(KM) Ja, in unserem Magazin geht es in erster Linie um Bücher und Fußball- beziehungsweise Sportmagazine, und manchmal, eher selten, um Onlineportale wie transfermarkt.de. Wenn wir uns heute höchst ausnahmsweise mal mit einer TV-Fußball-Dokumentation beschäftigen, hat das einen Grund. Das gilt umso sehr, als derartige Dokus derzeit schier inflationär produziert werden. Über gefühlt jeden Verein, jeden halbwegs bekannten Spieler, jedes Großereignis gibt es schon etwas - und das meiste davon, sorry, ist einfach nur belangloser Mist. Nach dem immer gleichen Schema sitzen (ehemalige) Trainer und Spieler mit tiefsinnigen Mienen vor der Kamera und versuchen, staatstragende Sätze von sich zu geben, dann folgen Spielausschnitte und irgendwelche Füllszenen mit sonorem Hintergrundgeraune und dramatischer Musik. Und wenn die Vereine selbst an der Produktion beteiligt sind, ist das Ergebnis in aller Regel so glattpoliert und steril wie Pressemitteilungen des DFB. Aber: Es gibt Ausnahmen - und interessanterweise sind es nicht selten die öffentlich-rechtlichen Sender, die hier glänzen. "Die Nacht von Sevilla" etwa, eine ZDF-Doku über das legendäre Halbfinale Deutschland - Frankreich (5:4 n.E.), ist einfach nur großartige Unterhaltung mit jeder Menge Gänsehaut-Potential. Und pünktlich zum Start der WM 2026 hat sich die ARD in der vierteiligen Reihe "WM 1994 - Elf Helden, ein Alptraum" unter der Regie von Manfred Oldenburg mit dem ersten in den USA ausgetragenen Turnier beziehungsweise der Rolle der deutschen Elf beschäftigt. In meinen Augen ist diese Doku eine kleine Sensation - und ich empfehle wirklich dringend, da mal reinzuschauen.
Im Fußballbücher-Magazin geht es um genau das: Lesestoff rund um den Profifußball. Hier werden v.a. Biographien, "Enthüllungen", Erinnerungen und sonstige Bücher besprochen, die die Protagonisten des Geschäfts in ihrem Alltag zeigen. Neben Werken (ehemaliger) Spieler und Trainer widmen wir uns auch Büchern von Journalisten, Fernsehreportern und anderen Insidern.
Samstag, 13. Juni 2026
"WM 1994": Die schäbige Seite des Franz Beckenbauer
Montag, 8. Juni 2026
Was Philipp Köster und C. C. Catch gemeinsam haben
Im April 2000 erschien die erste Ausgabe des Monatsmagazins "11Freunde". Inzwischen ist Mitgründer Philipp Köster, bis heute Chefredakteur des Blattes, zu einer der gewichtigsten Stimmen im deutschen Fußball-Journalismus geworden. Das hat zum einen natürlich mit der Auflage des Magazins zu tun, die von anfangs 2.000 auf aktuell über 53.000 Exemplare gestiegen ist und den "11Freunden" einen festen Platz in der hiesigen Sportmedienlandschaft verschafft hat. Zudem zeichnet Köster als Autor das aus, was Dieter Bohlen einst auch bei einer jungen Frau namens Caroline Müller sah, die ihm in irgendeiner Provinzdisco vorgestellt wurde und aus der er eine gewisse C. C. Catch machen sollte: Unverwechselbarkeit. Einen Philipp-Köster-Text erkennt man unter hundert anderen sofort. Und Unverwechselbarkeit, so Bohlen in seiner Autobiographie "Nichts als die Wahrheit", sei in seiner Branche fast noch wichtiger als eine schöne Stimme. Nun, im schreibenden Gewerbe, auch im Fußballjournalismus, ist es damit allerdings nicht ganz getan. Unverwechselbarkeit allein kann auch ganz schnell anstrengend werden, wie jeder weiß, der regelmäßig Texte von Guido Schäfer liest. Aber im Fall Köster kommt eben noch eines hinzu: Auch wenn es ihm in den vergangenen 26 Jahren immer wieder aufs Neue gelungen ist, hervorragende Schreiber in die "11Freunde"-Redaktion zu holen, blieb der Chef in dieser Disziplin stets der Beste - und er verfügt obendrein über klare Standpunkte etwa zur zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs und zur Verdrängung der "echten" Fans aus den Stadien, denen er nur zu gern Ausdruck verleiht. Ich lese Köster-Texte schon deshalb mit großem Vergnügen, weil ich seine Meinung oft genug nicht teile. Die Aussicht, gleich einmal ein ganzes Buch aus seiner Feder zu bekommen, war überaus verlockend. "Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können", heißt das vor einigen Wochen bei Ullstein erschienene Werk, und damit erst gar keine Missverständnisse entstehen, hebt einen der Verlag im Klappentext gleich aufs richtige Gleis: Eine "wortgewaltige, aufrüttelnde Streitschrift" habe der Autor hier vorgelegt, heißt es da. Na schön, dann mal her damit! Mit Streitschriften habe ich schließlich Erfahrung. Und mein nach der Lektüre von Kathrin Längerts Mehr-Kohle-für-den-Frauenfußball-Plädoyer "Wir verdienen mehr!" - unsere Besprechung siehe hier - gefährlich entgleister Blutdruck war schließlich wieder auf Normalwerte gesunken. Indes: Für ihn bestand diesmal keine Gefahr. "Holt euch das Spiel zurück!" ist nicht wirklich eine Streitschrift oder ein Manifest, eher ein anekdotenreicher, sensibilisierender Streifzug durch fünfzig Jahre Fußball-Kultur und -Kommerz.
Köster ist, das muss betont werden, bei aller Kritik an bestehenden Zuständen kein Verklärer, keiner, in dessen Augen früher alles besser war. Im Gegenteil, er sieht und benennt sämtliche Dinge, die dem gewöhnlichen Fan den Stadionbesuch etwa in den 1970er und 1980er Jahren im Vergleich zu heute sauer machten: Der Zeitlupenfußball und die ungeahndeten Hinter-dem-Rücken-des-Schiris-Brutalitäten auf dem Rasen, der allgegenwärtige Rassismus, Sexismus und Hooliganismus auf den Rängen, die Gewalt- und Alkoholexzesse, die unüberdachten, ungeheizten, baufälligen, oft genug halbleeren Stadien. Auch wenn hier und da Wehmut durchschimmert, will Köster nichts von dem zurück. Allerdings gefällt ihm der Status quo auch nicht: "Mit den modernisierten Stadien, den TV-Kameras, den neuen Wettbewerben, den flackernden Werbebanden und kreischbunten Ausweichtrikots, den Einlaufeskorten und Sonntagsspielen ist dem Fußball langsam und stetig seine Kultur, seine Seele, seine Faszination abhandengekommen. [...]".
Kapitel für Kapitel nimmt sich Köster nun all die Themen vor, die sich im weitesten Sinne in die Rubrik "Der Fußball als Gemeinschaftserlebnis ist in Gefahr" einordnen lassen - von den Medien, die Milliarden in ein Produkt stecken und einen Teufel tun werden, es schlecht zu reden, über Politiker, die das Spiel immer dreister für ihre Zwecke vereinnahmen, den unsäglichen VAR, neue Kunstprodukte wie die Klub-WM oder die europäische Super-League und die gezielte Heranzüchtung steriler, teflonbeschichteter Massen-Idole bis hin zum "gruseligen Deadline Day", dem laut Köster "sommerlichen Schmierentheater". Das alles lässt sich wie immer bei ihm hervorragend lesen, auch wenn ich persönlich beispielsweise das Transfergeschäft inklusive Deadline Day über alles liebe - und Köster dann mitunter doch zu ungewöhnlich romantisierenden Einschätzungen kommt. So heißt es etwa zum "Bosman"-Urteil: "Es war die Geburtsstunde des Fußballs, wie wir ihn heute kennen. Dass Spieler fortan nach dem Vertragsende ablösefrei wechseln konnten, veränderte auch grundlegend die Beziehung zwischen den Spielern und uns Zuschauern. [...] Dass Kicker nun [...] oft nur noch wenige Jahre beim selben Klub blieben, [...] und Wechsel sogar weit vor Vertragsende üblich wurden, war neu. Bei den Anhängern ließ es das schale Gefühl zurück, ganz allein für die Identifikation mit dem Klub zuständig zu sein." Ernsthaft? Soll das wirklich heißen, dass dieses bahnbrechende Urteil, das es den Vereinen endlich untersagte, einen Spieler nach Ende des Vertrages (!) durch irrwitzige Ablöseforderungen an der Wahl seines Arbeitsplatzes zu hindern, zu bedauern ist? Und wie echt war denn eine "Vereinsidentifikation", die dadurch erzwungen wurde, dass der Verein den Spieler rechtswidrig und willkürlich an sich kettete? Und beweisen nicht Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger oder Manuel Neuer, dass es auch seit der "Bosman"-Entscheidung sehr wohl möglich ist, den größten Teil seiner Karriere bei nur einem Klub zu verbringen?
Auch an einer anderen Stelle bin ich im Buch hängengeblieben. Köster schreibt über die Fanzine-Szene in den 1990er Jahren - er selbst startete seine Karriere als Autor einst bei einem Bielefelder Fanzine mit dem knackigen Titel "Um halb vier war die Welt noch in Ordnung" -, die er als eine Art Gegenbewegung der Fans zur aufkommenden Kommerzialisierung ausmacht. Dabei hält er fest: "Sosehr sich die Fanzines also in ihrer Machart und Redaktionsstärke unterschieden, manches wurde schnell Konsens." Etwa "eine klare Position zum massiven Rassismus in vielen Fankurven". Hm, war das wirklich so? Meine Erinnerung ist da eine ganz andere. Aber wofür hat man ein Archiv? Also mal schnell runter in den Keller und wahllos in die Kiste mit den alten Fanzines gegriffen. Was haben wir denn da? "Rülps" Nr. 19, ein Heft aus der Fanszene des TSV 1860 München. Der Herausgeber war ein gewisser "Doc Zyklon" (jegliche Assoziationen sind sicher unbeabsichtigt), der sich in einem zweiseitigen Artikel bitter beschwert, dass "immer mehr Asylanten unser Land überfluten". Okay, das war wohl nichts. Nächster Versuch: "Siegerland-Kurier" Nr. 4, ein Heft eines Bayern-Fans aus NRW, das nicht nur mit der Anrede "Tag, Kameraden!" aufwartet, sondern auf S. 16 auch mit einem Foto, auf dem drei Stadionbesucher mit dümmlichem Stolz den Hitlergruß darbieten. Unrat dieser Art war damals zwar nicht die Regel, aber auch keine Seltenheit in den Fanzines. Das wiederum wurde in auf der anderen Seite des politischen Spektrums angesiedelten Heften auch sehr wohl thematisiert und kritisiert. Aber dass die Fanzines eine Art frühe Variante der "Reclaim the Game"-Bewegung gewesen sein sollen, würde ich doch hinterfragen wollen. Denn mit Köster und seinem jahrzehntelangen Eintreten für Belange der Fans haben viele der damaligen Machwerke rein gar nichts zu tun.
Aber zurück zum Buch. Ganz konkrete, greifbare Vorschläge, was sich ändern muss, formuliert Köster unter dem Strich nicht, vielleicht auch, weil vieles von dem, was er bitter beklagt, der Preis der positiven Veränderungen war und das eine nicht ohne das andere zu haben war bzw. ist. Ja, mich nervt auch vieles am Fußball von heute, vom VAR bis zum unterträglichen Gianni Infantino. Mir wäre es als Anhänger des FC Bayern tausendmal lieber, es stünde nicht schon jedes Jahr bereits im Februar fest, dass der Klub im Mai mal wieder Deutscher Meister wird. Das macht nämlich keinerlei Spaß. Aber bisher habe ich auch noch keinen umsetzbaren Vorschlag gehört, wie man zu mehr Chancengleichheit in der Bundesliga kommt, ohne ein geschlossenes System schaffen zu müssen und ohne die Aussichten der deutschen Top-Klubs in europäischen Wettbewerben zu schmälern. Entsprechend vage fallen im Buch auch Kösters Verweise auf notwendige Regulierungen auf europäischer Ebene aus. Aber allein dafür, dass der "11Freunde"-Chef seit 26 Jahren in seinem Magazin und nun auch in "Holt euch das Spiel zurück!" immer und immer wieder die Fahne der Fans hochhält und unermüdlich daran erinnert, dass sie eben keine "Kunden" sind, sondern Teil des Spiels und der Fußball ohne sie nicht der Sport wäre, den wir lieben, allein dafür gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame des deutschen Fußballs. Und ein großes Lesevergnügen ist sein Buch obendrein. Also, ziert Euch nicht, auf zum nächsten Buchladen!
Philipp Köster: "Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können", Ullstein Buchverlage
Dienstag, 26. Mai 2026
WM-Berichte zum Schmökern: Der perfekte Gaumenkitzler
Freitag, 15. Mai 2026
Einsteigerlektüre für Bayern-Newbies
Also schön, ich gebe es zu: Den Namen Markus Kavka hatte ich zuvor in meinem ganzen Leben noch nicht gehört. Aber war in meinem letzten Beitrag nicht schon angeklungen, dass ich mit Musik so gar nichts am Hut habe? Ist wirklich so, und deshalb hatte ich keinerlei Ahnung, wer Markus Kavka ist. Was das angeht, bin ich auch nach Lektüre seines Buches "FC Bayern München: Eine Liebeserklärung" (Ullstein) immer noch nicht viel schlauer, aber halten wir fürs Protokoll mal fest, dass er als Moderator von MTV und VIVA gearbeitet hat und ein DJ ist. Und offenbar ist er als solcher so bekannt, dass der Verlag davon ausging, dass sich für seine ganz persönliche Liebeserklärung an den FC Bayern genügend Leser interessieren und knapp 17 Euro dafür auf den Tisch legen. Ich drücke die Daumen, dass diese Überlegung aufgeht!
Persönlich war ich eher zufällig auf das Buch gestoßen, nicht über den Namen Kavka, sondern weil ich eigentlich alles über die Bayern lese. Allerdings dürfte ich damit nicht zur Zielgruppe dieses Buches gehören, das sich eher an Bayern-Newbies richtet. Der Autor beschreibt, wie er als Kind mit dem FCB-Virus infiziert wurde, und gibt dann, verbunden mit seinen persönlichen Stadionerlebnissen, einen groben Abriss des sportlichen Werdegangs des Klubs seit den frühen 1980er Jahren. Dabei hangelt er sich an den bekannten und erwartbaren Meilensteinen entlang, dem 1982er Europapokalfinale gegen Aston Villa (0:1), dem Auftritt von "Turban-Dieter" Hoeneß im DFB-Pokalfinale gegen den 1. FC Nürnberg (4:2), dem Kutzop-Elfmeter (1986), dem deprimierenden Spiel gegen den FC Porto 1987 (1:2), dem legendären ZDF-Sportstudio mit den Kontrahenten Hoeneß und Daum (1989) und so weiter und so fort.
Um nicht falsch verstanden zu werden: An Kavkas echter und tiefer Leidenschaft für die Münchner habe ich keinerlei Zweifel. Und er versteht es, die Geschichte dieser Leidenschaft kurzweilig und unterhaltsam zu erzählen. Aber von wenigen Ausnahmen abgesehen ist es halt Wissen aus zweiter Hand, sind es Dinge, die jeder, der sich auch nur ein wenig für Fußball und den FC Bayern interessiert, schon zig Mal gehört hat. Aber für all jene, die mit den Münchnern bisher noch gar nicht in Berührung gekommen sind, die womöglich nur wissen oder ahnen, dass sie den Klub aus der bayerischen Landeshauptstadt keinesfalls mögen können, ist es eine eine wirklich schöne, weil zugleich informative und persönliche Einsteigerlektüre.
Recht interessant waren für mich Kavkas Schilderungen seiner (nicht immer angenehmen) Erlebnisse als "Grufti" unter eher - sagen wir mal - traditionellen Bayern-Fans der 1980er Jahre und seiner persönlichen Bekanntschaft mit Mehmet Scholl. Hier hat das Buch in meinen Augen seine authentischsten und besten Momente. Wobei, eines ist ebenfalls noch hervorzuheben: Kavka schafft es, mir mit der Beschreibung des Bundesliga-Finales 2001 eine Gänsehaut zu bereiten - obwohl ich die Geschichte und ihren Ausgang in- und auswändig kenne, die entscheidenden Szenen schon Hunderte Male im Fernsehen gesehen und damals, in meiner Wohnung vor dem Radio, in exakt gleicher Weise vor überschäumender Begeisterung auf den Boden getrommelt habe wie der Autor. Es gibt eben Sachen, die man gar nicht oft genug wiederholen kann, einfach weil sie so schön waren - und diese Meisterschaft des FC Bayern war auch meine mit Abstand schönste.
Markus Kavka: "FC Bayern München: Eine Liebeserklärung", Ullstein Buchverlage
Dienstag, 5. Mai 2026
1977/78: Bissiger Blick auf eine düstere Zeit
Soweit es mich betrifft, hatte Bolten sogar einen kleinen Startvorteil. Denn ich finde die späten 1970er Jahre deutlich interessanter als die frühen. Nun denn: Der Autor wählt mit Berti Vogts und Kevin Keegan zwei in ihrer Gegensätzlichkeit bestens geeignete Protagonisten und folgt ihren ersten Begegnungen auf internationalem Parkett, ihren Wegen in der Bundesliga (Keegan wechselte 1977 zum Hamburger SV) und im Nationaltrikot, aber immer auch mit einem Blick auf das sonstige Geschehen im Fußball einschließlich des Frauen-Fußballs und wie erwähnt in Politik, Gesellschaft und Musik. Dabei wird schnell klar: Wie die Titanic auf den Eisberg steuert dieses Buch unaufhaltsam auf die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien zu, einem der düstersten Kapitel des Fußballs in einer Zeit, die in Deutschland auch so schon - mit der Enge der 1970er Jahre und allen Nachwehen des RAF-Terrors - eine bleierne und graue war. Im wirtschaftlich heftig gebeutelten WM-Gastgeberland hatte 1976 eine rechte Militärjunta die Herrschaft übernommen. Während sich WM-Organisationschef Hermann Neuberger über den neuen "Partner mit Durchsetzungsvermögen" freute, wurden in Argentinien politische Gegner zu Tausenden in geheime Lager verschleppt, auf brutalste Weise gefoltert und ermordet. Unter ihnen auch etliche deutsche Studenten, Gewerkschafter aus Niederlassungen deutscher Firmen, Journalisten, Regimekritiker und so weiter. Und: All das war weltweit und lange vor dem ersten WM-Spiel hinlänglich bekannt. Was also tun? Als Titelverteidiger gar nicht erst ins Land der Folter fahren? Oder vielleicht gerade - in der Hoffnung, dass der Fußball etwas zum Guten ändert, und zuvor womöglich versuchen, Druck auf das Regime auszuüben und die eigenen Staatsbürger aus den Foltergefängnissen herauszubekommen?
Bolten fängt, und in meinen Augen sind das die stärksten Teile des Buches, in wunderbarer Weise die fragile, von Unsicherheit und Angst geprägte Stimmung jener Vor-WM-Monate ein. Alles schien in der Schwebe, es gab national und international unzählige Boykottaufrufe. Das Auswärtige Amt glänzte durch unfassbare Untätigkeit und Ignoranz, als es darum gegangen wäre, das Leben der in Argentinien inhaftierten deutschen Aktivistin Elisabeth Käsemann zu retten. Der aalglatte, vor dem Junta-Chef Videla dienernde Taktiker Neuberger versuchte, weder die WM noch die deutsche Teilnahme irgendwie zu gefährden, ohne dabei allzu offenkundig werden zu lassen, dass ihm die Gräuel des Regimes und deren Opfer herzlich gleichgültig waren. Die überforderten Spieler wurden aus verschiedensten Richtungen mit Petitionen und Forderungen bedrängt, und einige von ihnen (Vogts, Kaltz, Beer) ließen sich zu Äußerungen verleiten, die ihnen heute vermutlich hochnotpeinlich sind. Wie schon an anderer Stelle angemerkt, bin ich allerdings geneigt, hier mildere Maßstäbe anzulegen. Die sozialliberale Bundesregierung unter Kanzler Schmidt, das Auswärtige Amt, der DFB unter Führung des Karrieristen Neuberger - sie alle duckten sich weg, als es an der Zeit gewesen wäre, angesichts des Terrors der argentinischen Junta Farbe zu bekennen oder die von ihr dringend benötigte WM zumindest zu nutzen, um Forderungen durchzusetzen. Aber die teils noch sehr jungen Spieler, deutlich unbedarfter und weniger reflektiert als die heutige Generation, sollten nun sorgfältig abgewogene, kluge Statements für Menschenrechte und Demokratie und wider das Folterregime in Argentinien abgeben? Das erscheint mir etwas viel verlangt, auch wenn einem verschiedene kaltherzige Äußerungen, die jegliches Mitgefühl mit den Opfern vermissen lassen, dennoch bitter aufstoßen.
Zu sagen, dass die Lektüre jener Kapitel ein Vergnügen ist, wäre falsch - schon "71/72" war alles andere als ein unbeschwertes Buch, und "77/78" ist noch eine Spur düsterer. Aber es ist eine hochspannende, aufwühlende und wütend machende Darstellung und, nachdem Deutschland an dieser WM teilnahm, eine wichtige und leider Gottes auch mit Blick auf künftige Turniere dringend nötige Auseinandersetzung mit dieser Entscheidung und dem Weg zu ihr. Bolten, der ohnehin im gesamten Buch wenig Zweifel an seinen Sympathien lässt (für den eher linken Keegan ja, für den CDU-nahen und in "77/78" nur selten positiv konnotierten Vogts nein), schreibt in einem oft bissigen Ton, mitunter neigt er zum Eifern und zur Galligkeit, etwa wenn er aus einem "kicker"-Artikel über die deutschen Spielerfrauen zitiert und das dortige Augenzwinkern unterschlägt. Das musste in meinen Augen nicht sein, sein Buch ist so schon beklemmend und überzeugend genug. Und auch seine Bitterkeit, dass vom Finale der 1978er Frauen-Meisterrunde nur knapp - versteckt zwischen Beiträgen über Prellball und Motocross - in einem dritten Programm berichtet wurde, erscheint mir doch gewaltig übertrieben. Gemessen an der damaligen Bedeutung des Frauenfußballs, der auf völliges Desinteresse stieß (zum Finale zwischen dem SC 07 Bad Neuenahr und dem FC Hellas Marpingen kamen 1.500 Zuschauer), erscheint mir selbst das schon viel. Mit der Tendenz, Entscheidungen von damals an den Maßstäben von heute zu messen, kann ich ohnehin nicht viel anfangen. Die Ausflüge ins Musikbusiness, mit denen ich mich schon bei Beyer eher schwer getan habe, erscheinen mir bei Bolten noch eine Spur bemühter und noch weiter hergeholt, aber das mag auch daran liegen, dass ich zu den genannten Sängern und Bands keinerlei Bezug habe. Und letztlich sind das Petitessen. Die Hauptleistung des Buches besteht in der höchst kritischen Auseinandersetzung mit dem beschämenden Agieren deutscher Funktionäre, Journalisten, Politiker und - mit Abstrichen - auch Spielern vor und während einer Weltmeisterschaft, die es so nie hätte geben dürfen. Ganz klare Pflichtlektüre!
Michael Bolten: "77/78 - Die Saison der Arbeiter", Verlag Die WerkstattDienstag, 28. April 2026
Enzyklopädischer Blick auf den Fußball im Sozialismus
Samstag, 18. April 2026
Längst überfällig - und großes Kino: Granitza in der NASL
Granitza war kein Superstar, als er in die NASL wechselte, sondern ein solider Bundesliga-Stürmer bei einem nicht allzu erfolgreichen Verein (Hertha BSC), mit einer sehr soliden Vergangenheit in der Zweiten Liga (DJK Gütersloh, SV Röchling Völklingen, Torschützenkönig 1975/76), einer Berufung in die B-Nationalmannschaft und einer sehr, sehr vagen Hoffnung, es vielleicht in den Kader für die WM 1978 in Argentinien zu schaffen. Und allein die hiermit verbundenen Einblicke, die "King Bomber Karl" gewährt - wie lebte ein Zweitligaspieler in den 1970er Jahren, was verdiente er, wie lief eine Berufung ins DFB-B-Team ab usw. - machen das Buch jedenfalls für mich zu einem Schatz. Und da sind wir ja noch gar nicht beim eigentlichen Thema, das dann aber sehr schnell kommt: In traumhafter Ausführlichkeit beschreibt Hermanns, wie der erste Abstecher Granitzas in die NASL - noch auf Leihbasis - zustande kam, die Gespräche mit Willy Roy, dem (nach heutigem Sprachgebrauch) Kaderplaner und späterem Trainer der Chicago Sting, und Herthas Präsident Ottomar Domrich. Roy hatte Granitza, den Hertha-Stürmer ohne besondere Eigenschaften (nicht zu schnell, nicht zu groß, nicht zu kopfballstark, nicht zu schussgewaltig), aber mit einem ausgeprägten Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, im US-Fernsehen gesehen - in einer Art "Die besten Szenen aus der Bundesliga"-Wochenshow. Er wollte ihn in seinem Team haben, und Hertha brauchte die 100.000 Mark, die Roy für eine dreimonatige Leihe bot, ziemlich dringend. Deshalb redeten Domrich und Roy gemeinsam auf den zunächst wenig begeisterten Stürmer ein. Granitza ließ sich letztlich breitschlagen - und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
In Kapiteln, die jeweils nur relativ kurze Zeitanbschnitte betrachten, beschreibt Hermanns ausführlich, wie der Stürmer ins Team des mächtigen Sting-Eigentümers Lee Stern, eines millionenschweren Rohstoffmaklers, rutschte und recht schnell dessen Aushängeschild und Signature-Player wurde. Und wenn dieses ohnehin superstarke Buch besondere Höhepunkte hat, dann kommen sie hier: Hermanns schafft es, dem Leser Granitzas besondere Rolle in der Chicagoer Franchise und in der NASL insgesamt in ihrer ganzen Komplexität auf traumhaft atmosphärische Weise vor Augen zu führen. Denn hier ist nichts simpel. Einerseits war der mit bestechender Regelmäßigkeit (keine Saison unter 15 Toren) treffende und von Ehrgeiz zerrissene Musterprofi Granitza zeitweise der König von Chicago, der beliebteste Sportler, "obwohl er das Spiel spielt, das die Sportfans der Stadt am wenigsten interessiert“", wie eine Zeitung schrieb. Aber das hieß nicht, dass das Publikum den zum Jähzorn neigenden Deutschen nicht auch mal auspfiff, wenn er auf dem Spielfeld Teamkameraden wegen schlechter Leistungen öffentlich in den Senkel stellte. Auch etliche Mitspieler waren von seiner Art "nicht restlos begeistert", wie es einer diplomatisch ausdrückte. Aber sie akzeptierten sie, weil ihr Star mit seinem absoluten Siegeswillen ein Vorbild war. In all seinen Jahren in Amerika lernte Granitza nie wirklich brauchbares Englisch - seine Töchter achteten sorgfältig darauf, dass nicht er die Familien-Bestellung bei McDonalds aufgab. Aber, und jetzt kommt es: Dennoch gab es keinen Sting-Spieler, der bereitwilliger und öfter zu PR-Terminen, in Schulen und Krankenhäuser ging, der ein derart gern gesehener Gast in Talkshows war, der beinahe täglich Anrufe von irgendwelchen Journalisten bekam. Granitza war authentisch, auch in seinem Deutsch-Englisch-Mischmasch, und er hatte diese eine Mission: Den Fußball nach Amerika zu bringen.
Natürlich geht es - und das nicht zu knapp - im Buch auch um Sport selbst: Hermanns beschreibt die ein wenig an Dirk Nowitzkis Zeit in Dallas erinnernden immer neuen Anläufe des titelhungrigen Granitza, mit seinem Team über die kräftezehrende Regular Season und die Play-offs ins Endspiel, den Soccer-Bowl, zu kommen und die ersehnte NASL-Trophy zu gewinnen. Dabei geht es auch um die packenden Duelle der Sting mit den San Diego Sockers, in deren Tor der Deutsche Volkmar Groß stand, die noch packenderen Duelle mit Cosmos New York und dessen legendären Torjäger Giorgio Chinaglia (eine Art großer Bruder Granitzas im Geiste) und die - hier in Amerika auf Augenhöhe stattfindenden - Begegnungen Granitzas mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller.
Zu den traurigeren Kapiteln des Buches gehören jene über Granitzas Karriereende und die Zeit danach. Er verkrachte sich mit Sting-Eigentümer Stern, der ihn sogar verklagte, und setzte - eine deprimierende Parallele zu Gerd Müller - seine Ersparnisse mit einem von windigen Partnern betriebenen Restaurant in den Sand. Überspitzt gesagt verließ er Amerika so arm, wie er gekommen war - und das nach einer Karriere als einer der besten Stürmer in der Geschichte der NASL. Aber der heutige Potsdamer scheint zu akzeptieren, dass auch das Teil seiner Biographie ist, und er wirkt mit sich und der Welt im Reinen. Dazu passt auch, dass er sich die Zeit genommen hat, mit Stefan Hermanns ausführlich über seine Karriere zu sprechen und so dieses wirklich großartige Dokument der Zeitgeschichte zu ermöglichen.
Karl-Heinz Granitza und Stefan Hermanns: "King Bomber Karl", Edel Sports
Montag, 30. März 2026
Fußball im Osten: Der tiefe Fall und das Leben danach
Donnerstag, 19. März 2026
"Der Tormann": Denkmal für eine rumänische Legende
Inzwischen kann ich ohne Groll einräumen, dass der Sieg der Rumänen ein großartiger Erfolg eines Underdogs gegen einen übermächtigen Konkurrenten war, der im heutigen Fußball kaum noch denkbar ist. Ein Sieg, der übrigens schon damals unerwünscht war. Die Uefa tat nicht einmal so, als wäre sie unparteiisch. Barca durfte in seinem regulären rot-blauen Heimtrikot spielen, obwohl dieses Recht eigentlich Bukarest, das die gleichen Farben hatte, zugestanden hätte. Die Ehrung der Rumänen nach dem unerwarteten Sieg wurde nur widerwillig vorgenommen - und es gab noch nicht einmal genügend Medaillen für alle Spieler und auch keine Party. Und doch hatte Steaua dieses Endspiel sensationell gewonnen und niemand - wir sind ja nicht beim Afrika-Cup - würde dem Verein diesen Triumph wieder nehmen können.
Ironie des Schicksals: Es war eine der letzten Partien Duckadams. Allerdings nicht, wie in einigen deutschen Zeitungen spekuliert wurde, weil ihm Schläger des rumänischen Diktators Ceausescu die Arme zertrümmert hatten. Sondern weil in einer Schlüsselbeinarterie ein Blutgerinnsel entdeckt wurde, das Leistungssport unmöglich machte. Hätte man es früher gefunden, hätte es Duckadam wohl nie in Steauas erste Mannschaft und mithin auch nie ins 1986er Endspiel geschafft. Das und noch viel mehr kann man in Bocks Interview in der "11Freunde"-Reihe "Der Fußball, mein Leben und ich" nachlesen. Zum Beispiel erzählt Duckadam, wieso er während einer Testspielreise nach Kreta mal zehn Mars-Riegel pro Tag verputzte, bis ihm schlecht wurde, und ein Kollege eine Fiat-Windschutzscheibe kaufte und als Handgepäck mit nach Hause nahm, nur um zu erleben, dass sie nicht passte. Großartige Anekdoten und beides, der für das Fußballbuch des Jahres 2022 nominierte Roman und das Interview, sind eine durch und durch lohnende Lektüre.
Milan Radin: "Der Tormann", Leykam Verlag











