An Michael Horenis Buch "Glaube, Liebe, Klopp: Jürgen Klopp und die Neuerfindung des Fußballs" (C. Bertelsmann Verlag) lässt sich wunderbar aufzeigen, was den Fußballbücher-Markt für mich so faszinierend macht. Vor inzwischen fast zehn Jahren (!) veröffentlichte Raphael Honigstein den Bestseller "'Ich mag, wenns kracht.': Jürgen Klopp - Die Biographie". Obwohl ich Jürgen Klopp gar nicht sonderlich mag und mich die Vereine, die er trainiert hat, nicht sonderlich interessieren, habe ich das Buch bestimmt fünf-, sechsmal gelesen, einfach weil es ein ungeheuer atmosphärisches, wunderbar geschriebenes, hochspannendes Porträt eines der zweifellos besten deutschen Trainer der letzten 20 Jahre ist. Viel besser, dachte ich damals, kann man das nicht machen. Und nun kommt Horeni mit seinem Buch, und obwohl er - jenseits der seit 2017 neu hinzugekommenen Karriereabschnitte Klopps - mehr oder weniger die gleichen Wege noch einmal abläuft (Klopps Karriere als durchschnittlicher Spieler in der 2. Liga, Trainer in Mainz und in Dortmund, der Wechsel nach Liverpool) und teilweise auf die gleichen Gesprächspartner zurückgreift, ist es ein komplett anderes Buch, aber genauso atmosphärisch, genauso spannend und ebenfalls wunderbar geschrieben.
Dabei waren meine Erwartungen nicht übermäßig groß. Zum einen hatten mich einige der bisherigen Bücher Horenis, etwa seine Jürgen-Klinsmann-Biographie, keineswegs überzeugt. Zum anderen war ich wie gesagt der Meinung, dass man es nicht viel besser als Honigstein machen kann, ich also zumindest bis 2017 alles schon mal gelesen habe. Und dann startet das Buch auch noch mit einer Passage, in der Horeni über Ulla Klopp ungefähr so schreibt wie früher Kai Diekmann über Hannelore Kohl. Das kann ja heiter werden, dachte ich. Aber, nein, es wird großartig. Horeni hat vielfach andere Blickwinkel, setzt andere Schwerpunkte, so spielen beispielsweise Klopps christliche Erziehung und die Bedeutung des Glaubens in seinem Alltag eine große Rolle, und schafft es, dass selbst die Begebenheiten, die man kennt und erwartet, an wirklich keiner Stelle wiedergekäut oder aufgewärmt wirken. Das muss man erstmal hinbekommen.
An Honigsteins Buch hatte mich gestört, dass er mitunter der Versuchung erlag, sein Sujet großzumachen, indem er andere Trainer (Thomas Doll) klein machte. Das mochte ich nicht, und es korrespondierte auch gar nicht mit der sehr wertschätzenden Art, mit der Klopp früher über Kollegen sprach (von seinem peinlichen "Noch!"-Lapsus bei der WM 2026 mal abgesehen). Auch bei Horeni ist diese Versuchung zu spüren, aber zumindest springt er in diesen Momenten nicht auf konkrete Namen, wodurch es subtiler wirkt. Was mich faszinierte: Bestimmte Schlüsselmomente in Klopps Karriere - etwa die Nichtverpflichtung durch den HSV - werden in "Glaube, Liebe, Klopp" ein ganz klein wenig anders erzählt als bei Honigstein, was an Horenis Gesprächspartnern und deren subjektiven Erinnerungen liegen mag, was das Ganze für mich nur noch interessanter macht. En passant gibt es auch wunderbare Fun-Facts, etwa, dass und warum Jürgen Klopp Thomas Müller nie mochte. Horeni beleuchtet immer mal wieder das Verhältnis Klopp - Thomas Tuchel (die beiden mögen sich auch nicht), hier hätte es gern noch etwas mehr in die Tiefe gehen können), umschifft nicht einen der für mich hässlicheren Flecken auf Klopps Weste - sein illoyales Verhalten gegenüber Loris Karius nach Liverpools verlorenen Champions-League-Finale 2018 gegen Real Madrid (1:3) - und nimmt auch eine sehr lesenswerte Analyse der öffentlichen Rezeption von Klopps Red-Bull-Engagement vor.
Kurz und gut: Das Buch ist ein einziges Vergnügen. Ganz klare Kaufempfehlung!
Michael Horeni: "Glaube, Liebe, Klopp: Jürgen Klopp und die Neuerfindung des Fußballs", C. Bertelsmann Verlag
