Dienstag, 18. August 2026

Timo Heinze und Co.: Hermann Gerlands vergessene Opfer?

Zu meinen liebsten Beschäftigungen gehört bekanntermaßen das Blättern in alten "kicker"-Ausgaben der 1980er, 1990er Jahre. Eine mitunter zu Melancholie führende Lektüre sind hierbei Spielberichte der U16- oder U18-Nationalteams. Denn im Vergleich zu den damaligen Autoren und Lesern kann ich heute, über 30 Jahre später, ja ziemlich genau sagen, was aus den Hoffnungen und Träumen der seinerzeitigen Nachwuchskicker geworden ist. 
 
Im Mai 1992 beispielsweise errang die deutsche U16 unter Trainer Bernd Stöber den Europameistertitel (2:1 gegen Spanien). Kann man sich für einen der 15- oder gar 14jährigen, die damals auf dem Platz standen, einen Moment größeren Glücks vorstellen? Sie gehörten nicht nur zu den besten Spielern Deutschlands, sondern ganz Europas! Sie bildeten eine kleine, feine Elite, die es durch alle Kreis-, Bezirks-, Regional- und Landesauswahlteams bis ganz nach oben in die Nationalelf geschafft und dann auch noch den EM-Titel geholt hatte. Wer oder was konnte sie jetzt noch an einer glanzvollen Karriere in der Bundesliga hindern? Auf sie warteten der FC Bayern, der 1. FC Köln oder der VfB Stuttgart, warteten Triumphe, Tore, Titel, fürstliche Gehälter. Wer, wenn nicht sie sollte es aus ihrer Altersklasse in den Profifußball schaffen? 
 
Schauen wir es uns mal an. Die Aufstellung damals (inklusive der eingewechselten Akteure): Conny Wieland (BSV Brandenburg), Sebastian Hahn (FC Energie Cottbus), Marcell Fensch (1. FC Köln), Martin Dawitschek (Eintracht Frankfurt), Michael Bochtler (VfB Stuttgart), Lutz Lehmann (FC Hansa Rostock), Carsten Hinz (Borussia Dortmund), Robert Ratkowski (Borussia Dortmund), Lars Ricken (Borussia Dortmund), Kai Michalke (VfL Bochum), Til Bettenstaedt (FC Schalke 04), Mathias Gehring (VfB Stuttgart) und Marcus Wedau (KFC Uerdingen 05). Preisfrage: Wieviele dieser Spieler absolvierten später kein einziges Spiel in der Bundesliga? Die deprimierende Antwort: Neun! Drei von ihnen liefen noch nicht einmal in der Zweite Liga auf - und selbst unter denen, die formal Profispiele bestritten, sind einige Eintagsfliegen mit nur einer Handvoll Partien. Was zeigt: Die Luft ganz oben ist verdammt dünn.
 
Insofern - und das führt uns zum heutige Buch "Nachspielzeit: Eine unvollendete Fußballkarriere" (Rowohlt Verlag) - ist Timo Heinze auf den ersten Blick eher ein Normal- als ein Ausnahmefall. Der hochtalentierte Mittelfeldspieler galt als enorm ehrgeizig, diszipliniert und fokussiert. Er durchlief sämtliche Nachwuchsteams des FC Bayern München, spielte für Deutschlands U16, U17 und U19 und führte die Amateure des FCB gar als Kapitän aufs Feld. Zu seiner Peergroup gehörten Kicker wie Thomas Müller, Mats Hummels und Michael Rensing. Doch anders als sie sollte Heinze nie den Sprung in den Profibereich schaffen. So weit, so bitter, so unspektakulär, möchte man meinen. Aber eines macht seinen Fall dann doch besonders: Sein Scheitern ist untrennbar mit einem gewisen Hermann Gerland verbunden.
 
Der langjährige Coach der Bayern-Amateure und geschätzte Co-Trainer unter anderem von Jupp Heynckes, Louis van Gaal und Pep Guardiola genießt in München bis heute Kultstatus. Er gilt als zwar rauhbeiniger und knorriger, im Grunde aber herzensguter, ehrlicher und grundanständiger Mensch und als Entdecker von Stars wie  Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und Holger Badstuber. Inzwischen gibt es mehrere Dokumentationen über Gerland und eine Autobiographie, die uns seinerzeit allerdings nicht restlos begeistert hatte (Besprechung siehe hier). In "Nachspielzeit" lernen wir nun eine etwas andere Seite Gerlands kennen. Zwar spricht Heinze zumeist nur vom "Trainer", aber es ist aufgrund der Zeitabläufe ohne Mühe nachvollziehbar und wurde später auch von Heinze bestätigt, dass es um keinen anderen als Gerland geht. Nach einer langwierigen Leistenverletzung ausgerechnet in der sensiblen Phase des Übergangs zum Erwachsenen hatte sich Heinze endlich wieder in die Startelf zurückgekämpft und war beim FCB II sogar zum Kapitän bestimmt worden. Doch dann, von einem Tag auf den anderen, saß er auf der Bank, musste die Binde abgeben und spielte in Gerlands Planungen fortan keine Rolle mehr. Ohne nachvollziehbare Erklärungen, ohne für ihn erkennbaren Grund. Von diesem Rückschlag sollte er sich nie mehr erholen. Soweit ersichtlich, hat sich Gerland später - auch auf Nachfrage etwa von "Spiegel-online" - nie zu seinen damaligen Entscheidungen geäußert.
 
Wohlgemerkt - es geht nicht um die Frage, ob Timo Heinze gut genug für den Profifußball war oder nicht, ob ihm unter dem Strich die körperliche oder mentale Stärke fehlte, ob er durch seine Verletzung einen Knacks davongetragen hatte, der ihn nie zu dem Spieler werden ließ, der er hätte werden können oder ob er aus irgendeinem anderen Grund letztlich doch zu den 99 Prozent der Spieler gehörte, die es nicht bis ganz nach oben schaffen. Das können andere besser beurteilen und ein Hermann Gerland mit Sicherheit. Und, mehr noch, nach Gerland kamen ja noch andere Trainer. Heinze spielte etwa unter Mehmet Scholl und später, bei der SpVgg. Unterhaching, unter Klaus Augenthaler, die beide offenbar mit ihm ebenfalls nicht viel anfangen konnten. Insofern spricht einiges dafür, dass es bei Timo Heinze letztlich nicht gereicht hat.
 
Aber das verbietet nicht die Frage, wie ein Nachwuchstrainer mit einem 18- oder 19jährigen umgehen sollte, ob und wie er Defizite und fehlende Perspektiven kommuniziert, ob er ihm trotz allem das Gefühl gibt, Teil des Teams zu sein, ob er für einen wertschätzenden Abschied sorgt und so weiter. Und was das angeht, kommen Gerland und der FC Bayern in "Nachspielzeit" nicht allzu gut weg. Heinze schreibt dabei ohne jeden Groll, ohne Wut, ohne Rachegelüste. Sachlich skizziert er, wie seine Karriere an sich mustergültig verlief, wie er mit der Leistenverletzung einen ersten schlimmen Rückschlag hinnehmen musste, diesen überwand, sich zurückkämpfte - und plötzlich draußen war. Es muss bitter sein, mit einem wie Thomas Müller in einer Mannschaft gespielt und phasenweise sogar als das größere Talent gegolten zu haben, um dann von draußen zuschauen zu müssen, wie genau dieser Müller von Erfolg zu Erfolg eilt, während die eigene Karriere eine Bruchlandung erlebte. Bitter, in der Tat. Aber noch nicht einmal genau zu wissen, warum das alles so gekommen ist, dürfte einen nachts in dunklen Stunden zerreißen.
 
Timo Heinze: "Nachspielzeit: Eine unvollende Karriere", Rowohlt Verlag