Samstag, 20. Juni 2026

Herrlich: 45 steile Hamann-Thesen zum Streiten

Oliver Kahn hat es verbockt - und das macht mich bis heute wütend. Er hatte die einzigartige Chance, ein besonderes Alleinstellungsmerkmal des FC Bayern für die nächsten zehn, fünfzehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre zu sichern. Und dafür musste er noch nicht einmal viel tun. Er musste nicht - in edle Businesshemden gekleidet - in irgendwelchen misslungenen Bayern-Dokus sitzen und staatstragend herumschwadronieren, so in die Richtung "Es geht darum, die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden." Er musste auch nicht sterile Hochglanzpapiere und Powerpointfolien ("FC Bayern Ahead") erstellen und überhaupt so auftreten, wie sich der kleine Moritz einen technokratischen Funktionär vorstellt. Nein, er sollte "nur" sicherstellen, dass die Führung des FC Bayern auch nach dem Abschied von Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß über unangreifbare Fußballkompetenz verfügt. Denn genau das war es, was den FC Bayern einst von nahezu allen anderen Top-Klubs unterschied. An der Spitze des Vereins standen Legenden, die selbst an Weltmeisterschaften teilgenommen, Finales bestritten und die höchsten Titel gewonnen hatten, die es im Fußball gibt. Da standen Männer, denen in Sachen Fußball keiner etwas vormachen konnte. In meinem Lieblingsfußballroman "Pallmann" sagt Manager Holldorf alias Uli Hoeneß zu einem Spieler, der ihm etwas vom Pferd erzählen will, kühl: "Ich habe ein paar mehr Spiele gemacht als du - und es waren ein paar wichtigere dabei." Genau darum geht es. Die berühmte "Wutrede von Lyon" ("Das ist eine andere Sportart, die wir spielen. Lyon hat Fußball gespielt. Wir haben nicht Fußball gespielt ... Das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball.") konnte ein Franz Beckenbauer nur deshalb halten, weil er einst der beste Fußballer war, den Deutschland je hatte. Kann sich einer vorstellen, dass Herbert Hainer den Spielern so etwas sagt, ohne hämisch ausgelacht zu werden? Hainer und auch Jan-Christian Dreesen sind ohne jede Einschränkung hervorragende Führungskräfte, bewährte Manager und Top-Verhandler. Aber wir reden hier nicht über eine Bank oder einen Sportartikelhersteller, sondern über Deutschlands erfolgreichsten Fußballklub. Und die beiden kennen das Bayern-Trikot nun einmal leider nur aus dem Fanshop - und vom Fußball verstehen sie in etwa so viel wie ich (= sehr wenig). Oliver Kahn hingegen verfügt über die nötige Kompetenz - und nur die und dazu sein Gesicht als Bayern-Ikone hätte er in den Vorstand des FC Bayern einbringen müssen. Doch das, ich wiederhole mich, hat er verbockt.
 
Wieso ich hier so endlos weit aushole, wenn es eigentlich um Didi Hamanns gerade erschienenes Buch "Der Spielverderber" (Goldmann) gehen soll? Ganz einfach: Weil ich es liebe, jemandem zuzuhören, der versteht, wovon er redet, und sich nicht scheut, auch mal eine (gut begründete!) steile These in den Raum zu stellen. Und weil Hamann unter den TV-Experten einer der sachkundigsten ist: Meister, Pokalsieger und Uefa-Pokal-Sieger mit dem FC Bayern, Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool, Vizeweltmeister mit der Nationalelf - es gibt nicht viele im deutschen Fußball, die eine derartige Vita vorweisen können. Zum Ärger nicht zuletzt des FC Bayern verbindet er seine unbestrittene Fachkompetenz mit ausgesprochener Meinungsfreudigkeit. Mir gefällt das. In "Der Spielverderber" präsentiert Hamann nun - geneinsam mit dem "Zeit"-Journalisten Oliver Fritsch - "45 ungeschminkte Wahrheiten". Und er steigt gleich mit sichtlicher Freude ein: These 1: "Exzellenz auf dem Platz erkennst du nur, wenn du selbst Exzellenz auf dem Platz erreicht oder gesehen hast." Hier widmet er sich der Frage, ob nur große Spieler (oder deren Mitspieler) auch große Trainer werden können. Und weiter geht es mit den steilen Thesen: Wieso der Champions-League-Sieg der Bayern in der Corona-Saison 2020 eigentlich nicht zählt. Wieso Robert Lewandowski für den FC Bayern kein einziges wichtiges Tor erzielt hat. Wieso Harry Kane keineswegs ein so herausragender Stürmer ist, wie alle glauben. Wieso Pep Guardiola dem Fußball geschadet hat. Und so weiter und so fort. Wohlgemerkt: Hamann behauptet nicht einfach nur. Er setzt sich mit seinen Thesen auseinander, lässt Raum für Widerspruch, für Ausnahmen, für Zweifel. Und es geht auch gar nicht darum, ob ich all seine Sichtweisen teile. Das Buch ist vor allem eine Einladung, sich mit Überlegungen zu beschäftigen, die vielfach nicht der herrschenden Meinung entsprechen, aber von einem kommen, der sein Metier versteht und Diskussionen provozieren möchte. Eine herrliche Sommerlektüre, für die es von mir eine klare Kaufempfehlung gibt!
 
Didi Hamann mit Oliver Fritsch: "Der Spielverderber:  45 ungeschminkte Wahrheiten von Deutschlands ehrlichstem Fußballexperten", Goldmann Verlag