Im April 2000 erschien die erste Ausgabe des Monatsmagazins "11Freunde". Inzwischen ist Mitgründer Philipp Köster, bis heute Chefredakteur des Blattes, zu einer der gewichtigsten Stimmen im deutschen Fußball-Journalismus geworden. Das hat zum einen natürlich mit der Auflage des Magazins zu tun, die von anfangs 2.000 auf aktuell über 53.000 Exemplare gestiegen ist und den "11Freunden" einen festen Platz in der hiesigen Sportmedienlandschaft verschafft hat. Zudem zeichnet Köster als Autor das aus, was Dieter Bohlen einst auch bei einer jungen Frau namens Caroline Müller sah, die ihm in irgendeiner Provinzdisco vorgestellt wurde und aus der er eine gewisse C. C. Catch machen sollte: Unverwechselbarkeit. Einen Philipp-Köster-Text erkennt man unter hundert anderen sofort. Und Unverwechselbarkeit, so Bohlen in seiner Autobiographie "Nichts als die Wahrheit", sei in seiner Branche fast noch wichtiger als eine schöne Stimme. Nun, im schreibenden Gewerbe, auch im Fußballjournalismus, ist es damit allerdings nicht ganz getan. Unverwechselbarkeit allein kann auch ganz schnell anstrengend werden, wie jeder weiß, der regelmäßig Texte von Guido Schäfer liest. Aber im Fall Köster kommt eben noch eines hinzu: Auch wenn es ihm in den vergangenen 26 Jahren immer wieder aufs Neue gelungen ist, hervorragende Schreiber in die "11Freunde"-Redaktion zu holen, blieb der Chef in dieser Disziplin stets der Beste - und er verfügt obendrein über klare Standpunkte etwa zur zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs und zur Verdrängung der "echten" Fans aus den Stadien, denen er nur zu gern Ausdruck verleiht. Ich lese Köster-Texte schon deshalb mit großem Vergnügen, weil ich seine Meinung oft genug nicht teile. Die Aussicht, gleich einmal ein ganzes Buch aus seiner Feder zu bekommen, war überaus verlockend. "Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können", heißt das vor einigen Wochen bei Ullstein erschiene Werk, und damit erst gar keine Missverständnisse entstehen, hebt einen der Verlag im Klappentext gleich aufs richtige Gleis: Eine "wortgewaltige, aufrüttelnde Streitschrift" habe der Autor hier vorgelegt, heißt es da. Na schön, dann mal her damit! Mit Streitschriften habe ich schließlich Erfahrung. Und mein nach der Lektüre von Kathrin Längerts Mehr-Kohle-für-den-Frauenfußball-Plädoyer "Wir verdienen mehr!" - unsere Besprechung siehe hier - gefährlich entgleister Blutdruck war schließlich wieder auf Normalwerte zurückgekehrt. Indes: Für ihn bestand diesmal keine Gefahr. "Holt euch das Spiel zurück!" ist nicht wirklich eine Streitschrift oder ein Manifest, eher ein anekdotenreicher, sensibilisierender Streifzug durch fünfzig Jahre Fußball-Kultur und -Kommerz.
Köster ist, das muss betont werden, bei aller Kritik an bestehenden Zuständen kein Verklärer, keiner, in dessen Augen früher alles besser war. Im Gegenteil, er sieht und benennt sämtliche Dinge, die dem gewöhnlichen Fan den Stadionbesuch etwa in den 1970er und 1980er Jahren im Vergleich zu heute sauer machten: Der Zeitlupenfußball und die ungeahndeten Hinter-dem-Rücken-des-Schiris-Brutalitäten auf dem Rasen, der allgegenwärtige Rassismus, Sexismus und Hooliganismus auf den Rängen, die Gewalt- und Alkoholexzesse, die unüberdachten, ungeheizten, baufälligen, oft genug halbleeren Stadien. Auch wenn hier und da Wehmut durchschimmert, will Köster nichts von dem zurück. Allerdings gefällt ihm der Status quo auch nicht: "Mit den modernisierten Stadien, den TV-Kameras, den neuen Wettbewerben, den flackernden Werbebanden und kreischbunten Ausweichtrikots, den Einlaufeskorten und Sonntagsspielen ist dem Fußball langsam und stetig seine Kultur, seine Seele, seine Faszination abhandengekommen. [...]".
Kapitel für Kapitel nimmt sich Köster nun all die Themen vor, die sich im weitesten Sinne in die Rubrik "Der Fußball als Gemeinschaftserlebnis ist in Gefahr" einordnen lassen - von den Medien, die Milliarden in ein Produkt stecken und einen Teufel tun werden, es schlecht zu reden, über Politiker, die das Spiel immer dreister für ihre Zwecke vereinnahmen, den unsäglichen VAR, neue Kunstprodukte wie die Klub-WM oder die europäische Super-League und die gezielte Heranzüchtung steriler, teflonbeschichteter Massen-Idole bis hin zum "gruseligen Deadline Day", dem laut Köster "sommerlichen Schmierentheater". Das alles lässt sich wie immer bei ihm hervorragend lesen, auch wenn ich persönlich beispielsweise das Transfergeschäft inklusive Deadline Day über alles liebe - und Köster dann mitunter doch zu ungewöhnlich romantisierenden Einschätzungen kommt. So heißt es etwa zum "Bosman"-Urteil: "Es war die Geburtsstunde des Fußballs, wie wir ihn heute kennen. Dass Spieler fortan nach dem Vertragsende ablösefrei wechseln konnten, veränderte auch grundlegend die Beziehung zwischen den Spielern und uns Zuschauern. [...] Dass Kicker nun [...] oft nur noch wenige Jahre beim selben Klub blieben, [...] und Wechsel sogar weit vor Vertragsende üblich wurden, war neu. Bei den Anhängern ließ es das schale Gefühl zurück, ganz allein für die Identifikation mit dem Klub zuständig zu sein." Ernsthaft? Soll das wirklich heißen, dass dieses bahnbrechende Urteil, das es den Vereinen endlich untersagte, einen Spieler nach Ende des Vertrages (!) durch irrwitzige Ablöseforderungen an der Wahl seines Arbeitsplatzes zu hindern, zu bedauern ist? Und wie echt war denn eine "Vereinsidentifikation", die dadurch erzwungen wurde, dass der Verein den Spieler rechtswidrig und willkürlich an sich kettete? Und beweisen nicht Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger oder Manuel Neuer, dass es auch seit der "Bosman"-Entscheidung sehr wohl möglich ist, den größten Teil seiner Karriere bei nur einem Klub zu verbringen?
Auch an einer anderen Stelle bin ich im Buch hängengeblieben. Köster schreibt über die Fanzine-Szene in den 1990er Jahren - er selbst startete seine Karriere als Autor einst bei einem Bielefelder Fanzine mit dem knackigen Titel "Um halb vier war die Welt noch in Ordnung" -, die er als eine Art Gegenbewegung der Fans zur aufkommenden Kommerzialisierung ausmacht. Dabei hält er fest: "Sosehr sich die Fanzines also in ihrer Machart und Redaktionsstärke unterschieden, manches wurde schnell Konsens." Etwa "eine klare Position zum massiven Rassismus in vielen Fankurven". Hm, war das wirklich so? Meine Erinnerung ist da eine ganz andere. Aber wofür hat man ein Archiv? Also mal schnell runter in den Keller und wahllos in die Kiste mit den alten Fanzines gegriffen. Was haben wir denn da? "Rülps" Nr. 19, ein Heft aus der Fanszene des TSV 1860 München. Der Herausgeber war ein gewisser "Doc Zyklon" (jegliche Assoziationen sind sicher unbeabsichtigt), der sich in einem zweiseitigen Artikel bitter beschwert, dass "immer mehr Asylanten unser Land überfluten". Okay, das war wohl nichts. Nächster Versuch: "Siegerland-Kurier" Nr. 4, ein Heft eines Bayern-Fans aus NRW, das nicht nur mit der Anrede "Tag, Kameraden!" aufwartet, sondern auf S. 16 auch mit einem Foto, auf dem drei Stadionbesucher mit dümmlichem Stolz den Hitlergruß darbieten. Unrat dieser Art war damals zwar nicht die Regel, aber auch keine Seltenheit in den Fanzines. Das wiederum wurde in auf der anderen Seite des politischen Spektrums angesiedelten Heften auch sehr wohl thematisiert und kritisiert. Aber dass die Fanzines eine Art frühe Variante der "Reclaim the Game"-Bewegung gewesen sein sollen, würde ich doch hinterfragen wollen. Denn mit Köster und seinem jahrzehntelangen Eintreten für Belange der Fans haben viele der damaligen Machwerke rein gar nichts zu tun.
Aber zurück zum Buch. Ganz konkrete, greifbare Vorschläge, was sich ändern muss, formuliert Köster unter dem Strich nicht, vielleicht auch, weil vieles von dem, was er bitter beklagt, der Preis der positiven Veränderungen war und das eine nicht ohne das andere zu haben war bzw. ist. Ja, mich nervt auch vieles am Fußball von heute, vom VAR bis zum unterträglichen Gianni Infantino. Mir wäre es als Anhänger des FC Bayern tausendmal lieber, es stünde nicht schon jedes Jahr bereits im Februar fest, dass der Klub im Mai mal wieder Deutscher Meister wird. Das macht nämlich keinerlei Spaß. Aber bisher habe ich auch noch keinen umsetzbaren Vorschlag gehört, wie man zu mehr Chancengleichheit in der Bundesliga kommt, ohne ein geschlossenes System schaffen zu müssen und ohne die Aussichten der deutschen Top-Klubs in europäischen Wettbewerben zu schmälern. Entsprechend vage fallen im Buch auch Kösters Verweise auf notwendige Regulierungen auf europäischer Ebene aus. Aber allein dafür, dass der "11Freunde"-Chef seit 26 Jahren in seinem Magazin und nun auch in "Holt euch das Spiel zurück!" immer und immer wieder die Fahne der Fans hochhält und unermüdlich daran erinnert, dass sie eben keine "Kunden" sind, sondern Teil des Spiels und der Fußball ohne sie nicht der Sport wäre, den wir lieben, allein dafür gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame des deutschen Fußballs. Und ein großes Lesevergnügen ist sein Buch obendrein. Also, ziert Euch nicht, auf zum nächsten Buchladen!
Philipp Köster: "Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können", Ullstein Buchverlage
