Dienstag, 1. September 2026

Giulia Gwinn: Vorläufige Biographie einer Optimistin

Giulia Gwinns Biographie "Write your own story: Mein Weg vom Bolzplatz in die Weltspitze" (Mosaik Verlag) stand schon relativ lange auf meinem Zettel, ehe ich sie mir jetzt endlich vorgenommen habe. Ich kann nicht genau festmachen, woran das lag. Vielleicht daran, dass ich vor einigen Monaten bei einem WM-Qualifikationsspiel der Wück-Elf  - in einer der vorderen Reihen sitzend - aus nächster Nähe mitbekam, wie Gwinn einen Balljungen anherrschte, der ihr die Kugel offenbar nicht schnell genug zukommen ließ. Große Klasse, dachte ich damals, kaum ein Star, aber schon echte Star-Allüren. Vielleicht hatte es aber auch damit zu tun, dass ich mich ab und zu frage, ob Giulia Gwinn auch dann das Postergirl des deutschen Frauenfußballs - und beispielsweise ohne triftigen Grund Fußballerin des Jahrs 2026 - geworden wäre, wenn sie etwas weniger gut aussehen würde. Aber für Letzteres kann sie nichts, und Ersteres mag im Eifer des Gefechts passiert sein und sollte nicht überbewertet werden. Also schaute ich jetzt doch mal ins Buch hinein. Und das hat sich durchaus gelohnt.

"Write your own story" ist ein unterhaltsamer, informativer Abriss des bisherigen Karriereweges der erst 27jährigen Spielerin des FC Bayern und auch ein sehr schöner Einblick in den Frauenfußball ganz allgemein. Die berührendsten Passagen waren für mich jene über Gwinns schwerere Verletzungen und den Umgang damit, physisch und psychisch, die Leere, die Enttäuschung, das Wiederanfangen, das insbesondere dann unfassbar frustrierend sein muss, wenn man sich zum wiederholten Male verletzt und weiß, welch langer Weg vor einem liegt. Verletzungen spielen in Fußballerbiographien ja recht oft eine Rolle, aber so eindringlich wie hier wurde die Thematik meines Erachtens nur in wenigen Büchern behandelt. Darüber hinaus wird eines sehr deutlich: Giulia Gwinn ist ein durch und durch positiver und optimistischer Mensch - was ja gar nicht so einfach ist in unserer zynischen Welt. Auch beim wohlfeilsten, anbiedernsten Politiker- und Funktionärsgeschwätz empfindet sie aufrichtig Stolz und Freude, im Buch zitiert sie immer wieder Passagen aus irgendwelchen Grußworten zu ihren Ehren. Es freut sie, wenn Bayern-Vorstandschef Oliver Kahn sie in irgendeiner Rede erwähnt, und es stört sie nicht, dass er trotzdem nicht die Zeit für ein Gespräch mit ihr findet, sie freut sich wie eine Schneekönigin, wenn sie in irgendwelchen Instagram-Posts anderer Promis erwähnt wird, sie fühlt sich zutiefst geehrt, wenn sie zu "Wetten dass" eingeladen wird und so weiter. Immerhin: Als Thomas Gottschalk sie in seiner Sendung vor einen Millionenpublikum beharrlich "Giuliana" nennt, geht ihr das dann schon gegen den Strich.

Etwas geärgert habe ich mich - ähnlich wie schon bei Kathrin Längerts Buch - über Gwinns Ausführungen zu "Equal Pay" und die ganz bekannte "Wir wollen von unserem Sport leben können."-Litanei. Wenn in der Frauenbundesliga zu einem Spiel - wie kürzlich zum Saisonauftakt des RB Leipzig - 1.204 Zuschauer kommen, werden die Spielerinnen eben nicht von ihrem Sport leben können, so wie es auch kein Männerteam könnte. Weil sie nun einmal nicht genügend Einnahmen generieren. Statt über "Equal Pay" müsste zunächst mal über "Equal Revenue" gesprochen werden. Aber auch in Giulia Gwinns Welt fällt das Geld vom Himmel und muss nicht verdient werden. Schade, hier wäre etwas mehr Reflexion wünschenswert gewesen. Ändert aber nichts daran, dass sich die Lektüre des Buches lohnt.

Giulia Gwinn: "Write your own story: Mein Weg vom Bolzplatz in die Weltspitze", Mosaik Verlag