Frank Willmann: "Fußball-Land DDR: Anstoß, Abpfiff, Aus", Eulenspiegel-Verlag
Im Fußballbücher-Magazin geht es um genau das: Lesestoff rund um den Profifußball. Hier werden v.a. Biographien, "Enthüllungen", Erinnerungen und sonstige Bücher besprochen, die die Protagonisten des Geschäfts in ihrem Alltag zeigen. Neben Werken (ehemaliger) Spieler und Trainer widmen wir uns auch Büchern von Journalisten, Fernsehreportern und anderen Insidern.
Montag, 12. Januar 2026
Atmosphärisches Mosaik: Ein Blick auf die DDR-Oberliga
Montag, 5. Januar 2026
Wunderbar zu lesen: Der FC Bayern im Zeitraffer
(KL) Auch heute greifen wir mal wieder zu einem schon etwas älteren Buch, das jedoch nichts von seinem Esprit und seiner Kurzweiligkeit verloren hat. Der frühere "Spiegel"-Autor Thomas Hüetlin zeigt in "Gute Freunde: Die wahre Geschichte des FC Bayern" höchst eindrucksvoll, wie spannend die Geschichte eines Vereins erzählt werden kann, über den bereits unendlich viel geschrieben wurde. Gestützt auf gründliche Recherchen und intime Einblicke zeichnet der Autor die Entwicklung des FC Bayern anhand des komplizierten Beziehungsgeflechts seiner Hauptprotagonisten nach. Zu den größten Vorzügen des Buches gehört dabei Hüetlins Schreibstil. Auf lockerleichte Weise jongliert er mit Worten und Wortspielen, und mehr als einmal habe ich beim Lesen laut lachen müssen.
Hüetlin beginnt mit Tschik Cajkovski und dem mühsamen Beginn Anfang der 60er Jahre, wobei er schildert, wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller ihren Weg zum FC Bayern fanden, widmet sich dann den beiden "Kronprinzen" Uli Hoeneß und Paul Breitner und den Erfolgen in den 70er Jahren bis hin zum beginnenden Niedergang und dem 1979er Putsch der Mannschaft gegen Präsident Wilhelm Neudecker, der Max Merkel installieren wollte. Dann folgen die 80er Jahre mit Kalle Rummenigges Aufstieg, dem Bruch der Freundschaft zwischen Hoeneß und Breitner, Udo Latteks Comeback, dem packenden Meisterschaftsduell mit Werder Bremen 1985/86, den verlorenen Europapokalendspielen gegen Aston Villa und den FC Porto und der Ablösung Latteks durch Jupp Heynckes. Im letzten Teil des Buches geht es, allerdings schon deutlich geraffter, um die 1990er und 2000er Jahre mit den missglückten Trainer-Versuchen Lerby, Ribbeck und Rehhagel, der Rückkehr von Beckenbauer und Rummenigge und schließlich der Ära Hitzfeld, wobei hier insbesondere die in buchstäblich letzter Sekunde gewonnene Meisterschaft 2001, die 1999er Tragödie von Barcelona und der Gewinn der Champions League 2001 beleuchtet werden. Ergänzt werden diese Ausführungen um ein paar sehr schöne und durchaus seltene Fotos.
Was gibt es zu kritisieren an diesem überaus lesenswerten Buch? Da wäre zum einen der missglückte Epilog, der etwas uninspiriert wirkt und etliche Wiederholungen enthält. Ferner springt Hüetlin auf das eine oder andere Klischee oder wiederholt sattsam bekannte und ausgewalzte Dinge wie Beckenbauers einsamen Rasenspaziergang nach dem 1990er WM-Finale oder Mehmets Scholls "Witz" von den Grünen, die man hängen sollte, solange es noch Bäume gibt. Mitunter springt der Autor auch zeitlich ein wenig hin und her, ohne dass dafür Gründe ersichtlich sind (so wird im Kapitel über die 1990er ohne Not noch einmal die Geschichte erzählt, wie Beckenbauer 1984 DFB-Teamchef wurde, oder im Kapitel über die 1980er nach dem Abschnitt über Kutzops verschossenen Elfmeter im April 1986 und der kurzen Behandlung des Themas "Ablösesummen" noch einmal die Geschichte vom "Turban-Dieter" Hoeneß und dem Pokalfinale gegen Nürnberg 1982 aufgewärmt). Am meisten aber irritierte mich, dass etliche Spieler im Buch überhaupt nicht vorkommen. Der Autor bedankt sich unter "Danksagung" zwar ausdrücklich bei Manni Schwabl, im Text findet der ehemalige Mittelfeldspieler allerdings kein einziges Mal Erwähnung. Kann man die Geschichte der 1980er Jahre des FC Bayern erzählen, ohne Hans Dorfner, Manni Schwabl, Michael Rummenigge oder Jürgen Wegmann auch nur einmal anzusprechen? Muss nicht der Umstand, dass die Torwartlegende Toni Schumacher auf seine alten Tage noch einmal das Trikot des FC Bayern überstreifte, Erwähnung finden? Aber das sind letztlich kleine Nörgeleien, die die Qualität des Buches nicht ernsthaft beeinträchtigen.
Fazit: Dieses heute im Antiquariat für kleines Geld erhältliche Werk gehört ins Bücherregal eines jeden Bayern-Fans, ist aber auch für jene eine wunderbare Lektüre, die sich über die Bundesliga oder das Geschäft "Profifußball" informieren wollen.
Montag, 8. Dezember 2025
Tapie vs. Bez: Sex, Geld, Lügen und Video
Sonntag, 7. Dezember 2025
Die Canellas-Tapes: Fundament einer Aufarbeitung
Zweifellos: Das Material ist beeindruckend. Was Horst-Gregorio Canellas damals heimlich auf Band festhielt – Gespräche über Schmiergelder, Spielabsprachen, konspirative Treffen – gehört zu den wunderbarsten Zeitdokumenten, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat. Dass diese Mitschnitte einmal vollständig, sauber editiert und lesbar publiziert werden, ist ein echter Gewinn für jeden, der sich mit der Aufarbeitung des Bundesligaskandals oder auch nur der Bundesliga ganz allgemein beschäftigt. Das Buch führt durch Canellas' knapp 60 Gespräche mit Spielern, Funktionären und später auch Journalisten in weitgehender protokollarischer Nüchternheit, die genau die beabsichtigte Wirkung entfaltet: Da wird nichts weichgezeichnet, nichts geglättet – man hört die Stimmen zwar nicht, aber man spürt das Knistern und wachsende Donnergrollen, spürt, wie das Ganze nach und nach zu einem Alptraum für alle Beteiligten wird. Aber genau dort liegt auch das Problem. Denn Lampert beschränkt sich weitgehend darauf, die historischen Dokumente aneinanderzureihen. Die Einordnung bleibt sparsam. Manchmal hätte man sich gewünscht, der Autor würde nicht nur die Quelle zur Verfügung stellen, sondern auch kurz erklären, warum sie ausgerechnet an dieser oder jenen Stelle so explosiv ist. Insbesondere Leser, die den Skandal nicht näher kennen, hätten vermutlich ein bisschen mehr roten Faden vertragen: Wer war eigentlich dieser eine Spieler, der zwielichtig argumentiert? Welche Rolle spielte jener Verein im größeren Gefüge der Liga? Warum war genau dieses Telefonat ein Mosaikstein – und jenes der Zündfunke? Die Informationen sind alle da, aber sie stehen wie Fußballschuhe ungeordnet im Kabinengang: Man findet alles, aber nicht immer sofort und intuitiv. Und: Die Mitschnitte besitzen zwar eine ungeheure historische Wucht. Aber das Buch verzichtet darauf, sie mit Kontextstellen aus Presse, DFB-Protokollen oder Gerichtsakten zu spiegeln. Es bleibt bei den titelgebenden Bändern Canellas'. Hier wäre mehr ausnahmsweise einmal mehr gewesen.
Positiv sticht das abschließende Interview mit Canellas heraus, weil es andeutet, was das Buch zusätzlich alles noch hätte sein und werden können: Ein bisschen Analyse, ein wenig Rückschau, ein paar Sätze, in denen der Mann hinter den Bändern sichtbar wird. Dieses Kapitel ist atmosphärischer, dichter, persönlicher – genau davon hätte ich mir mehr gewünscht. Aber auch beschränkt auf die Bänder ist das Buch ungeheuer wichtig. Es ist das unverzichtbare Fundament einer historischen Aufarbeitung des Bundesligaskandals. Wer sich ernsthaft mit 1970/71 beschäftigt, wird an diesem Band nicht vorbeikommen. Für Forscher, Journalisten, Nerds und Liebhaber der Fußballgeschichte ist es insoweit ein Glücksfall. Nur eines darf man eben nicht erwarten - ein Enthüllungsbuch im eigentlichen Sinne. Lamperts Werk ist eine Art Schaukasten, ein faszinierendes, manchmal etwas trockenes und an anderer Stelle wiederum Gänsehaut verursachendes unverzichtbares Archiv. Ich freue mich sehr, dass es existiert.
Samstag, 29. November 2025
Grandios: Michael Harforth im "11Freunde"-Interview
Samstag, 15. November 2025
Basler, Babbel und das Leben: Nicht nur Kalendersprüche
Und das, obwohl sich meine Befürchtungen durchaus bestätigten. Das Buch ist durchzogen von Sätzen, die man auch auf Tassen oder vor einem Yogastudio erwarten würde. „Wenn du die richtigen Schlüsse aus deinen vermeintlich besten Jahren ziehst, werden die Jahre danach noch besser“ – das klingt nach jener Kategorie Lebenshilfe, die man besser überblättert. Oder: „Sprich mehr darüber, was du morgen tun willst, als über das, was du gestern getan hast.“ Ein Satz, der gleichzeitig wahr, banal und vollkommen austauschbar ist. Aber - und das führt uns zu den guten Nachrichten: Es bleibt nicht dabei.
Denn zwischen all den Allgemeinplätzen stehen Geschichten, die tatsächlich etwas erzählen. Etwa Mario Baslers Erinnerung an seine Zeit in Katar. Der Ex-Profi beschreibt dort sehr offen, wie er in einer völlig anderen Kultur landete, wie er den Fußball, die Hitze, die Regeln und das gesamte Umfeld gründlich unterschätzt hatte. Es ist eine Mischung aus staunender Selbstüberschätzung und rückblickender Klarheit, die die Szene überraschend gut trägt. Auch Babbel hat seine starken Momente, etwa wenn er von der Leere nach dem Karriereende spricht. Die Passagen über seine Heimkehr nach Deutschland, über Trainerwechsel, Verletzungen und Selbstzweifel sind viel näher an der Tiefe seines Solo-Buchs als an der Esoterik der Motivationsliteratur. Und weil Babbel präziser formuliert als Basler, wirkt dieser Teil oft wie der ruhigere, glaubwürdigere Gegenpol zum lauten Mario.
Spannend ist auch die Dynamik zwischen beiden. Da sitzen der lässige Instinktspieler und der ernsthafte "Abwehr ist mein Beruf"-Profi nebeneinander und reflektieren ein Leben, das sich nach dem Höhepunkt neu sortieren muss. Dabei gelingt dem Buch immer wieder, was man nicht unbedingt erwarten würde: Es zeigt zwei Männer, die ihre Karrieren nicht verklären, sondern tatsächlich bereit sind, über Schwächen zu sprechen. Natürlich, vieles bleibt vorhersehbar: die großen Themen Selbstfindung, Zukunftsorientierung, der obligatorische Appell, die „beste Zeit“ im Jetzt zu sehen. Und ja, es hätte dem Text gutgetan, die Klischees stärker zu reduzieren und die wirklich spannenden Episoden weiter auszubauen. Aber unterm Strich ist "Das Leben nach den besten Jahren" dann doch weitaus besser, als es der Titel und die ersten Kapitel vermuten lassen. Wer Basler nur als Sprücheklopfer und Babbel als analytischen Ex-Profi kennt, erkennt beide hier wieder – aber mehrdimensionaler, verletzlicher und überraschend offen. Ein lesenswertes Buch!
Mario Basler und Markus Babbel: "Das Leben nach den besten Jahren", edition a
Freitag, 24. Oktober 2025
Wilde Achterbahn-Fahrt mit Thomas Schaaf
Doch mit einem Mal geht es auf der Achterbahn wieder steil bergauf: Denn nun kommen die Jahre Schaafs als Nachwuchs- und Cheftrainer, und es ist, als hätte man einen Schalter umgelegt. Plötzlich geht wieder alles: Einblicke, Analysen, Atmosphäre vom Feinsten. Schaafs Erinnerungen bringen - jedenfalls für mich - die erste differenzierende Betrachtung der Amtszeit von Aad de Mos in Bremen und dazu herrliche Anekdoten, etwa wenn de Moos am Montag zum Familienvater Schaaf meint: "Pass auf, du musst am Donnerstag zu einer Spielerbeobachtung nach Brasilien fliegen." Es gibt hochspannende Schilderungen, wie Schaafs Samstag nach einem Spiel (zumal nach einem verlorenen) und der anschließende Sonntag aussehen. Wir kehren zurück in eine Zeit, in der Jounalisten den Bremer Chefcoach unter seiner Privatnummer anriefen, öfter mal seine Frau dran war ("Der Thomas saugt gerade sein Auto aus. Er ruft Sie zurück.") und Schaafs Äußerungen später ohne jegliche Autorisierung in Druck gingen. Heute ist so etwas undenkbar. Wir erfahren, wie Schaafs Spieler Torsten Frings ob eines vermeintlich perfekten Transfers nach Italien schon einen Mietvertrag für ein Haus in Turin unterschrieb, um dann doch nicht zu wechseln, und wie die Medien nach Schaafs Ende in Bremen dem Coach eine Flucht in sein "Ferienhaus in Salzburg" unterstellten, obwohl es ein solches Domizil nie gab. Auch Schaafs eher unglückliche Auswärtsspiele, die beiden Trainerstationen in Frankfurt und Hannover, werden zwar kurz, aber in meinen Augen hervorragend beschrieben.
Am Ende dieser Achterbahnfahrt war ich vollumfänglich versöhnt und hochzufrieden mit einer Biographie, die meine Sammlung von Büchern über Werder Bremen und seine Protagonisten (Rehhagel, Lemke, Fischer, Ailton, Borowka, Legat, Klose) wahrhaft bereichert. Klare Kaufempfehlung!
Daniel Cottäus: "Thomas Schaaf: Die Biographie", Verlag Die Werkstatt
Mittwoch, 8. Oktober 2025
Das "fuma": Eine kostbare Perle der Fußballromantik
Zu den besonderen Highlights eines jeden Hefts gehörten für mich stets die auf fast schon rührende Weise bemühten Fotos und Überschriften. So saß Souleymane Sane (der Vater von Leroy und der weitaus interessantere der Sanes) im Dezember-Heft 1987 vor einem riesigen Stück Torte mit Sahne - und unter der Überschrift: "...aber bitte mit Sa(h)ne". Ex-Bayer und Neu-Hamburger Armin Eck wurde im September 1989 als "Ein Eck ohne Ecken" vorgestellt, "Kobra" Wegmann warnte im gleichen Heft "Hütet Euch vor meinem Biß!" und ein Bericht über einen eskalierten Streit zwischen Thomas von Heesen und seinem Berater Holger Klemme erhielt die Schlagzeile "Als Thommy in der Klemme steckte". Gerade die Homestories des "fuma" machen in der Rückschau auch eines sehr schön deutlich: Die Kicker in den 1980er Jahren waren ungeachtet der schon damals verbreiteten Kritik an ihren vermeintlich zu hohen Gehältern von der heutigen Entrücktheit etlicher Profis, von Goldsteaks und Wochenendtrips zur Pariser Fashion Week so weit entfernt wie vom Mond. Beispiel gefällig?
"Wenn wir die 100.000 überschritten haben,
haben wir gefeiert!"
Interview mit dem langjährigen "fuma"-Redakteur Harald Kaiser
Harald Kaiser war ab 1980 knapp vierzig Jahre als Redakteur für den "kicker" tätig – mit einem mehrjährigen Abstecher zum "fußball-magazin". Heute arbeitet er als Autor und freier Schriftsteller und hat unter anderem die 2023 im Verlag Die Werkstatt erschienene Felix-Magath-Biographie "Gegensätzliches" sowie zuletzt ein Buch über die ewige Rivalität zwischen dem 1. FC Nürnberg und Greuther Fürth ("Das fränkische Lokalderby", ars vivendi Verlag) verfasst. Das Fußballbücher-Magazin sprach mit ihm über seine Zeit beim "fuma".
Herr Kaiser, Sie haben die Hochphase des "fußball-magazin" in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in verantwortlicher Position miterlebt und mitgestaltet. Wie war die Arbeit organisiert?
Solange das "fußball-magazin" in einem zweimonatlichen Turnus erschien, war Wolfgang Rothenburger der alleinige Redakteur des Heftes. Die Beiträge stammten von ihm, von "kicker"-Redakteuren oder freien Mitarbeitern. Nach der Umstellung auf eine monatliche Arbeitsweise war der Arbeitsaufwand von einem Redakteur allein nicht mehr zu bewältigen. Der Verlag stellte Wolfgang Rothenburger – nacheinander – zunächst zwei externe Kollegen zur Seite, mit denen er sich aber nicht so gut verstand. Schließlich wurde ich gefragt, ob ich die Aufgabe übernehmen möchte.
Mussten Sie lange über das Angebot nachdenken?
Ja, es war durchaus eine schwere Entscheidung für mich. Als Redakteur hatte ich beim "kicker" seinerzeit den FC Bayern München betreut. Im deutschen Fußball gab es damals und gibt es auch heute keine größere Aufgabe für einen Journalisten. Der Verlag ist mir aber in den Verhandlungen sehr entgegengekommen. Ich durfte Woche für Woche ein Bundesligaspiel meiner Wahl im süddeutschen Raum besuchen, ich durfte zu sämtlichen Länderspielen in Deutschland fahren und auch zu sämtlichen großen Turnieren wie Europa- und Weltmeisterschaften. Ab 1. Juli 1986 habe ich parallel für "kicker" und "fußball-magazin" gearbeitet, ab 1988 dann ausschließlich für das "fußball-magazin", auch wenn ich noch gelegentlich Interviews für den "kicker" gemacht habe.
Wie eng waren die Redaktionen von "kicker" und "fußball-magazin" in inhaltlicher und organisatorischer Hinsicht verbunden?
Beim "fußball-magazin" gab es, wie gesagt, Wolfgang Rothenburger als Chef und mich als Redakteur, später kam dann noch ein weiterer Redakteur hinzu. Wir waren bei der Themenfindung völlig autark und im Haus auch räumlich von den Redakteuren des "kicker" getrennt. Aber natürlich gab es ganz normale kollegiale Kontakte zu den anderen Mitarbeitern. Wir sind auch samstags oft gemeinsam zu den Spielen gefahren.
Ich habe beim Lesen älterer Ausgaben mitunter den Eindruck, dass ein Spieler, der beispielsweise im "kicker" in einem größeren Artikel vorkam, wenig später gern auch im "fußball-magazin" Gegenstand eines Beitrages war. Gab es eine solche Art von gezielter "Nachnutzung"?
Nein, ich kann insbesondere ausschließen, dass ein Termin doppelt ausgeschlachtet wurde. Aber wie gesagt haben etliche "kicker"-Redakteure Artikel für das Magazin verfasst – und natürlich haben sie dafür ihre bereits bestehenden Kontakte genutzt.
Charakteristisch für das "fußball-magazin" war der stets väterlich-wohlwollende und positive Blick auf einzelne Spieler und die Vorstellung des Menschen hinter dem Fußballer. Um so mehr ist mir ein eher galliger Artikel des späteren "Sport-Bild"-Redakteurs Ulrich Kühne-Hellmessen über den 1986 geflüchteten Dresdner Stürmer Frank Lippmann im Gedächtnis geblieben. Dieser habe offenbar "keine Lust zum Sichquälen, keinen Willen zum Engagement", ihm sei "der gelbe Krankenschein lieber als die blauen Flecken am Bein". Nach seiner Flucht in den Westen habe er sich vor allem mit Luxusartikeln und Statussymbolen eingedeckt. Wurde seinerzeit in der Redaktion über derartige Ausreißer diskutiert?
Ich habe mir den Artikel noch einmal angesehen und muss Ihnen, was Ihre Einschätzung angeht, durchaus recht geben. Allerdings kann mich an kein Gespräch mit dem Uli Kühne-Hellmessen über diesen Beitrag erinnern oder daran, dass das bei uns irgendwie ein Thema war. Frank Lippmann hat ja später gesagt, dass seine Karriere nach seiner schweren Verletzung im Grunde vorbei war. Vielleicht hat Uli das damals im Gespräch schon irgendwie gespürt und ja letztlich recht behalten.
Sie haben fast 40 Jahre beim "kicker" beziehungsweise zwischendurch für das "fußball-magazin" gearbeitet und in dieser Zeit etliche Weggefährten gehabt, die in gleicher Weise wie Sie feste Größen des deutschen Fußballjournalismus sind oder waren: Frank Lußem, Carlo Wild, der bereits erwähnte Ulrich Kühne-Hellmessen…
Frank Lußem und ich haben 1980 gemeinsam beim "kicker" begonnen – wir waren damals die ersten Volontäre, die der Verlag eingestellt hat. Er hat dann in der West-Redaktion, die damals in Remscheid angesiedelt war, gearbeitet. Natürlich haben wir uns dann jenseits der zweimal jährlich stattfindenden Ranglistenkonferenzen des "kicker", wenn alle Redakteure für zwei Tage nach Nürnberg kamen, nicht mehr so oft gesehen. Aber zum Beispiel waren wir zusammen beim für den Ausgang der Meisterschaft entscheidenden Spiel des 1. FC Köln gegen den FC Bayern im Mai 1989 (1:3). Carlo Wild hingegen hat in der Nürnberger Redaktion gearbeitet, er ist ein guter Freund von mir, auch heute noch. Mit dem Uli Kühne-Hellmessen habe ich mich damals ebenfalls sehr gut verstanden, aber wie das immer ist im Berufsleben: Wenn einer weiterzieht, verliert man sich ein Stück weit aus den Augen. Wir haben uns aber auch, als er zur "Sport-Bild" gewechselt ist, noch ab und zu gesehen, bei den großen Turnieren, bei der EM 1988 zum Beispiel oder der WM 1990.
Für mich als Leser waren die Stories über deutsche Legionäre – Schuster in Barcelona, Förster in Marseille, Klinsmann in Mailand – immer die Highlights eines Hefts. Waren die jeweiligen Auslandsdienstreisen entsprechend begehrte Aufgaben innerhalb der Redaktion mit einem Erstzugriffsrecht der Chefs?
Nein, überhaupt nicht. Das hat sich ganz klar danach gerichtet, wer zu dem ins Ausland gewechselten Spieler früher in der Bundesliga den besten Kontakt hatte. So habe ich beispielsweise Artikel über Lothar Matthäus und Andreas Brehme in Mailand gemacht, da ich sie aus ihrer Münchner Zeit kannte. Aber es macht ja gar keinen Sinn, wenn ich zum Bernd Schuster nach Barcelona fliege, obwohl ich den überhaupt nicht kenne und gar keinen Draht zu ihm habe. Und Wolfgang Rothenburger als Chef hat sich ganz sicher nicht um Auslandsdienstreisen gerissen. Er stand damals ja auch schon kurz vor der Pensionierung.
Wie intensiv haben Sie als Redakteur damals die Auflagenentwicklung des "fußball-magazin" verfolgt?
Sehr intensiv, das war ja das mit das Interessanteste. Wir haben natürlich immer geschaut, wie die Verkäufe waren. Wenn wir die 100.000-Marke mal überschritten haben, was durchaus einige Male vorkam, dann haben wir gefeiert. Es gab bestimmt drei bis vier Ausgaben pro Jahr, bei denen wir im sechsstelligen Bereich landeten. Heute sind solche Zahlen utopisch.
Weshalb wurde der Erscheinungsturnus des "fußball-magazin" ab 1991 sukzessive vergrößert, bis es schließlich 1996 ganz eingestellt wurde?
Das hatte mit der Auflage nichts zu tun, sondern allein mit den Anzeigenverkäufen. Die Leute, die die Anzeigen für das "fußball-magazin" verkauft haben, haben dies auch für den "kicker" getan. Da sie teilweise auf Provisionsbasis gearbeitet haben, war es für sie natürlich attraktiver, Anzeigen für den auflagenstärkeren "kicker" zu verkaufen. Sie haben dann oft erst am Ende eines Gesprächs erwähnt, dass es da auch noch ein monatlich erscheinendes Heft gibt. Dass wir nie jemanden hatten, der exklusiv nur für unser Heft Anzeigen verkauft hat, war in meinen Augen der größte Fehler. Ich selbst bin 1993 zurück zum "kicker" gegangen.
Einige Jahre zuvor, im Frühjahr 1989, war mit "Sport-Bild" ein Konkurrenzblatt lanciert worden. Wie war Ihr Blick auf die "Sport-Bild"?
Ulrich Kühne-Hellmessen, über den wir hier ja schon gesprochen haben, ist damals zur "Sport-Bild" gewechselt. Ich hatte seinerzeit auch ein Angebot und hätte dort weitaus mehr verdienen können, habe mich aber dafür entschieden, beim "kicker" zu bleiben. Natürlich war die "Sport-Bild" mittwochs damals für uns Pflichtlektüre. Und sicher haben wir uns manchmal bei dem Gedanken ertappt: "Diese Geschichte hätten wir eigentlich auch haben können." Weitaus öfter aber war mein Gedanke: "Gut, dass ich da nicht arbeite."
Und wie war es bei dem Magazin "11Freunde", das reichlich zehn Jahre später auf den Markt kam?
Als Monatszeitschrift bewegte sich "11Freunde" ja in einer ganz anderen Sphäre als der "kicker". Anders als bei "Sport-Bild" dachte ich damals öfters: "Super gemacht!" Aber das Heft war in keiner Weise eine Konkurrenz zum "kicker".
Herr Kaiser, herzlichen Dank für das Gespräch!
(Das Interview führte Tim Bender.)
Freitag, 3. Oktober 2025
Andy Möller: Starke Szenen, aber ein zu schnelles Ende
Auf die Biographie von Andreas Möller hatte ich mich sehr gefreut. So sehr, dass ich beim Verlag ein volles Jahr vor dem Erscheingstermin nach einem Besprechungsexemplar fragte. Über einen wie ihn musste es einfach ein Buch geben. Man findet nur wenige deutsche Fußballer mit einer ähnlichen Erfolgsbilanz: Weltmeister 1990, Europameister 1996, Champions-League-Sieger, UEFA-Pokal-Sieger, Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieger - und das sind nur die wichtigsten Titel. Möller galt Mitte der 1980er Jahre als eines der größten Talente des deutschen Fußballs und stand folgerichtig schon bald auf der berüchtigten "Schwarzen Liste" der Bundesliga. Und praktisch jeder einzelne seiner späteren Transfers innerhalb Deutschlands (zwei Stationen in Frankfurt, zwei in Dortmund, eine bei Schalke 04) sowie ins Ausland (Juventus Turin) war umstritten und Gegenstand hitziger Diskussionen. Da sollte es einiges zu erzählen geben. Tja, und da die Zeit zwar mitunter langsam, aber eben doch vergeht, war das Jahr irgendwann rum: Im September kam "Andy Möller: 15 Sekunden Wembley" (Verlag Die Werkstatt) endlich auf den Markt.
Die Kollegen vom Magazin "11Freunde" waren nach der Lektüre allerdings nur mäßig begeistert. "Etwas oberflächlich" sei das Werk, mäkelte Florian Nussdorfer im letzten Heft, "nicht viel mehr als Floskeln" habe Autor Dieter Sattler aus seinem Sujet herausgeholt. Das kann ich indes überhaupt nicht bestätigen. "15 Sekunden Wembley" ist ein unter vielerlei Aspekten lesenswertes und hochinformatives Buch. Gleichzeitig bietet es eine schöne Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, was gelungene von weniger gelungenen Biographien unterscheidet. Wer über die Karriere eines Fußballers schreibt, wird nicht umhinkommen, ein paar wikipediaartige Informationen aufzunehmen: X spielte hier und dort, schoss dieses und jenes Tor, feierte solche und solche Erfolge. Aber dafür brauchte man schon in der Vergangenheit nicht unbedingt ein Buch - und inzwischen kann ich mir diese Daten in wenigen Sekunden von einer passablen KI-Anwendung in Prosaform zusammenstellen lassen. Was also sollte eine Biographie darüber hinaus leisten? Meines Erachtens sollte sie exklusive Innenansichten bieten, persönliche Wertungen, subjektive Versionen streitiger Sachverhalte, Einschätzungen über Mitspieler und Trainer - und/oder eine wirklich tiefgehende Persönlichkeitsstudie, wie sie beispielsweise Mathias Schneider mit "Löw: Die Biographie" gelungen ist.
Und wenn ich mir jetzt mit diesem Maßstab mal das Andy-Möller-Buch vornehme, ist ohne Wenn und Aber zu konstatieren: Die Innenansichten, Versionen und Wertungen bekomme ich hier sehr wohl. So gab es beispielsweise bislang nicht allzu viele - nach meiner Kenntnis null - Plädoyers pro Klaus Gerster. Anfangs Jugendtrainer und später persönlicher Berater Möllers, teilweise aber gleichzeitig auch Manager des jeweiligen Vereins - da waren Konflikte vorprogrammiert. In der seinerzeitigen Berichterstattung kam der "Schwarze Abt" in der Regel schlecht weg, als windiger Geschäftemacher und gewissenloser Profiteur des naiven Jungstars. Für mich war es hochspannend, nun einmal Möllers deutlich wohlwollendere Version zu lesen. Auch seine Ausführungen etwa über sein Verhältnis zu Torwart Uli Stein oder über das arrogante Auftreten des Noch-Spielers und Managers in spe Wolfgang Kraus bei Eintracht Frankfurt, sein erstaunlich kühler Blick auf seinen frühen Förderer Berti Vogts, die Umstände seines "Treueschwurs" in Dortmund 1989, seine Version des obskuren Optionsvertrages mit Juventus Turin oder die Begründung, warum er bei Borussia nicht unter dem Jungtrainer Matthias Sammer spiele wollte - all das sind Informationen, die mir so keine KI liefert und die eine Biographie wertvoll machen. Das heißt wohlgemerkt nicht, dass ich alles, was ich hier lese, zwingend für unumstößlich und vollständig halte - aber es ist eben Möllers persönlicher Blick auf die Dinge, der für ein Gesamtbild unerlässlich ist. Und, ja, hier und da gibt es sicherlich Lücken. So hätte mich zum Beispiel schon interessiert, ob sich Möller - wie damals berichtet wurde - zur Erfüllung der Juventus-Optionsklausel aus dem Vertrag mit Eintracht Frankfurt "herauskaufen" musste. Seinerzeit war von fünf Millionen DM die Rede - auch für einen fürstlich entlohnten Bundesligastar Anfang der 90er Jahre eine riesige Summe. Und es ist ein klein wenig schade, dass es im Buch zwar ein eigenes Kapitel "Die Schwalbe" zum deshalb berühmt gewordenen Spiel Dortmund - KSC (2:1) im Jahr 1995 gibt, aber Möllers preisverdächtige Wortschöpfung "Schutzschwalbe" kein einziges Mal vorkommt. Nur wenige Menschen können für sich in Anspruch nehmen, den deutschen Sprachschatz bereichert zu haben - und dann auch noch mit einem so wunderschönen Begriff, der eigentlich nur aus dem Mund eines Juristen hätte kommen können. Ich jedenfalls muss immer breit grinsen, wenn ich ihn lese oder höre - und hätte mich gefreut, wenn es im Buch dazu eine Erläuterung gegeben hätte. Aber das sind eher Feinheiten und Geschmacksfragen.
Allerdings hielt "15 Sekunden Wembley" auch für mich eine kleine echte Enttäuschung parat - und zwar ganz am Ende. Denn Andy Möller blickt ja nicht nur auf eine großartige Karriere als Spieler zurück, sondern auch auf einige Jahre als Trainer. Die waren vielleicht nicht so glamourös, aber mit Sicherheit hochinteressant, gerade aus Sicht eines Spielers, der einst zu den ganz Großen gehörte. Möller stand als Chef in der Ober- und in der Regionalliga an der Seitenlinie und war zwei Jahre Co-Trainer der ungarischen Nationalmannschaft. Und vor allem über letzteres hätte ich nur zu gern etwas gelesen. Wie kam er zu dem Job? Wie war es für den einstigen Ballzauberer, unter seinem ehemaligen Teamkameraden, dem biederen Arbeiter und "Wasserträger" Bernd Storck, zu arbeiten? Was verdient man als Co-Trainer Ungarns? Ist das ein Full-Time-Job? Wie sah sein Arbeitsalltag aus? Hat Möller in dieser Zeit in Budapest gewohnt oder ist er immer nur anlassabhängig eingeflogen? Ja, es hätte viel zu erzählen gegeben - aber Dieter Sattler handelt diese ebenso wie alle anderen Trainerstationen Möllers in insgesamt fünf dürren Sätzen im Epilog ab. Das nenne ich eine vergebene Chance.
Aber Sattler und Möller hatten zuvor so viele starke Szenen im Spiel, pardon, im Buch, dass ich "15 Sekunden Wembley" gleichwohl uneingeschränkt empfehle. Gerade im Regal jener, die mehr oder weniger mit den Weltmeistern von 1990 erwachsen und älter geworden sind, sollte es nicht fehlen.
Dieter Sattler: "Andreas Möller: 15 Sekunden Wembley", Verlag Die Werkstatt
Montag, 29. September 2025
Wunderschöner Dachbodenfund: Reiner Calmund in Mexiko
(KM) Hier ist wieder mal ein überaus leckerer Snack für zwischendurch: Weit über zwanzig Jahre alt, im Buchhandel längst vergriffen, aber auf einschlägigen Plattformen für kleines Geld zu haben - und einfach nur wunderbare Unterhaltung: "Gefährlicher Strafraum: Die Geschichte eines Transfers" von Jürgen von Einem (KS Verlag). Der gelernte Journalist und langjährige Sportbeauftragte des Bayer-Konzerns von Einem verarbeitet in dieser bitterbösen Satire seine enge Zusammenarbeit mit Reiner Calmund, der im Buch in Form des nachnamenlosen Bundesliga-Managers Reinhold (Leitsatz: "Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen.") ein literarisches Denkmal erhält. Begleitet von dem Lebenskünstler-Journalisten Carlos, der als Stichwortgeber dient, fliegt Reinhold nach Mexiko-City, um den Transfer des begnadeten Stürmertalents Jaime Ortiz perfekt zu machen.
Die Reise, die im Flugzeug nach Miami mit einem Upgrade in die Erste Klasse optimal beginnt, wird zu einer herrlichen Abfolge opulenter Mahlzeiten, feuchtfröhlicher Abende, hartleibiger Verhandlungen mit rauhbeinigen Präsidenten und traumhafter Momente der Entspannung im Sonnenuntergang von Acapulco. Geführt von einem landeskundigen deutschen Expatriate lernen Reinhold und Carlos das schöne und zugleich höchst zwielichtige Mexiko kennen. Der mit allen Wassern gewaschene Manager besucht das Objekt seiner Begierde in dessen Wohnung - mit Geschenken für die Kinder unter dem Arm - und den Präsidenten des (scheinbar gar nicht) verkaufswilligen Vereins in dessen feudaler Villa im noblen Viertel Pedregal. Nicht alles läuft so, wie Reinhold es sich gedacht hat, aber darauf kommt es gar nicht an. Denn hier ist ganz klar der Weg das Ziel.
Jürgen von Einem erweist sich zum einen als intimer Kenner Mexikos - was die auf den ersten Blick ungewöhnliche Ortsverlagerung erklärt; bekanntermaßen war Reiner Calmund vorzugsweise in Brasilien unterwegs - und zum anderen als überaus genauer Beobachter. Egal ob es um Gated Communities, die Rolle der Presse, das Fußball-Business im WM-Gastgeberland von 1986, den Umgang mit der Polizei, das organisierte (und das weniger organisierte) Verbrechen oder einheimische Spezialitäten zum Frühstück, Mittag- und Abendessen geht - hier weiß jemand, worüber er schreibt. Am interessantesten waren für mich die Verhandlungen, die Reinhold mit dem mexikanischen Klubboss und dessen Vorstandskollegen führt, weil sie bei aller Überspitzung tief blicken lassen, wie sich derartige Szenen in der Realität abspielen oder zumindest seinerzeit abgespielt haben. Etwas verwundert hat mich, dass Jürgen von Einem mit diesem Buch bei einem so kleinen Verlag gelandet ist. Zwar liest sich das Buch hier und da für einen Journalisten etwas sperrig und ungelenk - etwa, wenn Reinhold "den letzten Sandwich" verspeist -, aber dennoch hätte es seinerzeit ohne Weiteres ins Programm der Großen der Branche gepasst. Es ist ein herrlicher (und informativer) Lesespass für zwischendurch, den ich mit großer Freude weiterempfehle.
Jürgen von Einem: "Gefährlicher Strafraum: Die Geschichte eines Transfers", KS Verlag
Freitag, 19. September 2025
Keinen Cent! Eine Erwiderung auf "Wir verdienen mehr!"
Aber zurück zum Buch: Natürlich hat Kathrin Längert mit vielem recht. Frauen haben - gerade in der Anfangszeit des Sports - so einiges an Benachteiligungen und Demütigungen und purem Sexismus erfahren und erleiden müssen. Witze über die Freuden des Trikottauschs bei Frauen tauchten seinerzeit ohne jegliches schlechtes Gewissen in den Sportzeitungen auf, und über das berühmte Kaffeeservice des DFB wollen wir an dieser Stelle gar nicht reden. Aber der Frauenfußball ist inzwischen auf einem wirklich vielversprechenden Weg. Es gibt extrem spannende Projekte wie das des FC Viktoria Berlin. In immer mehr Ländern entstehende starke Frauen-Ligen. Immer mehr hochkarätige Investoren stecken ihr Geld ganz gezielt in den Frauenfußball. In Kanada ist seit einigen Monaten eine Frauen-Profi-Liga (Northern Super League) am Start, die den Spielerinnen ein höheres Grundgehalt garantiert als ihr Pendant den Männern (Canadian Premier League). In Deutschland gibt es ein Magazin nur für den Frauenfußball. Das alles sind Entwicklungen, die jedenfalls bei mir pure Freude auslösen. Aber über all diese zart und vielversprechend sprießenden Pflanzen fährt Kathrin Längert mit einer Dampfwalze und tritt gefühlt in jedes Fettnäpfchen der Frauen-und-Fußball-Diskussion, das auf dem Weg herumsteht.
1. Der "ekelhafte sexuelle Übergriff"
Ich habe vor Lektüre des Buches eine Wette mit mir selbst abgeschlossen - und gewonnen: Ja, natürlich thematisiert Kathrin Längert das Verhalten des spanischen Fußballfunktionärs Luis Rubiales, der bei der WM 2023 während der Siegerehrung die Spielerin Jennifer Hermoso auf den Mund küsste. Und natürlich ist es auch nach Sichtweise von Frau Längert ein "sexueller Übergriff" und ein "ekelhaftes Verhalten". Es fehlte eigentlich nur noch der in der damaligen Diskussion gängige Hinweis, dass Rubiales dafür "ins Gefängnis" gehöre. Mal eine Einordnung aus Juristensicht: Als Ersttäter kann ich in Deutschland jemanden ziemlich brutal zusammenschlagen, durchaus auch mit bleibenden Schäden, ohne deshalb ins Gefängnis zu müssen. Aber für einen Kuss schon? Zumal das, was Rubiales (im Überschwang des Siegesjubels nach einem WM-Finale!) getan hat, im Sport - jedenfalls unter Beteiligten gleichen Geschlechts - seit Jahrzehnten zum normalen, gängigen und vollumfänglich akzeptierten Verhalten gehört.
2. Der Fußball als Existenzgrundlage
Kathrin Längert beklagt mit bitteren Worten, dass sie als Spielerin nicht in der Lage war, von ihrem Job als Fußballerin zu leben. Sie verlange "eine Entlohnung, die es [den Spielerinnen] erlaubt, ihrem Sport professionell nachzugehen, ohne von Existenzängsten geplagt zu sein, und die es ihnen ermöglicht, geringe Summen für eine Altersvorsorge und/oder eine berufliche Qualifizierung nach der Fußballkarriere beiseitezulegen." Schließlich sei ihr genau das in "einer kapitalistischen Gesellschaft versprochen" worden: "Dass nämlich harte Arbeit und beruflicher Erfolg unweigerlich zu persönlichem Wohlstand und gesellschaftlicher Anerkennung führen."
Der Wunsch ist verständlich, aber töricht, die Begründung purer Unsinn. Natürlich wünscht und gönnt man es jedem Menschen, dass er seinen Lebensunterhalt mit seiner größten Leidenschaft verdienen kann. Was gibt es Schöneres? Aber das setzt eben voraus, dass diese Leidenschaft geeignet ist, entsprechende Einnahmen zu generieren. Jeder Verfasser romantischer Gedichte kennt das Problem. Auch die fünffache Weltmeisterin in Rythmischer Sportgymnastik oder der Europameister im Kugelstoßen würden gern von ihrem Sport leben. Aber sie tun und können es nicht, weil es - man darf es bedauern - nicht genügend Menschen gibt, die sich für diesen Sport interessieren. Und die Formel "Harte Arbeit = Wohlstand" ist nun wirklich rührend. Kathrin Längert sollte mal die Krankenschwester oder den Altenpfleger ihres Vertrauens fragen, wie es um deren Wohlstand bestellt ist. Mir würden noch etliche weitere Berufsgruppen einfallen, die hier weit vor den Fußballerinnen zum Zuge kommen müssten.
3. Höhere Gehälter für Frauen
Zunächst nähert sich Kathrin Längert dem Thema einigermaßen vorsichtig. Ja, sie spreche zwar von "equal pay", aber damit sei ja keineswegs gemeint, dass Frauen "dieselben schwindelerregenden Beträge [...] bekommen wie die Männer." Vielmehr solle es nur um eine angemessene Entlohnung gehen. Weiter hinten im Buch klingt das schon etwas offensiver: "Wir wollen unseren gerechtfertigten Platz am Tisch und unseren Teil des Kuchens. Warum sollten wir zehn oder 20 Prozent akzeptieren, wenn 50 Prozent gerecht sind?" Das Dumme ist nur: Es geht nicht um "ihren" Teil des Kuchens, sondern um den Kuchen anderer, um das Geld, das andere zuvor schwer verdienen mussten.
So, meine Wut ist erstmal raus. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Kathrin Längert eigentlich einen ganz guten Job gemacht hat. Denn ein Buch, das wütend macht und an dem man sich reibt, das Reaktionen provoziert und zu Diskussionen einlädt, ist nicht das schlechteste. Insofern habe ich mich über "Wir verdienen mehr!" trotz meines Ärgers sehr gefreut und empfehle es gern weiter.
Kathrin Längert: "Wir verdienen mehr!", Werkstatt Verlag












