Donnerstag, 19. März 2026

"Der Tormann": Denkmal für eine rumänische Legende

(KM) Steaua Bukarest - und Helmut Duckadam - haben mir einen Tag verdorben, der einer der schönsten in meinem Leben als Fußballfan werden sollte. Am Abend des 7. Mai 1986 saß ich in Erwartung eines großartigen Fußballfestes vor dem Fernseher. Endlich würde ich mein Idol Bernd Schuster mal wieder über ein volles Spiel im Trikot des FC Barcelona erleben - und, mehr noch, er würde einen großartigen Triumph feiern und am Ende den Europapokal der Landesmeister in den Himmel recken. Denn um das Finale in genau diesem Wettbewerb ging es, und die Katalanen traten gegen Steaua Bukarest an. Steaua wer? Genau. Eine unbekannte, graue Mannschaft aus dem grauen, sozialistischen  Rumänien forderte den großen FC Barcelona heraus. Barca - mit Bernd Schuster! Mit Steve Archibald! Die Sache war prakisch schon vor dem Anpfiff entschieden. Ich war in bester Stimmung. Alles war vorbereitet. Vor mir standen ein riesiges Stück Obsttorte - damals mein liebster Begleiter solcher Abende, Alkohol sollte erst einige Jahre später ins Spiel kommen - und ein angemessener Vorrat an Schokolade. Doch dann, nun ja, nahm das Unheil seinen Kauf. Der FC Barcelona spielte schlecht, sehr schlecht. Es fiel kein Tor. Bernd Schuster wurde in der 85. Minute nach einem - vorsichtig formuliert - unauffälligen Auftritt ausgewechselt. Auch die Verlängerung blieb torlos. Also ging es ins Elfmeterschießen. Und hier kam der große Auftritt des Helmut Duckadam, des Torwarts der Bukarester, der nicht einen, nicht zwei, nicht drei, sondern vier - und damit alle (!) - Elfmeter der Katalanen hielt. Hatte man so etwas schon gehört? Ich jedenfalls nicht. Das große Barca hatte verloren. Auf Wochen hinaus war ich sauer - und Steaua Bukarest mir auf Jahre verhasst. 

Inzwischen kann ich ohne Groll einräumen, dass der Sieg der Rumänen ein großartiger Erfolg eines Underdogs gegen einen übermächtigen Konkurrenten war, der im heutigen Fußball kaum noch denkbar ist. Ein Sieg, der übrigens schon damals unerwünscht war. Die Uefa tat nicht einmal so, als wäre sie unparteiisch. Barca durfte in seinem regulären rot-blauen Heimtrikot spielen, obwohl dieses Recht eigentlich Bukarest, das die gleichen Farben hatte, zugestanden hätte. Die Ehrung der Rumänen nach dem unerwarteten Sieg wurde nur widerwillig vorgenommen - und es gab noch nicht einmal genügend Medaillen für alle Spieler und auch keine Party. Und doch hatte Steaua dieses Endspiel sensationell gewonnen und niemand - wir sind ja nicht beim Afrika-Cup - würde dem Verein diesen Triumph wieder nehmen können. 
 
Zwei Männer haben dafür gesorgt, dass man sich heute auf wunderbare Weise an das Finale und vor allem die Heldentat des Helmut Duckadam erinnern kann. Da ist zum einen der in Rumänien geborene Schriftsteller Milan Radin, der mit seinem in Österreich erschienenen Buch "Der Tormann" (Leykam Verlag) dem aus dem Banat stammenden Keeper ein großartiges literarisches Denkmal gesetzt hat. Zum anderen ist da "11Freunde"-Autor Andreas Bock, der mit dem inzwischen leider verstorbenen Duckadam im Jahr 2021 ein wunderbares Interview (erschienen im Heft Nr. 242 - 1/2022) geführt hat, das die perfekte Ergänzung zum Buch darstellt. Radins deutschsprachiges Debüt ist allerdings weit mehr als eine gelungene Fußballer-Biographie in Romanform. Es ist ein einzigartiges Zeitdokument  des rumänischen Alltags in den 1970er- und 1980er-Jahren. Einblicke in den Spielbetrieb der dritten und ersten Liga und den Alltag der handelnden Akteure verbinden sich mit Beobachtungen aus dörflichen und kleinstädtischen Lebenswelten, die im Fußballkontext selten so konkret und atmosphärisch geschildert werden. Ereignisse wie das Erdbeben in Bukarest 1977 oder die spürbaren Folgen der Tschernobyl-Katastrophe 1986 werden dabei nicht historisch aufgearbeitet, sondern aus der Perspektive des Alltags erfahrbar gemacht. Gerade diese beiläufige Verknüpfung von Sport, Politik und Lebensrealität verleiht dem Text eine Authentizität, die über das rein Sportliche hinausgeht. Radin schildert den Weg Duckadams aus einem kleinen Dorf nahe der ungarischen Grenze bis ins Tor des Bukarester Armeeteams und Steauas Einzug ins Finale des Europapokals der Landesmeister 1986, in dem dann die große Stunde des Keepers schlug. In Rumänien genoss er, was außerhalb des Landes eben nur keiner so wirklich wusste, schon länger einen Ruf als Elfmeterkiller, und in gewisser Weise war - wie Andreas Bock im "11Freunde"-Interview schrieb - sein ganzes Leben auf dieses eine Spiel hinausgelaufen. 

Ironie des Schicksals: Es war eine der letzten Partien Duckadams. Allerdings nicht, wie in einigen deutschen Zeitungen spekuliert wurde, weil ihm Schläger des rumänischen Diktators Ceausescu die Arme zertrümmert hatten. Sondern weil in einer Schlüsselbeinarterie ein Blutgerinnsel entdeckt wurde, das Leistungssport unmöglich machte. Hätte man es früher gefunden, hätte es Duckadam wohl nie in Steauas erste Mannschaft und mithin auch nie ins 1986er Endspiel geschafft. Das und noch viel mehr kann man in Bocks Interview in der "11Freunde"-Reihe "Der Fußball, mein Leben und ich" nachlesen. Zum Beispiel erzählt Duckadam, wieso er während einer Testspielreise nach Kreta mal zehn Mars-Riegel pro Tag verputzte, bis ihm schlecht wurde, und ein Kollege eine Fiat-Windschutzscheibe kaufte und als Handgepäck mit nach Hause nahm, nur um zu erleben, dass sie nicht passte. Großartige Anekdoten und beides, der für das Fußballbuch des Jahres 2022 nominierte Roman und das Interview, sind eine durch und durch lohnende Lektüre.

Milan Radin: "Der Tormann",  Leykam Verlag