Freitag, 17. Juli 2026

Lena Cassel: Spiegelblicke einer "Problembärin"

Ich schaue nur selten Fernsehen, liebe aber Bücher rund um den Fußball. Insofern war es nicht verwunderlich, dass mir die Biographie "Aufstiegskampf: Vom Seitenrand in die Primetime" der TV-Sportjournalistin Lena Cassel (Klett-Cotta) ins Auge fiel, ich ihren Namen zuvor aber noch nie gehört hatte. Der Klappentext des Verlages machte Appetit auf mehr: "Arbeiterkind mit Bodenhaftung, queer, meinungsstark und humorvoll – Lena Cassel steht für eine neue Generation Sportjournalistinnen. Die Geschichte ihres Aufstiegs in der Männerwelt des Fußballs erzählt auch von der Wandlung eines Landes und seines liebsten Sports." Also griff ich zu, nur um das Buch einige Tage später maßlos enttäuscht zur Seite zu legen. Denn um die Frage, wie man es in der Branche "Fußball-TV", die ja in der Tat nach wie vor von Männern geprägt ist, als Frau und Neueinsteigerin von ganz unten bis weit nach oben und in die vermeintliche "Primetime" schafft, geht es in dem Buch bestenfalls am Rande - und um so etwas wie Insidereinblicke in eine faszinierende Tätigkeit gar nicht. Was genau Lena Cassel beim Fernsehen macht, weiß ich nach wie vor nicht. Schlimmer noch: An keiner einzigen Stelle des Buches vermittelt sie mir überzeugend, dass und wieso sie ihren Job liebt. Ja, hier und da behauptet sie es. Aber insoweit halte ich es mit der Maxime "Show, don't tell!"

"Aufstiegskampf" ist die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die praktisch nichts von dem, was sie bislang gemacht hat, gern getan hat - nicht die Schule, nicht das Studium, nicht ihre Studentenjobs bei Rewe und der Post, nicht irgendwelche Marketing-Gigs und selbst, als es dann zum Fußball ging, etwa einen Social-Media-Job bei Hertha BSC, spüre ich im Buch kaum Leidenschaft und Begeisterung. Und was mich noch mehr stört: "Aufstiegskampf" ist auch die Geschichte einer Frau, die sich permanent und überall benachteiligt und übervorteilt wähnt, die unablässig jammert und klagt, die sich immerzu als "zu bunt" in einer ansonsten grauen Welt empfindet, obwohl die einzige, die das ständig von sich behauptet, nach meinem Eindruck sie selbst ist. Kurz gesagt: Das Buch ist letztlich der Spiegelblick eines Problembärs - beziehungsweise in diesem Fall einer Problembärin, die sich immerzu fragt, wie sie wohl auf andere wirkt. An keiner einzigen Stelle des Buches geht es darum, was sie selbst getan hat, um in ihrem Job besonders gut oder gar besser als andere zu sein, um herauszuragen aus der Masse der Kandidaten und sich für die Branche an sich und später dann für höhere Aufgaben zu qualifizieren. Vom titelgebenden "Aufstiegskampf" ist mithin kaum einmal die Rede. Der Vergleich mag hinken, aber dennoch: Lothar Matthäus beschrieb in seiner Biographie "Ganz oder gar nicht", wie er sich auf seine Trainertätigkeit in Salzburg - mit Sicherheit nicht sein Traumjob schlechthin - vorbereitete: "Ich setzte mich haarklein mit dem österreichischen Fußball auseinander, bald kannte ich Red Bull in- und auswendig." Bevor Lena Cassel ihren Job bei Hertha BSC antrat, beschäftigte sie sich vor allem mit der Frage, ob ihre Socken nicht zu bunt sind und ob ihr beim Dienstantritt wohl ein Kaffee gereicht wird. Sie betont, wie wichtig es ihr sei, "über die Schablone hinaus" zu malen. Schön und gut - aber wäre es nicht sinnvoll, im ersten Schritt erstmal das Ausmalen selbst halbwegs hinzubekommen? Das Rezept einmal von Anfang bis Ende mit Erfolg durchkochen, ehe ich über Abwandlungen nachdenke?

Zutiefst traurig und verstörend sind viele der privaten Passagen des Buches, insbesondere die Schilderungen ihrer Beziehung als Kind zu ihrem alkoholkranken, von ihr getrennt lebenden Vater. Cassel beschreibt seinen Atem, der immerzu nach scharfer Mundspülung in Verbindung mit wechselnden Alkoholika roch, die gemeinsamen Auszeiten, wenn er sie pompös zum Austernessen einlud - und sie sich vor dem Moment fürchtete, wenn die Rechnung kam, weil immer unklar war, ob er sie bezahlen konnte. Wie sie gemeinsam zum Angeln gingen und sie heimlich seine Schnapsflasche auskippte - woraufhin er unter einem Vorwand verschwand, um Nachschub zu besorgen. Das sind die mit Abstand intensivsten Teile des Buches, aber die sind jedenfalls mir viel zu intim und gehören in die Kategorie "Wissen, das ich gern zurückgeben würde". 

Vielleicht ist es ein Nachteil, dass ich Lena Cassel noch nie als TV-Journalistin erlebt habe, vielleicht habe ich auch einfach ein anderes Buch erwartet, nämlich eine geballte Ladung "So habe ich es geschafft und so arbeite ich heute"-Insidereinblicke einer Fußballjournalistin, also mehr über den Alltag in der Branche selbst, und vielleicht tue ich Lena Cassel deshalb unrecht. Interessanterweise ging mir das bei einem ganz anderen Buch aus einem ganz anderen Bereich (das hier im Magazin logischerweise nicht besprochen wurde) schon mal ähnlich - nämlich bei der Biographie der Schauspielerin Muriel Baumeister, die recht viel über ihren Kampf gegen den Alkohol und leider recht wenig über ihre Karriere im Filmgeschäft schrieb. Sichtweisen können sich aber auch ändern: Zu einem Bestseller von Bernd M. Beyer, der mich im ersten Anlauf ebenfalls nicht gepackt hatte, im zweiten aber sehr wohl, hielt ich mal fest: Jedes Buch hat seine Zeit. Vielleicht nehme ich mir "Aufstiegskampf" in drei Jahren nochmal vor und urteile ganz anders. Aber hier und heute geht der Daumen leider nach unten. Allerdings ist an dieser Stelle zu betonen: Auch in einem Buch, das mich nicht überzeugt, steckt eine unglaubliche Menge Arbeit und Herzblut. Hier hat sich jemand - nach seinem im Zweifel fordernden und stressigen Job - abends hingesetzt und überaus persönliche, schmerzhafte Erinnerungen zu Papier gebracht, einen Verlag gesucht, ein Lektorat durchlaufen und tausend Details abgestimmt und das Ganze wirklich bis zum Ende durchgezogen. Das verdient Anerkennung, auch wenn mir - siehe oben - ein anderes Ergebnis lieber gewesen wäre. 

Lena Cassel: "Aufstiegskampf: Vom Seitenrand in die Primetime", Klett-Cotta Verlag