(KM) Ja, in unserem Magazin geht es in erster Linie um Bücher und Fußball- beziehungsweise Sportmagazine, und manchmal, eher selten, um Onlineportale wie transfermarkt.de. Wenn wir uns heute höchst ausnahmsweise mal mit einer TV-Fußball-Dokumentation beschäftigen, hat das einen Grund. Das gilt umso sehr, als derartige Dokus derzeit schier inflationär produziert werden. Über gefühlt jeden Verein, jeden halbwegs bekannten Spieler, jedes Großereignis gibt es schon etwas - und das meiste davon, sorry, ist einfach nur belangloser Mist. Nach dem immer gleichen Schema sitzen (ehemalige) Trainer und Spieler mit tiefsinnigen Mienen vor der Kamera und versuchen, staatstragende Sätze von sich zu geben, dann folgen Spielausschnitte und irgendwelche Füllszenen mit sonorem Hintergrundgeraune und dramatischer Musik. Und wenn die Vereine selbst an der Produktion beteiligt sind, ist das Ergebnis in aller Regel so glattpoliert und steril wie Pressemitteilungen des DFB.
Aber: Es gibt Ausnahmen - und interessanterweise sind es nicht selten die öffentlich-rechtlichen Sender, die hier glänzen. "Die Nacht von Sevilla" etwa, eine ZDF-Doku über das legendäre Halbfinale Deutschland - Frankreich (5:4 n.E.), ist einfach nur großartige Unterhaltung mit jeder Menge Gänsehaut-Potential. Und pünktlich zum Start der WM 2026 hat sich die ARD in einer vierteiligen Reihe "WM 1994 - Elf Helden, ein Alptraum" mit dem ersten in den USA ausgetragenen Turnier beziehungsweise der Rolle der deutschen Elf beschäftigt. In meinen Augen ist diese Doku eine kleine Sensation - und ich empfehle wirklich dringend, da mal reinzuschauen. Anders als bei der WM 1990 habe ich an das Turnier vier Jahre später praktisch keine Erinnerungen. Umso spannender und aufschlussreicher ist dieses hochinformative Stück Fußballgeschichte.

Dazu trägt schon die Wahl der Gesprächspartner bei. Zwar finden sich auch einige der üblichen Verdächtigen darunter, wie beispielsweise der unsägliche
Mario Basler, der zum Zeitpunkt der Reise in die USA drei magere Länderspiele und einen DFB-Pokalsieg vorzuweisen hatte, aber mit einer aufgesetzten Abgeklärtheit auftritt, als wären es schon 120 Länderspiele und mindestens ein WM-Titel gewesen. Das sollte man aber ab- und durchhalten. Denn daneben äußern sich beispielsweise
Berti Vogts, der nun wirklich nicht auf jedes Angebot eingeht, ein sehr würdevoll gealterter
Maurizio Gaudino,
Thomas Strunz,
Bianca Illgner,
Matthias Sammer und insbesondere auch etliche Vertreter der Medien, die die WM seinerzeit begleitet hatten. Das ist ungeheuer wichtig, denn es geht in den vier Teilen der Serie eben nicht nur um die Rolle der DFB-Elf bei diesem Turnier an sich, um Intrigen, Skandale, Mittelfinger und stänkernde Ehefrauen, sondern insbesondere auch um den Umgang der Medien mit dem neuen Bundestrainer Berti Vogts. Und das führt uns unweigerlich zu
Franz Beckenbauer.
Der hatte mit dem DFB-Team 1990 den WM-Titel geholt, war anschließend zurückgetreten und begleitete die WM 1994 nun als TV-Kommentator und Kolumnist der ihm zeitlebens eng verbundenen "Bild"-Zeitung. Sämtliche Zeitzeugen haben bekanntermaßen wieder und wieder betont, was für ein bodenständiger, angenehmer und bescheidener Zeitgenosse Beckenbauer ungeachtet seines überragenden Erfolgs und seiner weltweiten Popularität stets gewesen und geblieben sei. Auch wir haben anlässlich seines Todes
noch einmal daran erinnert. Aber die Doku enthüllt nun eine andere, häßliche, schäbige Seite von "Kaiser Franz". Ja, mir war natürlich in Erinnerung, dass Beckenbauer nach dem WM-Sieg 1990 - vielleicht nicht mehr ganz nüchtern - seine dümmliche Prognose über die auf absehbare Zeit unschlagbare deutsche Mannschaft in die Welt posaunt hatte: "Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein." Das konnte man noch als Fauxpas im Überschwang des Erfolgs abtun, wenngleich es auch ein Bärendienst für den neuen Trainer war. Aber die ARD-Doku erinnert nun daran, wie stichelnd und spöttelnd und teilweise unverhohlen gehässig Beckenbauer 1994 öffentlich über seinen einstigen Teamkollegen, langjährigen Co-Trainer und nunmehrigen Nachfolger Vogts sprach.
Und nicht nur er: Gefühlt die gesamte Medienbranche überbot sich damals darin, möglichst herablassend und despektierlich über den neuen Bundestrainer, der so gar nicht kaiserlich daherkam, zu berichten. Dass der Mann, der die
Vorzugsbehandlung der "Bild"-Zeitung kurzerhand beendet hatte, bei eben jener extrem schlecht wegkam und sich einer Hetz-Kampagne ausgesetzt sah, darf nicht überraschen. Aber all die anderen, die Vogts für diesen extrem mutigen Schritt, der ihnen ja unmittelbar zugute kam, eigentlich hätten feiern müssen, beteiligten sich eifrig am wohlfeilen Bundestrainer-Bashing. Selbst fußballferne Journalistenimitatoren wie
Heiner Bremer sprachen immer wieder höhnisch vom "Bundes-Berti aus Korschenbroich". Dass in einem derartigen Umfeld ein Stefan Raab nicht fehlen durfte, der sein Geld schon immer - Stichwort
Lisa Loch - vorzugsweise auf Kosten anderer verdient hat, versteht sich von selbst. Sein Lied
"Böörti Vogts" war damals ein Hit. Die Ausschnitte in der Doku, in denen er Vogts am Rande der WM mit einem riesigen Mikrofon und infantilen Sprüchen verfolgt und auf die Pelle rückt, sind schmerzhaft - und insgeheim wünscht man sich, dass Vogts damals einen Bodyguard an seiner Seite gehabt hätte, der Raab das feiste Grinsen aus dem Gesicht wischt.
Die Macher der Doku haben mit einigen der damaligen Protagonisten der Branche gesprochen: Da ist beispielsweise der gänzlich skrupellose
Alfred Draxler, der 1994 einen "Bild"-Aufmacher mit einem vorformulierten Rücktrittsbrief von Vogts verantwortete und dessen im Interview nun geäußertes Bedauern jedenfalls mir so echt vorkommt wie ein Sieben-Euro-Schein. Spätestens seit dem
"Ich kann alles noch ändern"-Desaster dürfte Draxler meines Erachtens keinerlei Recht mehr haben, sich überhaupt als Journalist zu bezeichnen. Dass ihm ein Mann mit Rückgrat wie Vogts zutiefst suspekt war und ist, verwundert nicht. Dann haben wir da
Marcel Reif, der - ebenfalls wenig überraschend - damals auch zu denen gehörte, die auf Vogts herumtrampelten, wenngleich in etwas intellektuellerem Gewand als "Bild". Seine Reue wirkt nicht ganz so aufgesetzt wie die von Draxler, aber ich bezweifle, dass er begreift, wie unfassbar herablassend er seinerzeit berichtet hat und wie bereitwillig er dabei die mediale und psychische Zerstörung eines Menschen in Kauf genommen hat.
Die Serie bietet aber noch viel mehr. Das schwierige und hochkomplexe Verhältnis von Vogts und
Bodo Illgner, die Integration der ostdeutschen Spieler, das Lavieren von
Lothar Matthäus zwischen Vogts und Beckenbauer, zwischen "Bild" und Mannschaft, die Umstände der Turniervorbereitung in Malente - wer sich für das ganze zwischenmenschliche Drumherum vor und während der WM 1994 interessiert, wird hier bestens bedient. Ich kann nur sagen: Schaut Euch die vier Teile unbedingt an - es lohnt sich!
WM 1994 – Elf Helden, ein Albtraum, 4 Folgen, ARD-Mediathek