ebenso kongenialen Pendants im Angriff spricht und schreibt "...Matthäus hatte Karl-Heinz Rummenigge...Sammer hatte Jürgen Klinsmann", da dachte ich: Nee, das passt nicht so wirklich. Aber ob das nun ein falscher Zungenschlag war oder ich nur überempfindlich bin, kann hier dahinstehen. Denn in der Hauptsache geht es ja um Ralf Rangnick, den Fußballlehrer ohne vorherige Profikarriere, und seinen bemerkenswerten Aufstieg von der Bezirks- (Viktoria Backnang) über die Regional- (SSV Ulm) bis in die Bundesliga (Stuttgart, Hannover, Schalke und Hoffenheim). Und, klar, kommen dann natürlich noch die Red-Bull-Zeit und das aktuelle Kapitel als Teamchef der österreichischen Nationalelf, also jene Abschnitte, bei denen der Autor noch ungleich mehr in seinem Element ist als bei den vorherigen. Hier wie da schafft Sonneberger es wunderbar, die jeweiligen Ausgangskonstellationen und Grundstimmungen bei Rangnicks Dienstantritt einzufangen und sodann den Verlauf der Station zu skizzieren.
Großen Raum nimmt im Buch Rangnicks Idee vom Fußball ein, mit der Sonneberg nicht weniger als eine "Zeitenwende" verbindet. Nun hatte ich ja schon bei der kürzlichen Besprechung des Nagelsmann-Buches von Justin Kraft darauf hingewiesen, dass mich Taktik und Spielformationen recht wenig interessieren. Das ist aber nicht der Grund, weshalb sich beim Lesen bei mir hier ein gewisses Störgefühl einstellte. Das lag vielmehr daran, dass sich Sonneberger nach meinem Eindruck auf jenes dünne Eis begibt, auf dem schon Raphael Honigstein mit seiner "Ich mag, wenn's kracht"-Biographie Jürgen Klopps beinahe eingebrochen wäre. Das Sujet eines Buches groß zu machen, indem man dessen Kollegen klein macht, ist in meinen Augen immer ein No-go. Ich mochte es nicht sonderlich, wie despektierlich Honigstein beispielsweise über Klopp-Vorgänger Thomas Doll schrieb (so lesenswert "Ich mag, wenn's kracht" im Übrigen auch ist). Bei Sonneberger kann man mitunter den Eindruck gewinnen, dass die von ihm gepriesene württembergische Fußballschule, die von Helmut Groß begründet wurde und der er neben Rangnick auch Trainer wie Joachim Löw, Jürgen Klinsmann, Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann zurechnet, in seinen Augen nicht einfach nur ein neuer und vielleicht reizvoller anderer Ansatz ist, Fußball zu spielen, sondern im Grunde der einzig moderne und zeitgemäße. Und jeder, der das nicht ganz genau so sieht oder sah - Berti Vogts, Erich Ribbeck, Uli Hoeneß, Felix Magath - ist im Grunde ein Mann von gestern, ein Dinosaurier. Nur: Wenn man Jürgen Klopp mal außen vor lässt, haben die Vertreter jener einzig richtigen Art, Fußball zu spielen, unter dem Strich dann doch relativ wenig gewonnen. Ja, schon klar, Joachim Löw ist 2014 Weltmeister geworden. Aber lag das wirklich an seinem einzigartigen System - oder eher daran, dass er ein Team hatte, das schon seit über sechs Jahren zusammenspielte, bereits reichlich Turniererfahrung hatte und im Zenit seines Könnens stand? Auf eine allzu großartige Karriere als Klubtrainer blickte Löw wahrlich nicht zurück, als ihn Jürgen Klinsmann 2004 zum DFB holte. Auch Rangnick selbst hat bemerkenswerte Achtungserfolge erzielt, keine Frage. Aber in den Kreis der wirklich großenTrainer dieser Welt ist er nie aufgestiegen. Was ja vielleicht daran liegt, dass seine Art von Fußball eben doch nicht das Nonplusultra ist.
Aber zurück zum Buch: Gefreut habe ich mich, dass Sonneberger die beiden eher kürzeren - und nicht ganz so erfolgreichen - Stationen Rangnicks in Manchester und in Moskau nicht mit dürren Worten abhandelt, sondern sich ihnen mit Ernsthaftigkeit widmet und den Gründen für Rangnicks Scheitern nachspürt. Auch bei den vorherigen Engagements spielt die Frage, wieso Rangnicks Ansatz früher oder später an Grenzen stieß (Bedenkenträger im Klub, verkrustete Strukturen, Gegenspieler auf Funktionärsebene etc.) eine wichtige Rolle. Für mich sind diese Passagen die spannendsten.
Unter dem Strich ist "Der Vordenker" eine hochinformative und gut geschriebene Würdigung eines zweifellos bemerkenswerten - wenngleich mir persönlich immer etwas zu technokratischen - Trainers. Absolut lesenswert!
Mario Sonneberger: "Ralf Rangnick: Der Vordenker", Verlag Die Werkstatt
